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Entwickelnde Variation
Fachausdruck, der untrennbar mit dem Namen A. Schönberg verbunden ist. Dieser definierte e. V. als „Variation der charakteristischen Züge einer Grundeinheit“, welche „all die thematischen Gebilde“ erzeugt, „die für den Fluß, die Kontraste, die Vielfalt, die Logik und die Einheit einerseits und für den Charakter, die Stimmung, den Ausdruck und jegliche notwendige Differenzierung andererseits sorgen und so den Gedanken eines Stückes ausarbeiten“ (Stil und Gedanke). Der Begriff besagt, dass mithilfe traditioneller „Variations“-Techniken wie Abspaltung, Umkehrung oder Reduktion mitunter kleinste intervallische und/oder rhythmische Bestandteile einer „Grundeinheit“ in fortwährender Veränderung zu einem umfassenden musikalischen Zusammenhang verknüpft werden. Der Anspruch auf „Entwicklung“ des Variierten soll dem Hörer zugleich eine anschauliche Nachvollziehbarkeit der Abfolge von Gestaltbildungen gewährleisten: als „Wachstum, Vermehrung, Erweiterung und Ausdehnung“, aber auch in der „Verminderung, Kondensierung und Intensivierung“ von Satzelementen (Schönberg, Grundlagen der musikalischen Komposition). Das Verfahren besitzt als Kompositionstechnik eine musikgeschichtlich bedeutsame Dimension: Schönberg sah es insbesondere durch in Wien wirkende Meister einer „homophon-melodischen“ Epoche (W. A. Mozart, L. v. Beethoven und J. Brahms) repräsentiert, in deren Schaffen er eine wachsende Abneigung gegenüber Wiederholungsstrukturen beobachtet hatte. In diesen Traditionskontext stellte er immer wieder auch sein eigenes Œuvre. Es verwundert daher kaum, dass sich in Schönbergs Tätigkeit als Komponist und Lehrer bereits um 1900 Zeugnisse für die Anwendung jener technischen Verfahren nachweisen lassen, die er erst in zahlreichen Texten v. a. aus seiner zweiten Lebenshälfte analytisch untermauern sollte. Terminologisch fixiert erscheint der Begriff in Schönbergs Schriften erstmals in den 1910er Jahren. Es ist allerdings kein Zufall, dass seine theoretische Grundlegung im Zuge der ästhetischen Rechtfertigung der Zwölftontechnik um 1930 wesentlich an Bedeutung gewinnt. Wichtig wird Schönberg hierbei der hohe Abstraktionsgrad des Terminus’. Analog zum Reihenverfahren mit seiner unablässigen, motivisch-rhythmischen Verwandlung einer einzigen Tonserie benennt auch die e. V. kein Verarbeitungsverfahren von nur regionaler Ausdehnung. Vielmehr will sie idealiter eine subthematische Kombinationstechnik mit struktureller Bedeutung für einen gesamten Werkzusammenhang bezeichnen. Schönberg führt dabei die „Grundeinheit“ einer Komposition mitunter bis auf ein von Rhythmik und Motivbildung abstrahiertes einziges Intervall zurück, das keine Selbständigkeit als funktionales Satzelement besitzt (so in seiner Analyse von Brahms’ op. 51/2). In dieser Hinsicht muss der Begriff nicht nur als Satztechnik, sondern zugleich als eine für den Hörer nur latent wahrnehmbare ästhetische „Idee“ verstanden werden (C. Dahlhaus). Die e. V. war für die Musikanalytik (Analyse) und -historiographie (Musikgeschichte) insbesondere seit den 1970er Jahren von weitreichender Bedeutung und hat zahlreiche Anwendungsversuche erfahren: sowohl im Hinblick auf tonale, atonale und dodekaphone Werke Schönbergs, wie auch auf Kompositionen J. Haydns, Mozarts, Beethovens, Brahms’, Max Regers oder A. Zemlinskys.
Literatur
H. Weber in HmT 1986 (Varietas, variatio/Variation, Variante); E. Haimo in Music Analysis 16 (1997); J. Boss in Music Theory Spectrum 14 (1992); U. Krämer in S. Litwin/K. Velten (Hg.), Stil oder Gedanke? 1995; C. Dahlhaus in R. Stephan/S. Wiesmann (Hg.), Die Wiener Schule in der Musikgeschichte des 20. Jh.s 1986; W. M. Frisch, Brahms and the Principle of Developing Variation 1984; R. Wilke, Brahms, Reger, Schönberg. Streichquartette 1980.

Autor(en)
Matthias Schmidt
Empfohlene Zitierweise
Matthias Schmidt, Art. „Entwickelnde Variation‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 09/03/2006]