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Braunau
Größte Stadt des oberösterreichischen Innviertels; Hauptort des gleichnamigen politischen Bezirks. Der Name der Siedlung begegnet erstmals in Urkunden aus dem 12. Jh. („Prounouge“). Stadterhebung 1260 durch den bayrischen Herzog Heinrich XIII. Mit dem Frieden von Teschen (1779) wurde B. österreichisch.

Älteste musikgeschichtliche Zeugnisse sind Fragmente spätmittelalterlicher Musikhandschriften (als Einbandmaterial von B.er Archivalien) und Stiftungen zugunsten der Pfarrkirche St. Stephan (hervorgegangen aus einer älteren „Capella“ des Augustiner Chorherrenstiftes Ranshofen), in denen die musikalische Gestaltung der Liturgie festgehalten wird. Im Zusammenhang mit der Ausführung des Kirchengesangs wird auch vereinzelt ein – ursprünglich geistlicher – Schulmeister genannt.

Der Bestand einer Meistersingerschule in B. ist nur aus dem Hinweis von Hans Sachs, dass er 1513 während eines Aufenthalts in der Stadt erstmals seine Silberweise gesungen habe, wahrscheinlich zu machen.

Für die schulische Organisation und die Musikpflege bedeutsam waren die Auswirkungen der Reformation, die sich im Innviertel seit etwa 1525 bemerkbar machten. Um 1560 werden ein Sebastian Maurer als Rektor und ein Abraham Feldbacher als Kantor der unter der Aufsicht des Stadtrates stehenden Lateinschule genannt. Besonders erwähnt wird das Singen verschiedener Lutherischer Lieder. Der Rektor gehörte zum Freundeskreis von L. Paminger. Etwa gleichzeitig wirkten Ambrosius Wilfflingseder († 1563) und Erasmus Rotenbucher († 1586), zwei gebürtige Braunauer, als Lehrer in Nürnberg. Wilfflingseder veröffentlichte zwei Schulmusikwerke, Rotenbucher Sammeldrucke mit zweistimmigen Liedsätzen zeitgenössischer Komponisten. Im Zuge der Gegenreformation, die in Bayern bereits während der letzten Jahrzehnte des 16. Jh.s einsetzte, wurde die B.er Lateinschule wieder unter kirchliche Aufsicht gestellt. Der Lateinschulmeister leitete als Chorregent die Kirchenmusik.

Um 1640 kam es in der Stadtpfarrkirche zur Aufstellung einer neuen Orgel. Auf Grund der Bauweise des erhaltenen Gehäuses wird sie dem Passauer Orgelbauer A. Putz zugeschrieben. Vom Werk selbst war schon um die Mitte des 20. Jh.s kaum mehr etwas vorhanden (Umbauten im 19. Jh. durch K. Mauracher und dessen Sohn; nach 1900 wurde das Rückpositiv entfernt; nicht abgeschlossener Erneuerungsversuch nach dem Zweiten Weltkrieg; 1995 umfassende Renovierung durch die Schweizer Orgelbaufirma Metzler).

Namen von Lateinschulmeistern und Organisten sind seit etwa 1600 durchgehend bekannt, freilich ohne musikgeschichtliche Bedeutung. Ähnliches gilt auch von den Thurnermeistern. Hier hatte sich um die Mitte des 17. Jh.s die Gewohnheit herausgebildet, dass die B.er Thurner mit ihren Gesellen an Marienfesten und anderen hohen Feiertagen in das Stift Ranshofen kamen, um dort beim Gottesdienst mitzuwirken. Um 1670 wurde ihnen dies jedoch vom Stadtrat verboten, weil man nun gesonnen war, auch in B. „die Gottesdienste an Festtägen schener halten zu lassen als es in vorigen Jahren pflegt geschehen zu sein“. Seit 1674 wurden in der Fastenzeit Passionsandachten abgehalten, bei denen eine Art szenischer Kantate, welche die Todesangst Christi auf dem Ölberg darstellte, aufgeführt wurde (Sepolcro).

Um 1700 unterrichtete der Lateinschulmeister Joseph Ruedorffer zusammen mit dem Kantor 35 Schüler. Ein Teil davon wurde bei den Musikaufführungen als „Discantisten“ verwendet. Daneben gab es einen eigenen „Altisten“ und einen „Tenoristen“. Bezüglich der aufgeführten Werke weist Ruedorffer in einer Eingabe darauf hin, dass er jährlich 10 Gulden für neue Musikalien aufwende. Inventaraufzeichnungen fehlen jedoch. Im Zuge der Umgestaltung des Schulwesens durch die Aufklärung kam es zur Auflösung der Lateinschule. Noch in den letzten Jahren der bayrischen Regierung begann der Stadttenorist Joseph Anton Posch mit dem „normalmäßigen Unterricht“. Die Leitung der Kirchenmusik verblieb aber weiterhin beim Chorregenten Johann Anton Nefzer. Dessen Sohn Joseph übernahm 1796 nach dem Tod des Vaters das Amt. Die ältesten in der Stadtpfarrkirche erhaltenen Musikalien zeigen zum Teil noch seinen Besitzvermerk. Aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jh.s stammen Stimmenkopien von Werken J. und M. Haydns und W. A. Mozarts, ferner Musikdrucke verschiedener zeitgenössischer Kleinmeister.

