Logo IKM
OeML Schriftzug
Logo OeML
Logo Verlag

Böhmen
Historische Landschaft im Westen der Tschechischen Republik; 1526–1918 Teil der Habsburgermonarchie (bereits seit dem Mittelalter eng mit dieser kulturell wie politisch verbunden) mit (1910) 51.948 km 2 und 6.712.944 Einwohnern, davon rund 63,2% mit tschechischer und 32,8% mit deutscher Umgangssprache; Hauptstadt: Prag. Als böhmische Länder oder Länder der Hl. Wenzelskrone wurden das Königreich B. und die Markgrafschaft Mähren, auch Teile Schlesiens verstanden.

(I) Seit dem 6. Jh. von Slawen besiedelt, gewann die um Prag lebende Gruppe der Tschechen unter der Führung des Geschlechts der Přemysliden im 9./10. Jh. die Oberhand über andere Teilfürstentümer. Seit dieser Zeit war der böhmische Herzog dem Römisch-deutschen Reich tribut-, dann lehenspflichtig, die Bindung war aber nie so stark wie bei den anderen Herzogtümern und schwächte sich in der Folge weiter ab, obwohl die böhmischen Herzöge seit 1114 ein Reichserzamt und seit dem 12. Jh. die Kurfürstenwürde innehatten, und sich die inneren Verhältnisse B.s immer stärker an die im Reich herrschenden anglichen. Schon seit dem 12., vermehrt aber seit dem 13. Jh. kamen fremde, meist deutschsprachige Siedler ins Land, die neue Wirtschafts- und Organisationsformen mitbrachten und für den Landesausbau, die Binnenkolonisation in Stadt und Land und für die Intensivierung des für ein Transitland wie B. wichtigen Handels sowie des Bergbaues herangezogen wurden. Anzahl und Bedeutung der Städte nahmen zu. Gestützt auf die im Innern gestärkte Königsherrschaft (seit 1198 hatten die Přemysliden die erbliche Königswürde inne) begannen die letzten Přemysliden eine Expansionspolitik in Ostmitteleuropa. Přemysl Otakar II. dehnte seine Herrschaft von Schlesien über Österreich, die Steiermark, Kärnten, Krain und Cilli (Celje/SLO) bis fast zur Adria aus, unterlag aber in seinem Bestreben, die deutsche Königswürde zu erlangen, 1278 in der Schlacht von Dürnkrut und Jedenspeigen/NÖ Rudolf v. Habsburg.

Nach dem Aussterben der Přemysliden 1306 folgten ihnen die Luxemburger. Johann von Luxemburg war innenpolitisch nicht sehr erfolgreich, jedoch gelang ihm der dauerhafte Erwerb des Egerlandes und Schlesiens. Unter seinem Sohn Karl IV. (1346–78), der in Paris erzogen worden war, erlebten B. und insbesondere Prag, das Karl als deutscher König und Römischer Kaiser zum Mittelpunkt seines Herrschaftsbereiches machte, eine Zeit hoher wirtschaftlicher und kultureller Blüte (Gründung der ersten Univ. nördlich der Alpen 1348, Neubau der St.Veit-Kathedrale, der Burg Karlstein [Karlštejn/CZ], zahlreiche Kirchen- und Klosterbauten), die böhmischen Länder bildeten das glanzvolle Zentrum Mitteleuropas. Karl festigte die Position der Krone gegenüber den Ständen, steigerte die Effizienz der königlichen Verwaltung und sicherte B. im Rahmen des Reiches ein großes Maß an Unabhängigkeit. Karls Erfolge hatten eine Stärkung des böhmischen Landesbewusstseins zur Folge, das vom Herrscher durch den bewussten Rückgriff auf die Traditionen der mittelalterlichen Landesheiligen zusätzlich gefördert wurde. Gleichzeitig kündigten sich im religiösen Bereich Reformbewegungen an, die bald in Jan Hus (Hussiten) und der böhmischen Reformation gipfeln sollten.

Karls Sohn Wenzel IV. konnte der schweren religiösen, sozialen und nationalen Konflikte in B., im Reich und in der römischen Kirche nicht Herr werden; die Verurteilung und Hinrichtung von Jan Hus auf dem Konstanzer Konzil 1415 führten zu Spaltungen in der Bevölkerung und zu lange währenden gewaltsamen Auseinandersetzungen. Die militärischen Erfolge des hussitischen Volksheers (unter der Führung Jan Žižkas und anderer) konnten jedoch in keinen dauerhaften Sieg umgemünzt werden. Als Ergebnisse der böhmischen Reformation können die weitgehende Säkularisierung der Kirchengüter, die Verdrängung des geistlichen Standes aus dem Landtag und die erste dauerhafte Konfessionsspaltung in einem europäischen Land bezeichnet werden. Gewinner des Jahrzehnte währenden Ringens war der Hochadel, der erheblich an ökonomischer Potenz gewonnen hatte, daneben auch der niedere Adel und die Städte: B. war zu einer von den Ständen dominierten Monarchie geworden.

Nach dem Tod des letzten Luxemburgers, Kaiser Sigmund, 1437, kamen in der Person von Albrecht II. (V.) und Ladislaus Postumus erstmals die Habsburger in den Besitz der Wenzelskrone; der neuerliche Anlauf, die böhmischen Länder, Österreich und Ungarn unter einem Herrscher zu vereinigen, scheiterte indes erneut. Der böhmische Adelige Georg von Podiebrad richtete ein „nationales Königtum“ auf, jedoch gelang es ihm nicht, die in getrennten religiösen und nationalen Lagern stehende Bevölkerung zu innerer Geschlossenheit zu führen und die Umwandlung B.s in einen Ständestaat aufzuhalten. Auf Georg folgte mit Vladislav II. ein Mitglied der polnischen Jagiellonen, während dessen langer Regierungszeit die religiösen Konflikte etwas abnahmen. Die Position des Adels gegenüber den anderen Ständen und dem Königtum wurde weiter gestärkt, die Vladislavische Landesordnung von 1500 gilt als Grundgesetz der Ständeherrschaft. Zudem verminderte das Ausgreifen der Jagiellonen nach Ungarn die Bedeutung B.s im Spiel der internationalen Mächte weiter. Als mit dem Tod von Vladislavs Sohn Ludwig bei Mohács 1526 der böhmisch-ungarische Zweig der Jagiellonen im Mannesstamm ausstarb, hatte der Adel seine Position weiter gefestigt, die rasche Ausbreitung lutherisch-reformatorischen Gedankenguts ließ für die Zukunft eine weitere Front im Ringen zwischen Königsmacht und Ständeherrschaft entstehen.

Der neue König Ferdinand I., dessen Anwartschaft auf die Krone sich aus verschiedenen Erbverträgen und familiären Verbindungen herleitete und der 1527 die (mit zwei Ausnahmen) bis 1918 ununterbrochene Reihe böhmischer Könige aus dem Haus Habsburg eröffnete, ging gezielt gegen die bisherige Ständefreiheit und die konfessionelle Vielfalt vor, was zur Ständerevolte von 1547 führte, deren Scheitern wiederum den Ausbau monarchisch-absolutistischer Grundsätze (die Erklärung B.s zum Erbkönigreich ist ein Indiz dafür) und eine durch zahlreiche gegenreformatorische Maßnahmen (Gegenreformation) gekennzeichnete Verhärtung auf religiösem Gebiet zur Folge hatte. Unter Maximilian II. schlug das Pendel wieder in die Gegenrichtung aus: Der König bestätigte die sog. „Confessio Bohemica“ zwar nur mündlich, doch bedeutete diese für die protestantischen Adeligen und ihre Untertanen immerhin ein größeres Ausmaß an Rechtssicherheit. Unter Rudolph II. (1576–1612) erlebte Prag die vielleicht glanzvollste Epoche seiner Geschichte, da der Kaiser seine Residenz von Wien in die böhmische Metropole verlegte und die Prager Burg im Stil der Renaissance ausbaute. An Rudolphs Hof blühte auch die bildende Kunst; Rudolphs Sammlung ist legendär. Er förderte aber ebenso die Astronomie und die Alchimisten und unterhielt eine weithin berühmte Hofmusikkapelle. Der Adel, dessen Grundherrschaften dank moderner Wirtschaftsmethoden und der partiellen Einrichtung frühkapitalistischer Manufakturen hohe Erträge abwarfen, schloss sich dem kulturellen Aufbruch an. In politischer und religiöser Hinsicht (etwa fünf Sechstel der Landtagssitze entfielen auf Nicht-Katholiken) kam es jedoch zu keinem Gleichklang zwischen dem Herrscher und den Ständen. Der „Bruderzwist im Hause Habsburg“ (zwischen dem kinder- und daher erbenlosen und überdies äußerst entscheidungsschwachen Rudolph und seinen Brüdern, allen voran Matthias) tat ein übriges, um die Situation zu verschärfen. 1609 erreichten die Stände die Ausstellung eines Majestätsbriefes, in dem Rudolph die „Confessio Bohemica“ anerkannte und die religiöse Toleranz einerseits auf alle Konfessionen, denen ihr bisheriger Besitzstand garantiert wurde, andererseits auch auf die Städte und die Bauern ausdehnte. Ein Versuch des Königs, die Konzessionen durch den Einsatz militärischer Mittel zurückzunehmen, scheiterte, Rudolph legte daraufhin die böhmische Krone nieder, die auf Matthias überging. Obwohl dieser den Majestätsbrief bestätigt hatte, war seine Politik auf die Wiederherstellung der uneingeschränkten königlichen Autorität, die Zurückdrängung des ständischen Einflusses und der Nicht-Katholiken ausgerichtet. Die Rückverlegung der kaiserlichen Hofhaltung von Prag nach Wien und die damit zum Ausdruck kommende Rückstufung B.s vom Mittelpunkt zu einem der Nebenländer der Habsburgermonarchie war wohl auch als Kampfansage an die Stände zu verstehen.

