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Geißlerlieder
Liedgut der Geißler. Die trostlosen sozialen und politischen Verhältnisse in Italien führten dort im 13. Jh. zu einer religiösen Volksbewegung, deren Mitglieder als Flagellanten (flagellanti, disciplinanti) ein strenges para-religiöses Ritual entwickelten, in dem auch das gemeinsame Singen eine wichtige psychische, ideologische Gemeinsamkeit stiftende, in eine Art von Trance führende Funktion ausübte. Von Italien aus verbreitete sich die Bewegung rasch über viele Länder Europas und Nordafrikas, wobei zudem die Ausbreitung der Pest eine besondere Rolle spielte. Auch in deutschen Ländern, in Böhmen und in Polen haben Geißler ihre Spuren hinterlassen. Während der „geislnfarten“ wurden „laudes divinas et incondita carmina“ (Bologna 1260) und „hymnos in latina vel vulgari lingua“ gesungen, Instrumentalmusik und Liebeslieder (amatorie cantilena) aber waren verboten. Deutsche Quellen sprechen von „Leis“, manchmal auch von „Leich“. Im Liedgut werden aufgrund unterschiedlicher Funktion zwei Gruppen unterschieden. Einmal diejenigen Lieder, die beim Einzug in einen Ort, auf dem Weg zum Geißelungsakt sowie beim Abzug aus dem Ort gesungen wurden. Zweitens jene Gesänge, die als para-liturgische Texte während des festen Zeremoniells des eigentlichen Bußaktes erklungen sind, ein auf die Zuschauer hin konzipiertes, im Grunde religiöses Schauspiel. In diesem Zusammenhang von „Volksliedern niederen Ranges“ zu sprechen, vergleichbar „außerdeutschen, archaischen Brauchtumsliedern“, die in „vorchristlichen Brauch- und Umgangsgesängen“ wurzelten (Hübner-Seemann 1958), erscheint unangemessen. Eher erscheint der Hinweis auf die Gesänge der Kreuzfahrer angebracht (Salmen 1995).

1349 wurden die „Leisen“ der Geißler, und zwar Texte und Melodien, in einem umfangreichen Codex gesammelt (hg. v. Runge 1900). Dass die Entstehung dieser Lieder vielfach früher anzusetzen ist, bezeugt eine Wiener Quelle: die Continuatio Praedicatorum Vindobonensium von 1260 enthält bereits das Kernstück des Hauptleises „ir slacht euch sere in Christus ere, durch got so lat die synde mere“, das erneut in den 1349 aufgezeichneten Bußliedern erscheint.

Die im 16. Jh. in Mitteleuropa auftretenden „Wiedertäufer“ haben mit den „Geißlern“ zwar den religiösen Fanatismus gemeinsam, sind jedoch anderen religiösen und sozialpolitischen Zusammenhängen verbunden – und bedienen sich auch anderer Liedformen.


Literatur
A. Hübner, Die dt. Geißlerlieder 1931; A. Hübner (erg. v. E. Seemann) in Reallex. der dt. Literaturgeschichte 1 (21958); MGG 3 (1995); J. Müller-Blattau in ZfMw 17 (1935); Ch. Petzsch in A. Mauerhofer (Hg.), [Kgr.-Ber.] Historische Volksmusikforschung Medulin 1979, 1981; P. Runge (Hg.), Die Lieder und Melodien der Geißler des Jahres 1349, 1900; NGroveD 9 (2001).

Autor(en)
Wolfgang Suppan †
Empfohlene Zitierweise
Wolfgang Suppan †, Art. „Geißlerlieder‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 02/06/2017]