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Bläserkammermusik
Kammermusik mit Bläsern. Im internationalen Vergleich gewinnt seit den 1950er Jahren des 20. Jh.s die B. ständig an Bedeutung, während andere Formen der Kammer- und Hausmusik wie das Streichquartett, die Klaviermusik und das Kunstlied (Lied) in den Werkverzeichnissen der Komponisten und in den Verlagskatalogen zahlenmäßig deutlich zurücktreten. Kramer spricht in diesem Zusammenhang von einem geradezu „eruptiven Neubeginn“, der parallel zur Rückbesinnung auf kleinere Ensemble-Formen erfolgt ist. Neben Werken mit künstlerischem Anspruch werden pädagogische Spielmusiken komponiert, die im Ausbildungsprogramm des Nachwuchses für die Amateur-B., als Vorspielstücke in MSch.n (Musikausbildung) und bei Wettbewerben von Jugend musiziert wichtige Funktionen erfüllen.

1. Bläser-Duette. Das Zusammenspiel zweier gleichartiger Musikinstrumente ist in der europäischen Musikgeschichte seit dem Mittelalter fassbar. Typisch dafür sind die Abbildungen der Hofmusiker in den Cantigas de Santa Maria Alfons´ (13. Jh., Codex Estorial J. b. 2): Es handelt sich um neun Farbtafeln, von denen acht Duo-Besetzungen zeigen. Die Bläser überwiegen dabei. Mit der Perfektionierung der Klappenmechanismen für die Holzblasinstrumente in der 2. Hälfte des 18. Jh.s sind es v. a. Flöten- und Klarinetten-Duette, die (neben den Violin-Duetten) als bürgerliche Familien- und klösterliche Spielmusiken „Dédiés aux Amateurs“ in Mode kommen. Mit der Erfindung der Ventile für die Blechblasinstrumente im beginnenden 19. Jh. folgen Horn-Duette. Matthieu Frédéric Blasius, Francois Devienne, G. Donizetti, die Mitglieder der Familie Gebauer, J. Haydn (Six Duos Concertants, 1801), K. Kreith, C. Kreutzer, I. Pleyel, P. Wranitzky beteiligen sich rege an der Komposition einschlägiger Stücke. Neben den Neukompositionen erscheinen zwischen 1780 und 1830 beliebte Melodien aus Opern und Instrumentalwerken in Duo-Ausgaben, u. a. von W. A. Mozart. Auch Streicher und Bläser können verknüpft werden, so in Etienne Gebauers Duo concertant op. 16/3 für Klarinette und Violine und in K. Kreiths Zwei Sonaten in Es für dieselbe Besetzung. Die Konzeption des Zusammenspiels zweier Instrumente wird zumeist schon im Titel der Kompositionen entweder als „concertant“ oder als „dialogué“ bezeichnet.

Die Komposition von unbegleiteten Instrumentalduetten bricht etwa 1830 ab. Als Reaktion auf die großen Orchesterformen der Spätromantik erfolgt in der 1. Hälfte des 20. Jh.s die Rückbesinnung darauf, die u. a. Igor Strawinskij mit den Canons für 2 Hörner (1917), dem Duet für 2 Fagotte (1918) einleitet. 1964 folgt vom selben Komponisten die Fanfare for a New Theatre für 2 Trompeten. Doch es bleibt vorerst bei vereinzelten Versuchen. Francis Poulenc publiziert 1919 die Sonate für B- und A-Klarinette, in der die unterschiedliche Klanglichkeit von zwei verschieden gestimmten Klarinetten genutzt wird. Ein Weg, auf dem ihm wesentlich später der Steirer K. Stekl mit der Kleinen Duo-Musik für Es- und B-Klarinette (1973) folgen sollte. (Vgl. auch Paul Hindemith, Kanonische Sonatine, op. 31/3, für 2 Flöten; Charles Koechlin, Idylle für 2 Klarinetten, 24 Duos für 2 Saxophone, Quatre petites Pièces für Klarinette in A und Horn, op. 173; Nikolai Rimskij-Korsakov, Duette Duette für 2 Hörner.) Aus der Fülle von Bläser-Duetten aus dem österreichischen Raum erscheinen erwähnenswert: Spielkanons für beliebige Duobesetzungen von M. Haager; Präludium, Choral und Fuge für Trompete und Posaune von H. M. Preßl; Echostücke für 2 Trompeten von H. Regner; die Musik für 2 Flöten von K. Stekl; dasTrompeten-Studio I, op. 98, von J. Takács.

