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Burgtheater
Repräsentatives Wiener Theater. Das alte B. entstand aus einem im 16. Jh. erbauten Ballhaus an der Nordseite der kaiserlichen Burg (Wien I, Michaelerplatz), das zum Theatergebäude umgewandelt wurde und Maria Theresia 1741 dem Pächter des Kärntnertortheaters J. C. Selliers überließ, mit der Erlaubnis, ein Theater einzurichten, das zwar allgemein zugänglich war, aber in erster Linie dem Hof zur Verfügung stand. Als erstes musikalisches Bühnenwerk wurde am 3.2.1742 Ambleto (T: A. Zeno und P. Pariati, M: F. Gasparini) aufgeführt. 1747 ließ Baron R. de Lo Presti (dello Presti) als Leiter der kaiserlichen Vergnügungen das Theatrum nächst der kaiserlichen Burg nach Plänen von A. Galli-Bibiena neu erbauen und am 14.5.1748 mit der Oper La Semiramide riconosciuta von Chr. W. Gluck (T: P. Metastasio eröffnen. Werke von G. Chr. Wagenseil, G. B. Pergolesi, J. A. Hasse, B. Galuppi usw. standen auf dem Spielplan. Nach der Theaterreform Maria Theresias nahm das B. 1752 das vom Hof favorisierte und von Staatskanzler W. A. Kaunitz protegierte französische Theater auf, das allerdings ein Exklusivtheater des Wiener Adels war und vom bürgerlichen Publikum, das lieber das Kärntnertortheater besuchte, gemieden wurde. Neben französischen Theaterstücken stand auch die bei den Wienern beliebte Opéra comique auf dem Spielplan.

1755–64 war Gluck hier in verschiedenen Funktionen tätig, u. a. ab 1755 als „Direktor“ der musikalischen Akademien des B.s. Er komponierte Musik und Einlagearien zu französischen Opern und Ballette zu Choreographien von G. Angiolini, Karl Bernardi und Giovanni Dupré und hatte v. a. Gelegenheit, hier seine Opernreform zu verwirklichen: am 5.10.1762 Orfeo ed Euridice, am 26.12.1767 Alceste und am 30.11.1770 Paride ed Elena.

1756 erhielt das Theater unter Hoftheaterdirektor G. Conte Durazzo (1754–64) seine bleibende Gestalt. Bis 1757 war F. Hilverding Ballettmeister. Bis 1776 führten die jeweiligen Hoftheaterpächter (F. Hilverding, G. d’Afflissio usw.) auch das B. mit wechselndem Erfolg. 1754–60 standen die französische Opéra comique sowie Lust- und Schauspiele in französischer Sprache auf dem Spielplan. Nach einer Unterbrechung des Spielbetriebes fanden 1767–71 wieder französische Aufführungen sowie 1767–74 Ballettaufführungen unter der Leitung von J. G. Noverre, der von d’Afflissio nach Wien geholt worden war, statt. Das neue Handlungsballett (Ballet en action) fand in ganz Europa Verbreitung. 1770–76 wurden 65 neue italienische Opern aufgeführt.

Den Bankrott des Pächters der Hoftheater J. Koháry nahm Joseph II. zum Anlass, das gesamte Wiener Theaterwesen neu zu regeln. 1776 ordnete er an, das B. als Teutsches Nationaltheater in Eigenregie zu betreiben, um die Sicherstellung einer geordneten Leitung und Verwaltung zu garantieren. 1777/78 führte er das deutsche Nationalsingspiel ein:„Die deutsche komische Oper, die der Kaiser im Burgtheater zu errichten willens, sei dermalen der Versuch, ob mit den Deutschen in diesem Fache etwas anzufangen sei.“ Am 18.1.1778 wurden Die Bergknappen (T: P. Weidmann) von I. Umlauf, der auch als Kapellmeister engagiert war, uraufgeführt, 1778–83 fanden 45 EA.en von Singspielen statt, davon 21 deutsche Singspiele, darunter 12 Komponisten aus Österreich: J. Barta, M. Ulbrich, F. L. Gaßmann, J. M. Ruprecht, A. Salieri, W. A. Mozart (1782 Die Entführung aus dem Serail), A. Gallus-Mederitsch, J. Weigl, C. de Ordoñez, F. Aspelmayr. Die meisten Werke stammten jedoch von Italienern und Franzosen (1779 Zemire und Azor von André E. M. Grétry, 1780 Der Faßbinder von François Joseph Gossec, 1781 Iphigénie en Tauride von Gluck), als Übersetzer war J. Stephanie d. J. tätig, Ballettmeister war der Münchner A. Crux. Zum Ensemble zählten u. a. V. J. Adamberger, A. Bernasconi, C. Cavalieri, Th. Teyber, Aloysia Weber. Der Spielplan wechselte täglich zwischen deutschem Singspiel und italienischer Oper. Da das deutsche Singspiel nicht sehr erfolgreich war, wurde 1783 ein italienisches Ensemble unter der Leitung von A. Salieri engagiert. 1783–94 fanden insgesamt 85 EA.en italienischer Opern u. a. von Pasquale Anfossi, Dominco Cimarosa, P. Guglielmi, G. Paisiello (1782 Der Barbier von Sevilla), V. Martin y Soler (1786 Una cosa rara), Salieri, Giuseppe Sarti, usw. sowie von Mozart (1786 Le Nozze di Figaro, 1790 Così fan tutte) statt. Mit der Aufführung von Il ricco d’un giorno am 6.10.1784 begann die Zusammenarbeit von Salieri und dem Hofdichter L. Da Ponte (1788 Axur). Durch die Jahresverträge ergab sich ein rascher Wechsel im Sänger-Ensemble, das größtenteils aus Italien bezogen wurde.

