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Festivals
Kulturelle Organisationsform. Die Idee von Festspielen und F. reicht eigentlich zurück bis an die Wiege der westlichen Zivilisation. Bereits im antiken Griechenland gab es eine ganze Reihe von Festen, bei denen Musik eine essentielle Rolle spielte. Erinnert sei an die pythischen Spiele zu Ehren Apollons und an den attischen Dionysos-Kult. Aus diesem rituellen Kontext, der letztlich auch in den Oster-, Weihnachts- und Passionsspielen (Geistliche Spiele) des Mittelalters bestimmend war, begannen sich die musikalischen Feste in der Renaissance und im Barock allmählich zu lösen. Die mythologischen und religiösen Inhalte wichen weltlichen Zielen, die meist um die Legitimation der kaiserlichen oder königlichen Herrscher kreisten. Eines der ersten großen österreichischen Musikfeste wurde 1667/68 zu Ehren der Hochzeit Leopolds I. in Wien zelebriert, wobei auf dem Burgplatz ein großes Ballett mit Musik von J. H. Schmelzer gezeigt und im Theater auf der Cortina die UA der Oper Il pomo d’oro von A. Cesti geplant worden waren. Um 1682 fand auch in Salzburg ein ähnlich aufwändiges, diesfalls zu Ehren der katholischen Kirche zelebriertes barockes Fest statt, bei dem H. I. F. v. Bibers 53-stimmige Missa salisburgensis im Dom aufgeführt wurde. Im 18. Jh. folgten dann die damals sehr beliebten Chor-F., die, von England herkommend und häufig auf die Musik G. F. Händels konzentriert, auch auf Deutschland und Österreich übergriffen. Zu den bemerkenswertesten Musikfesten dieser Zeit zählten auch die 1772 entstandenen „Musikalischen Akademien“ der Wiener Tonkünstler-Societät, die alljährlich in der Kar- und in der Weihnachtswoche Oratorien spielte.

Aus konkreten Funktionszusammenhängen – sei es geistlicher oder weltlicher Art – vermochte sich die Idee der Festspiele jedoch erst im bürgerlichen 19. Jh. (Bürgerliche Musikkultur) gänzlich herauszulösen. Insofern ist der Beginn von F. im modernen Sinn wohl auf Rich. Wagner und die Gründung der Bayreuther Festspiele im Jahr 1876 zurückzuführen. Erst in Bayreuth wurde verwirklicht, was heute zum Kern jedes künstlerisch anspruchsvollen F. zählt: Bedingungen zu schaffen, unter denen es gelingen kann, Musik und Musiktheater auf dem höchst möglichen Niveau zu präsentieren. Wesentliche Voraussetzung für die Schaffung eines österreichischen Pendants zu Bayreuth war 1870 die Gründung der Internationalen Mozart-Stiftung, der späteren Internationalen Stiftung Mozarteum, die bereits zw. 1877 und 1910 in unregelmäßigen Abständen acht Salzburger Musikfeste organisiert hatte. Es sollte dann bis 1917 dauern, als unter dem Vorsitz von F. Gehmacher und unter Beteiligung eines aus H. v. Hofmannsthal, M. Reinhardt, A. Roller, F. Schalk und R. Strauss zusammengesetzten Kunstrats der Verein Salzburger Festspielhaus-Gemeinde gegründet wurde, auf dessen Betreiben 1920 die ersten Salzburger Festspiele stattfanden. Deren Ziel war es ursprünglich, durch eine Mischung von musikalischen, musikdramatischen und theatralen Aufführungen ein „Salzburger Großes Welttheater“ im christlichen Sinne zu etablieren. Bis heute sind die Salzburger Festspiele das international bedeutendste F. Österreichs geblieben. Festigen konnten die Festspiele ihren Ruf auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als 1957 H. v. Karajan, auf dessen Betreiben 1966 auch die autonom betriebenen Osterfestspiele Salzburg und 1973 die Pfingstkonzerte ins Leben gerufen wurden, die künstlerische Leitung übernahm.

Im Sog der Salzburger Festspiele sind nach dem Zweiten Weltkrieg weitere wichtige F. in Österreich entstanden: Die 1946 gegründeten Bregenzer Festspiele konnten unter der Leitung von A. Wopmann nach einer anfänglich stark an Operetten orientierten Programmatik in den letzten zwei Jahrzehnten durch spektakuläre Aufführungen von Repertoirestücken auf der atmosphärischen Seebühne punkten. Die Produktionen im 1998 umgebauten BregenzerFestspielhaus waren in den letzten Jahren wiederum vergessenen Opern des Fin de siècle gewidmet. Zu einem der wichtigsten Musik-F. Österreichs entwickelten sich auch die 1951 gegründeten Wiener Festwochen, die bereits unter der Intendanz U. Baumgartners (1965–77) damit begannen, neben großen Repertoireopern auch essentielle UA.en auf das Programm zu setzen. Diese Tendenz, neueste Theaterästhetiken und zeitgenössische Werke ins Zentrum der Programme zu stellen, verfestigte sich in den letzten Jahrzehnten, die von Ursula Pasterk (1984–91), Klaus Bachler (1991–96) und Klaus-Peter Kehr/Luc Bondy (1996–2001) bestimmt wurden. Neben diesen drei größten F. in Österreich wurde in den letzten drei Jahrzehnten eine nahezu unüberschaubare Anzahl von kleineren Festspielen gegründet, von denen nur die wichtigsten erwähnt werden können. Die folgende Übersicht wird nach drei Kriterien gegliedert: 1) F. mit klassischer Musik, 2) F. mit zeitgenössischer Musik, 3) Jazz-F.