Da die Spannungen zunahmen, beschlossen die evangelischen Stände Gewaltmaßnahmen gegen die königlichen Statthalter: Der „Prager Fenstersturz“ vom 23.5.1618 war das Signal zum bewaffneten Aufstand, bei dem es nicht nur um Religionsfragen ging, sondern auch um die Ablösung einer autokratischen Monarchie durch einen oligarchischen Ständestaat. 1619 beschlossen die Aufständischen eine Konföderationsakte, in der B. als Wahlkönigreich proklamiert und ihm eine ständestaatliche Verfassung gegeben wurde. Ferdinand II. (1617 zum König gekrönt) wurde für abgesetzt erklärt und der Calvinist Friedrich V. von der Pfalz zum neuen König gewählt. In einer kurzen Entscheidungsschlacht am Weißen Berg bei Prag besiegten die Kaiserlichen im November 1620 das Ständeheer, Friedrich V. flüchtete außer Landes. Ferdinand II. nutzte die Gunst der Stunde zu einer kompromisslosen Abrechnung mit den Ständen, zur Etablierung der ausschließlichen Souveränität des Monarchen, der Schaffung eines loyalen Adels und zur konfessionellen Vereinheitlichung des Landes. 1621 wurden 27 Aufstandsführer in Prag hingerichtet, die Güter vieler Adeliger, Bürger und Städte konfisziert. Fast drei Viertel des Bodens wurden umverteilt, zahlreiche Nicht-Katholiken wanderten aus. Nutznießer waren einerseits der einheimische katholische Adel, andererseits viele ausländische Adelige, die im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges als treue Gefolgsleute des Kaisers belohnt wurden. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 standen sich im böhmischen Herrenstand alteingesessene Mitglieder und Neuankömmlinge im Verhältnis 4:3 gegenüber. Relativ bald aber verschmolzen beide Gruppen zu einer dem Herrscherhaus loyalen, durch gemeinsame Religion, Güterbindung und schließlich auch Heiratsverbindungen zusammengehaltenen gesellschaftlichen und politischen Elite, deren selbständige politische Aktionsräume allerdings durch die Verneuerte Landesordnung von 1627 erheblich eingeschränkt waren; durch die neue Landesordnung wurden die böhmischen Länder definitiv zum habsburgischen Erbkönigreich erklärt. Dem König waren Gesetzgebung, oberste Rechtsprechung, Beamtenernennung und Adelserteilung vorbehalten. Das eigentliche Entscheidungszentrum wurde die schon 1624 nach Wien verlegte Böhmische Hofkanzlei. Die nun festgesetzte Gleichberechtigung beider Landessprachen hatte schließlich das Vordringen der deutschen Amtssprache zur Folge, nachdem schon im Laufe des 16. Jh.s und dann vermehrt im 17. Jh. das deutsche Element innerhalb der Bevölkerung durch wirtschaftlich bedingte Zuwanderung wieder an Bedeutung gewonnen hatte, sodass es um 1700 rund ein Fünftel der Landesbevölkerung ausmachte.

Krieg, Vertreibungen, Auswanderung und Naturkatastrophen hatten die Bevölkerung und die Wirtschaftskraft B.s schwer in Mitleidenschaft gezogen. Am schwersten waren die Städte betroffen, aber auch die abhängigen Bauern, denen der Hauptteil der stets steigenden Steuerlast aufgebürdet wurde, litten unter dem Konzentrationsprozess und der wirtschaftlichen Umstellung der Grundherrschaften, was in der 2. Hälfte des 17. und 1. Hälfte des 18. Jh.s zu mehreren Bauernaufständen führte. Der nunmehr international ausgerichtete und mit den führenden katholischen Geschlechtern Europas versippte Hochadel besaß zwar keinen wesentlichen politischen Gestaltungsspielraum mehr, war jedoch im Ausbau seiner wirtschaftlichen Basis, der Grund- bzw. Gutsherrschaft, erfolgreich. Die Besitzveränderungen nach 1620 hatten einen bedeutenden Konzentrationsprozess zur Folge: 5% der adeligen Familien besaßen etwas mehr als die Hälfte aller Grundherrschaften, was ihnen bei den stets steigenden Abgaben seitens der Bauern ein beträchtliches Kapital sicherte. Diese reichen Herrengeschlechter, die auf ihren umfangreichen Ländereien weitgehend autark wirtschafteten, verfügten über die nötigen Mittel, um den Aufbau von Manufakturen voranzutreiben und jene protoindustrielle Entwicklung in die Wege zu leiten, die die Wirtschaftsstruktur B.s für die Zukunft nachhaltig prägen sollte.

Dank strenger Wirtschaftsführung und unternehmerischer Erfolge erfreuten sich nicht wenige Aristokraten eines beachtlichen Reichtums, der sie in die Lage versetzte, eine rege und kostspielige Bau- und Mäzenatentätigkeit auszuüben. Auf ihren Gütern, in Prag und z.T. auch in Wien entfalteten sie eine rege Bautätigkeit; auch Theater und Musik zählten zu den integrierenden Bestandteilen des adeligen Lebensstils. Die katholische Kirche stand mit ihrer Bautätigkeit dem Adel bei der Entwicklung des „böhmischen Barock“ in nichts nach. Die Rekatholisierungsmaßnahmen (zu denen auch die von den Jesuiten betriebene Heiligsprechung des Johannes von Nepomuk [1729] zu zählen ist, der neben dem Hl. Wenzel zur wichtigsten Symbolfigur des Landes aufstieg) waren zwar nach außen hin erfolgreich, dennoch lebte das Gedankengut der Utraquisten, der Böhmischen Brüder und der Lutheraner in einem Teil der Bevölkerung im Untergrund fort, was sich auch noch viel später in einer in Relation zu anderen habsburgischen Gebieten stärkeren Hinwendung zum Rationalismus manifestierte. Bildungswesen und Wissenschaftsbetrieb lagen in den Händen der Geistlichkeit, insbesondere der Jesuiten, die sich aber auch um die Volkssprache, das Tschechische, kümmerten, das primär im bäuerlichen Milieu und bei den städtischen Unterschichten vorherrschte, jedoch in der volkssprachlichen Predigt und in der Sprachwissenschaft Pflege und weitere Vervollkommnung erfuhr.

Der 1740 ausgebrochene Österreichische Erbfolgekrieg brachte nicht nur in der Person des bayrischen Kurfürsten Karl Albert (als römisch-deutscher Kaiser Karl VII.) ein kurzes Intermezzo bei den Inhabern der böhmischen Königswürde, sondern durch die Abtretung des größten Teils von Schlesien (1742; 1748 und 1763 bestätigt) den ersten größeren territorialen Verlust für die Länder der böhmischen Krone seit dem Mittelalter (die Lausitzen waren bereits 1635 bzw. 1648 verloren gegangen). Die durch die Kriege aufgezeigten Mängel im gesamten Staatsorganismus der monarchia austriaca konnten nur durch eine gründliche Verwaltungsreform beseitigt werden, die auf eine Vereinheitlichung, Zentralisierung und Bürokratisierung und damit eine Einbindung B.s in den werdenden Gesamtstaat abzielten. V. a. die wirtschaftlichen Reformen waren darauf abgestellt, à la longue die Wirtschaftskraft des Landes zu heben. Sie trafen sich mit den Bestrebungen der adeligen und nun auch vermehrt bürgerlichen Produzenten, die Frühindustrialisierung voranzutreiben. Nach den napoleonischen Kriegen machte B. durch die Einführung maschinengestützter Produktionsweisen in der Tat grundlegende wirtschaftliche Veränderungen durch, die für die Betroffenen freilich auch sehr ernste soziale Konsequenzen hatten (z. B. Massenarbeitslosigkeit, Maschinenstürme, großes Bevölkerungswachstum, erhöhte Mobilität, Intensivierung der Verkehrs- und Kommunikationsmittel, Urbanisierung).

