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Dilettant, Dilettantismus
In diesem Zusammenhang Bezeichnung für Musikfreund bzw. nicht professionelles Musizieren. Das Wort „Dilettant“ (von lateinisch „delectari“, italienisch „dilettarsi“ = sich erfreuen) hat sich während der 2. Hälfte des 18. Jh.s im Deutschen eingebürgert. Der Begriff hat aber eine sehr viel weiter zurückreichende Vorgeschichte und Prägung. Darauf verweist die positive Wertung von „Dilettant“ im 18. und auch teilweise noch im 19. Jh. Das Menschenbild der griechischen Antike, besonders im klassischen Athen, war auf eine Ausbildung vielseitiger Fähigkeiten und auf die aktive Teilnahme eines freien Bürgers am Gemeinwesen ausgerichtet. Die Fähigkeit zum Musikmachen und -beurteilen wurde hoch eingeschätzt, als Banause jedoch galt ein professioneller (Instrumental-)Musiker (Aristoteles). Das elitäre Ideal einer Ausgewogenheit zwischen politischem Handeln und privaten, kontemplativen und künstlerischen Lebensinhalten fand immer wieder Verwirklichungen, die auch Dichtung und Musik einbezogen (etwa im mittelalterlichen Rittertum), mit besonderem Bezug auf die Antike aber in dem des „uomo universale“ der italienischen Renaissance. Das im Cinquecento aufblühende Akademiewesen bildete die unmittelbare Voraussetzung eines positiv bewerteten Dilettantentums sozial hochgestellter Kreise nachfolgender Zeiten. Von diesem Geist getragen waren auch Hof und Höflinge der Habsburger. Am Wiener Kaiserhof des Barock war es durchaus üblich, dass selbst bei repräsentativen Veranstaltungen in Theater und Kirche Angehörige der kaiserlichen Familie und des Hochadels mitwirkten oder Kompositionen lieferten. Umso mehr galt dies für nicht-repräsentative Unterhaltungen in der Kammer (besonders in Form der sog. Serenata). Als bezeichnendes Beispiel lag im frühen 18. Jh. im Umkreis des Wiener Hofes die Pflege (und teilweise auch Komposition) der Lautenmusik als stilisierte Unterhaltung in Händen von Adeligen und Beamten kaiserlicher Behörden (J. A. Graf Losy von Losinthal, J. A. von Questenberg, F. I. Hinterleithner, J. G. Weichenberger). Über die Laute als ein später in weiteren Kreisen verwendetes Hausinstrument wird so eine soziale Durchlässigkeit einer höfischen Haltung in die bürgerliche Sphäre sichtbar.

Als Standardansicht der Musikgeschichtsschreibung gilt ein Wandel um die Mitte des 18. Jh.s von der höfischen Musizierpraxis hin zur Vermarktung der Musik mit seinen Auswirkungen in den Formen und Trägern des Musiklebens. Der Erfolg „neuer“ Gattungen wie Sinfonie und Divertimento oder Streichquartett, Klaviertrio und anderer Formen instrumentaler Kammermusik oder Klavierlied basiert auf dem Musizierinteresse von Dilettanten. Standard ist auch die Annahme eines ursächlichen Zusammenhangs dieses Wandels mit der Verbürgerlichung (Bürgerliche Musikkultur) und der Aufklärung. Es macht vermutlich ein Spezifikum der Wiener und österreichischen Situation (im Unterschied zu Hamburg oder Leipzig, zu London und Paris) aus, dass ein musikalisches Dilettantentum sich besonders intensiv ausprägte, obwohl die Vermarktung der Musik hierzulande relativ spät in den 1770er Jahren und wirtschaftlich wenig professionell einsetzte, der Kaiserhof (Maria Theresia, Joseph II.) auf den Wandel reagierte und so einflussreich blieb, die Hocharistokratie sich erst in Folge der Napoleonischen Kriege, Mediatisierung und Staatsbankrott 1811 als mitbestimmender Faktor vom Musikleben zurückzog und eine Verbürgerlichung der Gesellschaft sich erst aufgrund des von oben oktroyierten enormen institutionellen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsschubes in Österreich entfalten konnte. In dieser komplizierten Konstellation des Dilettantentums erhielt sich aber eine einfache und alte Zielvorstellung: die von einer ineinandergreifenden Balance zwischen öffentlicher Tätigkeit und Stilisierung des Privatlebens. Zukunftsweisende Träger gerade dieses Ideals wurden die aufsteigenden Eliten eines neuen Freiherrenadels und eines josephinisch geprägten bürgerlichen Hofbeamtentums (Josephinismus). Auch die damals in deutschen Ländern vielfach geführte Diskussion um die neue Rolle der „Kenner und Liebhaber“ ist für Wien nicht um diese gesellschaftliche Funktion zu verkürzen (wenngleich sie etwa im einschlägigen Artikel von J. G. Sulzers Allgemeiner Theorie der schönen Künste kaum zur Sprache kommt). In diesen Zeiten tiefer politischer und weltanschaulicher Verunsicherungen hatte das Musizieren für die neuen gesellschaftlichen Schichten neben dem Divertissement auch eine hohe Orientierungsfunktion, ähnlich der Beschäftigung mit anderen Künsten oder den modernen Geisteswissenschaften. Insofern sind die hervorragenden Leistungen eines Wiener Dilettantentums in praktischer Musikübung, Dokumentation und historischen Erkundungen von G. v. Swieten und J. Sonnleithner bis hin zu R. G. Kiesewetter als eine Einheit und ein sich selbst vergewisserndes Engagement von in der Öffentlichkeit tätigen Persönlichkeiten zu verstehen. Über deren Ausmaß und komplexe ständische Zusammensetzung in der vor-napoleonischen Zeit gibt das Jahrbuch der Tonkunst 1796 eine ungewöhnlich detaillierte Auskunft.

