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Bruneck (deutsch für italienisch Brunico)
Stadt an der Rienz im Pustertal, Südtirol (Italien). B. entwickelte sich im 13. Jh. zu einer Siedlung mit städtischem Charakter (erste urkundliche Erwähnung als Stadt 1256) auf dem Territorium des Hochstiftes Brixen. Bis zur Säkularisierung 1803 und der Angliederung an das österreichische Kronland Tirol blieb B. fürstbischöflich-brixnerischer Verwaltungssitz. Die Stadt liegt an einer strategisch wichtigen Handelsroute und ist der Hauptort des westlichen Pustertales.

Die Stadtpfarrkirche zur Himmelfahrt Mariens (Liebfrauenkirche) wurde erstmals 1331 urkundlich erwähnt, 1610 zur Pfarr- und Dekanatskirche erhoben, mehrfach, zum Teil substanziell (1788–98) umgebaut und nach einem Brand 1851–53 neu errichtet. Der Lateinschule oblagen Unterricht und Pflege des Kirchengesangs (erste Erwähnung eines gesungenen Amtes 1345). 1564 wurden laut Beschluss des Stadtrates Prozessionen mit deutschen Psalmen und Liedern zur Abwendung der Pest abgehalten, was vom Brixner Fürstbischof Christoph III. Kardinal v. Madruzzo ebenso bekämpft wurde wie das Singen protestantischer und wiedertäuferischer Lieder (Protestanten) durch die Schuljugend. Im 16. Jh. verpflichtete die Kirchen- und Schulordnung den Lateinschulmeister zur Aufführung mehrstimmiger Messen an Festtagen; in den Statuten der Fronleichnams-Bruderschaft (1614) werden Gottesdienste mit Figuralmusik und ein Honorar für den Organisten erwähnt. Passionsspiele in B. sind seit dem 16. Jh. nachweisbar. Eine Karfreitags-Spielprozession mit Gesängen wurde von 1611 bis in josephinische Zeit abgehalten und mehrfach parodiert. Seit dem frühen 17. Jh. waren die Lateinschulmeister auch als Organisten tätig, ab 1770 als Chorregenten, Musikdirektoren und Organisten mehrfach Geistliche. Einige Chorregenten an der B.er Stadtpfarrkirche waren auch kompositorisch tätig, so z. B. J. B. Zangl aus Steinach am Brenner und A. Rieder, einer der führenden Tiroler Vertreter des Cäcilianismus, der von 1865–82 in B. wirkte und die Stadt auch durch die Einrichtung einer Gesangsschule zu einem Zentrum der kirchenmusikalischen Reform in Tirol machte. Zu den prägenden Chorleiterpersönlichkeiten im 20. Jh. zählt Josef Knapp (*1921), der vor seiner Berufung zum Brixner Domkapellmeister 1944–50 in B. tätig war. Mit einer kurzen Unterbrechung leitet seit 1971 Hubert Hopfgartner (* 1942) Chor und Orchester der Stadtpfarrkirche B.

1607/08 erbaute G. Gemelich die älteste Orgel in der Pfarrkirche, die 1739 durch ein Werk von J. R. Egedacher ersetzt wurde. 1855 baute F. Weber aus Oberperfuß in der neu errichteten Kirche ein Instrument mit 32 Registern, das bereits 1910 in einem Gutachten als „unbrauchbar“ bezeichnet und daher durch ein pneumatisches Instrument der Firma Behmann ersetzt wurde (1913/14). 1983 wurde die dreimanualige Mathis-Orgel mit 38 Registern eingeweiht, die größte Orgel Südtirols.