Das B. wurde zunehmend als zu klein empfunden. 1779 wurde der Zuschauerraum vergrößert und ein neuer Vorhang gestaltet. Seit 1780 existierte das Theater in der Leopoldstadt, ab 1794 wurde das Kärntnertortheater verstärkt für Opern herangezogen, 1801 erwuchs aus dem Theater an der Wien ein neuer Konkurrent.

Während Joseph II. kein Förderer des Balletts gewesen war, wurde unter Leopold II. wieder ein Ballettensemble unter Leitung von A. Muzzarelli engagiert. Als Ballettmeister folgten ihm S. Viganó, G. Trafieri und G. Gioja, die zahlreiche Ballette für Wien schufen.

Das Kostümwesen lag zunächst in den Händen der Garderobemeister. Erst Leopold II. widmete dem Ausstattungswesen an den Hoftheatern größere Aufmerksamkeit. Bis 1810 verwendete man trotz unterschiedlicher Bühnenräume die gleichen Dekorationen im B. wie im Kärntnertortheater. Dekorationsmaler waren Lorenzo Sacchetti, Josef Platzer und Johann Janitz. 1809–48 war Philipp Stubenrauch Kostümdirektor der Hoftheater.

1794–1806 leitete P. A. Frh. v. Braun die Hoftheater. Der neue Vertrag besagte u. a., dass im B. täglich deutsche Schauspiele, italienische Opern und Ballette zu spielen seien. Ab 1796 wurden in beiden Hoftheatern parallel deutsche und italienische Opern (Werke von Salieri, P. Winter, J. B. Schenk, P. Wranitzky, F. X. Süßmayr, Umlauf und A. Gyrowetz sowie von Nicolas Dalayrac, Pierre Dutillieu und Ferdinando Paer) gepflegt. Während 1791–98 keine Opern von Mozart gespielt wurden, fanden ab 1798 wieder zahlreiche Aufführungen statt: Don Juan, Die Hochzeit des Figaro (erstmals in deutscher Sprache), Die Entführung aus dem Serail und 1801 Die Zauberflöte.

1807 übernahmen die Mitglieder einer Kavaliersgesellschaft als Aktionäre die Hoftheater („Hoftheaterunternehmungsgesellschaft“) die sich 1810 auflöste. In dieser Zeit erlebten die Werke Glucks eine Renaissance und das Ballett einen Aufschwung. Ballettmeister waren Viganó, Muzzarelli, Trafieri und Gioja. Infolge der Besetzung Wiens durch die Franzosen 1809 stand wieder die französische Oper im Vordergrund. Allerdings waren die staatlichen und privaten Finanzen zerrüttet.