1) Nahezu jedes Bundesland verfügt über ein repräsentatives F. mit klassischer Musik. Beginnend im Westen Österreichs, konnte sich im kleinen Vorarlberg neben den Bregenzer Festspielen ein zweites, auf Kammermusik spezialisiertes F. einen Namen machen: Die Schubertiade, die 1975 in Hohenems gegründet wurde und nun in der Marktgemeinde Schwarzenberg gelandet ist. Mit der Musik Fr. Schuberts im Fokus, gastieren dort alljährlich die international bedeutendsten Lied- und Kammermusikinterpreten. In Tirol findet jeden Sommer ein international nicht minder bedeutendes F. mit Alter Musik statt: Die 1976 gegründeten Innsbrucker Festwochen, wie sie seit 2001 kurz genannt werden, und die mit diesen assoziierten Ambraser Schlosskonzerte konnten sich unter der Leitung des flämischen Barockspezialisten R. Jacobs seit 1991 v. a. auch durch szenische Produktionen von Barockopern einen überregionalen Ruf erwerben. Vielbeachtet sind auch die Tiroler Festspiele in Erl, die unter der Leitung von Gustav Kuhn sogar Wagners Ring des Nibelungen erarbeiteten. In Salzburg darf die Mozart-Woche der Internationalen Stiftung Mozarteum nicht unerwähnt bleiben, die alljährlich im Jänner stattfindet und gelegentlich auch szenische Produktionen von Mozart-Opern zeigt. Linz glänzt im Herbst mit dem Internationalen Brucknerfest, einer Konzertreihe des Brucknerhauses, die alljährlich von einer meist auch optisch visualisierten Klangwolke eröffnet wird, welche die Stadt mit einer Symphonie A. Bruckners beschallt. In Bad Ischl finden seit 1961 zu Ehren von F. Lehár die von E. Macku gegründeten Operetten Festspiele statt, die der gegenwärtige Geschäftsführer Martin Turba behutsam zu modernisieren sucht. In Niederösterreich bemühen sich seit 1988 das Donaufestival und seit 1997 das St. Pöltener Festspielhaus Profil zu gewinnen. In Wien konnte sich im Sommer auch der Klangbogen (Wiener Musiksommer) etablieren, der einige Opernaufführungen in seinem Programm bereithält. Im Burgenland finden sich gleich drei erwähnenswerte F.: Die Eisenstädter Haydn-Festspiele, die auch szenische Aufführungen von Haydn-Opern zeigen, das aufs engste mit G. Kremer verknüpfte Lockenhauser Kammermusikfest, das durch improvisatorische Intimität immer noch einen ganz besonderen Odem atmet, und die Seefestspiele Mörbisch, die am Neusiedlersee der leichten Muse huldigen. In der Steiermark errang die styriarte dank N. Harnoncourt, der u. a. seinen legendären Beethoven-Zyklus dort dirigierte, weit überregionale Bedeutung. Mit dem Carinthischen Sommer besitzt schließlich auch Kärnten ein sommerliches F., das unter der Führung von G. Fröhlich neben Konzerten immer wieder auch szenische Aufführungen zeigt.

2) Das Vakuum der Nachkriegszeit, in der zeitgenössische Musik nur in „Sandwich-Konzerten“ zu hören war, konnte erfreulicherweise aufgebrochen werden: Zuerst durch den steirischen herbst und das seit 1968 gemeinsam mit dem ORF veranstaltete Musikprotokoll in Graz, das auch heute (2001) noch als internationaler Gradmesser der neuesten Musiktendenzen gelten kann. Mit der Gründung des F. Wien modern durch C. Abbado wurde 1988 schließlich auch in der Bundeshauptstadt ein wesentliches Signal der Erneuerung gesetzt. Anfänglich eher retrospektiv orientiert, ist das alljährlich im Herbst hauptsächlich vom Wiener Konzerthaus veranstaltete Wien modern derzeit (2001) auch der tatsächlich neuesten Musik auf der Spur. Mit dem F. Hörgänge präsentiert das Konzerthaus im Frühjahr auch eine Leistungsschau des österreichischen Komponierens. Neueste elektronische Musik steht wiederum im Zentrum des herbstlichen F. phonotaktik in Wien. Aber auch die Bundesländer sind rege geworden: Neben dem Grazer Musikprotokoll präsentieren auch die Linzer ars electronica, die Salzburger Aspekte und sTART, die Klangspuren in Schwaz, das Tiroler Osterfestival der Galerie St. Barbara in Hall in Tirol und die Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik neueste Tendenzen des zeitgenössischen Komponierens.

3) Während in der Hauptstadt mit dem alljährlichen Jazzfest Wien nur ein eher kommerzielles F. stattfindet, lassen sich innovative Initiativen in Sachen Jazz erstaunlicherweise im ländlichen Bereich finden: Zu den interessantesten Jazz-F. in Österreich zählen die Nickelsdorfer/Bl. Konfrontationen, das Ulrichsberger/OÖ Kaleidophon, das neuerdings auch komponierte neue Musik bietet, oder music unlimited in Wels, die stets neueste Tendenzen der improvisierten Musik präsentieren. Auch die zwei größten Jazz-F. in Österreich sind auf dem Land daheim: Das Jazzfest Wiesen/Bl und das Jazzfestival Saalfelden/Sb, das sich in den letzten Jahren auch gegenüber Experimenten öffnete.


Literatur
MGÖ 3 (1995); G. J. Eder, Wiener Musikfeste zwischen 1918 und 1938, 1991; S. Gallup, Die Geschichte der Salzburger Festspiele 1987; D. Hotz, Festspiele in Niederösterreich 1945–2009, 2010.

Autor(en)
Reinhard Kager
Empfohlene Zitierweise
Reinhard Kager, Art. „Festivals‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 02/01/2002]