2. Bläserquintette. Als eigene Gattung innerhalb der B. hat sich seit dem ausgehenden 18. Jh. das „klassische“ Bläserquintett in der Besetzung Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott eingeführt. A. Reicha und Franz Danzi stehen am Beginn der Entwicklung. Nach einer Phase der Geringschätzung erinnerte man sich in den 1920er Jahren wieder des Bläserquintetts und der Möglichkeiten der Nutzung seines „Spaltklanges“. Es entstanden vor dem Hintergrund unterschiedlicher ästhetischer Konzeptionen Jacques Iberts (1921), Paul Hindemiths und Carl Nielsens (1922) sowie A. Schönbergs (1923/24) einschlägige Kompositionen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beteiligten sich u. a. H. W. Henze, Ferenc Farkas, G. Ligeti, Jean René Françaix, Karlheinz Stockhausen an der Komposition einschlägiger Werke.

Professionelle Bläserquintette bildeten und bilden sich fallweise innerhalb der österreichischen Symphonieorchester, um sowohl die klassische Literatur wie neue Werke für diese Besetzung aufzuführen. Innerhalb des österreichischen Bundesjugendorchesters fanden sich die Mitglieder des auch international erfolgreichen Reijcha-Quintetts. Aus der einschlägigen Produktion österreichischer Komponisten ragen hervor: P. Angerer (Quintett 1956), W. Bloch (Serenade 1966), Th. Chr. David (Quintett 1966), F. Fuchs d. J. (Serenade, op. 137), K. Haidmayer (4 Quintette), R. Jettel (2 Quintette), E. Krenek (Pentagramm 1956 undAlpbach-Quintett ), A. Kubizek (Kammerquintett, op. 15), H. M. Preßl (In memoriam Peter-Michael Suppan 1979), E. Marckhl (Sonate 1968), K. Schiske (Quintett, op. 24), K. Schwertsik (Eichendorff-Quintett), J. Takács (Eine kleine Tafelmusik, op. 74), E. L. Uray (Musik für Bläserquintett in 2 Sätzen), E. Urbanner (Etüde für Bläser), E. Wellesz (Suite op. 73), F. Wiefler (Drei Nachtstücke 1963).

3. Brass Quintett. Das Brass Quintett hat sein „Urbild“ in den Alta musica-Gruppen der Renaissance, v. a. am Hof von Burgund sowie in Venedig zur Zeit der Gabrielis. Als gleichschwebende, „temperierte“ Stimmungen im Hochbarock zu dominieren begannen, gerieten die Blechblasinstrumente gegenüber den Streichern in Verzug. Stadtpfeifer und Stadtturner (Türmer, Thurner), vielfach von Bergbau- oder Familientraditionen geprägte Wandermusikanten, später die Posaunenchöre der evangelischen Kirche führten diese Praxis in eingeschränkter und regional differenzierter Form weiter. Aber auch im Bereich der kleinstädtischen und ländlichen Amateur-Blaskapellen fanden sich seit dem Beginn des 19. Jh.s immer wieder gemischte Holz-Blechbläser- oder Blechbläser-Gruppen, die zum Tanz und bei weltlichen und geistlichen Aufzügen sowie im Rahmen des weihnachtlichen Turmblasens aufspielten.

Die Geschichte des modernen Brass Quintetts beginnt in den 1950er Jahren mit der Gründung des New York Brass Quintet durch Robert Nagel und Harvey Phillips. Die Welle der Begeisterung griff bald auf die den Blasinstrumenten grundsätzlich verbundene amerikanischen Musikpädagogik über. Neben den Ensembles, die sich an den Musikabteilungen der Univ.en gebildet hatten, kam es innerhalb der Bläser-Register der großen Symphonie-Orchester in den 1950er und 1960er Jahren zur Gründung eigener Brass-Quintette, wie dem Minneapolis Symphony Brass Quintet. Die Bewegung griff nach Kanada über, wo sich mit Canadian Brass [Quintet] die für die weitere Entwicklung des Ensembles entscheidende Gruppe zusammenfinden sollte. Der Einfluss von Canadian Brass, seit 1972 sowohl durch zahlreiche Tourneen nach Europa, Asien, Australien wie durch vorbildliche Tonträger-Editionen bewirkt, prägt seither weltweit die Brass-Quintett-Szene. Eine Szene, die nicht allein in kurzer Zeit ein typisches Repertoire an Neukompositionen provozierte, sondern die zudem durch eine Fülle von Bearbeitungen, von J. S. Bach bis zur zeitgenössischen Popmusik und durch die spezielle Form einer „aktionistischen“ Darbietung eigene Wege gehen sollte. Durch die Verknüpfung von E- und U-Musik-Verhaltensweisen wird dabei das „bürgerliche“ Konzertgehabe in Frage gestellt. Für Praktiker und Liebhaber dieses Bläserbereiches gibt es inzwischen eigene Fachzeitschriften, u. a. das auch die österreichische Situation begleitende dreisprachige Brass Bulletin (Bulle/Schweiz 1971ff).

