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Angerer, Angerer, Stefan: Familie
Stefan: * 1711-12-2626.12.1711 Neubeuern, Oberbayern/D, † --nach 1777 St. Ulrich am Pillersee/T [Todesjahr fraglich, da kein Sterbebuch von St. Ulrich erhalten]. Organist, Chorregent, Violinspieler, Komponist, Schul- und Musiklehrer. Eltern: Johann Jakob A., möglicherweise aus Erl/T stammend, „Kistler“ (Tischler) und Mesner zu Neubeuern, und dessen Ehefrau Maria geb. Grießenböck. St. A. erhielt in seiner Jugendzeit fünf Jahre lang Musikunterricht im Kloster St. Georgenberg-Fiecht. Wohl um 1730 bildete er sich beim Organisten und Chorleiter Martin Eberl in Kitzbühel/T weiter. 1732 wurde die Stelle des Schulmeisters und Organisten zu St. Johann in Tirol durch den Tod des Amtsinhabers Jakob Schöllhorn († 1.3.1732) vakant, St. A. erhielt sie und ehelichte am 29.4.1732 in St. Johann Anna Ursula Schöllhorn, die Tochter seines Vorgängers und dessen Gattin Klara (geb. Steinraber). Bis 1758 blieb er in St. Johann und versah auch Organistendienste im benachbarten Oberndorf/T. Das Musizieren und der Musikunterricht erfüllten ihn ganz, aus dem Jahr 1756 wird berichtet, dass er sich im Orgelspiel verliere und den übrigen Schulunterricht vernachlässige. In finanziellen Nöten verließ er 1758? St. Johann und wirkte als Organist in „Matrei“ (in Osttirol oder am Brenner?). 1759–77 ist er als Regens chori an der Pfarrkirche Schwaz belegt. 1764 führte er dort die Comedi vom Räuber und dem Einsiedler auf (Naupp 2004), komponierte wohl eine (nicht erhaltene) Musik dazu. 1777 übersiedelte er nach St. Ulrich am Pillersee, wo im damaligen Priorat der Benediktinerabtei Rott am Inn (Oberbayern) sein Sohn P. Korbinian OSB (Anton Jakob; * 27.2.1737 St. Johann in Tirol, † ?) Prior war. Dieser Zeit und diesem Umfeld dürfte das anonyme Gemäldeporträt St. A.s zuzurechnen sein, das ihn – ganz außergewöhnlich für einen Tiroler Pfarrmusiker in dieser Zeit – in vornehmer Kleidung am Clavichord zeigt samt einem Notenblatt mit der Aufschrift „del Sig. Bach“ (www.musikland-tirol.at/html/html/musikedition/, Original im Pfarrhof Fieberbrunn/T).

St. A. und seine Frau Anna Ursula hatten sieben Kinder: die zwei Söhne Anton Jakob und Johann Nepomuk (P. Edmund OSB), ferner fünf Töchter: Maria Susanna (* 29.3.1733 St. Johann in Tirol, † ?), Maria Anna (* 17.8.1734 St. Johann, † ?), Anna Maria Cäcilia (* 31.10.1738 St. Johann, † ?), Maria Clara [I] (* 30.10.1741 St. Johann, † 12.3.1742 St. Johann), Maria Clara [II] (* 14.11.1743 St. Johann, † ?). Eine der Töchter lebte als Sr. Maria Ambrosia OP im Dominikanerinnenkloster Tulln/NÖ, bis sie nach dessen Auflösung durch Joseph II. 1785 aus dem Orden austrat und zu ihrem Bruder P. Korbinian nach St. Ulrich zog, eine andere nahm 1761 das Ordenskleid bei den Elisabethinen in Wien.


Werke
Aus den Jahren 1767/77 haben sich 13 datierte Hss. mit 15 Sakralkompositionen von St. A. in A-Imf erhalten (Signaturen M 311–316, M 318–324): kleinere Werke (Chöre, Hymnen, Sequenzen) für das Kirchenjahr, lat. u. dt., f. Chor, Orch. oder auch nur 2 V. u. Org., alle in Reinschrift vom selben Schreiber verfertigt und aus Vorbesitz der Pfarrkirche Schwaz. In St. Johann hatte St. A. anlässlich eines „hohen“ Geburtstages von Dekan Johann Martin Riester (im Amt 1728–65), seines Förderers und Gönners, die Musik zu einem „Operettl“ komponiert mit dem Titel Triptolem und Rhea zu Attica, einem Stoff aus der griechischen Mythologie. Das bei Schodl (1990 und 2002) erwähnte hss. Textbuch zu diesem Stück im Dekanatsarchiv St. Johann konnte dort allerdings im Januar 2016 von der Autorin nicht aufgefunden werden.


