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Florenz (deutsch für italienisch Firenze)
Hauptstadt der Toskana/I, 1737–1860 habsburgische Sekundogenitur; zog als alte Handelsmetropole schon seit dem Mittelalter Künstler an. Obwohl erste musikalische Quellen vor 1200 zu datieren und Musiker ab 941 nachgewiesen sind, ist der Aufstieg F.’ und ein wachsender Kulturtransfer in das Heilige Römische Reich bzw. die habsburgischen Länder erst mit dem Geschlecht der Medici verbunden. F., das sich durch seine strategische Lage ab dem 14. Jh. zu einer Handelsmetropole entwickelte, verfügte bald über einen geradezu legendären Reichtum und eine große Zahl miteinander konkurrierender Mäzene (der Florentiner Gulden [fl], erstmals 1252 geprägt, blieb bis zum Ende des Ancien Régime die wichtigste Währung in den österreichischen Ländern). Aus der Stadtrepublik wurde nach verschiedenen politischen Unruhen und Machtwechsel 1531 ein Herzogtum, 1569 ein Großherzogtum (regiert ab 1531 durchgehend von den Medici, ab 1737 von den Habsburgern). Die Musikgeschichte von F. ist auch heute noch nicht lückenlos erforscht (am besten noch die des 16. und 17. Jh.s), und gerade für die Zeit unter habsburgischer Herrschaft gibt es noch keine umfassende Studie.

Zu einem wachsenden kulturellen Austausch zwischen Österreich und F. scheint es gegen Ende des 15. Jh.s (also noch zu einer Zeit, als die Medici als Principi der Stadtregierung tätig waren) gekommen zu sein; so entsandte Maximilian I. u. a. H. Isaac offiziell mit diplomatischen Aufgaben, inoffiziell als „Kulturagenten“ an den Hof Lorenzo de Medicis, da Isaac „uns in Florenz nutzer [sei] dann an unserm Hof“. Auch der Aufstand unter Savonarola und die zweimalige Vertreibung der Medici konnten den kulturellen Aufstieg von Familie und Stadt bzw. Herzogtum nicht aufhalten, den stabile politische Verhältnisse und eine enge Verbindung zum Kaiserhaus ab 1531 bzw. 1536 deutlich beschleunigten.

Um 1180 gibt es erste Quellen, die „Scuole“ belegen, bei deren Zusammenkünften gemeinsam Lauden gesungen wurden; die älteste dieser Bruderschaften, die Compagnia di Laudesi della Beata Vergine Maria entstand 1183. Die Lauden, basierend auf Dichtungen in Volkssprache, wurden von Frauen und Männern gesungen, ab dem 15. Jh. oft auch durch die Orgel begleitet (Jacopo Peri [1561–1633] begann so seine Karriere). Als weltliches Pendant zu der Laudenpflege kann die Canzona gesehen werden. Canzonen wurden auch bei den zahlreichen öffentlichen (profanen und semi-profanen) Umzügen gesungen, bei denen prunkvolle Wägen (edifizi) mitgeführt wurden. Diese Umzüge, gemeinsam mit den Sacre rappresentazioni, waren wichtige Vorstufen zur Genese der neuen Gattung Oper gegen Ende des 16. Jh.s. Ebenfalls in Verbindung mit den Lauden steht die Frottola, auch eine volkssprachliche Gattung, die durch die häufige Verwendung in parodierter Form in kirchenmusikalischen Kompositionen überliefert ist. Schon aus dem 13. Jh. stammen Nachrichten über eine städtische Musik, die mehrmals reorganisiert wurde und aus Blechblasinstrumenten und Trommlern bestand. Eine HMK ist seit der Zeit von Lorenzo („il Magnifico“, 1449–92) nachweisbar; die Musik an den Kirchen wurde bis zum Ende des 18. Jh.s weitgehend durch die Zünfte bezahlt (z. B. im Dom durch die Wollzunft, 1478–85 besaß der Dom eine eigene Musikkapelle aus Kräften der Domschule).

Neben einheimischen Musikern zog die Pracht der Medici zahlreiche Musiker der Franko-flämischen Schule an; neben Isaac, der sich ab 1475 in F. aufhielt und diese Stadt ab 1514 zu seinem Alterssitz wählte, ist v. a. Guillaume Dufay (1397–1474) zu erwähnen, der zur HMK von Papst Eugen IV. gehörte, welcher sich 1434–43 in F. aufhielt; auch Alexander Agricola (1446–1506) und Josquin Des Prez (ca. 1450/55–1521) waren Gäste am Hof der Medici, deren Aufstieg zu einer durch die Dynastien Europas unter der Regierungszeit von Kaiser Karl V. begann (die Hochzeit des ersten Hzg.s, Alessandro de Medici, mit Margaretha von Parma 1536 war eine der ersten Verbindungen zwischen beiden Häusern mit musikgeschichtlicher Relevanz).

