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Geras
Prämonstratenser Chorherrenstift im nördlichen Niederösterreich. G. (von Jerus oder Jarus abgeleitet) wurde 1153 durch Graf Ulrich von Pernegg gestiftet und von dem böhmischen Kloster Selau (Želiv bei Humpolec/CZ) aus besiedelt. Es steht durch seine Filiation von Selau über Steinfeld in der Eifel in unmittelbarer Deszendenz zu Prémontré bei Laon/F, wo der Orden durch Norbert von Xanten 1120 gegründet wurde (Prämonstratenser). Durch ununterbrochene Kontinuität und Tradition zählt G. trotz mehrerer Zerstörungen, Verwüstungen und Brände zu den ältesten bestehenden Abteien des Ordens mit der längsten lebenden Überlieferung. Leider fielen den Katastrophen der Großteil der Handschriften und Musikalien sowie andere Kunstschätze zum Opfer. Bei der Verwüstung des Klosters im Jahre 1620 verbrannte die gesamte Bibliothek samt den in der Kirche befindlichen liturgischen Büchern.

Der heutige Bestand an Handschriften (168 an der Zahl) setzt sich aus Handschriften aus dem 1784 aufgehobenen Stift Pernegg (10 km von G. entfernt, in den Jahren 1153–1585 Chorfrauenstift, dann bis zur josefinischen Aufhebung Chorherrenabtei), solchen aus dem Besitz des Freiherrn Nepomuk Markus von Putzen und vielen Mitschriften der Vorlesungen, welche die Kleriker des Hauses in Prag , Olmütz, in der eigenen Hauslehranstalt und in Wien besucht hatten, zusammen. Durch den Nachlass des Freiherrn von Putzen kamen Texte reformatorischer Provenienz nach G. Wichtig für die Überlieferungsgeschichte des Prämonstratenserordens und der Beantwortung der Frage, ob nach Gründung des Ordens in Prémontré die Liturgie von Laon oder Citeaux/F übernommen wurde, ist das Missale (Hs. 5, olim D.k. 26, 15. Jh.) sowie ein zweites, das 1927 an die ÖNB Wien verkauft wurde und dort die Signatur s.n. 3516 trägt. Der wertvollste Prachtband, ein Graduale (Hs.6, olim D.k. 27, vor 1485), wurde „Von Winn gebracht [...] den letzten Julii des 52zigsten jars“ (vielleicht 1552), muss aber erst als Traditionsgut der Ordensliturgie verifiziert werden.

Der Wiederaufbau des Klosters innerhalb der alten Bausubstanz sowie die Restaurierung und Neugestaltung der Stiftskirche nach der Brandschatzung des Jahres 1620 sowie die Errichtung der Wirtschaftsgebäude dauerte lange an und leitete in die Barockzeit über. 1730 wurde Nikolaus Zandt (* 1679 Asparn an der Zaya/NÖ, Abt 1730–46), zuvor Sängerknabe in Klosterbruck (bei Znaim [Znojmo/CZ]), in G. bereits als Novize Stiftsorganist, dann Präfekt und Lehrer der Sängerknaben, zum 41. Abt von G. gewählt. Im ersten Regierungsjahr bereits ersetzte Zandt nach einem Brand in der Stiftskirche die alte, kleine Orgel durch ein größeres Werk. Erbauer der Orgel (II/16?, s. Abb.) waren höchstwahrscheinlich die Brüder Casparides. Sie erfuhr manche, dem Zeitgeschmack zugeordnete Umgestaltungen (durch F. Ullmann 1842 (II/19), Wilhelm Brieger 1922, Herbert Huber 1975), konnte aber 1995 soweit als möglich rekonstruiert und behutsam ergänzt werden (II/20). Abt N. Zandt schickte seine jungen, talentierten Mitbrüder, als ersten Leopold Schenkh (1712–51), dann Hermann Georg Bauer (1723–1803) und schließlich T. J. Frieberth zur Erlernung der „fundamenta compositionis“ zu F. Tuma, Hofkapellmeister der Kaiserin-Witwe Elisabeth Christine, nach Wien. Durch diese Beziehungen nimmt Tuma nach öfteren, kürzeren und längeren Besuchen schließlich 1768 seinen dauernden Wohnsitz in G. Tuma starb 1774 in Wien.

N. Zandt ließ 1738 das „Neugebäude“ mit dem heute als Marmorsaal benannten „Sommerrefektorium“ errichten, welches Baumeister Joseph Munggenast, weil vom Bauherrn als Konzertsaal gedacht und für die „alten Instrumente“ mit Überakustik konzipiert, nur mit Protest erbaute. Es darf angenommen werden, dass Kompositionen von F. Tuma dort ihre UA erfuhren. Notenmaterial von diesem Künstler befindet sich allerdings nicht im Stiftsarchiv. Der Marmorsaal mit dem berühmten Paul-Troger-Fresko von der wunderbaren Brotvermehrung gilt als Zeugnis dafür, dass in der Barockzeit viele ähnliche Räumlichkeiten zwar unter anderem Titel, aber letztlich für Musikaufführungen erbaut wurden.

Zwei Hauskomponisten sind noch zu erwähnen, welche die Aufhebung des Sängerknabenkonvikts (1784) überlebten, mit denen allerdings die „reiche und wertvolle Epoche musikalischer Kultur im Stift ihr Ende“ nahm (Pfiffig), nämlich: Cajetan Johann Freundthaller (1751–1825) und H. J. Alram.

Dass im 19. Jh. ebenfalls musiziert wurde, beweist die Überlieferung vom guten Geigenspiel des Abtes Julius Eduard Plch (1859–88), der auch einzelne Kompositionen schrieb. Im 20. Jh. gibt es zwei bedeutende Musikerpersönlichkeiten: M. H. Offenberger. Er war in der Seelsorge tätig und musikalisch ein guter Praktiker. Von ihm existieren viele Liedbegleitungen und auch Vorlagen für die niederösterreichische Landeshymne (Hymnen). Dr. Ambros Pfiffig, bekannter als Professor für Etruskologie, versuchte nochmals, in G. das Sängerknabeninstitut aufzubauen. Man sah sich freilich genötigt, es schon bald endgültig aufzugeben. Weniger bekannt ist, dass es von ihm als langjährigem Bibliothekar und Betreuer des Musikarchivs ein beachtliches kompositorisches Œuvre von mehr als 80 eigenständigen Werken gibt.

Im Rahmen des Kunst- und Bildungszentrums Stift G. werden seit 1970 jährlich neben Kursen aus der bildenden Kunst auch zahlreiche Musikkurse und Konzerte veranstaltet.


Literatur
Th. Ambrózy et al., Stift G. und seine Kunstschätze 1989; A. J. Pfiffig in Unsere Heimat 21 (1950); A. J. Pfiffig in G.er Hefte 15 (1986), 16 (1987) u. 18 (1988); J. F. Angerer in G.er Hefte 27 (1992); Beiträge von G. Allmer, D. F. Hofer u. R. Böllmann in Das Orgelforum Nr. 9 (2006).

Autor(en)
Joachim Angerer
Empfohlene Zitierweise
Joachim Angerer, Art. „Geras‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]

MEDIEN
Passauer Graduale aus der Stiftsbibliothek Geras (Cod. 6, um 1460). Messgesänge für das Weihnachtsfest. Initiale mit Darstellung des neugeborenen Jesus (fol. 13r).
Passauer Graduale aus der Stiftsbibliothek Geras (Cod. 6, um 1460). Messgesänge für das Weihnachtsfest. Initiale mit Darstellung des neugeborenen Jesus (fol. 13r).


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