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Austro-Pop
Österreichische Popmusik. A.-P. ist das Ergebnis einer doppelten kulturellen Sozialisation der Nachkriegsgeneration. Seine Genese vollzieht sich nach dem Modell der Verschmelzung ersehnter kultureller Ausdrucks- und Lebensformen mit den von Elternhaus und Schule getragenen Haltungen – Musik ist ein zentrales Medium all dieser Haltungen. In den USA verschmilzt in den 1950ern der weiße Country/Western mit dem schwarzen Blues zum Rock 'n' Roll, in den 1960ern der über Skiffle transportierte liedhafte Irish-Folk (Folk) mit dem Rock 'n' Roll zum britischen Beat. Im A.-P. geht der anglo-amerikanische Rock eine Beziehung mit dem Wiener und später dem älpischen Lied ein. Rock ist von seinen Inhalten her, weil von seiner Genese pubertär/adoleszente Musik, Aufwiegelung zur Abgrenzung und Ich-Findung, die in den 1960er Jahren im Kollektiv des Wir erstrebt wurde; Bands anstelle von Stars sind die Entsprechung. Die Suche nach dem Eigenen ist Abgrenzung und zugleich Einordnung in eine globale (Jugend-)Bewegung – sie ist Profilierung innerhalb dieser.

Mit der Verzögerung einer Dekade erreichte dieses vom Amateurtum geprägte britische Verständnis auch Österreich. Der Boden dafür war bereit. Österreich hatte eine durch Imitation der internationalen Szenen erfahrene und spieltechnisch wie instrumententechnisch gut vorbereitete Tanzmusikszene und ein aus der Not williges Massenmedium. Angesichts der Konkurrenz von Radio Luxemburg, zu dem in den frühen 1960er Jahren die heimische Jugend abwanderte, erfand der Österreichische Rundfunk (ORF) die österreichische Jugendschiene, die zusätzlich zur internationalen Rock-Musik auch mit entsprechender eigener Musik zu befahren war. Aus diesem Bedürfnis gebar der ORF das erste Dialektlied. M. Mendt sang beim Eurovisions-Song Contest 1971 in Dublin das Lied Wie a Glock'n des Kabarettisten G. Bronner, erstmals 1970 von der ORF-Bigband unter R. Österreicher eingespielt. Das staatliche elektronische Medium signalisierte seine Bereitschaft, Katalysator einer eigenen Szene zu werden. E. M. Kaiser durchforstete mit der Sendung Showchance den Musikermarkt, die Sendeleiste Ö3 bot die mediale Plattform für Öffentlichkeitspräsenz, das Fernsehen warf ein spotlight (Peter Rapp) auf die junge Szene.

Da Hofa (1971) von W. Ambros ist die erste A.-P.-Produktion im Sinne der britischen Avantgarde: Produzent und Tonstudioinhaber (P. Müller), Texter (J. Prokopetz), Musiker und Interpreten sind Amateure aus der new generation. Die Wiener Szene war jung, ihre Musik war nicht traditionslos, sie stand in der Folge des Wiener Kabaretts, das im Dritten Reich als Ventil überleben durfte, mit dem Beatnik H. Qualtinger früh den Schritt zur Rockkultur tat, und zugleich des Wienerliedes mit seinem barocken, schwarzen Humor. Diese städtische Melange war prägend für den A.-P. und brachte vielfältige Erscheinungen hervor, zusätzlich getragen von der medialen Struktur der Großstadt. Ambros steht mit der scharfzüngigen Melancholie näher dem Wienerlied, G. Danzer mit dem im gesungenen Reim vorgetragenen Wort (G'stanzl) näher dem Kabarett. P. Cornelius, zwar die Identifikationsfigur des Wieners von der „Neb'nstieg'n“, verlässt sprachlich und musikalisch das Wienerische, um mit klanglichem mainstream den größeren süddeutschen Markt zu erreichen. R. Fendrich, musikalisch an Latino-Music interessiert, führt in seiner in den visuellen Medien verkörperten Rolle des Wiener „Strizzi“ – so auch eine Filmrolle – die Arbeit P. Alexanders fort, die multimediale Verschränkung des A.-P. Falco war das internationale Aushängeschild dieses Wiener Typs, der mit der popkulturellen Kreation des Dandy (Kunstfigur des britischen Pop der 1960er Jahre) einhergeht. Das Plakat als Aussageform der Pop-Art wie des Kabaretts ist Basis der EAV, die Inszenierung des Wiener Aktionismus und des Kabaretts die der Gruppe Drahdiwaberl; beide sind Beiträge zum A.-P. aus den bildenden Künsten. Aus dem linken Polit-Folk-Rock der Schmetterlinge geht Ostbahn Kurti hervor. Der explizit geäußerte Sozialismus der Gruppe ist implizit in der Kunstfigur verkörpert, eine Kreation von G. Brödl unter Verwendung eines Mechanismus der Pop-Culture, wo Image und Realität verschwimmen. Diese Wandlung geschieht im Umfeld der Wiener Variante der Neuen Deutschen Welle; „die guten Kräfte“ sammeln sich in Wien zur Pop-Art-Stilisierung. Rock-Musik österreichischer Herkunft dürfte trotz internationaler Qualität der internationalen Konkurrenz unterliegen.