Parallel zum Prozess der Frühindustrialisierung und in engem Wechselspiel damit zeigt sich ein weiteres Charakteristikum: der Nationsbildungsprozess, der Teile sowohl der deutsch- als auch der tschechischsprachigen Bevölkerung erfasste, wegen der bei den Tschechen schlechteren Ausgangsbasis dort aber spektakulärer verlief. Der ursprünglich noch vorherrschende Landespatriotismus, ein „Bohemismus“, der ein „Zusammenwachsen der Stämme B.s“ propagierte, sprachliche Gleichberechtigung forderte und eine spezifisch böhmische Kultur und Lebensart vorsah, geriet gegenüber der Herausbildung eines differenzierten, geistig-kulturellen und schließlich nationalen Eigenbewusstseins der Tschechen immer mehr in den Hintergrund.

1848 zeigte sich, dass die nationale Trennungsideologie bereits weitere Kreise der Intelligenz, der städtischen Bevölkerung (auch der kleinen Landstädte), des Adels, kaum jedoch noch die Bauernschaft erfasst hatte. Der Versuch, am Reichstag in Wien und dann in Kremsier zu einer nationalpolitischen Einigung zu gelangen, wurde von der Regierung verworfen. Unter dem Deckmantel des unifizierenden Neoabsolutismus, der allerdings auf dem Gebiet der Verwaltungsorganisation und in wirtschaftlicher Hinsicht so manche zukunftsweisende Reformen brachte, schritt die Herausbildung getrennter Gesellschaften weiter voran. Diese Nationalgesellschaften schufen sich im Lauf der 2. Hälfte des 19. Jh.s eigene kulturelle Lebenswelten, die sich durch eine bemerkenswerte Parallelität und eine Vielzahl struktureller Ähnlichkeiten auszeichneten. Im Zuge des nationalen Auseinandertretens offenbarten sich jedoch Unterschiede: Während sich die Deutschen in der Politik an die Organe des Gesamtstaates – die diversen, hierarchisch gegliederten Ebenen der staatlichen Verwaltung und das Zentralparlament in Wien – hielten, betrachteten die Tschechen den 1861 reaktivierten und auf der Basis eines sozial ziemlich exklusiven Kurienwahlrechts zusammengesetzten Böhmischen Landtag in Prag und daneben die Organe der autonomen Selbstverwaltung als hauptsächliche Bühne für ihr politisches Agieren. Verschiedene Anläufe, nach dem Muster des 1867 geschlossenen Ausgleichs mit Ungarn, den böhmischen Ländern eine ähnliche Position zu sichern, scheiterten; anders als in Mähren kam es zu keiner grundsätzlichen Lösung.

Diese politischen Differenzen vermochten jedoch nicht, die ungeheuer dynamische Entwicklung zu verhindern, die das Land und seine Bewohner zwischen 1860 und 1914 in Richtung einer durchgreifenden Verbürgerlichung und Modernisierung in allen Lebensbereichen durchmachte, sodass B. auf vielen Gebieten der geistigen Kultur und der materiellen Zivilisation beachtliche Leistungen aufweisen konnte. B. war vor 1914 innerhalb der Habsburgermonarchie das Land mit dem höchsten Grad an Industrialisierung, aber auch das mit der geringsten Analphabetenrate und der größten Schuldichte, Erscheinungen, die nicht zuletzt auf das Konkurrenzdenken zwischen Tschechen und Deutschen zurückzuführen sind. Um 1900 gab es in B. zwei voll entwickelte Nationalgesellschaften, die sich in kultureller, sozialer und politischer Hinsicht auf einem etwa gleich hohen Niveau befanden. In wirtschaftlichen Belangen waren die Deutschen freilich auch weiterhin führend. Die Juden hatten sich lange Zeit hindurch mehrheitlich dem deutschen Kulturkreis zugehörig gefühlt, hatten auch politisch die deutsch-zentralistischen Positionen unterstützt und wandten sich erst allmählich der tschechischen Sache zu. In B. existierten zwei in sich vielfach differenzierte Parteienlandschaften, zwei ausgedehnte Systeme von politischen, wirtschaftlichen, kulturellen usw. Selbsthilfevereinen und -organisationen, jede Nation verfügte über einen voll ausgebildeten Sozialkörper, bei beiden fehlte es jedoch an der Bereitschaft, die Verwirklichung der je eigenen Ziele zugunsten eines friedlichen Zusammenlebens in einem gemeinsamen übernationalen Staat zurückzustellen.

Noch bevor die Habsburgermonarchie de jure zu bestehen aufhörte, hatten Mitglieder des Tschecho-slowakischen Nationalausschusses am 28.10.1918 die Errichtung des tschecho-slowakischen Staates verkündet, dessen Ministerpräsident Kramář Mitte November das Haus Habsburg für abgesetzt erklärte und den neuen Staat (ČSR) als Republik deklarierte, der neben B., Mähren, Österreichisch-Schlesien auch die Slowakei und die Karpathoukraine angehörten.

Bis Ende 1948 blieb B. ein eigenes Verwaltungsgebiet. Nach der Machtübernahme der Kommunisten in der ČSR 1948 erfolgte per 1.1.1949 eine Verwaltungsneugliederung, bei der das Land B. (und auch Mähren und Schlesien) als Verwaltungseinheit aufgelöst und in mehrere Kreise zerlegt wurde. Eine Verwaltungsreform von 1960 sah eine Kreiseinteilung vor, bei der sogar die alte Ländergrenze zwischen B. und Mähren verwischt wurde, der Name in den Kreisbezeichnungen (südböhmischer Kreis etc.) aber immerhin noch erhalten blieb. Mit der neuen Gebietseinteilung vom 1.1.2000 schwand auch diese Reminiszenz, das historischeB. hat endgültig zu bestehen aufgehört.

(II.1.) Die ersten Belege über Musik und Musikleben im Mittelalter beginnen auch in B. mit den frühesten Nachrichten über liturgischen Kirchengesang. Die Christianisierung der B. ging von Mähren aus (Taufe des Fürsten Bořivoj durch Erzb. Metoděj wahrscheinlich um 883). Die anfangs praktizierte altslawische Liturgie erhielt sich zwar bis zum Ende des 11. Jh.s im Benediktinerkloster in Sázava, wurde jedoch seit dem Beginn des 10. Jh.s sukzessive durch die lateinische (römische) verdrängt (u. a. durch Missionare aus dem Raum Salzburg, Regensburg/D, Mainz/D und Passau). Ab der Mitte des 10. Jh.s war es in B. zu zahlreichen Klostergründungen nach div. Ordensregeln und zur Entstehung von Kapiteln in den bedeutenderen Städten gekommen (z. B. Vyšehrad, Stará Boleslav, Leitmeritz Mělnik, Sadská), in denen der liturgische Gesang gepflegt wurde; bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang Kontakte in den süddeutsch-österreichischen Raum (z. B. nach Klosterneuburg: aus den dort wie auch in B. benutzten spätlothringischen Neumen entwickelte sich die im 14. Jh. verbreitete sog. rhombische Notation; Erzb. Arnošt z Pardubic [1344–64] ließ in den 1360er Jahren neue Choralbücher in dieser Notation als Vorbild für die ganze Erzdiözese herstellen); große Segmente des Chorals wurden seit dem 13. Jh. in B. und der Salzburger Erzdiözese verwendet, z. B. Tropen, Ordinariumssätze [Messe], Hymnen. Belege für Choralschaffen in B. (Hymnodie, Sequenzen, Reimoffizien u. a.) sind ab dem 12. Jh. zu finden; als Autoren (zumindest der Texte) werden u. a. Domaslav (Biographie unbekannt) und Erzb. Jan v. Jenštejn vermutet.

Wahrscheinlich ab der 2. Hälfte des 12. Jh.s kann man in den böhmischen Klöstern auch eine organale Improvisationspraxis voraussetzen (Mehrstimmigkeit); älteste schriftliche Belege sind ab dem Ende des 13. Jh.s (bis hinein in das 15./16. Jh.) zu finden. Die Erforschung des frühen Organum in Österreich und den böhmischen Ländern hat gezeigt, dass beide Länder in ein den gesamten Nordalpenraum umspannendes Netz eingegliedert waren. Es kann darauf verwiesen werden, dass Gegenstücke zu den böhmischen Quellen (im Besonderen bei Offiziumslesungen, Benedicamus domino und Stimmtauschsätzen des Messordinariums) in Göttweig, Graz, Heiligenkreuz, Innsbruck, Klosterneuburg , Marienberg, Vorau, Wien zu finden sind. Die Hs. Innsbr (RISM B IV-2: A-Iu 457) beinhaltet viele Stücke (Organa, Lieder), die auch in den böhmischen Ländern zu finden sind, doch ist ihre Herkunft aus der Karthause Schnals/Südtirol seit einiger Zeit umstritten (Stenzl 2000), sodass die ältere Hypothese einer engen Beziehungen der Schnalser Hs. zur organalen Praxis wie auch zur Liedüberlieferung in B. so nicht mehr haltbar ist. Auch andere Gattungen mittelalterlicher Mehrstimmigkeit wurden im Bereich der Kirche (der Liturgie) genützt: Motetten des sog. Engelberger Typus sind später in B. bis zu 5-stimmigen Gebilden modernisiert worden.

