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Alpenländisches Lied
Mit „alpenländisch“ wird einerseits ein Volksmusikstil, andererseits ein in manchen Gegenden der Ostalpen typisches, alpenbezogenes Repertoire an Musikstücken, Liedern und Musikinstrumenten bezeichnet. Der Stilbegriff ist durch die Wissenschaft bei naturgemäß fließenden Grenzen klar definiert. Alpenländische Melodik ist typusbildend in Ländler- und Jodlermelodien, sie ist gekennzeichnet von vorwiegend diminuierter Brechungsmelodik, von einem Höchstmaß an immanenter Mehrstimmigkeit, einem häufigen Auftreten von Überschlagsmehrstimmigkeit, charakteristischen Schlusswendungen über den Leitton (z. B. 4–7–1), einem Vorherrschen des Tripeltaktes und der Dur-Tonalität und wird so unterschieden von der „allgemein europäischen Melodik“ (Infolk 1991). „Alpenländische“ Melodien, hauptsächlich Jodler, sind schon früh als wichtige Basis vergleichender Forschungen entdeckt worden. G. Adler fand für seine Forschungen zur Geschichte der Mehrstimmigkeit (1881, 1886) wesentliches Material in den „Gesängen der Alper“ (Salmen 1984); über den „alpenländischen“ Jodler arbeitete Wolfgang Sichardt, der als erster die Schweiz und Slowenien in den Begriff „alpenländisch“ einschloss (Sichardt 1939). W. Kolneder spricht in seiner 1949 verfassten Dissertation von „alpenländischer“ Melodik, wobei ihm als Materialbasis wieder hauptsächlich Jodler und Jodellieder aus Österreich dienen (Kolneder 1949). Eine nähere Beschreibung „alpenländischer“ Melodik und Poetik wurde zuerst von W. Deutsch, F. Eibner und N. Wallner geleistet (Deutsch 1963, Eibner 1968, Wallner 1968).

Der Repertoirebegriff „alpenländisches Lied“ umreißt seinen Gegenstand hingegen nur sehr vage und passt sich dabei dem heutigen populären Sprachgebrauch an, der die „alpenländische Volksmusikpflege“ im Blick hat und als „alpenländisch“ bezeichnet, was bei einschlägigen Veranstaltungen – Sängertreffen, Adventsingen, Passionssingen, Volksmusikwettbewerben – geboten wird. Die Restaurationsbestrebungen, die diese Veranstaltungen hervorbegracht haben, haben in den 1930er Jahren eingesetzt, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg fortgeführt und deshalb „alpenländisch“ benannt, weil Salzburg ein Zentrum dieser Bemühungen war und man an der damals „stammesmäßig“ begründeten Beziehung zu Oberbayern auch nach dem Krieg festhalten wollte (Thoma 1933). Außer den genannten Ländern gehörten zunächst vorwiegend Oberösterreich, Tirol und die Steiermark zu dieser Szene (vgl. Haid 1986). Der Alpenländische Volksmusikwettbewerb, durchgeführt seit 1974, hat die Einbeziehung der anderen österreichischen Bundesländer sowie Südtirols und der Schweiz und deren „alpenländische“ Identifikation gefördert (Sulz 2000). Die „alpenländisch“ genannten Lieder gewinnt die Volksmusikpflege einerseits aus den einschlägigen Volksliedsammlungen, andererseits kommt es auch zu Neuschöpfungen im alpenländischen Stil (Neues Kärntnerlied). Vorläufer zum heutigen Begriff a. L. finden wir bei den durch Anton Ritter v. Spaun gesammelten und publizierten Alpenmelodien (Spaun 1845), der als erster das Problem der Einordnung dieses „Alpenländischen“ berührt, indem er von Österreich und seinem uralten Zusammenhang mit Bayern spricht, deren Volksweisen sich als einzige in allen deutschen Ländern ungeschwächt und unvermischt erhalten hätten. J. Pommer schließt in diesem Punkt an Spaun an und spricht fortan vom älplerischen Volkslied (Pommer 1896 u. a.). Als „alpenländisch“ sind aus heutiger Sicht jedoch auch die von der Volksmusikpflege vehement abgelehnten Lieder der Nationalsänger (Alpensänger) zu bezeichnen, wie auch jene Folklore-Schlager der Gegenwart, bei denen alpin anmutende Versatzstücke in Text, Melodik oder Instrumentarium vorkommen.