Auf Vorschlag von Graf F. Palffy wurden 1810 die Aufgaben der Hoftheater geteilt: das B. war nur noch Sprechtheater – „Um das deutsche Schauspiel von den ungleich kostspieligeren Vorstellungen der Opern und Ballette dergestalt zu trennen, dass vom 1. Oktober an in dem Nationaltheater nächst der Burg nur deutsche Schauspiele, im Kärntnertortheater aber Opern und Ballette gegeben, dagegen im ersteren Theater geringere, im andern höhere Preise festgelegt werden“ –, ab 1821 führte das Theater offiziell den Namen Hofburgtheater. 1837 wurde es im Inneren, 1845 äußerlich umgestaltet. Durch die Neugestaltung Wiens wurde ein neues, größeres B. erforderlich. Am 12.10.1888 fand die letzte Vorstellung im alten B. statt, dann übersiedelte das Theater in das nach Plänen von Gottfried Semper und Carl von Hasenauer erbaute neue Haus am Franzens-Ring (heute Wien I, Dr. Karl Lueger-Ring). 1890 wurde das alte Gebäude am Michaelerplatz abgerissen.

Da in Wien ein geeigneter Konzertsaal fehlte, wurde das B. auch in der Konzertgeschichte zu einer denkwürdigen Aufführungsstätte. Am 7.3.1745 fand erstmals eine musikalische Akademie im B. statt, die 1750 wieder eingeführt und ab 1754 auf Betreiben von Durazzo verstärkt gepflegt wurde. 1755 wurde Gluck Leiter der Akademien, die von den Orchestermitgliedern des Theaters gestaltet wurden. Die Konzerte fanden in der Fasten- und Adventszeit sowie an Norma-Tagen (= spielfreien Tagen) statt. Auf dem Programm standen Symphonien, Arien und Solokonzerte sowie Teile aus Oratorien. Es handelte sich dabei v. a. um Veranstaltungen der Pensionsgesellschaft der Tonkünstlersozietät. Am 22.3.1783 trat W. A. Mozart erstmals im B. auf, am 12.2.1797 erklang erstmals J. Haydns Volkshymne im B., am 2.4.1800 trat L. v. Beethoven auf. Bis zum Bau des Konzertsaales der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien wurde das B. als Konzertsaal genützt. Hier feierte u. a. auch N. Paganini Triumphe.

Musik erklang aber weiterhin auch im neuen B. in Form von Zwischenaktmusiken, Schauspielmusiken (Egmont und Coriolan von Beethoven) oder Ouvertüren (zu König Ottokars Glück und Ende von I. F. Mosel 1825). St. Franz, H. Proch und J. E. Horzalka schrieben Musik zu Theaterstücken von Ernst Raupach, F. Grillparzer und E. v. Bauernfeld. 1850–70 war A. E. Titl B.-Kapellmeister, er schrieb 51 Dramenouvertüren, melodramatische Musik, Entreacts und Aktschlüsse. 1875–89 war J. Sulzer Kapellmeister. Als sein Nachfolger bewarb sich A. Bruckner. Weitere Kapellmeister waren Ad. Müller, im 20. Jh. F. Salmhofer (1929–45), A. Steinbrecher sowie J. Totzauer. Als Bühnenkomponisten waren weiters u. a. P. Angerer, H. Eder, G. Kreisler, H. Sandauer und F. Wildgans tätig. H. Wolf schrieb als Auftragskomposition zu Henrik Ibsens Fest auf Solhaug 1890/91 die Bühnenmusik, 1918 komponierte R. Strauss die Musik zur H. v. Hofmannsthal-Bearbeitung von Moliéres Bürger als Edelmann und 1920 E. W. Korngold die Musik zu William Shakespeares Viel Lärm um Nichts.


Literatur
Czeike 1 (1992); Hadamowsky 1966; Michtner 1970 (mit Spielplan 1778–92); Zechmeister 1971 (mit Spielplan 1747–76); E. Krampf-Cermak, Das alte B. als Opernbühne von 1792 bis 1810, Diss. Wien 1981 (mit Spielplan 1792–1810); Hadamowsky 1966; E. Manning,The Nationalsingspiel in Vienna from 1778 to 1785, Diss. Durham 1975; J. A. Rice, Emperor and impressario: Leopold II and the transformation of Viennese musical theater, 1790–92, Diss. Berkeley 1987; G. Croll/M. Woitas (Hg.), [Kgr.-Ber.] Gluck in Wien 1987, 1989; B. A. Brown, Gluck and the French Theatre in Vienna 1991; D. Link, The National Court Theatre in Mozart’s Vienna. Sources and Documents 1783–1792, 1998; C. Höslinger in ÖMZ 31 (1976); [Kat.] Musik im B. Wien 1976, 1976.

Autor(en)
Andrea Harrandt
Empfohlene Zitierweise
Andrea Harrandt, Art. „Burgtheater‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 25/05/2001]