Seit frühester Zeit entwickelte sich auch ein tschechischsprachiges geistliches Lied. Die altslawische (!) Litanei wurde zum tschechischen Lied Hospodine, pomiluj ny [Herr, erbarme dich unser], im 12. Jh. entstand wahrscheinlich das Lied Svatý Václave, vévodo české země [Heiliger Wenzel, Herzog des böhmischen Landes], später auch Buóh všemohúcí (nach dem deutschsprachigen Christ ist erstanden) und Jezu Christe, ščedrý kněže [Jesus Christus, du freigiebiger Fürst]. Das Liedschaffen (in lateinischer wie tschechischer Sprache) ist im 14. Jh. ungewöhnlich stark angewachsen, manche Melodien bzw. Lieder haben sich über ganz Europa verbreitet.

Was die Anfänge der weltlichen Musikpflege betrifft, waren in Prag – bei Hof und bei festlichen Angelegenheiten allgemein – ab dem 11. Jh. auch Instrumentalisten tätig. Ab dem 13. Jh. wurde am Hof der Minnesang gepflegt (z. B. Reinmar v. Zweter); an die Lieder von Neidhardt v. Reuenthal erinnerten sich noch über 100 Jahre nach seinem Tod der Prager Chronist Petr Žitavský und Jan Hus. Unter dem Einfluss Frauenlobs (Heinrich v. Meissen) entstand der Leich Závišova píseň, dessen Melodie noch im 15. und 16. Jh. als „Choralstück“ (Kyrie, Gloria, Alleluja) benützt wurde. Nur Weniges an tschechischer Liebeslyrik ist hingegen mit Melodien überliefert.

An der 1348 gegründeten Prager Univ. wurde die ars musica nach den Schriften von Boethius und später von Johannes de Muris (wahrscheinlich Musica speculativa) gelehrt. Im Umkreis der Univ. war wahrscheinlich noch ein anonymer Traktat aus dem Jahr 1369 über Mensuralnotation der ars nova bekannt. In diesem Umfeld entstanden wahrscheinlich einige Lieder im Kantilenensatz (Flos florum) und die isorhythmische Motette Ave coronata–Alma parens, die auch in Traktaten aus dem 15. Jh. (u. a. aus Breslau (Wrocłav/PL, Brieg, Melk) zitiert ist.

Im Verlauf des hussitischen Aufstandes, dem Vorgänger der Reformationsbewegungen in Europa, wurde zwar das Kirchensystem zerstört, doch bildeten sich neue Richtungen des Gesanges im Gottesdienst heraus: durch Übersetzungen des lateinischen (gregorianischen) Chorals in die Landessprache und ein reiches Liedschaffen (neue Melodien oder Adaptierungen). Diese wurden zum Kern des hussitischen Gottesdienstes, wie er durch dasJistebnitzer Kantional (ein Unikat) aus den 1420er Jahren dokumentiert ist (in dieser Quelle ist auch das berühmte Kampflied Ktož sú Boží bojovníci [Ihr, die ihr für Gott und sein Gesetz kämpft] überliefert). Ab den 1440er Jahren kehrten die Utraquisten (Kommunion sub utraque specie) wieder zum lateinischen Choral zurück, gegen Ende des 15. Jh.s formierten sich sog. Literatenbruderschaften (Bruderschaft), die liturgischen Gesang (einstimmig wie in Polyphonie) pflegten. Erst um die Mitte des 16. Jh.s. wurde die Liturgie ganz in die tschechische Sprache übersetzt, dabei aber der Charakter des Chorals stark verändert.

Im 15. und auch noch im 16. Jh. war eine vorhussitische („archaische“) Mehrstimmigkeit (mehrtextige Motetten, Liedkompositionen) verbreitete musikalische Praxis. Diese wurde um die Mitte des 15. Jh. durch Petrus Wilhelmi aus Graudenz (1392? – ca. 1480?) modernisiert. Auf seinen Reisen quer durch Europa (von Polen bis nach Westeuropa) zog Wilhelmi auch durch B., wo sich heute die Mehrzahl seiner noch überlieferten Werke finden. Zu erwähnen ist, dass sich Petrus Wilhelmi um 1440 im Dienst Kaiser Friedrichs III. befunden hatte und noch im Jahr 1452 in Rom in Friedrichs Umkreis zu finden ist. Einige von Wilhelmis Werken sind in dem in Wien entstandenen sog. Codex St. Emmeram (D-Mbs, lat. 14724, H. Poetzlinger), in den Trienter Codices sowie in Streuüberlieferung erhalten geblieben.

Die zeitgenössische frankoflämische Polyphonie setzte sich in B. in der 2. Hälfte des 15. Jh.s durch. Wichtige böhmische Quellen sind der Codex Strahov (CS-Ppm D.G.IV.47, ca. 1470) und der Codex Speciálník (CS-HK II A 7, zw. 1485/1500). Sie beinhalten ein Repertoire (Messen, Motetten, Lieder), das auch in anderen europäischen Quellen zu finden ist (von Guillaume Dufay bis Josquin Desprez), doch auch Werke tschechischer Autoren. 1512 erschien in Wien das lateinische Handbuch Musicorum libri quattuor von V. Philomates aus Neuhaus (Jìndřichův Hradec/CZ).

(II.2) 1526 wurde der Habsburger Ferdinand I. König von B. und Ungarn. Die Herrschaft durch die Habsburger-Dynastie bedeutete ein allmähliches Aufgeben der kulturellen Isoliertheit zu Gunsten einer Internationalisierung des Musiklebens der Länder der Böhmischen Krone. Die Habsburger haben ihr Wirken in B. mit einer symbolischen Tat begonnen: Anlässlich der Krönung Ferdinands I. bestellten sie bei Adrian Willaert die Motette Haud aliter pugnans, in der der Komponist die Melodie des altböhmischen St. Wenceslaus-Hymnus Dies venit victorie verwendet – es war dies der erste, aber von Seiten der Habsburger auch einer der letzten Versuche, die heimische Tradition zu rezipieren, die folgenden Aktivitäten des Hofes waren, wenn auch dem internationalen Trend folgend, vom Import des Repertoires, der Musiker und der Aufführungspraxis geprägt.

Durch die nunmehrige Verdichtung der persönlichen Kontakte und der Handelsbeziehungen zwischen den Böhmischen Ländern und dem übrigen Europa wurde in den nächsten Jahrzehnten in B. ein neues Repertoire eingeführt; eine wichtige Rolle spielte dabei der sich seit Beginn der Neuzeit entwickelnde Musikmarkt. Einen Impuls für die heimische Musikkultur bedeutete die Anwesenheit von Erzhzg. Ferdinand II. v. Tirol in Prag (1544–66), der als kaiserlicher Statthalter von B. (1547) die Kultur der Spätrenaissance nach B. brachte. Auch die böhmische Hofmusikkapelle Kaiser Ferdinands I. (gegr. 1526) trug zum Glanz des Prager Hofes, der zum Zentrum des gesellschaftlichen Lebens wurde, bei. Eine wichtige Rolle bei der Neuausrichtung der Musikkultur spielten auch die nun in Mode kommenden Italienreisen zahlreicher böhmischer Adeliger – als wichtigste jene der Stände von 1551/52, um Erzhzg. Maximilian (den späteren Kaiser Maximilian II.) bei seiner offiziellen Rückkehr aus Spanien zu begrüßen; italienische Einflüsse in Kunst und Musik sind bald darauf an den Höfen der aufgeschlosseneren unter ihnen (z. B. Wilhelm von Rosenberg [Vilém z Rožmberka]) zu finden.

Anfang der 1580er Jahre übersiedelte Kaiser Rudolph II. mit seinem Hof (einschließlich der HMK) nach Prag. Die kaiserliche HMK war ein professionelles Ensemble, dessen Mitglieder zu den bedeutendsten Musikern der Zeit zu zählen sind, sodass Prag an der Wende vom 16. zum 17. Jh. zu einem europäischen Musikzentrum wurde (Ph. de Monte, Ch. Luyton, C. Zanotti, Fr. Sales, J. Regnart, J. Hassler, G. Turini u. a.) und deren Werke u. a. in Prag gedruckt wurden (z. B. von Georg Nigrin [Jiří Černý]). Die kaiserlichen Musiker beeinflussten auch die angestammte Musikkultur, ihre Kompositionen wurden von Bruderschaften (literátská bratrstva, Fraternitas litteratorum, die bedeutendste war das Prager Collegium musicum, gegr. 1616) übernommen, die nach dem Vorbild der Zünfte organisiert waren und zur Musikausübung in Kirchen zusammenkamen (Kompositionen dieser Zeit sind außer in Drucken auch in Abschriften aus dem Besitz dieser Fraternitates erhalten, z. B. aus Kuttenberg [Kutná Hora], Prag, Krumau [Český Krumlov ], Aussig an der Elbe, Klattau [Klatovy], Brünn, Chlumetz a. d. Zidlina [Chlumec nad Cidlinou]). Wie auch später in Wien – und charakteristisch für die Habsburgerhöfe – wirkte der Prager Hof deutlich in das Kulturleben der Stadt und in die Trabantenhöfe des Adels hinein (Widmungen, Mitwirkung bei Adelskapellen, Unterricht, Beschaffung von Musikalien und Instrumenten etc.). Nach der Krönung von Matthias zum böhmischen König (1611) bzw. zum deutschen Kaiser (1612) und dem Tod Rudolphs II. (1612) übersiedelte der Hof wieder nach Wien; in Prag blieben nur wenige pensionierte Musiker. Unter den am 21.6.1621 am Prager Altstädter Ring hingerichteten Teilnehmern am Aufstand der böhmischen Stände gegen die Habsburger befand sich auch der bedeutendste Komponist der böhmischen Renaissance, K. Harant z Polžic a Bezdružic.

