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Fiakersänger
Ende des 19. Jh.s entwickelte sich aus dem Stammpublikum der sog. Schrammeln ein singendes Gefolge, das in Wien dem Quartett von Lokal zu Lokal nachzog und schließlich zu einem eigenen „Stab“ von Mitwirkenden wurde. Unter diesen Natursängern waren die Fiaker in der Mehrzahl. C. Lorens schrieb 1895, dass dem verwöhnten Publikum die Musik allein beim Heurigen nicht mehr genügte: „Wo nicht gesungen wurde, da gab es keine Hetz!“ Schließlich verpflichtete Joh. Schrammel ausgesuchte Sänger gegen eine kleine Geldentschädigung für Wagen und Nachtmahl, unter denen ebenfalls die sog. F. in der Mehrzahl waren; vermutlich, weil sie ihre Herrschaften zum Heurigen brachten und damit ohnedies vor Ort bzw. im Publikum waren. Wechselseitige Kontakte ergaben sich wohl auch im Rahmen der beliebten Fiakerbälle, bei denen die Schrammeln aufspielten. Aber nicht nur die Schrammeln, auch die anderen Quartette (D’Grinzinger, Butschetty) hatten ihre Sänger. Probleme entstanden, als diese Hobby-Interpreten das sog. „Keilen“ einführten: Dabei streiften sie durch das Lokal und sprachen die Gäste unter einem Vorwand um ein Honorar an, das sie in ihrer Tasche verschwinden ließen. So verdienten sie viel, während die Musiker selbst zu kurz kamen. Um diesem Missstand abzuhelfen, schloss Schrammel mit seinen Sängern und Kunstpfeifern eine Art Exklusivvertrag ab: Er schrieb die Ablieferung aller Einnahmen vor und bot als Gegenleistung das Privileg, nur sie und keine anderen Interpreten zu begleiten. (Es eignete sich ohnedies nicht jeder Sänger zur Mitwirkung im Schrammelquartett. Da dieses eine höhere Stimmung hatte, als die sonstigen Orchester, musste auch der Sänger über einen großen Stimmumfang und bedeutende Höhe verfügen.) Die Interpreten wurden sehr populär.

Die Fiaker trugen Spitznamen, die sich meist auf die körperliche Erscheinung bezogen und ihren bürgerlichen Namen ganz in Vergessenheit geraten ließen. Der F. „Hungerl“ hieß eigentlich Karl Mayerhofer (1873–1905). Der sehr schlanke Mann hatte seinen Spitznamen von seinem mageren Vetter, der auch Fiaker gewesen war, geerbt. (Als er 1905 am Friedhof Hernals beerdigt wurde, sollen an die 20.000 Trauergäste aus dem In- und Ausland teilgenommen haben.) J. Bratfisch wiederum, ein gedrungener, wohlgenährter Mensch, wurde angeblich von Kronprinz Rudolf mit dem Beinamen „Nockerl“ bedacht. (Der Fiaker hatte einst die Kontakte zwischen den Schrammeln und dem Kronprinzen hergestellt; dass er in die Tragödie von Mayerling verwickelt war, brachte ihn in Verruf und wirkte sich auch auf die Schrammeln nachteilig aus.) Die Spitznamensgebung soll auf Kaiser Joseph II. zurückgehen, der seinen hässlichen Leibfiaker „Krampus“ nannte. Als überaus beliebte Wiener Typen wurden die Fiaker in zahlreichen Wienerliedern verewigt. Größte Berühmtheit erlangte das hymnenartige Fiakerlied von G. Pick, das 1885 erstmals von A. Girardi gesungen wurde. A. Bäuerle widmete sich dem Wiener Kutscher in seiner komischen Oper Der Fiacker [sic] als Marquis (M: W. Müller), Hanns Schrammel brachte anlässlich einer Fiakersoiree (1892) seine Wiener Fiaker-Polka zur Uraufführung.


Literatur
Egger 1989; C. Lorens in Extrablatt 7.7.1895; B. F. Sinhuber, Die Fiaker von Wien 1992.

Autor(en)
Gertraud Pressler
Empfohlene Zitierweise
Gertraud Pressler, Art. „Fiakersänger‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]