Gesangverein
Spezielle Organisationsform von Chören (Chor) unter Betonung der Vereinsstruktur und mit spezifischem Repertoire. Das Entstehen der G.e ist eng mit der Entwicklung des öffentlichen Konzertwesens, der bürgerlichen Musikkultur und der Gründung der Musikvereine (Steiermark, Innsbruck, Klagenfurt, Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ) verbunden. Charakteristikum der G.e ist ihr vereinsrechtlicher Status und die eigenständige Verwaltung durch einen Vereinsvorstand. Die G.e sind für gewöhnlich nicht an ein Haus oder eine größere Institution gebunden (ausgenommen die großen Chöre z. B. der beiden Wiener Konzerthäuser, Wiener Singverein und Wiener Singakademie ), sondern organisieren ihre Konzerte selbst und auf eigenes finanzielles Risiko.
Das Repertoire setzt sich v. a. aus a cappella-Kompositionen bzw. Chorwerken mit Klavierbegleitung zusammen, wobei oftmals die jeweiligen Chorleiter Bearbeitungen und eigene Kompositionen beisteuerten (z. B. A. Bruckner für die Liedertafel Frohsinn in Linz oder A. Kirchl für den Schubertbund, E. S. Engelsberg etc.); einige G.e widmen sich dem Werk bestimmter Komponisten (Schubertbund, die div. Bach-Gemeinden) oder der Musik bestimmter Regionen (div. lokal orientierte, eher im Bereich der Volksmusik bzw. volkstümlichen Musik angesiedelte G.e wie z. B. der Grenzlandchor Arnoldstein ). Mit dem Beginn der Alte Musik-Bewegung kam es zu einer Repertoireerweiterung: Werke von Heinrich Schütz, Giovanni Pierluigi da Palestrina, den Gabrielis u. a. wurden – anfangs meist in Bearbeitung, später in Originalversion – aufgenommen.
Die G.e spiegeln in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen auch weltanschauliche bzw. gesellschaftliche Strukturen und Richtungen wider: anfangs großteils reine Männer-G.e (Männerchor) mit meist vaterländischer Ausrichtung wurde bei vielen ab den 1840er Jahren das (deutsch-)nationale Element akzentuiert (z. B. Wiener Akademischer Gesangverein ). Als deren „Gegenpol“ wurden im Zuge der Arbeiterbewegung Arbeiter-G.e (Arbeiter-Musikbewegung) gegründet (Arbeiter-Sängerbund, Arbeiter-G.), deren musikalisches Repertoire und Vereinsleben sich jedoch erstaunlich wenig von dem der bürgerlichen G.e unterschied. Die G.e einzelner handwerklicher Berufsgruppen haben sich teilweise bis heute erhalten (G. der Fleischhauer, G. der Tischler etc.). Die Blütezeit der G.e im traditionellen Sinn ist das 19. Jh. (im besonderen die 2. Hälfte); seit der Wende vom 19. zum 20. Jh. steigt die Zahl der gemischten Chorvereinigungen (v. a. zu Ungunsten der Männer-G.e); als Zeichen der Emanzipation ist auch das vermehrte öffentliche Auftreten von reinen Frauenchören ab diesem Zeitpunkt zu sehen (gleichsam als Kontrapunkt zum Männerchorwesen). Obwohl die Zahl der G.e nach dem Zweiten Weltkrieg zurückgegangen ist, konnten sich einige der alten traditionellen G.e behaupten und eine Vielzahl von neuen etablieren.
Lit: P. Ebner, Strukturen des Musiklebens in Wien 1996; MGÖ 3 (1995); 150 Jahre Wiener Männergesang-Verein 1993; K. Rappold, Die Entwicklung des Männerchorwesens in der Steiermark 1963; LdM 2000; J. Jernek, Der österreichische Männergesang im 19. Jh. , Diss. Wien 1937.


ETH  
[ Zuletzt aktualisiert: 2010/10/13 09:45:15 ]

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Quelle: Österreichisches Musiklexikon, Kommission für Musikforschung
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