(II.3) Die Anfänge der Barockmusik in B. sind um 1620 anzusetzen. Während des Dreißigjährigen Krieges vollzog sich auch in den Böhmischen Ländern eine grundlegende gesellschaftliche, wirtschaftliche und auch kulturelle Wende, die durch die Neudefinition der Beziehungen zwischen den Habsburgern und den böhmischen Ständen nach der Schlacht am Weißen Berg verschärft wurde. Doch trotz der neuen Verhältnisse behielt Prag seine Stellung als Musikzentrum des Landes, das neue Impulse aufzunehmen bereit war und mit den übrigen europäischen Musikzentren in regem Austausch stand. Der Hof hat in den nächsten 120 Jahren Prag nur viermal besucht (1627, Ende des Jahres 1647 bis Mai 1648, September 1679 bis Mai 1680 und Ende August bis Anfang November 1723). Dabei war stets die HMK anwesend, doch waren die Aufenthalte zu kurz, um eine wesentliche Rolle zu spielen. Als Folge der Niederschlagung des Ständeaufstandes von 1618 kam es zu einer Umstrukturierung innerhalb des Adels und einer Internationalisierung desselben. Die Musiker im Dienst der Adeligen waren in B. durchschnittlich schlechter besoldet als jene in den Kapellen in Österreich oder Deutschland, sie waren in erster Linie musizierende Untertanen; nur in den führenden Kapellen waren Berufsmusiker tätig. Die Adelskapellen widmeten sich im 17. Jh. v. a. der Kirchenmusik, im 18. Jh. zunehmend der Instrumentalmusik (Tanz- und Kammermusik); die bedeutendsten Kapellen im B. des 17. und 18. Jh.s unterhielten: Graf F. A. Sporck in Kukus [Kuks] und Prag, Graf Ferdinand Maxmilian Franz Morzin in Lukawitz [Dolní Lukavice], Graf Wenzel Morzin in Prag, Graf Leopold Ferdinand Kinsky in Prag, Fürst Johann Christian v. Eggenberg und die Fürsten Schwarzenberg in Český Krumlov [Krumau], Graf Franz Josef Czernin in Neuhaus und die Grafen Collalto in Pirnitz [Brtnice]. Im Dienst dieser Adeligen wirkten mehrere bedeutende Komponisten, z. B. Johann Caspar Ferdinand Fischer (ca. 1670–1746, in Schlackenwert [Ostrov]), Johann Friedrich Fasch (bei Graf Morzin, in Lukavecz und Prag) und Giuseppe Tartini (bei Graf Kinsky in Prag).

Die 1627 erlassene Verneuerte Landesordnung Kaiser Ferdinands II. hatte für die Kirchenmusik weitreichende Folgen, da darin alle nichtkatholischen Religionen verboten wurden und Latein als einzige liturgische Sprache verblieb. Da auch die Musik von der Gegenreformation als Trägerin für ihr Gedankengut verwendet wurde, unterstützten die Orden eine aktive Musikpflege, v. a. die Jesuiten, in deren Seminaren u. a. Adam Václav Michna (1600–1676), Václav Karel Holan Rovenský (1644–1718), Jan Dismas Zelenka (1679–1745) ihre musikalische Ausbildung erfuhren. Seit der 2. Hälfte des 17. Jh.s konkurrierten die Piaristen mit den Jesuiten; bei ihnen studierten Franz Benda (1709–1786), F. X. Brixi, Jiří Ignaz Linka (Linek, Lynka, 1725–1791). Die Zisterzienser, Prämonstratenser, Benediktiner und Minoriten können ebenfalls auf eine rege Musikpflege verweisen, und die Klöster pflegten einen regen Austausch an Musikalien, auch über die Grenzen B.s hinweg. Einer der bedeutendsten Komponisten der Barockzeit in B. war Adam Václav Michna, der sein ganzes Leben in Neuhaus verbrachte. Seine Kompositionen erschienen in Wien bei M. Rictius (1642) und in der jesuitischen Druckerei des Prager Klementinums und umfassten vokal-instrumentale Kompositionen nach lateinischen Texten sowie tschechische Hymnen.

Auch die böhmischen Komponisten konnten sich dem starken italienischen Einfluss nicht entziehen, wie z. B. Josef Leopold Václav Dukát (1684–1717, Cithara nova) und Josef Antonín Plánický (ca. 1691–1732, Opella ecclesiastica). Zu den Haupt-Komponisten der späten Barockzeit und der Vorklassik zählen Johann (Jan) Zach (1699–1773?), Š. Brixi und F. I. Tuma. In den Prager Klöstern hatte sich seit dem Ende des 17. Jh.s eine reiche Oratorien-Pflege etabliert (im Klementinum, den St. Nikolaus-Kirchen in der Altstadt bzw. auf der Kleinseite, am Strahov, bei den Kreuzherren mit dem Roten Stern usw.); die älteste Nachricht über ein Oratorium in B. stammt von 1684 (Jephta von Vincenzo Albrici [1631–96]). In der 1. Hälfte des 18. Jh.s sind als Hauptkomponisten zu nennen: J. D. Zelenka und B. M. Černohorský und als deren Nachfolger (bereits im frühklassischen bzw. klassischen Stil) Jan Zach, Josef Seger (Seeger, Segert, 1716–1782) und F. X. Brixi. In der Kirche der Kreuzherren in Prag wurde seit den 1720er Jahren neben lateinischen auch deutsche Oratorien (A. Caldara, J. A. Hasse, F. X. Brixi, Josef Antonín Sehling [Seeling], 1710–1756, J. D. Zelenka, J. Mysliveček u. a.) gepflegt. Die die Liturgie und die Kirchenmusik betreffenden Reformen Josephs II. wurden auch in den Böhmischen Ländern nie konsequent durchgesetzt, sodass bald nach dem Tod des Kaisers der alte Zustand wiederhergestellt wurde; einzig die Aufhebung des Jesuitenordens (1773) hatte weitreichende Konsequenzen für die Musikerziehung (Musikausbildung).

Die sich im 18. Jh. wachsender Beliebtheit erfreuende Pastoralmesse (Messe) erreichte zu Ende des Jh.s in der tschechischen (d. h. tschechischsprachigen) Pastoralmesse ihren Höhepunkt: Diese hatte nur wenig mit dem liturgischen Text gemeinsam, sondern stellte eher eine Abfolge volkstümlicher Szenen dar und unterscheidet sich somit von der Pastoralmesse des süddeutsch-österreichischen Raumes. Die berühmteste Komposition dieser Art ist die Česká mše vánoční [Tschechische Weihnachtsmesse] von J. J. Ryba. Im Zusammenhang mit der Beliebtheit der Pastorelle ist auch die spontane Aufnahme und rasche Verbreitung des mit tschechischem Text versehenen Weihnachtsliedes Stille Nacht, Heilige Nacht zu verstehen.

Der Anfang des 18. Jh.s brachte auch die ersten Versuche zur Abfassung musiktheoretischer Werke durch Thomas Balthasar Janovka (Clavis ad thesaurum magnae artis musicae 1701) und den aus Bayern stammenden und in Plasy (Plaß) wirkenden Zisterzienser Mauritius Vogt (Conclave thesauri magnae artis musicae 1719).

1713 nahm die Prager MAkad. (im Haus U železných dveří [Bei der eisernen Tür]) unter dem Protektorat des Komponisten und Musikförderers Graf Ludwig Joseph Hartig ihre Tätigkeit auf. Die Akademie veranstaltete regelmäßig Konzerte, bei denen auch reisende Musiker mitwirkten, bestand jedoch nur wenige Jahre. Erst durch die großen gesellschaftlichen Umwälzungen gegen Ende des 18. Jh.s. (u. a. 1781 Aufhebung der Leibeigenschaft) und den verstärkten Zuzug in die Städte konnten sich in diesen neue musikalische Zentren entwickeln (wie z. B. in Brünn, Pilsen, Leitmeritz, Jungbunzlau [Mladá Boleslav]) und ein regelmäßiges Konzertleben etablieren.

