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Aussig an der Elbe (deutsch für tschechisch Ústí nad Labem)
Die am Fluss Elbe gelegene Stadt stellt eine Verbindung zwischen Prag und Dresden/D dar. In den historischen Quellen wird die Siedlung „ustie“ (das alttschechische Wort für die Mündung eines Flusses) zum ersten Mal am Ende des 10. Jh.s erwähnt. Das Stadtrecht erhielt A. ca. 1260 von Kg. Przemysl Ottokar II. Die Stadt wurde von den Hussitenkriegen schwer getroffen. Bei der Schlacht bei A. 1426 wurde sie niedergebrannt, auch die 1318 vollendete Kirche Maria Himmelfahrt wurde zerstört (1526 neu aufgebaut).

Zufolge der Nähe zu Sachsen war die Bevölkerung zweisprachig; dies zeigte sich auch in religiösen Belangen. Die älteste Klosterkirche des Hl. Adalbert wurde Mitte des 15. Jh.s als „ecclesia Bohemicalis“ bezeichnet, für das Ende des Jh.s ist hier der Gottesdienst in tschechischer Sprache belegt. Die Stadt hatte bereits vor den Hussitenkriegen auch eine tschechische Schule. Die Kirche Maria Himmelfahrt – sie hatte damals bereits eine Orgel – war das Gotteshaus der deutschen Gläubigen. Unter dem Einfluss des Hussitentums und der Priester aus Sachsen entwickelte sich in A. eine starke Gruppe des Protestantismus. 1490 wurde die Literarische Bruderschaft (chorus literatorum) gegründet, die den lateinischen Choralgesang pflegte. Vom Ende des 15. Jh.s stammt ein von den Literaten zusammengestelltes zweiteiliges illuminiertes lateinisches Gesangbuch (aufbewahrt im Stadtmuseum A.). An der Spitze der Stadt stand 1583–95 und wieder 1602–09 der Ratsherr und Primator (Bürgermeister) Jacob Molerus (Miller) Solinsky v. Solino, auf dessen Veranlassung drei mehrstimmige lateinische, bis heute erhaltene (im A.er Bezirksmuseum) Codices entstanden sind, ebenso auch eine neue Orgel für die Stadtkirche (1593), an der 1586–99 Johannes Jacobi als Organist wirkte. Die Orgel wurde 1724 von Leopold Burkhart aus Elbogen (Loket/CZ) barockisiert, 1882 bzw. 1901 durch eine moderne der Firma Rieger aus Jägerndorf ersetzt; 1945 wurde sie bei einem Bombenangriff zerstört. 1731 wurde an der Stelle der ältesten Pfarrkirche der Stadt die neue St. Adalbert-Kirche gebaut.

Von der Zeit des Barock bis zum Anfang des 19. Jh.s gehörten zu den mit Musik begleiteten Anlässen in A. v. a. die kirchlichen Feste. Als eine der nichtkirchlichen bürgerlichen Aktivitäten ist eine 1818 gegründete Theatergruppe von Dilettanten zu nennen, die im Gasthaus „Zum goldenen Engel“ z. B. Werke von Louis Angely und August v. Kotzebue aufführte und nach einer Stagnation in den 1820er Jahren bis zur Eröffnung des professionellen Theaters 1909 aktiv war. Kulturell stand A. noch lange hinter dem nahen Kurort Teplitz zurück, Änderungen brachte erst die industrielle Entwicklung der Stadt, in dem sich u. a. die Textil-, Zucker- und Glasindustrie etablierte. In der Geschichte der Stadt scheinen auch prominente Persönlichkeiten auf, die sie meistens auf der Reise in die nordböhmischen Kurorte oder nach Prag besuchten, wie z. B. Johann Wolfgang v. Goethe 1812 und 1813. Auch R. Wagner war von der nahen Burgruine Schreckenstein (Střekov) angetan.