Die starke Ausprägung des Humanismus in F., verbunden mit einer traditionell starken musikdramatischen Prägung des Musiklebens, führte ab der Mitte des 16. Jh.s zur Herausformung einer neuen Gattung, der Oper. Die ersten musikalisch gestalteten Intermedien in neuem Stil wurden zu La cofanaria 1565 anlässlich der Hochzeit von Francesco de Medici mit Johanna von Österreich aufgeführt (M: Francesco Corteccia/Corteggia [1502–71] und Alessandro Striggio [1536/37–1592]). Nach ersten Versuchen Emilio de Cavalieris (nach 1548–vor 1552) mit Satiro 1590 und La disperazione di Fileno 1590, gelang Jacopo Peri und Giulio Caccini (1551–1618) mit Dafne 1594–98 ein Durchbruch in der neuen Gattung, dem am 6.10.1600 die UA der Euridice desselben Autoren- und Komponistenteams folgte. Die neue Gattung wurde rasch von den italienischen bzw. unter italienischem Einfluss stehenden Fürstenhöfen aufgenommen (z. B. den Gonzaga in Mantua, aber auch dem Hof der Erzb.e von Salzburg). Die zahlreichen Hochzeiten zwischen den Häusern Habsburg, Medici und Gonzaga seit dem 16. Jh. haben den Kulturtransfer von Italien in die habsburgischen Länder beträchtlich gefördert, reisten mit den Prinzessinnen doch zumeist auch Musiker mit bzw. regten die gedruckten Festbeschreibungen zum Nachahmen an. Francesco Rasi (1574–1621), der in Mantua und F. bei wichtigen Opernaufführungen mitgewirkt hatte, ist z. B. 1612 am Hof in Prag bei Kaiser Matthias zu finden; auch die Hochzeit von Claudia de Medici mit Erzhzg. Leopold von Tirol 1626 brachte Florentiner Musikkultur nach Innsbruck, was sich u. a. in der Errichtung eines Opernhauses (Dogana) nachhaltig auswirkte. Dass auch Erzhzg. Ferdinand Karl von Tirol 1646 eine Medici-Prinzessin (Anna de Medici) heiratete, verstärkte die ohnehin schon engen kulturellen Beziehungen zwischen beiden Herrschaftsbereichen.

1657 wurde das erste öffentliche Theater in F. von der Accademia degli Immobili errichtet (Teatro della Pergola), das eines der musikalischen Zentren der Stadt wurde, jedoch 1663–1712 nur für höfische Aufführungen genutzt wurde; das Theaterleben von F. zeichnete sich (und dies gilt bis weit in das 19. Jh.) durch einen starken Regionalismus aus, d. h. es wurden fast ausschließlich Stücke einheimischer (toskanischer) Komponisten gespielt. Eine ähnliche Tendenz ist auch für den Bereich der geistlichen Musik zu erkennen. 1632 wurde ein Oratorio di Filippo Neri in F. errichtet, das bis 1808 jährlich zwischen 16 und 37 unterschiedliche Oratorien produzierte.

