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Aufführungspraxis
Im weitesten Sinne die Summe der Entscheidungen, die bei der Realisation von Musik bezüglich jener Einzelheiten getroffen werden, die vom Komponisten nicht exakt festgelegt wurden. Meist geht es um Fragen von Instrumentarium, Besetzung, Tempo, Agogik, Dynamik, Verzierung u. ä., bisweilen sogar um Entscheidungen zum Notentext. Ziel ist zumeist, den Stil und die Gedanken des Komponisten möglichst „authentisch“ zum Erklingen zu bringen, was bei zeitlich weit zurückliegender Musik naturgemäß zu größeren Problemen führt. Oft versteht man deshalb unter A. auch nur die wissenschaftlich fundierte Interpretation „alter“ Musik, wobei dieser meist alle Stile bis zur Wiener Klassik und Frühromantik (Romantik) zugerechnet werden. Doch gerade in letzter Zeit beschäftigen sich die „Aufführungspraktiker“ immer häufiger auch mit Musik des 19. und 20. Jh.s und räumen hier ebenfalls mit unreflektierten Gewohnheiten einer schlechten Tradition auf.

Eine „aufführungspraktische“ Tätigkeit in letzterem Sinne gab es naturgemäß erst im Zuge des Historismus um 1800, in Österreich v. a. im Kreis um R. G. Kiesewetter. Dieser veranstaltete „historische Hauskonzerte“, trug eine umfangreiche Sammlung Alter Musik zusammen, verfasste zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze und spürte zahlreichen Details der A. nach. – Private Konzerte mit „Alter Musik“ sowie Überlegungen zur A. gab es schließlich noch im Salon von S. Molitor, daneben machten sich die Concerts spirituels für die Wiedererweckung barocker Kirchenmusik verdient.

Öffentliche „historische“ Konzerte, z. T. nach Richtlinien der A., veranstaltete 1859–69 in Wien L. A. Zellner, wobei hier der Bogen von Minneliedern bis zur Klassik reicht. Neben kleineren Unternehmungen florierten dann ab 1884 die von R. Hirschfeld geleiteten Renaissance-Abende, später war u. a. der Musikvereins-Archivar E. Mandyczewski für ähnliche Unternehmungen federführend. In Graz organisierte ab 1868 F. v. Hausegger historische Konzerte.

Auf wissenschaftlichem Gebiet leisteten in Wien zunächst (an der Univ.) G. Adler, E. Wellesz und R. v. Ficker Pionierarbeit, ehe Rob. Haas 1931 mit dem Band A. im Rahmen des Handbuchs der Musikwissenschaft die erste große Zusammenfassung des damaligen Wissens vorlegte. Heute beschäftigt sich an der Univ. v. a. Herbert Seifert mit Themen aus dem Gebiet der A.

An der Wiener Akademie (später Hsch., heute Univ.) für Musik und darstellende Kunst rief J. Mertin 1933 bzw. 1938 ein Collegium musicum ins Leben. Mertin, der zuvor (ab 1928) schon am Neuen Wiener Konservatorium unterrichtet und ein Collegium musicum gegründet hatte, wurde dann durch seine jahrzehntelange Musizierpraxis sowie durch seine Lehrtätigkeit zum Vater und Nestor der Wiener Szene der A.; zu seinen Schülern zählen u. a. N. Harnoncourt (der 1953 den sehr bald international reüssierenden Concentus musicus gründete) und E. Melkus (er rief 1966 die Capella Academica ins Leben). Bedeutungsvoll wirkten auch die Cembalistin I. Ahlgrimm, der Lautenist K. Scheit, der Organist A. Heiller sowie der Blockflötist R. Clemencic (der 1959 die Mvsica antiqva gründete). V. a. aber erwarb sich R. Schollum hohe Verdienste, der nicht nur ab 1959 die „Stilkommission“ sowie ab 1964 die Arbeitsgemeinschaft für musikalische Werkpraxis leitete, sondern an der Abteilung Musikpädagogik mit seinen wissenschaftlichen Lehrveranstaltungen auch den Weg für die Anfang 1987 gegründete Lehrkanzel Musikalische Stilkunde und A. bereitete, der seit ihrer Gründung H. Krones vorsteht. Eine eigene Abteilung für Alte Musik besitzt seit 1994 das Konservatorium der Stadt Wien; nach Marie Wolf und Th. Schmögner steht ihr heute Michael Posch vor.

In Salzburg war B. Paumgartner ein wichtiger Pionier der A.; er gründete u. a. 1951 die Camerata academica des Mozarteums Salzburg und trat auch durch zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen hervor. An der MHsch. „Mozarteum“ wirkte dann 1973–93 N. Harnoncourt als Prof. für „A. unter besonderer Berücksichtigung historischer Stile und Instrumente“.

Am musikwissenschaftlichen Institut der Univ. Graz verschrieben sich zunächst (1943) W. Danckert, dann (1945) H. Federhofer dem Cembalo; Letzterer stellte auch durch viele Jahre Ensembles für Alte Musik zusammen. Grundsätzliche Überlegungen zur A. publizierte dann R. Flotzinger. – An der Grazer MAkad. (heute Univ. für Musik und darstellende Kunst) rief die Cembalistin V. Schwarz 1967 das Institut für A. ins Leben, von dem sehr bald wesentliche Impulse für Praxis und Forschung ausgingen; 1980–2000 stand ihm J. Trummer vor, ihm folgte Klaus Hubmann.

Eine besonders reiche Szene auf dem Gebiet der A. besitzt Innsbruck. 1963 wurden die Ambraser Schlosskonzerte ins Leben gerufen, 1972 fand zum ersten Mal die Internationale Sommerakademie für Alte Musik statt, 1977 folgten zusätzlich die Festwochen der Alten Musik. – An der Univ. fühlten sich seit den 1920er Jahren fast alle Professoren der A. verbunden: R. v. Ficker und W. Fischer ebenso wie H. v. Zingerle, W. Salmen und schließlich T. Seebass.


Literatur
(Neue) Beiträge zur A. Schriftenreihe des Institutes für A. an der Hsch. (Univ.) für Musik und darstellende Kunst Graz 1972–, hg. v. V. Schwarz (bzw. J. Trummer); Wiener Schriften zur Stilkunde und A. Schriftenreihe der Lehrkanzel für Musikalische Stilkunde und A. an der Hsch. (Univ.) für Musik und darstellende Kunst Wien, hg. v. H. Krones 1997–; D. Gutknecht, Studien zur Geschichte der A. Alter Musik 1993, 45ff; MGÖ 2 u. 3 (1995); H. Krones in H. Krones (Hg.), Alte Musik und Musikpädagogik 1997; Spezialliteratur siehe bei den Verweisen sowie in den Literaturverzeichnissen der zitierten Publikationen.

Autor(en)
Hartmut Krones
Empfohlene Zitierweise
Hartmut Krones, Art. „Aufführungspraxis‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 25/05/2001]