In Europa galt lange Zeit das englische Philip Jones Brass Ensemble als tonangebend, das 1951 nach dem Vorbild des Amsterdam Koper Quartet als Quartett begonnen hat, dann zum Quintett und schließlich zum Ensemble erweitert wurde. Von England, dem skandinavischen Raum und von den Benelux-Ländern gelangte die Brass-Bewegung nach Deutschland und auch Österreich. Die Standard-Besetzung des Brass-Quintetts mit zwei Trompeten, Waldhorn, Posaune und Tuba kann variiert werden. An die Stelle der Trompeten können Kornetts oder Flügelhörner treten, das Waldhorn mag durch eine Posaune und beide Posaunen mögen durch Tenorhörner oder Baritons/Euphonien ersetzt, statt der Tuba auch die Bass-Posaune eingesetzt werden.

Die Komposition von Brass-Quintetten in Österreich ist eng mit jenen Ensembles verbunden, die sich seit den 1980er Jahren innerhalb der Symphonieorchester sowie unter den Absolventen der Kunst-Hsch.n und in Musiklehrerkreisen gebildet haben, Vienna Brass, Brass Quintet Graz, Juvavum Brass (Salzburg), Haller Stadtpfeifer (Tirol), HoViHoLoHoff Brass Quintet (Kärnten), Blechbläser-Quintett Kremsmünster (Oberösterreich). Unter den Komponisten für diese Ensembles finden sich F. Cibulka mit insgesamt vier Brass-Quintetten, V. Fortin mit Brass Light, not Easy, J. Horovitz mit Folk Song Fantasy, Music Hall Suite und Rondino, F. Koringer mit 4 Aphorismen, H. Kratochwil mit Vergnüglichen Kurzgeschichten, H. Kügerl mit der Schloßmusik, W. Pirchner mit Do you know Emperor Joe?, eine Suite mit 17 Sätzen als Bühnenmusik zu Fritz v. Herzmanovsky-Orlando, H. Regner mit Nona net, 3 Skizzen aus Österreich, K. Schwertsik mit Blechpartie im neuesten Geschmack, W. Skolaude mit Konzert für 5 Bläser und Pezzo eroica, Hubert Stuppner mit Antiphonae „Ad Parnassum“, Reinhard Summerer mit Easy Brass, Albin Zaininger mit Les Hommes au Travail.

4. Das „Spiel in kleinen Gruppen“. In diesem Bereich sind grundsätzlich alle Bläser-Kombinationen vom Trio bis zum Oktett möglich. Darunter auch jene Instrumente, die zwar nicht im Symphonieorchester, wohl aber im B. Verwendung finden. Schwerpunkte bilden sich im Flöten-Trio, Klarinetten-Trio (drei gleichgestimmte Klarinetten), Trompeten-Trio, Klarinetten-Quartett (3 B-Klarinetten und Bass-Klarinette), Saxophon-Quartett oder -Quintett sowie im Posaunen-Quartett. Das Repertoire reicht von Bearbeitungen historischer Musik des 17., 18. und 19. Jh.s bis zu Neukompositionen, wobei auch die jeweiligen Moden der Unterhaltungsmusik bis einschließlich „Rave“ (Blow & Order, Linz) nicht ausgeklammert werden. Doch geht es in diesem Bereich in der Regel nicht um künstlerisch anspruchsvolle Werke, sondern primär soll damit eine unterrichtsbegleitende Literatur geschaffen werden, die ein „erstes Zusammenspiel“ und frühe Auftritte in der Öffentlichkeit ermöglicht.