Bereits in der Mitte der 1970er Jahre zeigt die Szene aus der Provinz ein erstes Lebenszeichen. In dem durch Regionalismus gekennzeichneten soziokulturellen Klima von Graz wächst das erste Rock-Lied im älpischen Stil. Wilfried spielt die kurze Zeit finanziell erfolgreiche, aber imagemäßig undankbare Vorreiterrolle als „Jodel-Dodel der Nation“. Ihm folgt ab 1993 H. von Goisern mit seinen Alpinkatzen, dem der breite Durchbruch auf der Basis eines allgemeinen politischen Wertewandels von Innovation zu Tradition gelingt. Ausdruck dieses Wandels ist das Entstehen einer alternativ grünen Bewegung, die Abkehr vom Zentralen und Städtischen und die Hinwendung zum Dezentralen und Ländlichen. Diese Aufwertung ländlicher Regionen und deren kultureller Formen, im STS-Lied Fürstenfeld thematisiert, findet in dem seit 1998 privatisierten Rundfunk seinen Ausdruck. Regionales wird Gegenstand des ORF ebenso wie internationale Tendenzen in regionale Rundfunkstationen einkehren – beides ist die mediale Basis für älpische Rockformen.

Zugleich nähert sich auch die volkstümliche Musik mit „richtigen Rockelementen“ (Peter Steinlechner) dem A.-P. an. Mit rockmusikalischen Elementen, dem Einbezug rockmusikalischer Kern-Instrumentation, E-Gitarre und Drums, und Vermarktungsstrategien wie den Finkenberger Open Air Großkonzerten und Videos finden die Schürzenjäger den Zugang zu neuen Hörern jenseits der angestammten Hörer volkstümlicher Musik, die ihrerseits seit 1981 mit der Fernsehshow Musikantenstadl wächst (K. Moik). Musiker des A.-P. wie der volkstümlichen Musik teilen sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit im TV-Schlager-Karussell.

Die Avantgarde, die sich international mit zunehmender Globalisierung der Regionalisierung zuwandte, war auch Vorreiter dieser heimischen Trendwende. Im Sog des Ethno-Jazz hat Broadlahn und mit der auf Bodenständigkeit bauenden Hip-Hop-Bewegung haben Attwenger den Boden bestellt. Der internationalen Hinwendung zum Regionalen spielt im Rock die Verfügbarkeit von Produktionstechnologie in die Hände. „Independent“ zu sein ist eine der Vorbedingungen von Regionalisierung. In einer technologisch orientierten Musik, die mit der allgemeinen Verfügbarkeit von Technologie zum Techno avancierte, wird damit Amateurismus – ein ideologisch besetzter Wert der Rock-Kultur – verstärkt.

Trotz der Möglichkeit zur Dezentralisierung konzentriert sich diese hedonistisch orientierte Musikform auf städtische Zentren. Zuerst in alternativer Haltung auf elektronischen Altwaren produziert, tritt sie nun, auf billiger digitaler Ebene gemacht, den avantgardistischen Schritt zur elektronischen Musik an. Von dieser, die mittlerweile ebenfalls durch Verfügbarkeit der digital culture geprägt und sich in digital musics umbenannt hat, wird sie bereitwillig als Bereicherung empfunden und aufgenommen. Chr. Fennesz vom Wiener independent Label mego erhielt 1999 eine Auszeichnung beim prix ars electronica in der Sparte digital musics.

Mit dieser Hinwendung zu Ethno und städtischer Kultur weicht nicht nur das Interesse am Älpischen. Als Marke der Vergangenheit verraucht Austria 3 (Ambros, Danzer, Fendrich) in Selbstrestauration.

Der A.-P. scheint sich in der fortgeschrittenen Globalisierung aufzulösen. Ging mit dieser als Gegenhaltung Regionalisierung einher, so ist nun darin kein Gegensatz mehr zu sehen – die Kategorie selbst verliert an Bedeutung: Digital culture ist ortslos – ein im Regionalismus begründeter A.-P. ist kein Thema der Zeit.


Literatur
G. Brödl (Hg.), Die guten Kräfte. Neue Rockmusik in Österreich 1982; W. Gröbchen (Hg.), Heimspiel. Eine Chronik des Austro-Pop 1995; E. Larkey, Pungent Sound 1993; MGÖ 3 (1995); H. Pfeiler, Austropop, Diss. Graz 1995; Chr. Seiler (Hg.), Schräg dahoam. Zur Zukunft der Volksmusik 1995; L. Gürmen/A. Leitner, austropop 1995.

Autor(en)
Werner Jauk
Empfohlene Zitierweise
Werner Jauk, Art. „Austro-Pop‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 25/05/2001]