Nichtsdestoweniger ist die inhärente Problematik des Dilettantentums zu beachten. Das bürgerliche Konzert war vom gemeinsamen Musizieren der Dilettanten getragen (ab den 1780er Jahren Liebhaberkonzerte auch außerhalb Wiens in Städten wie Graz, Linz und Innsbruck). Diese Dominanz führte so weit, dass einer der ersten professionellen Konzertunternehmer in Wien, Ph. J. Martin, wohl mit W. A. Mozart zusammenarbeitete, aber doch auf das Engagement von Dilettanten-Orchestern nicht verzichten konnte. Eine drohende Diskrepanz enthielt jene Entwicklungsdynamik, die einerseits die Komponisten von Kammer- und auch Orchestermusik veranlasste, aufgrund von Vermarktungsstrategien den Erwartungshorizont der Dilettanten zu berücksichtigen, die aber andererseits gerade von den Wiener Klassikern durch die steigenden kompositorischen Ansprüche dieser neuen Instrumentalmusik in eine eben andere Richtung getrieben wurde. Es musste also ein Ausgleich zwischen den Interessen und den offensichtlich hohen Fähigkeiten der Musizierenden gefunden werden. Für dilettierende Komponisten wurde es unmöglich, den selbst goutierten geistigen Ansprüchen zu genügen (um auch hier Fähigkeiten zu heben, hat z. B. J. F. Daube 1770 ein musiktheoretisches Lehrwerk in Form einer Wochenschrift unter dem Titel Der musikalische Dilettant herausgebracht).