Da das Land selbst wenige Anstellungen für Musiker bot, kam es zu einer starken Migrationsbewegung in die übrigen europäischen Musikzentren: eine Mehrzahl der Musiker blieb freilich im Bereich der habsburgischen Länder tätig (v. a. in Wien), viele sind an deutschen Fürstenhöfen (Deutschland) zu finden (J. D. Zelenka in Dresden, Josef Antonín Plánický in Freising, die Familien Stamitz in Mannheim und G. A. Benda in Gotha und Berlin,A. Rosetti in Wallerstein), in Italien (B. M. Černohorský und J. Mysliveček), in Frankreich (der berühmte Musiktheoretiker und -pädagoge J. A. Rejcha, Johann Baptist Krumpholz) und England (Jan Ladislav Dusík [Dussek]); einige HMK.en wurden in der 2. Hälfte des 18. Jh.s gleichsam zu „böhmischen Kolonien“ (z. B. Mannheim). An bedeutenden Komponisten dieser Zeit sind zu erwähnen: J. Mysliveček in Italien, G. A. Benda in Deutschland, J. A. Štěpán, Pavel Vranický (P. Wranitzky) in Wien und sein Bruder Antonín, sowie L. Koželuh (Koželuch), der 1792 Nachfolger W. A. Mozarts als Hofkomponist wurde (der Nachfolger Koželuhs als Hofkomponist und -kapellmeister war ebenfalls ein böhmischer Musiker, F. V. Krommer).W. Müller wirkte ebenfalls in Prag, Brünn und Wien.

Obwohl die erste musikdramatische Produktion (eher eine Allegorie mit Ballett als eine „Oper“) am Kaiserhof in Prag stattfand (Phasma Dyonysiacum Pragense 1617) und die Prager Produktionen des Hofes zu den aufsehenerregendsten der Operngeschichte gehören (z. B. die von Augenzeugen als Jh.spektakel beschriebene Aufführung von Costanza e fortezza von J. J. Fux 1723), wurde erst im 18. Jh. mit der Übernahme der Opernpflege durch Mitglieder des Adels eine eigenständige böhmische Entwicklung möglich. Zwar bereisten schon im 17. und 18. Jh. verschiedene Operntruppen die böhmischen Länder, eine regelmäßige Pflege war jedoch an die Errichtung und Erhaltung eines Opernhauses gebunden. Oft scheiterten ehrgeizige Opernpläne an den hohen Kosten: z. B. bei Fürst Johann Christian von Eggenberg in Neuhaus, bei Graf J. A. v. Questenberg in Jaromeritz (u. a. mit einer der ersten tschechischen Opern: L’origine di Jaromeritz in Moravia [O původu Jaroměřic] von Fr. V. Míča). Nach 1720 eröffnete Graf Fr. A. Sporck ein Operntheater in dem von ihm neu gebauten Badeort Kukus. Ab 1724 spielte hier und in seinem Prager Palais die Operngesellschaft von A. Denzio aus Venedig; das Gräflich Sporcksche Kömödienhaus in Prag (Hybernská) war der Öffentlichkeit zugänglich und bestand bis 1735; v. a. die Werke venezianischer Komponisten (A. Vivaldi, Tommaso Albinoni und A. Lotti) bildeten das Repertoire. Ab den 1780er Jahren werden auch öffentliche Opernhäuser in Olmütz und Brünn erwähnt, deren Repertoire sich v. a. auf zwei Achsen entwickelte: Wien–Prag–Dresden bzw. Wien–Brünn–Olmütz–Schlesien; es gab auch direkte Beziehungen zwischen Venedig und Prag, wie die Aufführungen von Vivaldis Opern in Prag beweisen. In Prag beschloss der Stadtrat nach dem Weggang Denzios 1737, ein neues Theater in Kotce (Kotzen-Theater) zu bauen. Dessen erster Impresario war S. Lapis (der 1744 G. B. Pergolesis La serva padrona aufführte), später spielten hier die Operngesellschaften der Brüder Mingotti, die Impresarii Gaetano Molinari, Giuseppe Bustelli, Pasquale Bondini, Domenico Guardasoni. Auf dem Spielplan standen J. A. Hasse, B. Galuppi, Chr. W. Gluck, verschiedene Intermezzi und opere buffe sowie Singspiele; im Kotzen-Theater wurden auch die Opern (Alessandro nell’ Indie, 1769, Il Demofoonte 1771) von J. A. Koželuh uraufgeführt. Ab den 1780er Jahren wurden die französische opéra comique in deutscher Übersetzung und deutsche Singspiele populär. 1781 entschied sich Graf Franz Anton Nostitz-Rieneck (Gubernialrat und intimer Freund von Kaiser Joseph II.), auf eigene Kosten ein neues Theater zu bauen. Am 21.4.1783 wurde das Theater (Gräflich Nostitzsches Nationaltheater) mit Gotthold Ephraim Lessings Emilia Galotti eröffnet; die Geschichte des Theaters ist besonders mit dem Namen W. A. Mozart verbunden. Mozart feierte seine größten Operntriumphe in Prag (UA von Don Giovanni am 29.10.1787 im Nostitzschen Theater); die Krönungsoper La Clemenza di Tito war ein Auftrag der böhmischen Stände. Der Prager Univ.Prof. und Musikschriftsteller Franz Xaver Němeček (Niemetschek), Autor der ersten Monographie Mozarts (1798, bearbeitet 1808) wurde nach dem Tod Mozarts für eine gewisse Zeit Erzieher seiner Söhne (der jüngere, Franz Xaver Wolfgang [1791–1844] starb in Karlsbad, wo er auch bestattet ist). Auch die Biographien von J. Haydn und Chr. W. Gluck sind eng mit B. verbunden. Böhmische Musiker waren über ganz Europa verstreut als Virtuosen, Theatermusiker, in Adelskapellen, der Militärmusik etc. anzutreffen, viele jedoch blieben im Bereich der habsburgischen Länder: z. B. J. Triebensee in Wien, Brünn und Prag, J. Went (Jan Vent) in Wien – beide wurden durch ihre Bearbeitungen für Harmoniemusik berühmt – und J. Fiala in Salzburg. Talentierte junge Musiker haben oft Kontakte, Erfahrungen und Perfektionierung ihrer Fähigkeiten in Wien – der Reichshaupt- und Residenzstadt – gesucht, wie z. B. J. Gelinek (Jelínek), A. Gyrowetz (Vojtěch Jírovec), J. H. Vorisek (Voříšek, Worzischek, Woržischek). J. A. Wittasek (Vitásek) hingegen lehnte die Domkapellmeisterstelle bei St. Stephan in Wien ab.

(II.4) Im 19. Jh. setzten in B. weitreichende politische und kulturelle Änderungsprozesse ein; mit dem Wechsel von der Klassik zur Romantik und dem einsetzenden Nationalismus (Nationalstil) begann jene Phase, die als „nationale Wiedergeburt“ und somit als Wiederbelebung der tschechischen Nation verstanden wird. Diese Wandlung hat deutliche Spuren in der Musik-, Theater- und Literaturentwicklung hinterlassen. Die erste Phase dieser Bewegung ist 1810–60 anzusetzten; als ein Markstein kann der Tod des Impresarios Domenico Guardasoni (1731–1806) und damit verbunden das Ende der italienischen Oper in B. angesehen werden; die Tradition des Mozart-Kults bestand jedoch weiter (die Landvilla Bertramka, in der Mozart in Prag bei der Familie von F. X. Dušek gewohnt hatte, blieb bis heute als Denkmal [Gedenkstätten] erhalten). Auch die Biographie L. v. Beethovens ist eng mit B. und v. a. den Familien Liechtenstein (Grätz [Hradec u Opavy]) und Lobkowitz (Raudnitz [Roudnice]) verbunden, er besuchte mehrmals die Kurorte Teplitz, Karlsbad und Franzensbad [Františkovy Lázně], und eine erste Beethoven-Monographie erschein 1828 in Prag (von Johann Anton Schlosser).

Auch im 19. Jh. hielt der gute Ruf, den die böhmischen Musiker im 18. Jh. in ganz Europa genossen hatten, ungebrochen an. J. A. Witasek, W. Tomaschek (Václav Jan Tomášek) und Friedrich Dionys Weber (1766 Velichov bei Karlovy Vary – 1842 Prag) galten zu Beginn des 19. Jh.s als konservative Komponisten, die das Aufkommen der Romantik verzögert hätten, doch gerade im Schaffen Tomášeks findet man präromantische Züge; auch gehört er zu den ersten Komponisten, die im Kunstlied tschechische Texte verwendet haben. Zu seinen Schülern zählen A. W. Ambros, F. Graf Laurencin und E. Hanslick.

