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Evergreen
Song, der über einen kurzfristigen Tageserfolg hinaus den Status langfristiger Popularität erreicht hat. Der Begriff entstammt der angloamerikanischen Music-Hall- und Tin-Pan-Alley-Tradition der 1. Hälfte des 20. Jh.s. Von derartigen Songs, die Eingang in das sog. Standard-Repertoire gefunden haben, werden von einer Vielzahl von Interpreten stets neue Versionen zur Aufführung gebracht bzw. auf Tonträger eingespielt. In Analogie zur Botanik treiben E.s über natürliche Verfallszyklen hinaus Blüten, bleiben lange frisch und vielfältig in Gebrauch. Typische E.s entstammen häufig der Feder großer Musical-Komponisten wie George Gershwin, Cole Porter, Richard Rogers, Irving Berlin oder K. Weill. Ihren Status als E.s erlangten sie nicht zuletzt durch ihren häufigen Gebrauch als Improvisationsvorlagen durch Jazzmusiker.

Im deutschsprachigen Raum erlebte der im Kontext der Operette groß gewordene Schlager nach dem Ersten Weltkrieg unter dem Einfluss von Tin Pan Alley-Songs und Jazz eine tiefgreifende Umgestaltung. Die Adaptierung englischsprachiger Hits wie z. B. Yes, we have no Bananas durch deutschsprachige Texte (Ausgerechnet Bananen, T: F. Löhner alias Beda) zeigt ein Grundmuster, das auch in der zweiten Jh.hälfte im Zusammenhang mit der internationalen Verbreitung der Rockmusik immer wieder angewandt wurde. Da jedoch der Begriff E. im Genre Pop/Rock kaum verwendet wird, ist es zwar üblich, erfolgreiche, vom Publikum immer wieder gewünschte deutsche Schlager aus allen Jahrzehnten seit den 1920er Jahren so zu bezeichnen, nicht aber große Pop/Rock-Hits von Chuck Berry, den Beatles, Bob Dylan, Bruce Springsteen u. a. und auch nicht deren österreichische Adaptionen durch Interpreten wie W. Ambros, STS, K. Ostbahn oder Jazz Gitti.

Der Begriff selbst hat demnach mittlerweile etwas von seiner Frische eingebüßt, wird hauptsächlich auf „Dauerbrenner“ im Bereich des Schlagers und des Traditional Jazz angewandt. Das Phänomen, das er bezeichnet, tritt jedoch nach wie vor in allen Musiksparten auf: Das Feld der E-Musik konstituiert sich auf der Basis steter Neuinterpretation eines umfangreichen Kanons von berühmten, „klassisch“ gewordenen Musikstücken; im Jazz zählen mittlerweile Kompositionen des Modern Jazz (von Thelonious Monk, Miles Davis u. a.) zum Fundus der sog. „Standards“; im Feld von Pop, Rock und Dance erlangen Hits durch häufige „Coverversions“ und „Remixes“ einen über ihren ersten Chartserfolg hinausgehenden Status; im Bereich des Folk zählt der lebendige Gebrauch von „Originals“ oder „Traditionals“ während eines langen Zeitraums.

In diesem Zusammenhang ist auch auf die Verknüpfung bestimmter Musikstücke mit sich wiederholenden Ereignissen hinzuweisen. Quer über alle Genregrenzen hinweg haben sich weltweit durchgesetzt: Stille Nacht, heilige Nacht (konkurrenziert von angloamerikanischen Hits wie White Christmas, Happy Christmas oder Last Christmas), der Donauwalzer (ungebrochene Monopolstellung beim Jahreswechsel; J. Strauß Sohn), Happy Birthday To You (einzigartiger weltweiter Gebrauch bei Geburtstagen) oder das Ave Maria von Bach-Gounod (in der Region Österreich mittlerweile ergänzt durch den Zillertaler Hochzeitsmarsch der Schürzenjäger).


Literatur
Hb. der populären Musik 1997; Das Lex. des dt. Schlagers 1993; T. Palmer, All You Need Is Love 1977; W. Gröbchen (Hg.), Heimspiel. Eine Chronik des Austropop 1995; H. Rösing/Th. Phleps (Hg.), Beiträge zur Popularmusikforschung 25/26 (2000).

Autor(en)
Harald Huber
Empfohlene Zitierweise
Harald Huber, Art. „Evergreen‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 23/10/2001]