Ist die Regierungszeit der Habsburger (ab 1737) durch wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung gekennzeichnet (v. a. Peter Leopold, Leopold I., reg. 1765–91, der spätere Kaiser Leopold II., machte die Toskana zu einem Musterland im Sinne der Aufklärung), führte die damit verbundene Entkoppelung von Staatsdoktrin und Kunstmäzenatentum zu einer langsamen Verflachung des Florentiner Musiklebens und einer Umgestaltung dem allgemeinen Trend in italienischen Großstädten folgend (z. B. Repertoireangleichungen). Unter Franz I. (reg. 1737–65), der sich nur bis 1740 in der Toskana aufhielt, blieb die Geschlossenheit des Florentiner Musiklebens erhalten, wenngleich erste Tendenzen zu einer „Internationalisierung“ (z. B. der ersten Aufführung einer Oper von J. A. Hasse und das vermehrte Auftreten von Sängern aus anderen italienischen Opernzentren) festzustellen sind. Unter Peter Leopold verstärkte sich der Einfluss der Bühnen aus Venedig, Neapel und v. a. Mailand, und es ist ein Kennzeichen leopoldinischer Kulturpolitik, F. nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, sondern auch kulturell zu öffnen. In Peter Leopolds Regierungszeit gab es sechs Theater, die fast täglich bespielt wurden (unter ihnen die drei Hauptbühnen: Teatro del Cocomero, Teatro della Pallacorda und Teatro della Pergola); durch die bewusste Förderung der „Reformkomponisten“ Chr. W. Gluck und T. Traetta bzw. L. Cherubini setzte der Großhzg. in F. jene kulturellen Akzente, die er in seiner kurzen Regierungszeit als Kaiser vermissen ließ. Auch Pietro Nardini (1722–93), der Begründer der Florentiner Geigerschule, stand seit 1770 im Dienste von Großhzg. Peter Leopold. Das musikalische Leben der Bruderschaften und der Oratorien-Kongregationen erlebte in dieser Zeit jedoch einen Niedergang, an dem durch die Aufklärung motivierte Repressalien des Herrschers ihren Anteil hatten (starke Beschränkungen der Congregazioni und Ospizii 1773 bzw. der Bruderschaften allgemein 1785). Durch diverse adelig-bürgerliche Gruppierungen (z. B. die Armonici 1766–9, Faticanti, Ingegnosi 1767–82) entwickelte sich ein öffentlicher Konzertbetrieb. Zwar kam es unter Peter Leopolds Nachfolger Ferdinand III. von Toskana (reg. 1791–1824) zu einem ersten Aufschwung des bürgerlichen Musiklebens, doch war das Konzertrepertoire stark von den Komponisten der Wiener Klassik dominiert (L. v. Beethoven, J. Haydn). Aber auch das höfische Musikleben erlebte eine letzte Blüte unter dem Musik liebenden Großhzg. (Förderung u. a. von Ferdinando Paer [Paër, 1771–1839]). Das Teatro della Pergola wurde 1810 zum großherzoglichen Theater unter besonderer Förderung der opera seria und der grande opera, doch ließen die Turbulenzen der Napoleonischen Kriege (Besetzung von F. durch französische Truppen am 20.7.1799 und Vertreibung der Habsburger) keine Nachhaltigkeit zu. Durch die Schlussakte des Wiener Kongresses wurden zwar die Herrschaftsrechte der Habsburger in der Toskana wieder hergestellt, doch war auch Ferdinands Nachfolgern keine ruhige Regierungszeit vergönnt. 1824 übernahm Leopold II. nach dem frühen Tod seines Vaters die Regierung und führte sie im Sinne Peter Leopolds weiter. 1828 öffnete eine Klavierfabrik in F. (geleitet von Wiener Fachleuten), 1830 wurde eine Società Filarmonica (die erste Italiens) gegründet. 1849 wurden das Istituto Musicale und die Accademia di Belle Arti fusioniert (erster Direktor der neuen Msch. war der Komponist und Pädagoge Giovanni Pacini [1796–1867]), 1840 die Rivista musicale di Firenze, die erste italienische Musikzeitung, gegründet. Das Teatro della Pergola entwickelte sich in der 1. Hälfte des 19. Jh.s zu einem der ersten Opernhäuser Italiens. Leopolds starre antiliberale Haltung zwangen ihn jedoch, im ersten Unabhängigkeitskrieg 1848/49 zu fliehen; er konnte erst 1855 wieder in die Toskana zurückkehren, dankte jedoch kurz vor dem zweiten Unabhängigkeitskrieg 1859 zugunsten seines Sohnes Ferdinand (Ferdinand IV.) ab, der allerdings die Herrschaft nie antrat, da die Nationalversammlung die Habsburger 1859 für abgesetzt erklärte und sich 1860 dem neu gegründeten Königreich Italien anschloss. Der Geist des neuen Italien prägte die Gründungen der Società del Quartetto 1861 und der Concerti Popolari 1863, wobei die neue politische Bedeutung von F. als provisorische Hauptstadt des neuen Königreiches (1865–70) dem Musikleben der Stadt zu einem deutlichen Aufschwung verhalf. Zwischen 1870 und 1918 ist jedoch eine Zeit des Niederganges festzustellen, die erst durch Gli Amici della Musica (gegr. 1920), der Gründung eines Symphonieorchesters (1928) und – dadurch ermöglicht – ab 1933 des Festivals Maggio Musicale Fiorentino (im Teatro Comunale) überwunden wurde; der Maggio Musicale, der nach dem Zweiten Weltkrieg fortgesetzt wurde, ist nach den Salzburger Festspielen das älteste Festival dieser Art und findet seit 1937 jährlich statt. Das Istituto Musicale, 1849 gegründet, wurde 1923 in das Regio Conservatorio (Conservatorio L. Cherubini) umgewandelt. Mit der Scuola Musica di Fiesole (gegr. 1974) schuf Piero Farulli eine in Italien einmalige Institution für musikalische Weiterbildung von professionellen Musikern wie Laien, aus dem sich auch mehrere musikalische Formationen herausbildeten (Orchestra Giovanile Italiana, Coro di Voci Bianche). Die traditionsreichen alten Teatri erlebten ab der Jh.wende einen Niedergang und konnten gegen die modernen Häuser nicht mehr konkurrieren, an ihre Stelle traten das Teatro Politeama Fiorentino (heute Comunale) und das Teatro Verdi (früher Pagliano). 1980 wurde das Orchestra Regionale Toscana gegründet, das 1983 von Luciano Berio übernommen und auf internationales Niveau gebracht wurde.


Literatur
MGG 3 (1995); NGroveD 9 (2001), M. de Angelis (Hg.), Melodramma, spettacolo e musica nella Firenze dei Lorena 1991; MGÖ 1 (1995); A. M. Cummings, The politicized Muse 1512–1537, 1992; B. Hamann, Die Habsburger 31988.

Autor(en)
Elisabeth Th. Hilscher
Carlo Federici
Empfohlene Zitierweise
Elisabeth Th. Hilscher/Carlo Federici, Art. „Florenz (deutsch für italienisch Firenze)‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 02/01/2002]