Wie auch in anderen Provinzstädten wurde das gesellschaftliche Leben A.s im 19. Jh. von den Vereinen getragen. Bereits 1848 wurde ein Sängerklub (Männergesang) gegründet, der 1860, nachdem er auch eine instrumentale Gruppe organisiert hatte, den Namen Musikverein annahm und jährlich vier Konzerte gab; 1860 veranstaltete er auch das erste Sängerfest. Ab 1873 trug der Verein den Namen A.er Gesangsverein 1848; sein tatkräftiger Leiter war der Salzburger Josef Zeisler. Der Verein führte auch kleine komische Opern, W. A. Mozarts Requiem, R. Schumanns Das Paradies und die Peri usw. auf. In einer Industriestadt wie A. gab es auch bedeutende Arbeitervereine, unter ihnen der Gesangverein Schicht, der die A.er EA von J. S. Bachs Matthäuspassion veranstaltete. Weiters gab es u. a. die Vereine Liedertafel, Freundschaft (gegr. 1883) und den Arbeitergesangsverein (gegr. 1902). 1907 wurde der Verein für Kunstpflege gegründet, der außer Ausstellungen, literarischen Abenden und Vorträgen auch Konzerte veranstaltete; der Verein existierte bis 1939. Der nationalen Struktur der Bevölkerung entsprechend war die Mehrheit der Vereine deutschsprachig, die ersten ausschließlich tschechischsprachigen Musikvereine entstanden erst um 1870 (Česká beseda 1874, Rovnost 1878). Die nationale Radikalisierung in der ganzen Monarchie am Ende des 19. Jh.s erschwerte auch in A. das bisher im Wesentlichen friedliche und unproblematische Zusammenleben der deutschen und tschechischen Vereine. Zur Radikalisierung der Verhältnisse trug auch der Antisemitismus bei; z. B. schloss der Gesangverein Orpheus bereits 1885 seine jüdischen Mitglieder aus.

Das Theaterleben in A. wurde im 19. Jh. durch Gastspiele von Wandertruppen bestritten, es gastierte hier oft eine Theatergesellschaft aus mit Leitmeritz mit Operetten von F. v. Suppè, C. Millöcker, C. Zeller u. a. 1850 wurde das erste tschechischsprachige Theaterensemble der Dilettanten gegründet. Den Weg zum professionellen Theater in der Stadt initiierte der 1903 gegründete Verein für die Erbauung des Theaters. Das nach den Plänen des Wiener Architekten Alexander Graf erbaute Gebäude wurde am 21.9.1909 mit L. v. Beethovens Die Weihe des Hauses und dem Trauerspiel Sappho von F. Grillparzer eröffnet, mit Marie Pospíšilová (Pospischil, 1862–1943) in der Titelrolle. Sie war auch bis 1913 die erste Direktorin des Theaters. Ihre Nachfolger in den Jahren 1913–20 waren Max Steiner-Kaiser, Carl Richter und Viktor Eckert. Das Theater widmete sich zuerst vor allem dem Schauspiel und der Operette, der Anteil der Oper am Repertoire betrug ca. 20%. Nach 1918 ist das Theater ein deutschsprachiges Haus geblieben, regelmäßig wurden aber auch tschechische Vorstellungen gegeben. Die erste war am 18.5.1919 das Singspiel von František Škroup Dráteník (Der Rastelbinder). Häufige Gastspiele gab in A. die tschechische Oper aus Olmütz, es gastierte auch das Prager Nationaltheater. 1920 wurde das Theater von der Stadtverwaltung übernommen. Intendant wurde Alfred Huttig (1882–1952), der mit Ausnahme der Jahre 1929–33, als die Direktion Franz Josef Delius innehatte (Huttig wirkte zu dieser Zeit als Direktor des Raimundtheaters), in dieser Funktion bis 1941 blieb. 1920–22 stabilisierte sich das Opernensemble unter der Leitung Adolf Kienzls. Auch unter J. Krips in der Saison 1924/25, der das Publikum mit Gästen aus Dresden und Prag bekanntmachte, und 1927/28 unter V. Ullmann erbrachte die A.er Oper beachtenswerte Leistungen. Huttig gewann auch zweimal die Oper des Prager Neuen Deutschen Theaters mit A. Zemlinsky für Gastspiele. Auch sonst gastierte Zemlinsky in A. als Operndirigent; auf seine Veranlassung hin wurden hier 1921 G. Mahlers Das klagende Lied, die Kindertotenlieder und Das Lied von der Erde aufgeführt. Auch S. Wagner dirigierte in A. Das Niveau der Opernaufführungen war ungleichmäßig. Die wirtschaftliche Krise verursachte finanzielle Probleme. Die Situation verbesserte sich 1933–37, als viele aus dem nationalsozialistischen Deutschland geflüchtete Künstler in der Tschechoslowakei, darunter auch in A., ein Engagement fanden. Unter ihnen war z. B. der Dirigent Franz Allers, Chefdirigent der Oper bis 1938, der als Gäste Sänger und Sängerinnen wie R. Pauly, Jaro Prochaska und M. Cebotari nach A. brachte und Fred Dostal engagierte, mit dem (als Wotan, Wanderer und Hagen) er in der Saison 1935/36 den kompletten Der Ring des Nibelungen aufführen konnte. Die A.er deutsche Oper spielte auch Werke tschechischer Komponisten (F. Smetana, A. Dvořák, L. Janáček, J. Weinberger). Das Münchener Abkommen, die Annexion der Grenzgebiete im Herbst 1938 und die Okkupation der Tschechoslowakischen Republik im März 1939 bedeuteten für das tschechische Theater in A. das Ende. Huttig wurde 1941 von Edgar Gross abgelöst, Opernchef wurde der Dirigent E. H. Richter.

