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Brixen
Bischofsstadt in Südtirol, seit 1805 unter bayerischer, 1814 österreichischer, 1919 italienischer Staatsregierung. Seit dem 5. Jahrtausend v. Chr. besiedelt, entstand die heutige Stadt aufgrund einer Schenkung der curtis Prihsna von König Ludwig IV. (dem Kind) an die Kirche von Säben (Sabiona/I) aufgrund einer Bitte des Bischofs Zacharias v. Säben 901. Erster Beleg für ein Stadtrecht 1313. Mit der Verlegung des Bischofssitzes von Säben nach Brixen unter Bischof Albuin (975?–1006) und bedingt durch die Lage an der Brenner-Route, die politische Eigenständigkeit (B. war bis 1803 Hochstift und geistliches Reichsfürstentum) kam es zu einer raschen kulturellen wie wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt.

Der Hof des Bischofs bildete vom Mittelalter an ein Zentrum für geistliche wie weltliche Musikpflege, Hofrat und Domkapitel regelten auch weltliches Musizieren in der Stadt. Auch nach 1803 blieb die Dommusik ein wesentlicher Faktor des B.er Musiklebens. 1991 übernahm erstmals ein Laie (Heinrich Walder) das Amt des Domkapellmeisters. Seit 1972 residiert der Bischof für das Bistum Bozen-B. in Bozen.

Eine Domschule, die nicht nur der Heranbildung des Klerus, sondern auch von Sängerknaben diente, ist seit dem 10. Jh. nachweisbar. Die Förderung der musikalischen Bildung wird auf mehreren Diözesansynoden hervorgehoben (z. B. 1603). Die alte Domschule behauptete sich gegenüber den Jesuiten, im 19. Jh. ging sie in das heutige Gymnasium über, die verpflichtenden Dienste der Scholaren in der Dommusik wurden jedoch mit der Säkularisierung abgeschafft.

Über die ältere B.er Liturgie unterrichten eine Reihe in B. erhaltener mittelalterlicher Handschriften und über die nach den Reformen unter Nikolaus Cusanus (1450–64 Bischof von B.) drei Augsburger Drucke von Erhard Radolt (Obsequiale 1487, Breviarium 1489, Missale 1493).

Bis in das 15. Jh. waren in B. der Choral bzw. die Orgelmusik Basis der Kirchenmusik; erst allmählich und gegen den anfänglichen Widerstand des Domkapitels setzten sich Vokalpolyphonie bzw. Instrumentalmusik in der Kirche durch; Kardinal Andreas v. Österreich (reg. 1591–1600) und Bischof Christoph IV. Andreas v. Spaur (reg. 1601–13) sind als Erneuerer der Kirchenmusik in B. zu nennen. Auf den Diözesansynoden von 1453 und 1457 in B. wurden die liturgischen Bücher vereinheitlicht, der römische Choral jedoch erst 1603 in B. eingeführt; Kopisten wie Balthasar Köck oder Georg Moser (der auch für die Wiener Hofmusikkapelle arbeitete) fertigten 1609–22 12 neue Chorbücher an. Für das Mittelalter ist derzeit zwar ein Skriptorium für das nahe Neustift nachweisbar, nicht aber für B. Relativ früh lassen sich volkssprachliche Gesänge in der Kirche nachweisen; P. Tritonius Athesinus (P. Treybenreif) war 1500–02 Lehrer an der Domschule. 1836 ordnete Bischof Bernard Galura (1764–1856) eine Sammlung des deutschsprachigen Liedgutes nach dem Vorbild der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien an (Verwahrung wohl einst in I-BREd, seit längerem dort nicht auffindbar).

