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Amstetten
Stadt im westlichen Niederösterreich.An der Pfarrkirche St. Stephan des passauischen Marktes A. besorgten der Schulmeister (urkundlich 1337), der Cantor (urkundlich 1574 Andreas Holdrinus) und der Organist zusammen mit „Singer-Knaben“ und sangeskundigen Männern aus dem Ort die musikalische Gestaltung der Gottesdienste. Stiftungen (Zäckhler, Maria-Himmelfahrts-Bruderschaft) ermöglichten es im 18. Jh., neben den erwähnten „dreÿ Musicj“ auch einen Sopranisten und hauptberuflich „Discant“- und Bassgeiger zu entlohnen. Von 1769 bis 1869 oblag die Kirchenmusik der Schulmeister-Dynastie Wolfgang. Franz Seraphicus W. (1782–1850) und Franz Xaver W. (1812–95) hinterließen kirchenmusikalische Kompositionen. 1796 gingen die genannten drei Funktionen auf einen nebenberuflich tätigen Regens chori über. Als Komponisten traten die Chorregenten Johann Wallner (1826–96), Ignaz Drtina (1888–1967) und J. Biberauer (1909–93) hervor. Aus den A.er Chorbläsern – am bekanntesten wurde Michael Tumpfer († 1670) als Thurnermeister und Gründer einer Stadtkapelle in St. Pölten – rekrutierte sich 1848 die Nationalgardemusik (Kapellmeister F. X. Wolfgang), die nach Auflösung der Bürgergarden als erste Marktkapelle weiterbestand. 1889 berief der Gemeinderat zur Belebung des stagnierenden Musikwesens den am Wiener Konservatorium ausgebildeten Musiklehrer Richard Petrowitz (1865–1912). Seine Initiative führte 1890 zur Gründung des Markt-Musik-Vereins, der schon zur Zeit der Erhebung A.s zur Stadt (1897) mit seinen Streich- und Blasmusikensembles regelmäßig in Gasthäusern, bei Festveranstaltungen und im Rahmen von Theateraufführungen konzertierte. Ab 1901 konkurrierte mit ihm der Musikverein der Bediensteten der k. k. österreichischen Staatsbahnen. Während sich der Marktmusikverein nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr konsolidieren konnte, blieb die Eisenbahnerkapelle (Kapellmeister Franz Sautner, 1874–1958) trotz der politisch motivierten Zersplitterung des Musikwesens in der Ersten Republik (Christliche Gewerkschaftsmusik, Arbeitermusikverein, Turnerbundkapelle, Freiheitsbundkapelle) bis zur Auflösung aller Musikvereine durch die Nationalsozialisten 1939 intakt. Die 1946 reaktivierte Blaskapelle des Arbeitermusikvereins wandelte sich 1962 zum Musikverein der Stadt A. (Kapellmeister Josef Ebner, 1911–95; Robert Pussecker, * 1955).

Einem Kreis bürgerlicher Beamter der Gründerzeit, dem auch der Beethovenforscher Th. Frimmel entstammte, gelang 1862 nach mehreren erfolglosen Anläufen die Gründung der Amstetter [!] Liedertafel, die sich, 1874 in Männergesangsverein 1862 umbenannt und 1952 – nach Einbeziehung von Sängern der ehemaligen Sängerschaft Reiter (gegr. 1934) – mit dem 1898 gegründeten Liederkranz (Chormeister Paul Hirschler, 1894–1945) fusionierte, als Chorvereinigung Liederkranz 1862 bis heute erhalten hat (Chormeister Hans Schneider, J. Biberauer, Ruth Bachmair). Aus dem heutigen Musikleben A.s verschwunden ist der Arbeiter-Gesangverein „Liederhort“ (ursprünglich Arbeiter-Sängerclub, 1902) ebenso wie die übrigen Erscheinungsformen der Arbeiter-Musikkultur (Arbeitermusikverein; Mandolinenverein, 1926). Der Pflege symphonischer Musik widmete sich erstmals die Philharmonische Gesellschaft (1894; Dirigent: Carl Teutschmann), deren Bestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg vom Hausorchester des Männergesangvereins 1862 marginal wahrgenommen wurden. In der NS-Ära scheiterte kriegsbedingt das Konzept des Städtischen Musikbeauftragten Ferdinand Blank (1901–60), das neben der Zusammenfassung aller A.er Sänger auch die Schaffung eines Kreis-Symphonieorchesters vorgesehen hatte. Aus dem 1947 unter sowjetischer Ägide von Artur Golser (1914–83) geschaffenen Bezirks-Symphonieorchester entstand 1950 das von Hans Schachner gegründete, heute mit 2 Konzerten jährlich auftretende A.er Symphonieorchester (ständige Dirigenten: Hans Picker, 1892–1966; Erich Kolar, 1928–88; Günter Steinböck, * 1939; Robert Zelzer, * 1967). Der lokale Bedarf an Unterhaltungsmusik wurde bis 1938 von Salonensembles diverser Vereine abgedeckt, nach Kriegsende von Leo(pold) Zeiners (1906–68) A.er Tanzorchester. Zeiner hatte auch zu den seit 1936 unter Heranziehung von Berufssängern unternommenen Versuchen beigetragen, A. zur Pflegestätte von Operetten, insbesondere der Werke C. Zellers, zu machen. Waren in den Abonnements des Kulturrings der Stadt A. (1941–44; 1951–81) stets auch Darbietungen heimischer Musiker (z. B. Konzerte des Gymnasiums, initiiert von Alfred Gundacker, * 1918, und G. Steinböck) vorgesehen, wurde mit den Veranstaltungsbetrieben (AVB) ein weitgehend kommerzorientiertes Konzertmanagement etabliert, das durch sein professionelles Angebot (internationale Orchester, Operetten- und Musicalfestspiele) die Amateure aus dem öffentlichen Musikleben verdrängte und dadurch ungewollt den Übergang vom aktiven Musizieren zum passiven Musikkonsum förderte. Diesem Prozess wirkt nicht zuletzt die Städtische MSch. (gegr. 1953 unter Hans Picker, ab 1958 von Karl Heinreichsberger, seit 1997 von Robert Pussecker geleitet) entgegen, die an eine Tradition von konzessionierten privaten MSch.n (R. Petrowitz 1889; I. Drtina 1934; Österreichisch-sowjetische Gesellschaft 1946, Leitung: A. Golser) anknüpfen kann. 1983 erfolgte die Gründung des Festivals Musical Sommer A., dessen Repertoire bis 1988 der Operette gewidmet war. Einzelne Produktionen des Festivals wurden vom Wiener Raimundtheater oder vom Stadttheater Klagenfurt übernommen.


Literatur
Anonym, Zur Geschichte des Männergesangsvereins A. 1902; H. Cerny, Die Tradition eines Symphonieorchesters in A. 1975; L. Pelzl, A. unter den Bürgermeistern des 19. Jh.s 1979; F. Steinkellner, Geschichte der Stadtpfarre St. Stephan zu A. 1981; [J. Plaimer], 110 Jahre Musikkapelle A. 1985; R. Hinterndorfer, Musik in A. 1990; R. Hinterndorfer in H. Cerny (Hg.), A. – 100 Jahre Stadt 1997; D. Hotz, Festspiele in Niederösterreich 1945–2009, 2010.

Autor(en)
Robert Hinterndorfer
Empfohlene Zitierweise
Robert Hinterndorfer, Art. „Amstetten‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 25/05/2001]



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