Als Träger des böhmischen Musiklebens der 1. Hälfte des 19. Jh.s hat der Adel noch eine wichtige Rolle gespielt, allerdings ist auch in B. der für diese Zeit typische Wechsel von der Adelskapelle zu den Salons des Bürgertums (bürgerliche Musikkultur) festzustellen; als bedeutende adelige Musikförderer sind v. a. hervorzuheben: F. und J. Nostitz, Georg Franz Buquoy, Franz Johann Vrtba, Franz Sternberg, Christian Clam-Gallas und Franz Kinsky in Prag. 1811 wurde von aristokratischen Mitgliedern des seit 1808 bestehenden Vereins zur Beförderung der Tonkunst in B. [Jednota pro zvelebení hudby v Čechách] das Prager Konservatorium gegründet, dessen erster Direktor der bereits genannte F. D. Weber wurde. Nach der Ernennung von J. Fr. Kittl zum Direktor entwickelte sich das Konservatorium zu einer fortschrittlichen Institution, die als eine der besten MSch.en der Zeit galt; zu ihren Absolventen zählt u. a. der Geigenvirtuose J. Slavík. Mehrere aus B. stammende Musiker etablierten sich im Wiener Musikleben: z. B. die Tenöre A. Ander (ab 1841) und G. Walter. Besonders hervorzuheben ist der Theaterdirektor Fr. Pokorny (Pokorný; „der Böhm“), der das Wiener Theaterleben des Biedermeier dominierte und zahlreiche böhmische Musiker an seine Theater zog.

Der Beginn der zweiten Phase der Entwicklung einer eigenständigen tschechischen Kultur ist mit dem Oktoberdiplom 1860 anzusetzen und durch eine weitgehende Parallelität von deutschsprachigem und tschechischem Kulturleben gekennzeichnet. 1862 wurde das Interimstheater in Prag eröffnet, es entstanden die ersten tschechischen Vereine und Institutionen (Umělecká beseda 1861, Gesangsverein Hlahol 1861). 1868 wurde der Grundstein zum Nationaltheater gelegt, das 1881 (endgültig 1883) eröffnet wurde. Dennoch zeigt gerade die Biographie jener Komponisten, die als Schöpfer der national-tschechischen Musik gelten, die enge Verknüpfung zwischen deutschem und tschechischem Musikleben: Der junge F. Smetana war Pianist bei Kaiser Ferdinand I. in Prag, der nach seinem Thronverzicht ab 1848 auf dem Prager Hradschin lebte; seine einzige Symphonie (Triumph-Symphonie) hatte Smetana dem Kaiserpaar Franz Joseph und Elisabeth in Bayern als Hochzeitsgeschenk zu widmen gedacht. Das spätere Verhältnis Smetanas zu Wien entwickelte sich im Rahmen seiner Bemühungen um die tschechische Musik im Sinne einer autonomen, durch das nationale Element geprägten Kultur, ein Ziel, das im allgemeinen die tschechische Gesellschaft der 2. Hälfte des 19. Jh.s auch für den politischen Bereich anstrebte. Smetana wirkte in mehreren tschechischen Organisationen und setzte seine Kräfte v. a. für eine nationale Opernsprache ein (seine komische Oper Die verkaufte Braut gilt als die erste tschechische nationale Oper, deren internationaler Durchbruch jedoch erst nach Smetanas Tod und aufgrund der deutschen Übersetzung erfolgte). Smetanas Nachfolger bei Kaiser Ferdinand in Prag war der Komponist F. Z. Skuherský . 1851 komponierte er eine dem kaiserlichen Brautpaar gewidmete Symphonie mit der Melodie der Haydnhymne (Hymnen). Auch der zweite große Meister der tschechischen Musik hielt enge Beziehungen zu Wien: A. Dvořák hatte u. a. aufgrund der Fürsprache von J. Brahms 1875 erstmals ein Staatsstipendium erhalten und konnte sich in der Folge mit seinen Werken in Wien besser etablieren als Smetana. Die Stellung beider Komponisten in Wien spiegelt die damalige Situation der beiden dominierenden ästhetischen Richtungen wider, wobei Smetana jener der Programmmusik, Dvořák jener der absoluten Musik zuzurechnen ist. Von den zahlreichen Musikern, Musikschriftstellern und Musikhistorikern, die, aus B. kommend, dem österreichischen und speziell dem Wiener Musikleben entscheidende Impulse verliehen, seien neben den bereits genannten Hanslick, Laurencin und Ambros noch folgende hinzugefügt: G. Adler, R. Batka, René Wellek (Musikgeschichte, -ästhetik und -kritik), der Dirigent W. Jahn, der Komponist Eduard Schön (E. S. Engelsberg) oder S. Sechter. 1903 kam der in Prag geborene Komponist J. B. Foerster nach Wien. Das Ensemble der Hofoper wurde in dieser Zeit (und bis in die 1. Hälfte des 20. Jh.s) von Sängern aus B. und Mähren dominiert: hervorzuheben sind Foersters Frau, die Sopranistin B. Forster-Lauterer und der Bassist W. Hesch (Vilém Heš); für die tschechische Sängerin Růžena Herlingerová (1893 Tábor – 1978 Montreal) schrieb Alban Berg seine Konzertarie Der Wein (UA 1930). Die Spieltradition der Wiener Orchester hat in vielen Fällen ihren Ursprung in jener der „böhmischen Musikanten“, die seit dem 18. Jh. in die Wiener Orchester und Ensembles drängten. So gab etwa O. Ševčík der Wiener Geigerschule neue Impulse. Der Geiger F. Ondríček lebte ab 1888 in Wien. Die Tradition etwa des Wiener Hofopern- (später Staatsopern-)Orchesters bzw. der Wiener Philharmoniker lässt sich in einigen Instrumentengruppen direkt auf böhmische Lehrer zurückführen, so z. B. die der Klarinetten auf F. Bartolomey (sein Sohn Franz II. ebenso wie seine Enkel Franz III. und Ernst waren philharmonische Streicher), die der Kontrabässe auf F. Simandl, der seinerseits die Linie Václav Hause (1764 Roudnice/Raudnitz – 1847 Prag, Prof. am Prager Konservatorium), A. Sláma fortsetzte, sowie die der Paukisten auf H. Schnellar. Von den zahlreichen tschechischen Komponisten, die in Wien (v. a. am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde) studierten, seien Z. Fibich, der Begründer des szenischen Melodrams des 19. Jh.s, und L. Janáček hervorgehoben; 1906–18 wirkte O. Nedbal als Dirigent des Tonkünstlervereins in Wien, 1908/09 an der Volksoper Wien.

Nach 1918 und dem Entstehen des selbständigen Tschechoslowakischen Staates erhielten die Beziehungen zu Österreich neue Dimensionen und Aspekte: Die führenden Persönlichkeiten des tschechoslowakischen Kulturlebens verkündeten v. a. die „Entdeutschung“, wodurch die deutschsprachige Minderheit und ihre Kultur in der Tschechoslowakei eine eigene Identität und einen eigenen Kunstausdruck in diesem neuen Staat finden musste. 1919 wurde das Prager Konservatorium geteilt: ab September 1920 gab es das tschechischsprachige Prager Konservatorium und die deutschsprachige Deutsche Akademie für Musik und darstellende Kunst (deren Rektor A. Zemlinsky wurde, seit 1911 bereits Opernchef des Neuen deutschen Theaters – eröffnet 1888 – in Prag). Die Beziehungen zu Wien rissen jedoch nicht ab, und viele der jungen Komponisten der tschechischen Moderne wurden von der Universal Edition verlegt: V. Novák, Josef Suk (1874 Křečovice – 1935 Bennisch [Benešov]; J. Brahms ist Widmungsträger seines Klavierquintetts g-Moll), L. Janáček, der seit 1923 im Ausland wirkende Bohuslav Martinů (1890 Politschka [Polička] – 1959 Liestal/CH), J. B. Foerster, A. Hába, Jar. Weinberger und die deutschsprachigen böhmischen Komponisten Hans Krása (1899–1944), J. G. Mraczek und E. Schulhoff. Die tschechoslowakische Unabhängigkeit führte auch in den Regionen zu einer Belebung des Kulturlebens; dennoch sind auch weiterhin die Auswirkungen der Jh.e langen Dominanz der deutschen Kultur zu bemerken: noch in den 1920er Jahren existierten in manchen Städten Opernensembles in beiden Sprachen (Prag, Brünn, Reichenberg, Pilsen), in Nordböhmen gab es hingegen nur deutschsprachige Bühnen (Karlsbad, Gablonz a. d. N., Aussig a. d. E., Leitmeritz, Bodenbach [Podmokly], Teplitz-Schönau , Brüx [Most], Eger [Cheb]).

Ein enges Geflecht privater wie professioneller Beziehungen hielt die Kontakte zwischen der tschechischen und Wiener Moderne aufrecht: etwa zwischen A. Zemlinsky und A. Schönberg; Schönbergs Schüler V. Ullmann wirkte 1919–42 (mit einer Unterbrechung von 1930–33) in Prag, A. Hába studierte bei F. Schreker in Wien wie auch der in Wien geborene, doch aus B. stammende E. Krenek. Zu erwähnen sind auch folgende jüdische Komponisten dieser Generation, die erst in den 1970er Jahren die ihnen gebührende Anerkennung erfuhren: P. Haas, Hans Krása, Gideon Klein (1919–45), V. Ullmann und E. Schulhoff.