Bereits im 14. Jh. wird eine Orgel in der Katharinenkapelle (heute Sakristei) des Domes erwähnt, 1428 in der Marienkapelle der Burg eine Orgel errichtet, 1429 ein Hornwerk. 1453 reduzierte Bischof Nikolaus Cusanus die Musikpflege und das Orgelspiel im Dom, doch schon 1483/84 stellte Burkhard Dinstlinger eine neue Orgel auf. 1530/31 wurden eine große und eine kleine Orgel durch C. Zimmermann im Dom errichtet, die in der Folge mehrere Neu- und Umbauten erfuhren (z. B. 1689 durch Eugen Casparini, 1758 durch August Simnacher, 1898 Neubau durch die Gebrüder Mayer/Feldkirch). 1980 und 1997 erfolgte die Weihe einer jeweils neuen Domorgel von J. Pirchner.

Ansässige Orgelbauer in B. waren: ab ca. 1530 C. Zimmermann (1538/39 Reparaturen in Dom und Pfarrkirche B.); D. Herz ca. 1641–56 (1646 mit Inwohnerrecht) – seinen Namen trägt ein 2008 erstmals in B. abgehaltener Orgelwettbewerb, in der Liebfrauenkirche und der Johanneskirche im Kreuzgang B. ist jeweils eine Orgel von ihm erhalten. Sein Geselle J. Köck übernahm 1656 die B.er Werkstatt. 1761 wurde der Orgelmacher Josef Anton Simnacher als Inwohner aufgenommen, nachdem er bereits mit seinem Vater August im Dom zu B. an einem Neubau mitgewirkt hatte. Von Josef Lusser (*1767 Bruneck – † 1848 Brixen), ab 1802 als Orgelmacher und „Mechanicus“ in B., befindet sich noch heute (2005) ein Klavichord im Kloster Marienberg. 1620 erbaute A. Butz aus Passau/D eine Orgel im Klarissenkloster B., 1621 verlieh ihm der B.er Bischof ein Wappen.

Einer der bedeutendsten Geigenbauer seiner Zeit wurde 1659 in B. geboren: Matteo Gofriller. Gestorben ist in B. 1754 der Geigenmacher Samuel Berner. Vom 17. bis in das 19. Jh. wirkten in B. Mitglieder der Glockengießer-Familie Grassmayr, in der 2. Hälfte des 16. Jh.s waren die Glockengießer Johann Löffler, Johann Weilander und Georg Walser tätig.

Höfische weltliche Musik ist ebenfalls seit dem Mittelalter in B. nachweisbar: Als „erster Hofmusiker“ wird erstmals der Ministeriale Weinhard 1231 genannt. Der Kanoniker Georg v. Bopfingen schrieb um 1370 höfische Lieder. Auch Oswald v. Wolkenstein war in Diensten des B.er Bischofs, sicherte sich 1411 ein Pfründnerhäuschen in Neustift bei B., war 1429 in einen Streit gegen Bischof Ulrich Putsch verwickelt, aber ab 1435 wieder Berater der Bischöfe von B. Sein von ihm selbst 1407 in Auftrag gegebener Gedenkstein ziert seit 1996 die Arkaden des alten Friedhofs zwischen Dom und Pfarrkirche.

B. ist seit 1300 als Spielstätte für geistliche Spiele in Landessprache neben Hall, Bozen und Sterzing und noch vor Neustift bekannt (Osterspiele, zu denen nicht nur Texte, sondern auch einzelne Melodien überliefert sind). Die B.er Passionsspiele beeinflussten die Spielkultur in Neustift und wurden im Barock endgültig schriftlich fixiert.