Die symphonischen Konzerte veranstaltete in der Zwischenkriegszeit in A. das Theaterorchester, das mit Aushilfen aus Teplitz und Dresden auch große Orchesterwerke (A. Bruckner, G. Mahler, R. Strauss) aufführen konnte. Außer den Dirigenten A. Kienzl, J. Krips und Fritz Rieger wirkte in A. 1938–43 Hermann Abendroth. In den vom Verein für Kunstpflege veranstalteten Kammermusikabenden konnte das A.er Publikum E. Sauer, Willy Burmester, Georg Kulenkampff, Walter Gieseking, J. Kubelík, V. Příhoda, R. Serkin, A. Rosé u. a. hören, 1923 und 1933 gastierte hier das Amar-Hindemith Quartett, 1937 im Rahmen einer Tournee durch das Sudetenland z. B. die Comedian Harmonists.

Am A.er Musikleben beteiligten sich auch im 20. Jh. in großem Maß Gesangvereine, von denen v. a. der Gesangsverein A. 1848 eine lange Tradition hatte. Die Vereine wirkten u. a. bei Aufführungen von L. v. Beethovens Missa solemnis oder dem Deutschen Requiem von J. Brahms mit. 1935 wurde in A. eine Ortsgruppe der Brucknergemeinde gegründet, die sich 1936 an den Sudetendeutschen Bruckner-Festtagen A. – Leitmeritz beteiligte. Diese Festtage, am 22.10.1936 durch M. v. Millenkovich-Morold mit seiner Rede Die Persönlichkeit Bruckners und seine Beziehungen zum Sudetendeutschtum eröffnet, standen bereits völlig unter dem Einfluss der Ideologie des Sudetendeutschtums. In der Zwischenkriegszeit waren auch mehrere, v. a. linksorientierte, gegen den drohenden Nationalsozialismus auftretende Kabarettbühnen in A. tätig. Die größte antifaschistische Manifestation fand im Zusammenhang mit dem Gastspiel des Alexandrovs Chor der Roten Armee am 1.10.1937 statt.

A. spielte auch eine Rolle in der Entwicklung der Schallplatten-Produktion in Böhmen bzw. der Tschechoslowakischen Republik. 1910 wurde hier eine Zweigstelle der Deutschen Grammophon Gesellschaft unter dem Namen Österreichische Grammophon-Gesellschaft GmbH. A. an der Elbe eingerichtet, die auch nach 1919 weiterarbeitete, jedoch nunmehr als Zweigstelle der britischen The Gramophone Company, bis sie 1931 von ihrem Konkurrenten, der Firma Ultraphon, verdrängt wurde. In A. wurde 1930 die erste Gesamtaufnahme des Zyklus Mein Vaterland von Smetana mit der Tschechischen Philharmonie unter Václav Talich realisiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte das Theater weiterhin die zentrale Rolle im Kulturleben der Stadt. Die erste Nachkriegsvorstellung des Städtischen Theaters A. war Smetanas Die verkaufte Braut als gemeinsame Produktion mit dem Theater in Teplitz-Schönau. Das Theaterorchester spielte unter dem Namen Städtisches symphonisches Orchester. In den 1950er Jahren litt das Niveau der Oper unter dem ständigen Wechsel auf dem Posten des Dirigenten und des Opernchefs, die symphonischen Konzerte wurden wieder abgeschafft. Das wichtigste dramaturgische Projekt dieser Jahre war ein in den Jahren 1951–56 veranstalteter Zyklus von Smetanas Opern. Besondere Anerkennung fand die Inszenierung von W. A. Mozarts Così fan tutte 1956, die auch im Fernsehen live übertragen wurde. 1956 gastierte die A.er Oper zum ersten Mal im Ausland, und zwar mit der Verkauften Braut in Dresden. Um 1960 gehörten dem Ensemble mehrere Sänger an, die später eine große Karriere machen sollten (Alena Miková, Naděžda Kniplová, Vilém Přibyl, Václav Zítek u. a.). Das Niveau erhöhte der 1962 engagierte Opernchef František Vajnar, unter dem (bis 1974) die Oper eine ihrer wichtigsten Perioden verzeichnen konnte. 1968 wurde das Repertoire wieder auf das Operettengenre ausgedehnt (als Konkurrenz zum Theater in Teplitz). Vajnars Nachfolger war 1974–79 Petr Vronský. Unter ihm fand in A. die tschechoslowakische EA von G. Donizettis Robert Devereux (unter dem Titel Královnin prsten [Der Ring der Königin]) statt. Zu den größten Leistungen unter dem Dirigenten Norbert Snítil, dem Opernchef 1979–84, gehörten George Gershwins Porgy and Bess und R. Wagners Der fliegende Holländer, und auch unter Petr Jonáš (Opernchef 1984–90) zählte das Opernensemble zu den besten im Land, obwohl es wegen der notwendigen Renovierung des Theaters im Kulturhaus spielen musste. Mit G. Verdis I masnadieri und G. Donizettis Maria Stuarda gab es auch zwei tschechoslowakische EA.en. Trotz des Provisoriums konnte das Niveau des Ensembles dank des neuen Opernchefs František Babický (1992–98) gehalten werden; eine Verstärkung bedeuteten neu engagierte Sänger aus Russland und der Ukraine. Die Renovierung des Theatergebäudes zog sich bis zum Herbst 1993 hin, und das Theater kämpfte unter neuen ökonomisch-politischen Bedingungen um seine Existenz. Trotzdem gelang es unter dem Direktor Josef Novák (1993–95), eine Zusammenarbeit mit Finnland, Belgien und in Deutschland mit Dresden und Chemnitz anzuknüpfen, die seine Nachfolger (Petr Vlasák 1995–98, Petr Jonáš 1998–2006) weiterführten. Direktor Tomáš Šimerda (2006–11) musste sich mit den Stadtbehörden, die das weitere Bestehen des Theaters in Frage stellten, auseinandersetzen. Seit 2011 ist der Dirigent Miloš Formáček Direktor des Severočeské divadlo opery a baletu Ústí nad Labem (Nordböhmisches Theater der Oper und des Balletts A. an der Elbe), die Position des Opernschefs hat der Dirigent Milan Kaňák inne.