Die Lieder, die zum „alpenländischen“ Repertoire im engeren Sinn gerechnet werden, weil sie auch dem Stilbegriff „alpenländisch“ entsprechen, sind vorwiegend Jodler, Schnaderhüpfel, Fensterllieder, Gstanzllieder, Alm- und Wildschützenlieder. Sie tragen die Kennzeichen alpenländischer Melodik und werden oft durch Jodelsilben gegliedert oder es wird ein Jodler angehängt. Aufzeichnungen solcher Lieder kennen wir erst seit dem 19. Jh. Mit zunehmender Sammeltätigkeit wurde das alpenländische Liedgut mehr und mehr beachtet und als typisch empfunden und dürfte mit der Zeit in Österreich viele andere Liedgattungen überdeckt haben. Heute wird es überwiegend mehrstimmig gesungen. Im Kern der Mehrstimmigkeit ist meist ein zweistimmiger Satz, bei dem die Hauptstimme unten liegt, die zweite Stimme darüber („Überschlag“). Oft tritt eine dritte Melodiestimme hinzu („enge Dreistimmigkeit“) sowie ein Funktionsbass. Zu diesem Satzbild können auch noch Continuostimmen treten, was speziell im Kärntnerlied und bei den Schnaderhüpfeln der Fall ist (Fritz 1988). Gstanzllieder bestehen aus einer Aneinanderreihung von Zwei- oder Vierzeilern im Schnaderhüpfelrhythmus zu einem Strophenlied, wobei die Strophen aber selten einen stringenten Handlungsverlauf darstellen, sondern eher assoziativ miteinander verbunden sind. Inhaltlich sind es oft Liebes- und Abschiedslieder und erotische Lieder, aber auch Lieder des Standesbewusstseins von Bauern, Fuhrleuten, Wanderhändlern u. a.; dann Trinklieder, Lumpenlieder, Tanzlieder. Ein sehr großer Teil aller österreichischen Volksliedaufzeichnungen ist diesen Gattungen zuzurechnen. Ein eigener melodischer Typus hat sich im Kärntnerlied ausgeprägt. Alm- und Wildschützenlieder mit längeren Strophen und zusammenhängenden Geschichten sind in Österreich erst seit Beginn des 19. Jh.s belegt (Deutsch/Haid/Zeman 1993). Die Gattung war damals erst im Werden; die Nationalsänger, die mit solchen Liedern auf Reisen gingen, sollten sie erst im Lauf der nächsten Jahrzehnte in halb Europa und sogar in Übersee verbreiten und bekannt machen (Salmen 1980). Anhand der Aufzeichnungen dieser Lieder ist die Entwicklung der Kennzeichen des jüngeren Nationalsängerstiles (großer Tonumfang, Einführung der Subdominante, Einschub von Jodlersilben) gut nachzuvollziehen (Haid 2000). Die Wildschützenlieder gehen zurück auf die Thematisierung des Wildschützenwesens in der zweiten Hälfte des 18. Jh.s, wo u. a. die historische Figur des „boarischen Hiasl“ (Mathias Klostermayer aus Dillingen, hingerichtet 1771) als Vorlage für Volksbücher, Volksstücke und Volkslieder diente. Bei der Typenbildung figuriert die Sennerin als weibliche Ergänzung zum Wildschützen, die ihn liebt, für ihn kocht, ihm Unterschlupf gewährt und ihn vor den Jägern versteckt (Haid 1985). Doch gibt es daneben zahlreiche Almlieder mit anderen Themen wie Almfahrt und Heimfahrt, Preis der schönen Natur und des freien Lebens, Besuch des Burschen.


Literatur
A. v. Spaun, Die österreichischen Volksweisen 1845; G. Adler, Studie zur Geschichte der Harmonie 1881; G. Adler, Die Wiederholung und Nachahmung in der Mehrstimmigkeit 1886; J. Pommer in Zs. des deutschen und österreichischen Alpenvereins 27 (1896); A. Thoma in Das dt. Volkslied 3 (1933); W. Sichardt, Der alpenländische Jodler und der Ursprung des Jodelns 1939; W. Kolneder, Die vokale Mehrstimmigkeit in den österreichischen Alpenländern, Diss. Innsbruck 1949; W. Deutsch in ÖMZ 18 (1963); F. Eibner in JbÖVw 17 (1968); N. Wallner in JbÖVw 17 (1968); W. Salmen in M. Schneider (Hg.), [Fs.] K. Horak 1980; W. Salmen in JbÖVw 32/33 (1984); G. Haid in W. Scheck/E. Schusser (Hg.), [Fs.] W. Fanderl 1985; G. Haid in Alpenfolklorismus, Volksmusik, Bayern-Pop 1986; H. Fritz in JbÖVw 36/37 (1988); Infolk in JbÖVw 39/40 (1991); W. Deutsch et al., Das Volkslied in Österreich 1993; J. Sulz, Der Volksmusik zuliebe 2000.

Autor(en)
Gerlinde Haid †
Empfohlene Zitierweise
Gerlinde Haid †, Art. „Alpenländisches Lied‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 25/05/2001]