Sein Sohn P. Edmund OSB (Johann Nepomuk): * 24.5.1740 St. Johann in Tirol, † 7.8.1794 Fiecht/T. Organist, Chorregent, Komponist, Musiklehrer. Besuchte das Gymnasium zu Hall in Tirol, in den Jahren 1754/55 und 1757 ist er dort als Sänger in Schulspielen belegt. 1757 wirkte er in derselben Stadt als „Musicus“ am königlichen Damenstift, dürfte hier zuvor aber schon Kapellknabe gewesen sein. 1758 trat er in die Abtei St. Georgenberg-Fiecht ein; 1759 legte er die Profess ab, wozu sein Vater und seine Schwestern vor anwesenden Gästen Musik darboten. 1764 wurde er zum Priester geweiht. 1759 nahm er Kompositionsunterricht bei V. B. Faitelli am Damenstift in Hall. E. A. wirkte sein Leben lang im Stift Fiecht als Chorregent und an der zugehörigen Konviktschule als Musiklehrer, anerkannt insbesondere für sein Orgelspiel. Er stand mit führenden Musikern von Stift Stams in persönlichem Kontakt und kam dorthin auf Besuch. Nachweislich 1782 dirigierte er in Stams eine von ihm komponierte „Zwischenmusik“ zum geistlichen Schauspiel Andreas Corsinus des Stamser Zisterzienserpaters Thomas Voglsanger (1753–1814). Als Titel dieser Musik wird in den Stamser Ephemerides A.s Kantate Der verwüstete und wiederblühende Weinberg genannt (vgl. A-ST Mus.ms. 118). Der Stamser Chorregent P. St. Paluselli komponierte einen Einlagechor in dieses „Oratorium“ (A-ST Mus.ms. 119-121). Nicht zuletzt ist die erwiesene persönliche Bekanntschaft zwischen E. A. und Paluselli ein wesentliches Argument dafür, über eine Stamser Quelle (www.musikland-tirol.at/html/html/musikedition/], A-ST Mus.ms. 110) E. A. als tatsächlichen Komponisten der sog. Kindersinfonie (in ihrer Urfassung) zu identifizieren, das als von J. oder M. Haydn bzw. L. Mozart komponiert gegolten hatte. Doch ist er auch aufgrund seiner übrigen Kompositionen eine bemerkenswerte Persönlichkeit. In jeder Hinsicht ist seine Pastoralmesse in B-Dur eines der schönsten und besten Werke dieser Gattung insgesamt. Klangmalerische Floskeln sind typische Merkmale von A.s Kompositionsstil, in der genannten Messe etwa die deutliche Umspielung des Alphorn-Fa. Angerer zeigt sich als Meister in der klanglichen Illustration des Wortgehaltes, mehrfach verwendet er dazu Instrumente wie Kuckuck, Wachtelruf, Bockshorn, Muschelhorn, Posthorn oder ein Glockenspiel. Im Kühehirt von Ulm singt der Bassist in der Rolle des Bullen Glissandi auf sein Muhen. Die sowohl lateinischen als auch deutschen Propriumsgesänge zu verschiedenen Festen im Kirchenjahr sind zum Teil kleine Kantaten oder Motetten auf freie Texte, auch „Lieder“. Warum er das Kyrie seiner Messe in G-Dur (D-Mbs Mus.ms. 7313, Kopie um 1820, für 4 Singstimmen und Orgel, ohne Benedictus und Agnus Dei) mit dem Anfangsthema des Kyries von J. Haydns Nikolaimesse (Hob. XXII:6) beginnt, ist ungeklärt.