Im Bereich der Komposition war die Situation allgemein ähnlich wie in der deutschen Dichtung, für die Johann Wolfgang v. Goethe und Friedrich Schiller eine klar wertende Scheidung trafen: Die Kunst vermögen nur Meister zu fördern, positiv am Dilettantentum sei nur deren gesellschaftliche Funktion. Die Probleme des musizierenden Dilettanten traten erst später zu Tage. J. Haydn oder W. A. Mozart haben ihre Überlegenheit augenzwinkernd zu Papier gebracht: Mozart in seinem Musikalischen Spaß vermutlich sowohl gegen musizierende wie gegen komponierende Dilettanten im Sinne von Unprofessionalität, Haydn etwa im langsamen Satz seines Klaviertrios in es-Moll (Hob. XV:31, 1794) mit dem Titel Jacob’s Dream, in dem er sich über einen dilettierenden Geiger in London lustig macht. In ein ernstes Dilemma geriet das Dilettantentum aber erst durch die Ansprüche an Spieltechnik und Auffassungsvermögen, die L. v. Beethoven und auch Fr. Schubert mehr und mehr in Orchester- und Kammermusik (Schubert teilweise auch im Klavierlied) stellten. Die Lösung für die Orchesterpraxis konnte nur eine Professionalisierung bringen (1833 F. Lachners Konzerte mit dem Hofopernorchester, 1842 Gründung der Wiener Philharmoniker). Die Domäne der Kammermusikpflege, das Streichquartettspiel, wurde durch Beethovens Zusammenarbeit mit I. Schuppanzigh professionalisiert und ins öffentliche Konzertleben eingebunden. Doch war dies kein linearer Prozess. Für die Zeit des Wiener Biedermeier herrschte durchaus noch das Dilettantentum, auch als gesellschaftliches Ideal, vor. Die hervorragende Rolle Wiens im europäischen Musikleben gründete sich durchaus nicht auf das öffentliche Konzert- und Opernleben, sondern (neben dem Nimbus der Klassiker) auf die Begeisterung und das private und halböffentliche Musizieren der Dilettanten. V. a. gilt dies für die breite bürgerliche Pflege instrumentaler und vokaler Kammermusik. Die Bedachtnahme auf deren Bedürfnisse brachte freilich für die Zeit nach Beethoven und Schubert eine gewisse Verflachung in der kompositorischen Produktion mit sich. Als zukunftsweisend erwies sich aber das Ethos des Dilettantentums beispielhaft in der 1812 gegründeten Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, die sich als „Hauptzweck“ die „Emporbringung der Musik in allen ihren Zweigen“ setzte und demgegenüber im „Selbstgenuß und Selbstbetrieb“ einen „nur untergeordneten Zweck“ erkannte.

Das Wort „Dilettant“ hat aber etwa ab dem Vormärz Schritt für Schritt einen negativen Beigeschmack angenommen. Nach der Komposition hat nun auch die Aufführungspraxis zu einer Spaltung zwischen professionellen Könnern und diesem Können sich entfremdenden Liebhabern geführt. Auch die steigenden Forderungen der Berufswelt an den Bürger hat diese Entwicklung verstärkt. Doch völlig verdrängt wurde der Geist des Dilettantentums nicht. Verschiebungen werden schon früh offenkundig. So wurde in den 1840er Jahren der Rückgang an Zahl und Qualität der Kammermusikzirkel in Wien beklagt. Jedoch nahm das Klavierspiel über viele Jahrzehnte hin eine vergleichbar bedeutende Rolle ein. Chorsingen und Orchesterspiel in entsprechenden, oft „akademischen“ Vereinigungen blieb weiterhin ein bürgerliches Anliegen. Die gesellschaftliche Pflege der Musik (z. B. der Salon des Arztes und Brahmsfreundes Th. Billroth) und das intensive Sich-selbst-mit-Musik-Auseinandersetzen (z. B. in den Wiener Familien der Philosophen L. Wittgenstein und K. Popper) zählt weiterhin zum Horizont einer großbürgerlichen Lebensgestaltung. Was sich im städtischen Bürgertum (wohl in Wien stärker als anderswo) und gerade in den Eliten von Wissenschaft, Medizin, Jurisprudenz und auch von Politik und Wirtschaft bis heute erhalten hat, ist jener alte Geist, zur Bereicherung des eigenen Lebens und Selbstbewusstseins der Tätigkeit im Beruf etwas Anderes, eine private oder halböffentliche Betätigung in und für die Künste entgegenzustellen. Das Wort vom „Edeldilettanten“ im Wiener Jargon lässt freilich die eingetretene Ambivalenz im Urteil spüren. V. a. der Kontakt mit der gegenwärtigen Kunstproduktion ist nur mehr über die Pflege, kaum über das musizierende oder komponierende Selbsttun zu erreichen.

Sozial anders situiert und aus anderen historischen Wurzeln sich herleitend, auch vom Kunstanspruch und damit von einem negativen Dilettanten-Vorurteil eher frei sind die im 20. Jh. wichtig gewordenen unterschiedlichen Formen eines sog. Laienmusizierens (Blasmusik, Chorwesen, Kirchengesang, „neue Hausmusik“ usw.).


Literatur
HmT 1974 (Art. Kenner – Liebhaber, Dilettant); MGÖ 2 u. 3 (1995); C. Dahlhaus in AfMw 25 (1968).

Autor(en)
Gernot Gruber
Empfohlene Zitierweise
Gernot Gruber, Art. „Dilettant, Dilettantismus‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 21/08/2001]