Seit dem Barock folgte B. auf dem Gebiet des geistlichen Theaters, der Kirchenmusik, Kammermusik und dramatischen Musik den im süddeutsch-österreichischen Raum gepflegten Richtungen, v. a. ist der Austausch mit den geistlichen und weltlichen Höfen im Nordtiroler Raum evident (Hall, Stams, Wilten, Innsbruck etc.). So wechselte Chr. Sätzl (1620–32 Domkapellmeister in B.) an das Damenstift in Hall, ebenso wie J. J. Walther, der 1682–96 Domorganist in B. war. M. B. Widmann, Hofmusiker in B., widmete Kompositionen nach Stams bzw. wirkte an Aufführungen in diesem Stift mit. Seit 1600 hielten sich die meisten Bischöfe eine HMK, die sich nicht nur aus Musikern, sondern auch aus Kanonikern und anderen Bediensteten zusammensetzte und im 18. Jh. ca. 20–30 fest angestellte Musiker umfasste. Neben den erwähnten Sätzl und Walther sind E. Ranfter (bis 1612 in B.), W. Wiest (1645–69 Domkapellmeister), L. Strach (v. Treyenfeld, 1727 Bassist, ab 1728 Hofkapellmeister der B.er HMK) zu nennen. Bischof Johann Platzgummer (reg. 1641–47) hatte 1609 ein Mariale geschrieben („scripsit et edidit“).

Nach der Gründung des Vereins Cäcilia 1863 in Gries/Bozen (Gries/Bolzano) konstituierte sich in B. 1869 der erste Diözesan-Cäcilien-Verein Tirols. Domorganist J. G. Zangl war dafür die treibende Kraft und erster Präses. K. Höllwarth, Präfekt am Cassianeum, einem 1756 gegründeten bischöflichen Konvikt, sein Schüler I. Mitterer (1885–1917 Domkapellmeister), F. Moll, Lehrer und später Pfarrorganist waren Mitbegründer. B. avancierte unter Mitterer zum führenden Zentrum des Cäcilianismus im deutschen Sprachraum, 1889 fand die 12. Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Cäcilienvereins in B. statt. Der Theologen-Chor des Priesterseminars war führend bei der Dommusik. Um 1875 sorgte der Verlag des Cäcilien-Vereins der Diözese B. überregional für Verbreitung einschlägigen Notenmaterials, um 1900 der Katholisch-politische Preßverein. Der heute noch bestehende Verlag A. Weger geht auf den 1773 als Hofbuchdrucker bestätigten Verlag unter Thomas Weger, der teilweise Musikalien vorlegte zurück.

1862 bildete sich aus dem Dr. Krapf’schen Quartett der B.er Männergesangverein (MGV), 1865 wurde ein Orchesterverein gegründet, der auch an der Dommusik mitwirkte; als Konzertsaal diente der „Waltersaal“ (im alten Sparkassengebäude). Der MGV rief 1873 eine Musikschule ins Leben, Anfang des 20. Jh.s folgte die Errichtung einer städtischen Musikschule, 1953 wurde unter Bischof Josef Gargitter, der noch im cäcilianischen Sinn a cappella-Musik favorisierte, eine eigene Kirchenmusikschule eröffnet. MGV und Orchesterverein wurden durch die Faschisten verboten, 1948 der MGV wieder gegründet.

Schriftliche Nachrichten über eine Musikbande (Banda) gibt es seit 1801. 1888 schlossen sich Feldmusik und der Bruderverein Harmonie zur Bürgerkapelle zusammen, die sich im Ersten Weltkrieg auflöste. Der noch bestehenden Feuerwehrkapelle setzten die faschistischen Behörden 1925 ein Ende. 1927 konstituierte sich eine neue Kapelle Banda Cittadina Dopolavoro Bressanone, im Dienst der Gemeindeverwaltung, 1938 gründete Domkapellmeister Angelo Alverà (1905–78) mit 22 deutschsprachigen Bläsern die Domkapelle, schließlich erfolgte 1947 eine Neugründung der Bürgerkapelle Brixen. Im 20. Jh. entstanden eigene Sing- und Musiziervereinigungen der italienischsprachigen Bevölkerung, bis 1969 existierte der Mandolinen-Club Giacomo Sartori. 1868–76 hatten Jesuiten aus Padua/I ein Gymnasium in B. geführt und durch Musikkurse wie -ensembles Impulse die Musikpflege gefördert.