Am Konzertleben beteiligte sich in A. in den Jahren 1956–81 das ursprünglich als Dilettantenensemble gegründete und bis heute bestehende Bendův komorní orchestr (Bendas Kammerorchester). Benannt nach der böhmischen Musikerfamilie des 18. Jh.s (G. A. Benda), konzentrierte sich das Orchester auf die Werke der älteren böhmischen Meister. In den politisch liberaler gewordenen 1960er Jahren entstand in der Tschechoslowakei eine große Anzahl von Musikgruppen, die sich dem Folk bzw. der Country & Western Music widmeten. In A. wurde 1967 ein erfolgreiches Festival dieser Musik, PORTA, gegründet (mit vollem Namen Porta Bohemica).


Literatur
C. Wolfrum et al. (Hg.), Erinnerungen an Carl Wolfrum, 2 Bde. (1893); F. J. Umlauft, Gesch. der dt. Stadt A. 1960; J. Tůma in Ústecký sborník historický [A.er historischer Sammelband] 1979; H. P. Hye in Österr. Osthefte 36 (1994); K. Kaiserová/V. Kaiser (Hg.), Dějiny města Ústí nad Labem [Gesch. der Stadt A. an der Elbe] 1995 (auch online: www.usti-nl.cz/dejiny/obsah.htm, 3/2015); J. Fukač et al. (Hg.), Slovník české hudební kultury [Lex. der tschechischen Musikkultur] 1997; H. P. Hye in R. Hoffmann (Hg.), Bürger zw. Tradition und Modernität 1997; LdM 2000; T. Horák, Varhany a varhanáři Ústecka [Die Orgel und die Orgelbauer im A.er Kreis] 2002; H. Pavličíková in Acta Universitatis Palackianae Olomucensis, Fac. Phil., Musicologica Olomucensia 5 (2000); J. Bajgarová in Hudební věda 41 (2004); T. Fedorovič/V. Kaiser, Historie židovské komunity v Ústí nad Labem / The History of The Jewish Community in Ústí nad Labem / Gesch. der Juden in A. an der Elbe 2005 [dreisprachig]; M. Horyna, Studie a edice k dějinám české hudby 15. a 16. století. The Studies and Editions to the History of Music in Bohemia in 15th and 16 th Centuries, Diss. Prag 2008; J. Baťa/P. Daněk in M. Hulková (Hg.), Musicologica Istropolitana X–XI (2011–12) [auch online: http://bibemus.org].

Autor(en)
Vlasta Reittererová
Empfohlene Zitierweise
Vlasta Reittererová, Art. „Aussig an der Elbe (deutsch für tschechisch Ústí nad Labem)‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 17/06/2015]