Der 1918 in Wien gegründete Verein für musikalische Privataufführungen wurde von A. Schönberg 1922–24 nach Prag verlegt. Die Musik der Zweiten Wiener Schule fand in B. nicht nur in deutschen, sondern auch in tschechischen Vereinen ihre Fürsprecher. Die bedeutendsten musikalischen Ereignisse dieser Jahre waren 1908 die UA von G. Mahlers 7. Symphonie, 1921 die (Prager) EA von A. Schönbergs Gurre-Liedern unter A. Zemlinsky, 1924 die UA von Schönbergs Erwartung in Prag, 1926 die EA von Alban BergsWozzeck in tschechischer Sprache im Nationaltheater in Prag unter O. Ostrčil. Beide Prager Bühnen (Nationaltheater und Neues deutsches Theater) entwickelten eine am zeitgenössischen Schaffen interessierte Programmpolitik. Die Tätigkeit des Neuen deutschen Theaters endete im September 1938; als letzte Premiere wurde im Juni 1938 die UA von E. Křeneks Oper Karl V. gegeben, deren Aufführung in Österreich nach dem „Anschluss“ an das Dritte Reich nicht mehr möglich gewesen war.

Bei der tschechischen Moderne nach 1918 lassen sich zwei Hauptlinien feststellen: eine traditionalistische nach dem Vorbild Smetanas und eine avantgardistische, die sich um internationale Anerkennung bemühte. Letztere war im regen Vereinsleben der 1920er Jahre gut organisiert. So zählte die Tschechoslowakei zu den ersten Mitgliedern der 1922 in Salzburg gegründeten Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM); innerhalb der tschechoslowakischen Sektion bestand bis 1938 auch eine deutsche Subsektion. Prag war 1924, 1925 und 1935 Veranstaltungsstadt des internationales Festivals der IGNM. Trotz dieser Internationalisierung nahmen die Kontakte zwischen Wien und Prag deutlich ab bzw. wurden nur durch vereinzelte Künstlerpersönlichkeiten getragen: den Geiger V. Příhoda oder die Sopranistin J. Novotná.

Versuche, die verloren gegangenen Kontakte am Ende des Zweiten Weltkrieges zu erneuern, endeten schon 1948, dem Jahr der kommunistischen Machtübernahme in der Tschechoslowakei: Von allen deutschsprachigen Ländern waren offiziell nur Kontakte zur DDR möglich, nur einzelne Interpreten erhielten eine Auftrittserlaubnis für Österreich und nur wenige Komponisten konnten ihre Werke hier aufführen lassen. 1969 wurden in Wien Tage der tschechischen Musik veranstaltet und 1983 hier das 3. Orgelkonzert von Petr Eben (* 1929) uraufgeführt; Eben hat auch 1984 anlässlich der UA seines Prager Nokturnos am Mozarteum Salzburg wie auch bei weiteren ähnlichen Gelegenheiten Vorträge gehalten. Umgekehrt wurden auch nur selten Werke zeitgenössischer österreichischer Komponisten aufgeführt (z. B. 1995 in der Staatsoper Prag die Oper Der Prozeß von G. v. Einem). Engere Kontakte bestanden hingegen zwischen der tschechischen und österreichischen Musikwissenschaft(v. a. aufgrund der seit 1966 alljährlich stattfindenden musikwissenschaftlichen Colloquien in Brünn). Nach dem Sturz der Kommunisten 1989 und der Öffnung der Grenzen hat sich das tschechische Kulturleben rasch internationalisiert. Es kam zur Umwandlung der Strukturen des Musiklebens, als logische Folge von der Kommerzialisierung des Konzertwesens begleitet. Es trat aber auch eine wünschenswerte Dezentralisierung ein, neue Aktivitäten (St. Wenzels-Festival, der geistlichen Musik gewidmet, Festival Musica Iudaica, Festival der tschechischen Opernhäuser usw.) wurden gesetzt und neue Stiftungen (Institut B. Martinů) gegründet; das seit 1945 existierende Internationale Musikfestival Prager Frühling wurde (u. a.) umstrukturiert und es kam dadurch zur Belebung der Dramaturgie und zum Neuaufbau der internationalen Kontakte.


Literatur
MGG 13 (1966) u. 9 (1998); NGroveD 6 (2001) u. 5 (1980); Ch. d’Elvert, Geschichte der Musik in Mähren und Oesterr.-Schlesien 1873; Československý hudební slovník 1963/1965; O. Teuber, Geschichte des Prager Theaters 1883–88; A. W. Ambros, Das Conservatorium in Prag 1858; E. Chvála, Ein Vierteljahrhundert der tschechischen Musik 1888; Fr. A. Šubert, Das Nationaltheater Prag bei der Wiener Musik- und Theaterausstellung 1892; J. Branberger, Das Konservatorium für Musik in Prag 1911; R. v. Procházka, Das romantische Musik-Prag 1914; D. Orel, Mensuralkodex Speciálník, Diss. Wien 1914; V. Helfert, Hudební barok na českých zámcích. Jaroměřice za hraběte J. A. Questenberka 1916; V. Helfert, Hudba na jaroměřickém zámku. František Míča 1924; Sedmdesát let Lumíru ve Vídni 1935; V. Helfert, Česká moderní hudba 1936; J. Bartoš, Prozatímní divadlo a jeho opera 1938; V. Helfert/E. Steinhard, Die Musik in der Tschechoslovakischen Republik 21938; P. Nettl (Hg.), Mozart in B. 1938; M. Poštolka, Leopold Koželuh 1964; J. Racek, Beethoven a české země 1964; Fr. Mužík in Miscellanea musicologica 18 (1965); J. Tichota in Miscellanea musicologica 20 (1967); J. Vysloužil in W. Burde (Hg.), Aspekte der Neuen Musik 1968; Fr. Mužík in Miscellanea musicologica 21–23 (1970); T. Volek, Mozart a Praha 1973; M. Steinhardt in FAM 1979; J. Černý in Miscellanea musicologica 27–28 (1975); Fr. Zagiba, Musikgeschichte Mitteleuropas 1976; T. Volek/St. Jareš, Dějiny české hudby v obrazech 1977; J. Ludvová in Hudební věda 16 (1979); Dějiny české hudební kultury 1972/1981; J. Ludvová in Hudební věda 20 (1983); J. Ludvová in Uměnovědné studie 4 (1983); J. Ludvová in Hudební věda 23 (1986); T. Volek/J. Macek in The Musical Times 127 (1986); T. Volek et al., Mozartův Don Giovanni v Praze 1987; R. Mužíková in Miscellanea musicologica 32 (1988); S. Brandenburg/M. Gutierez-Denhoff (Hg.), Beethoven und B. 1988; R. Lindell in Prag um 1600, 1988; J. Tyrrell, Czech Opera 1988; M. Poštolka, Mladý Josef Haydn 1988; Hudba v českých dějinách 1989; T. Volek/I. Bittner, Mozartsche Spuren in böhmischen und mährischen Archiven 1991; T. Volek in J. Hilmera et al. (Hg.) Mozarts Opern für Prag 1991; D. E. Freeman, The Opera Theater of Count Franz Anton Sporck in Prague 1992; Fr. Černý (Hg.), Divadlo v Kotcích 1992; J. Černý (Hg.), Petrus Wilhelmi de Grudencz, Opera [Ausgabe] 1993; M. Slavický, Gideon Klein 1995; L. Peduzzi, Pavel Haas 1996; I. Vojtěch in Miscellanea musicologica 36 (1999); V. Reittererová/H. Reitterer in Miscellanea musicologica 36 (1999); W. Dömling, Spaziergänge durch das musikalische Prag 1999; Initiative Hans Krása, Verein der Freunde und Förderer der Theresienstädter Initiative (Hg.), Komponisten in Theresienstadt 1999; J. Stenzl in SJbMw N.F. 20 (2000); M. Staehelin, Neues zu Leben und Werk von P. Wilhelmi 2000; J. Szendrei in Stud. mus. 27 (1985).

Autor(en)
Peter Urbanitsch
Jaromír Černý
Lenka Mráčková
Rudolf Flotzinger
Petr Daněk
Lucie Maňuorová
Vlasta Reittererová
Empfohlene Zitierweise
Peter Urbanitsch/Jaromír Černý/Lenka Mráčková/Rudolf Flotzinger/Petr Daněk/Lucie Maňuorová/Vlasta Reittererová, Art. „Böhmen‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 25/05/2001]



ORTE
Orte
LINKS
LOCI - Ortsdatenbank für Musik, Kultur und Geschichte


Institut für kunst- und musikhistorische Forschungen

Publikationen zur Musikforschung im Verlag