Die Verlage haben für das „Spiel in kleinen Gruppen“ eigene Werkreihen eingerichtet: Aulós (hg. von Guido Waldmann, Willy Schneider, W. Suppan u. a.) im Möseler-Verlag, Wolfenbüttel; Der Bläserkreis (hg. von Willy Schneider) im Verlag Schott, Mainz; Alte Spielmusik für Bläser (hg. von Eberhard Werdin), ebda.; Das Bläserschiff (hg. von Willy Schneider und H. Regner); Spiel in kleinen Gruppen (hg. von H. Regner) sowie die Werkreihe für Bläser bei Grosch, jetzt Thomi-Berg in Gräfelfing/Bayern; Jugend musiziert und Fux für Bläser (hg. von W. Suppan) im Verlag Schulz, Freiburg i. B., jetzt Bohne & Schulz, Konstanz; Musik für Bläser, Verlag Bauer, Karlsruhe; Musizieren im kleinen Kreis, Verlag Halter, Karlsruhe; Werkreihe für Bläser bei Grosch, jetzt Thomi-Berg in Gräfelfing/Bayern; Die Musizierstunde, Verlag Rundel, Rot an der Rot, Baden-Württemberg;Unser Musizierstückchen, Verlag Kliment, Wien; sowie umfangreiche einschlägige Publikationsprogramme ohne Reihentitel in den Verlagen Helbling Innsbruck, Universal Edition und Doblinger, Wien, Bärenreiter, Kassel, und Molenaar, Wormerveer/NL. Als Spezialverlag für pädagogische Spielmusiken und Unterrichtswerke hat sich in Oberneukirchen/OÖ der Musikverlag Reischl niedergelassen.

Aus dem üblichen Rahmen des „Spiels in kleinen Gruppen“ hebt sich in Österreich teilweise die Pflege der Musik für Saxophon-Ensembles, v. a. Dank des Wiener und des Grazer Saxophon-Quartetts und des Saxophon-Orchesters der MUniv. Wien unter der Leitung von Oto Vrhovnik. Für das Wiener Quartett schrieben u. a. F. Cerha das Saxophonquartett (1995), W. Wagner das 2. Saxophonquartett, A. Wagendristel Rain für Saxophonquartett und Drumcomputer, für die Grazer V. Fortin das Hafer-Quartett, G. Arányi-Ascher die Chromatische Fantasie, F. CibulkaPresto, A. Wallner dasSaxophon-Quartett Nr. 1 und F. Zebinger Folks für vier Saxophone. Dem Wiener Saxophonorchester widmeten u. a. F. Cibulka Metamorphosen für steirische Harmonika und Saxophonorchester, H. Zagler Dialog, op. 145, für Percussion und Saxophonorchester, P. W. Fürst Bellaria für Violoncello und 12 Saxophone und Thomas Doss Mobilis (alle Werke 2000 in Schladming uraufgeführt), J. Sengstschmid Suite für Saxophonquartett.


Literatur
M. Bacher, Geschichte und Literatur des Blechbläserquintetts, Dipl.arb. Innsbruck 1994; E. Brixel, Klarinetten-Bibliographie 1978; B. Brüchle, Horn-Bibliographie 1 (1970), 2 (1975); F. Cibulka, Die Klarinette in Kammermusikwerken (Duo bis Quintett) steirischer Komponisten des 20. Jh.s, Dipl.arb. Graz 1984; W. Deutsch in B. Habla (Hg.), [Fs.] W. Suppan 1993; U. Ehgartner, Johann Sengstschmids „Suite für Saxophonquartett“ und ihre Ursprungswerke, Dipl.arb. Graz 1997; V. Kalisch in Alta musica 20 (1998); B. Koenigsbeck, Fagott-Bibliographie 1994; U. Kramer in Alta musica 20 (1998); A. Marold, Spiel in kleinen Gruppen 1999; U. Mazurowicz, Das Streichduett in Wien von 1760 bis zum Tode Joseph Haydns 1982; Art. Duett in MGG 2 (1995); U. Sirker, Die Entwicklung des Bläserquintetts in der 1. Hälfte des 19. Jh.s 1968; A. Suppan in Stud. mus. 36 (1995); W. Suppan in Alta musica 9 (1987); W. Suppan in ÖMZ 48 (1993); W. Suppan in A. Laubenthal (Hg.), [Fs.] L. Finscher 1995; F. Finscher in Neues Musikwissenschaftliches Jb. 4 (1995); L. Finscher in K. Bachmann/W. Thies (Hg.), [Fs.] H.-P. Hesse 2000.

Autor(en)
Wolfgang Suppan †
Empfohlene Zitierweise
Wolfgang Suppan †, Art. „Bläserkammermusik‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 25/05/2001]