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Gattung
Hier eine Art des Musizierens und/oder von dabei verwendeten Werken; aus der indogermanischen Wurzel *ghedh- („umklammern, fest zusammenfügen, zusammenpassen“) wurde das mittelhochdeutsche gate („derselben Gemeinschaft angehörig“, seit dem 15. Jh. G. „Artgemeinschaft, Gruppe“). Durch Bedeutungsübertragung aus dem griechischen eidos, engl. species, frz. espèce, ital. specie bzw. griech. genos, lat. genus, engl./frz. genre, ital. genere entsteht schließlich die Unterscheidung von Art und G. Letztere ist damit ein aus der Naturgeschichte bzw. Poetik entlehnter transienter Begriff zur Klassifizierung musikalischer Kompositionen. „Transient“ meint hier die sich je nach den Konstituenten verändernde Bedeutung und Klassifizierungskraft einer G.s-Bezeichnung. Ältere ähnliche Klassifizierungen finden sich u. a. bei Johannes de Grocheo (De musica, ca. 1300) mit einer Einteilung in partes, species, formae bzw. weltlich/geistlich und einstimmig/mehrstimmig, bei Johannes Tinctoris (Terminorum musicae diffinitorium, ca. 1474) u. a. cantus magnus/parvus/simplex, bei Michael Praetorius (Syntagma musicum 1619) als cantilenae cum textu (mit Unter-G.en serio, iocoso, usus) und sine textu.

(1) Die Aufklärung bringt mit Johann Mattheson (u. a. Der vollkommene Capellmeister 1739) erstmals das deutsche Wort („die G.en und Abzeichen der Melodien“ – vokal/instrumental, mit Unter-G.en Sätze/Zyklen) sowie die Anfänge einer biologistischen Richtung, mit Höhe- und Schlusspunkt in der deutschen Musikwissenschaft der 1930/40er Jahre. J. N. Forkel (Allgemeine Geschichte der Musik 1788) weitet den Begriff auf die musikgeschichtliche Darstellung aus. Im 19. Jh. treten ästhetische und philosophiegeschichtliche Aspekte hinzu (Ferdinand Hand, Johann Conrad Wilhelm Petiscus, Adolf Bernhard Marx), das 20. Jh. erweitert um sozial- und strukturgeschichtliche.

Bis heute hat sich keine einheitliche G.s-Theorie durchgesetzt. Beispiele im umgangssprachlichen Alltag für G.s- Bezeichnungen können auch sein: Filmmusik/Konzertmusik, Klassik/Rock/Pop/Techno/Ethno, Gothic/Metal-Gothic/Black, Alte Musik/Klassik/Gegenwartsmusik, E-Musik/U-Musik, Volksmusik/Kunstmusik usw. Die permanente Veränderung der G.s-Konstituenten führt auch zur Infragestellung bzw. zum Verschwinden von G.en.

Manche G.en besitzen eine höhere Begriffs-Konsistenz als andere. Über den Öffentlichkeits- und Kunstanspruch hin tradierte G.en sind die Sinfonie, die Oper, die Messe, das Lied. Insoferne muss gefragt werden, zu welchem historischen Zeitpunkt eine spezifische Komposition einen tradierten G.s-Begriff stützt oder überschreitet, wobei die Rezeptionsgeschichte nicht der G.s-Geschichte entspricht. Österreichische Neuschöpfungen gibt es auf diesem Gebiete nicht, doch sind eine Reihe von spezifischen Ausformungen festzustellen. Dazu gehören z. B. die verschiedenen Ansätze, die Variationensuite des Frühbarock aufzugreifen (J. Peuerl, I. Posch, J. Thesselius). Die meisten Beiträge gehen jedoch von Wien aus: etwa das Wiener Singspiel, das aus der Wiener Komödien-Musik hervorgeht, eine deutschsprachige Musiktheater-G. mit buffa-Charakter (u. a. J. Haydn, Der krumme Teufel 1751, W. A. Mozart, Bastien und Bastienne 1768, I. Umlauf, Die Bergknappen 1778, C. Ditters v. Dittersdorf, Betrug durch Aberglauben 1786, F. Gaßmann) bis hin zu Mozarts Figaro, in dem der volkstümliche Ton und die Typisierung der Personen entwickelt werden. Ein besonderes Merkmal der kaiserlichen Musik ist das Oratorium, darunter das einteilige Sepolcro-Oratorium mit bühnenmäßiger Darstellung um das Grab, u. a. von den komponierenden Kaisern des 17. Jh.s (besonders Leopold I.) gepflegt. Ab 1770 zunehmend auch das deutsche Oratorium.

In der G. der Sinfonie entsteht im österreichisch-süddeutschen Raum die Tradition des langsamen Menuetts (Tempo di Menuetto). G. Ch. Wagenseil bringt harmonische Schattierungen (chiaroscuro), F. L. Gassmann einen volkstümlichen Ton ein. Dittersdorf versucht, durch „Charakteristische Sinfonien“ (programmartig) die G. zu beleben. J. Haydns neues Klangbewusstsein, Mozarts vielfältige Intensivierungen führen zu L. v. Beethovens erweiterter Grundkonzeption des Ästhetischen auf das Ethische in einer formalen Überschreitung. Fr. Schuberts kompositorisch ausdifferenziertes Psychogramm des Liedtextes hebt die G. Lied zur privilegierten Gattung des aufsteigenden Bürgertums (Bürgerliche Musikkultur) im 19. Jh. G.s-Verschränkungen von Sinfonie mit Messe (A. Bruckner), Oratorium, Konzert (J. Brahms) und Lied (G. Mahler) schaffen spätromantische Gipfelungen der G.en. In entgegengesetzter Weise vollzieht die Zweite Wiener Schule in der Reduktion (Kammersinfonie, Melodram, Ensemblestück) und dem Versuch neuer Rezeptionshaltungen (Verein für musikalische Privataufführungen) den einflussreichsten Beitrag einer G.s-Revision des 20. Jh.s.

(2) Die G.en nach der lateinischen Kontrapunktlehre von J. J. Fux (Wien 1721) bedeuten systematisch aufsteigende Übungen im Kontrapunkt, bei denen verschieden viele Noten gegen eine cantus-firmus-Note zu setzen sind.

(3) Stimm-G.en Sopran, Alt, Tenor, Bass, ihrem Ambitus entsprechend definiert, unter Einbeziehung ästhetisch-dramaturgischer Momente.

Instrumentengruppen (Streicher, Bläser, Schlaginstrumente etc.).


Literatur
MGG 3 (1959); H. Kretzschmar, Kleine Handbücher der Musikgeschichte nach G.en 1905–15; W. Wiora in Dt. Jb. für Musikwissenschaft 1965; W. Arlt/C. Dahlhaus in W. Arlt et al. (Hg.), [Fs.] L. Schrade, 1973; L. Schrade G.en der Musik in Einzeldarstellungen 1973; S. Mauser (Hg.), Hb. der musikalischen G.en 1– (1993ff.).

Autor(en)
Thomas Dézsy
Empfohlene Zitierweise
Thomas Dézsy, Art. „Gattung‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 20/12/2001]