Ende 1847 wurde in B. die Liedertafel als älteste bürgerliche Chorvereinigung der Stadt gegründet. Besonderen Auftrieb erfuhr der junge Männerchorgesang durch die politischen Ereignisse der Märztage des Jahres 1848. Eine erste Blütezeit verdankte er dem mehrjährigen Aufenthalt von R. Führer in B.: zunächst 1850–53, später 1856/57. Er war Chormeister der Liedertafel und leitete diese bei einem Chorwettbewerb im Rahmen des Passauer Sängerfestes 1851. Autographe von Führers Kompositionen im Liedertafel-Archiv und in der Stadtpfarrkirche erinnern heute noch an ihn.

Ein gebürtiger Braunauer war P. V. Fleischmann. Aufenthalte in B. sind auch für den 1829 hier geborenen Anton Wöckl festzuhalten. Nach seiner B.er Kindheit und der Schulzeit in Michaelbeuern und Salzburg war er nach Wien gegangen, wo er eine Beamtenlaufbahn einschlug und sich ebenfalls auf dem Gebiet des Männerchorwesens hervortat. Von einem seiner Aufenthalte in seiner Geburtsstadt sind hier die Abschrift von Eichendorff-Liedern und ein Wanderlied für gemischten Chor (auf einen Text von Robert Hamerling) erhalten. Wöckl ist 1913 in Bozen gestorben.

1859 wurde der Lehrer F. S. Reiter Stadtpfarrorganist. Sein in B. geborener Sohn J. Reiter kehrte zwischendurch mehrfach nach B. zurück, so 1906 zur Aufführung seiner Palm-Hymne anlässlich einer Gedenkfeier für den hier hingerichteten Nürnberger Buchhändler, oder 1927 zur UA seines Chores Nur die Scheine, nur die Schatten.

1890 übernahm Josef Attenberger jun. (1871–97) von seinem älteren Bruder Karl (1864–90) das Amt des Stadtthurnermeisters unter der Bezeichnung „Stadtkapellmeister“. In der Zwischenzeit war die Liedertafel durch einen Oberstimmenchor ergänzt worden. Um die Jh.wende begegnet dann ein neuer Männerchor Lyra und später ein Christlich-deutscher-Gesangsverein.

In der Zwischenkriegszeit war die Aufführung des Oratoriums Das Lied von der Glocke von Max Bruch anlässlich der Glockenweihe in der Stadtpfarrkirche (1925) ein herausragendes musikalisches Ereignis. Hervorzuheben wären auch die Konzerte des Hausorchesters der Liedertafel und bescheidene musikdramatische Aufführungen im bereits 1853 eingerichteten Stadttheater, die während des Zweiten Weltkriegs von einem neu gebildeten ständigen Theaterensemble fortgeführt wurden.

Nach 1945 kam es zunächst zur Wiederbelebung der verschiedenen Chorvereinigungen, die 1938 zugunsten eines Gemeinschaftschores aufgelöst worden waren. Ihre Aufführungen mit geistlicher und weltlicher Chormusik, die von einfachen Volksliedbearbeitungen bis zu großen Oratorien reichen, sind bis in die Gegenwart ein wichtiges Element des B.er Musiklebens. Ein weiterer bedeutsamer musikalischer Faktor ist das grenzüberschreitende Orchester der Musikfreunde B.-Simbach, welches neben eigenen Sinfoniekonzerten alljährlich ein bereits zur Tradition gewordenes „Silvesterkonzert“ bestreitet. Zwischendurch wurden im Stadttheater mehrfach Opern und Operetten aufgeführt. Daneben gibt es vom Kulturreferat der Stadt veranstaltete Konzerte, u. a. mit bedeutenden auswärtigen Kammermusikensembles. Nicht vergessen seien schließlich die Aktivitäten der 1974 gegründeten Landesmusikschule.


Literatur
K. Meindl, Geschichte der Stadt B. am Inn 1882; S. Hiereth, Geschichte der Stadt B. am Inn 1 (1960); O. Wessely, Musik in Oberösterreich 1951; R. W. Schmidt in Jahresber. des Bundes-Gymnasiums und -Realgymnasiums B. am Inn 5 (1965) u. 7 (1967); Fs. 125 Jahre Liedertafel B. 1847-1972, 1972.

Autor(en)
Rudolf W. Schmidt
Empfohlene Zitierweise
Rudolf W. Schmidt, Art. „Braunau‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 25/07/2001]



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