Die 1988 gegründete B.er Initiative Musik und Kirche setzt wesentliche Impulse für das Konzertwesen, die Erforschung der Beziehung von Musik und Religion sowie der Musikgeschichte B.s. Im Jugendhaus Cassianeum bekam um 1995 die Popmusikszene der Jugend ihren Platz, im Anreiterkeller etablierte sich der Jazz.


Literatur
H. J. Hermann, Die illuminierten Handschriften in Tirol 1905; M. Fink/K. Drexel (Hg.), Musikgeschichte Tirols 1 (2001); E. Knapp, Kirchenmusik Südtirols 1993; E. Knapp, Kirchenmusik Südtirols. Ergänzungsbd. 1997; Hb. hist. Stätten/Österreich 2 (1978); A. Sparber, Die Bischofstadt B. 1962; U. Rieder in Musica vocalis 1989; MGG 6 (1957), 291, 9 (1961), 1879–83; MGG 5 (1996), 1389–1400, 7 (1997), 143f; R. v. Granichstaedten-Czerva, B. 1948; MGÖ 1 (1995); H. Herrmann-Schneider in Der Schlern 75 (2001); B. Stäblein, Schriftbild der einstimmigen Musik 1975; K. Mutschlechner, Das Jesuitentheater in B. im 18. Jahrhundert, Diss. Univ. Padua 1975/76; Brixner Initiative Musik und Kirche (Hg.), Symposion B. 1988ff; H. Post, Schuelmayster, Cantores und Singknaben im Landt im Gepirg 1993; H. Simmerle, Kirchenchöre Südtirols 1998; M. Schneider [Booklet zu CD] Leopold Strach (1699–1755), Domkapellmeister in B. Sakralwerke 1999; J. Gelmi, Geschichte der Stadt B. 2000; Bürgerkapelle B. 1801–2001. Festschrift 2001; H. Herrmann-Schneider, Musik in Tirol. Grundzüge ihrer Geschichte von der Zeit Kaiser Maximilians bis zum Ende der k. und k. Monarchie 2002 in www.musikland-tirol.at (12/2008); H. Herrmann-Schneider in J. Lanz/K. Eichbichler (Red.), [Kgr. Ber.] Cäcilianismus in Tirol. B. 2002 2003; B. Fuchs [u. a.] (Hg.), B. 1. Die Geschichte 2004; D. Sadgorski in L. Kačic (Hg.), [Kgr. Ber.] „Plaude turba paupercula“. Franziskanischer Geist in Musik, Literatur und Kunst. Bratislava 2004 2005; H. Heiss [u. a.] (Hg.), B. 2. Kunst Kultur Gesellschaft 2006; H. Herrmann-Schneider in Der Schlern 84 (2010); J. Gelmi, „Pietas et Scientia“. 400 Jahre Priesterseminar B. 1607–2007 2007; E. Knapp, Die Kapellmeister und Organisten am Dom zu B. 2007; F. Comploi/K. Estermann (Hg.), Die Daniel-Herz-Orgel in der Frauenkirche in B. 2010; A. und M. Reichling, Orgellandschaft Tirol in www.musikland-tirol.at (12/2008); Tageszeitungen und Periodika (Fliegende Blätter für katholische Kirchenmusik, Musica sacra Dolomiten, Der Brixner u. a.).

Autor(en)
Hildegard Herrmann-Schneider
Empfohlene Zitierweise
Hildegard Herrmann-Schneider, Art. „Brixen‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 13/03/2009]

MEDIEN
Beatus Cassianus sacerdos (Antiphon zum Hl. Kassian, Patron der Diözese und Nebenpatron des Doms zu B.), 15. Jh., Fragment eines Bucheinbands (Pergament). I-BREd DKA Lade 37 Lit. RR Nr. 2. © 2005 HHSch
Beatus Cassianus sacerdos (Antiphon zum Hl. Kassian, Patron der Diözese und Nebenpatron des Doms zu B.), 15. Jh., Fragment eines Bucheinbands (Pergament). I-BREd DKA Lade 37 Lit. RR Nr. 2.