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Experimentelle Musik
E. M. ist meist die Zuschreibung zu Neuer Musik, um ihren am Neuen forschenden Charakter zu betonen. Das Paradigma des naturwissenschaftlichen Experiments ist geeignet, eine Form von e.r M. zu charakterisieren, die im Zwischenbereich von Wissenschaft und Kunst entstand: Das Bemühen um Erkenntnis und Medienkunst nähert sich hier im gemeinsamen Interesse an der Wahrnehmung, ihrer aktiven Formung der Wirklichkeit.

Musik als die Formalisierung der Logik des Auditiven, die als „beziehendes Denken“ (Hugo Riemann 1914/15) Musik charakterisiert, sowie eine Vorstellung von Musik, die ihre „non-narrative“ (Zeit-)Gestalt in ihrer Wirkung auf Spannungs-Lösungs-Prozesse motiviert sieht, steht in enger Beziehung zur Systematischen Musikwissenschaft. Ihr Interesse an kognitiven musikalischen Prozessen wie an dem Konnex von Körper und Klang/Musik haben die mit den neuen Technologien erstarkten Medienkünste aus dem Labor in den öffentlichen Raum getragen – das Experiment als Methode der Erkenntnisgewinnung wurde auf die (individuelle) Erfahrung adaptiert: die Isolation von Bedingungen, um deren Wirkungsgefüge erlebbar zu machen. Im Zentrum steht aber nicht bloß die Erfahrung der Musik, sondern die Erfahrung der in Musik formalisierten Wahrnehmungsmechanismen. Musik selbst wird zum Indikator einer Art der Wirklichkeitswahrnehmung/-konstruktion (Musikpsychologie). Interaktion mit der Umwelt wie mit anderen Akteuren ist dabei Teil der experimentellen Anlage dieser „Musik“.

A. Sodomka/M. Breindl haben vorrangig die physiologischen Aspekte, die mit der Rezeption aber auch mit der Generierung von Musik und Klang zusammenhängen, exploriert. Im Umfeld von grelle musik (W. Jauk) sind Arbeiten entstanden, die die Mediatisierung (emotionalen) Ausdrucks über die Koppelung klanglich körperlicher Gestik und die Gestaltung aus kommunizierendem Verhalten musikalisch untersuchen.

Liquid space, Projekt im Rahmen der Ars Electronica 1999, nutzt den auditory space als psychologisches Interface in den net-space im Zusammenhang mit kommunikativen Ereignissen in einer künstlichen/künstlerischen experimentellen Anordnung. Diese e. M. ist in der Nähe der Medienkünste, die jene mit der willkürlichen Machbarkeit durch die Digitalisierung veränderten Wahrnehmungsweisen am Paradigma der auditiven Wahrnehmung und ihrer Formalisierung in Musik untersucht, sie erforscht aber zugleich die basalen Mechanismen der Musik und bringt möglicherweise eine Neubewertung der experimentellen Ästhetik wie ihrer psychobiologischen Grundlagen.


Literatur
T. Belschner in J. Kloppenburg (Hg.), Hb. der Musik im 20. Jh. 11 (2000); D. Charles, Zeitspielräume. Performance Musik Ästhetik 1989; H. de la Motte-Haber, Klangkunst. Tönende Objekte und klingende Räume 1999; H. de la Motte-Haber, Geschichte der Musik im 20. Jh.: 1975–2000, 2000; W. Jauk in A. Bolterauer/E. Wiltschnigg (Hg.), Kunstgrenzen. Funktionsräume der Ästhetik in Moderne und Postmoderne 2001.

Autor(en)
Werner Jauk
Empfohlene Zitierweise
Werner Jauk, Art. „Experimentelle Musik‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]