Gedenkstätten
Museum St. Johann in Tirol, Bahnhofstr. 8 (www.museum1.at); E.-A.-Saal im Veranstaltungszentrum der Marktgemeinde St. Johann in Tirol, Bahnhofstr. 3 (www.kaisersaal.at).
Werke
Hss. (ohne Berücksichtigung der sog. Kindersinfonie) in A-HALn, A-Imf (Provenienz meist Pfarrchor Schwaz), A-Iw, A-MS, A-RTf, A-ST (alle Titel A-ST im RISM-OPAC [www.rism.info]), A-SWp, D-Mbs (Provenienz meist Sammlung Peter Huber (1766–1843) vulgo Müllner-Peter, Sachrang [Aschau im Chiemgau/D]), I-BZf: Sakralwerke: 7 Messen (davon 2 Pastoralmessen, 2 Messen ohne Benedictus und Agnus Dei, 1 Messe nur mit Kyrie und Gloria, 1 Messe für den 1. Fastensonntag und Palmsonntag inkl. Proprien), 1 Litanei f. Weihnachten, über 50 lat. u. dt. Vokalstücke zu Haupt-, Herren- und Heiligenfesten im Kirchenjahr (Offertorien, Gradualien, Hymnen, Responsorien, Lieder, Chöre, 1 Sequenz); „Oratorien“ und Schauspielmusik: Der wieder aufblühende Garten und Weinberg („Oratorium“ bzw. Kantate, A-ST), Die Cyclopen („Oratorium“, A-Iw), Ursprung des uralten Gnadenbildes Maria unter den 4 Säulen […], T: Andreas Lorenz Falschlunger OPraem, aufgeführt in Wilten 1791, Libretto gedruckt bei M. A. Wagner in Innsbruck (Musik verschollen), Ursprünglicher Wachsthum ausgebreiteter grösseren Ehre des wunderthätigen Gnadenbildes Maria Hilff zu Innsbruck, Kitzbühel 1783 (T: anonym, M: verschollen; unvollständiges hs. Libretto in A-Wst); Singspiele („Operetten“): Der Kühehirt von Ulm, Die Probe der Gratulation (Der Schulmeister), Das wohl verwendete Almosen oder Die unvermutete Hochzeit (Perioche/„Singtexte“ gedruckt bei M. A. Wagner in Innsbruck 1789); Instrumentalmusik: Berchtoldsgaden Musick (sog. Kindersinfonie), Divertimento (f. 4 Hr.), Klavierstücke (Fuga, Menuetto, Rondo, jeweils F-Dur). – Noteneditionen: Berchtoldsgaden Musick (sog. Kindersinfonie), Pastoralmesse in B-Dur, Der wieder aufblühende Garten und Weinberg („Oratorium“ bzw. Kantate), Das wohl verwendete Almosen oder Die unvermutete Hochzeit („Operette“ bzw. Singspiel) in der Musikedition Tirol 1994ff (Institut für Tiroler Musikforschung Innsbruck, www.musikland-tirol.at).
Tondokumente
TD: Ersteinspielungen auf CDs des Instituts für Tiroler Musikforschung Innsbruck, in der Reihe Musik aus Stift Stams (3/1996ff) bzw. Klingende Kostbarkeiten aus Tirol (2/1996ff): Berchtoldsgaden Musick, Divertimento f. 4 Hr., Der Kuhhirt von Ulm, Die Probe der Gratulation, Pastoralmessen in G- und B-Dur, Weihnachtskantate Der Englische Gruß, Weihnachtslied „Wohin ihr Hirten all“, Aria auf die Hl. Nacht „Was hat sich heute schon Neu’s zugetragen“, Weihnachtsmotette Dum medium silentium.
Literatur
NGroveD 1 (2001); Th. Naupp OSB in 850 Jahre Benediktinerabtei St. Georgenberg-Fiecht 1988; H. Herrmann-Schneider in Mozart-Jahrbuch 1996; H. Herrmann-Schneider in E. A. Berchtoldsgaden Musick „Kindersinfonie“ 1997; H. F. Schodl in Die Marktgemeinde St. Johann in Tirol 2 (1990); H. F. Schodl in Zwischen Kaiser, Kalkstein und Horn. St. Johann in Tirol – gestern und heute Nr. 2 (Herbst 2002) u. Nr. 3 (Winter 2003) [online: www.museum1.at]; Beiträge v. F. Gratl u. Th. Naupp OSB in Musikgesch. Tirols 2 2 (2004); Tiroler Landesarchiv (Taufbuch St. Johann in Tirol 1718–47).

Autor(en)
Hildegard Herrmann-Schneider
Empfohlene Zitierweise
Hildegard Herrmann-Schneider, Art. „Angerer, Familie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 08/03/2019]