1626 kam es zur Gründung eines Kapuzinerklosters in B., seit 1741 ist der Orden der Ursulinen vor allem im Schulwesen tätig. In der Spital- oder Heiliggeistkirche existierte schon im 18. Jh. eine Orgel, die 1774 von I. F. Wörle repariert wurde. F. Weber baute 1859 ein Werk in ein anonymes Gehäuse des frühen 19. Jh.s. 1974 baute die Firma Pirchner für die Kapuzinerkirche ein Werk mit 8 Registern, das 1994 in die Ursulinenkirche transferiert und durch ein neues Instrument ersetzt wurde, wiederum aus der Werkstatt Pirchner. In der Ursulinenkirche errichtete Joseph Antoni Simnacher um 1761 eine Orgel, die 1880 durch ein Instrument von P. Volgger (II) ersetzt wurde. Im Ragenhaus, dem Sitz von MSch. und Collegium Musicum, befinden sich zwei Orgeln (Pirchner 1989, Francesco Zanin 1995). F. Zanin baute 1997 auch die neue Orgel von Stegen (Stegona/I; zu B. gehörig). In der Pfarrkirche Aufhofen (Villa Santa Caterina/I; seit 1928 Ortsteil v. B..) steht ein Werk von A. Fuetsch (1932), in Dietenheim (Teodone/I; seit 1929 Ortsteil v. B.) ein Instrument von Paolo Ciresa (Tesero) aus dem Jahr 1984.

Die Stadt- bzw. Bürgermusikkapelle ging aus der Bürgergarde hervor und besteht seit 1835. Mehrfachen Auflösungen und Wiederbelebungen in der ersten Hälfte des 20. Jh.s folgte 1949 die dauerhafte Neugründung der Kapelle. Parallel zur Bürgermusik bestanden im 19. Jh. auch eine Bläsergruppe unter dem Bauern Johann Oberhammer sowie eine Turn- und Feuerwehrkapelle. Die Musikkapelle Reischach (Riscone/I) besteht seit 1912, die Musikkapelle St. Georgen (San Giorgio di Brunico/I) seit 1924, die Musikkapelle Dietenheim/Aufhofen wurde 1984 gegründet, die Musikkapelle Stegen 1984/85. In der Fraktion Stegen blieb bis um 1970 die Tradition der Kirchensinger lebendig. 1829 gründete Anton Petzer einen geselligen Casino-Verein (bis 1881 nachweisbar), der regelmäßig auch musikalische Aufführungen im Gasthof Stern veranstaltete. Die B.er Liedertafel, eine der ältesten Chorvereinigungen Tirols, verdankt ihre Gründung 1843 einer Anregung des Dichters Hermann v. Gilm, der dem Casino-Verein sehr verbunden war. Der Männer-Gesangsverein B. wurde 1883 gegründet, der Männerchor Stegen 1968. Der Chor ars cantandi in Aufhofen (gegründet 1990) widmet sich unkonventioneller Chorliteratur aller Epochen, der Chor Auludis (Aufhofen) dem Gospelgesang. Der italienischsprachige Chor Santo Spirito ist in der gleichnamigen Kirche beheimatet (gegründet 1979). Seit 1961 werden im Ansitz Ragen Musikkurse durchgeführt. Wesentlichen Anteil am regen städtischen Konzertleben (u. a. Sommerkonzerte seit 1980) hat das 1982 von H. Hopfgartner gegründete Collegium Musicum B. mit seinem Kammerchor Collegium vocale; die Ensembles widmen sich u. a. dem klassischen Oratorienrepertoire. 1998 wurde zum Beispiel ein Oratorium über den wahrscheinlich aus B. stammenden Bildhauer Michael Pacher zu dessen 500. Todestag mit großem Erfolg aufgeführt (T: Karl Lubomirski, M: Felix Resch). Das Südtiroler Landesmuseum für Volkskunde in der Fraktion Dietenheim beherbergt eine bedeutende Sammlung von Zithern.

Aus B. stammte der Franziskanerkomponist G. Negele.


Literatur
G. Auer, Der literarisch-gesellige „Casino-Verein in B.“: Eine Studie zur Musikpflege im Vormärz, Dipl.arb. Innsbruck 1999; Beiträge von A. Dörrer u. P. Winkler in: B.er Buch 22003; H. Herrmann-Schneider, Die Zithern der Sammlung Walther Schwienbacher im Südtiroler Landesmuseum für Volkskunde 1, 2000 u. 2, 2005; A. Reichling, Orgellandschaft Südtirol 1982; Verband der Kirchenchöre Südtirols und Diözesane Orgelkommission (Hg.), Verzeichnis der Südtiroler Orgeln 2002.

Autor(en)
Franz Gratl
Empfohlene Zitierweise
Franz Gratl, Art. „Bruneck (deutsch für italienisch Brunico)‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 11/03/2009]