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Gstanzl
Ein lyrischer Einstropher mit epigrammatischer Zuspitzung; auch Schnaderhüpfel, Schnaderhacki, Schlumperliedl, Schnatterliedl, Schelmenliedlein, Schandliedlein, Schamperliedlein, Vierzeiler, Trutzliedl, Trutzgsangl u. a. m. genannt. Die Bedeutung der Namen ist nicht ganz geklärt. „Schnaderhüpfel“ erklärt Andreas Schmeller aus „Schnitterhüpflein“ (also ein Schnittertanz) oder „Schnatterhüpflein“ (von schnattern). Im süddeutsch-alpenländischen Raum ist das G. das Tanzlied zum Ländler, dessen dreiteiligem Metrum es sich mit seinem daktylischen Versmaß anpasst. Das typische G. besteht aus 2 Langzeilen zu je 10 Silben (Auftakte nicht gerechnet) oder aus 4 Kurzzeilen (jüngere Form; entstanden durch reimbetonte Einschnitte in den Langzeilen), doch gibt es auch abweichende Formen. Den sogenannten „Schnaderhüpfel-Rhythmus“ findet man seit dem 17. Jh. in weltlichen und (häufiger!) in geistlichen Liedern. Bereits der Wiener Barockprediger Abraham a Sancta Clara (1677–1709) kannte „Saugsangl“ und „Schnaderhipfl“. G.-Singen kann mit vielen verschiedenen Funktionen in Brauch und Geselligkeit verknüpft sein, so etwa mit der Hochzeit, mit Tänzen, mit dem Gesang im Wirtshaus, auf der Schihütte, bei Familienfesten u. a. m. Inzwischen abgekommen ist die Praxis des „Anfriemens“, bei dem auf einem Tanzfest ein Bursch sich vor die Musik hinstellte, einen eigenen Tanz bezahlte und den Musikanten ein G. vorsang, das diese dann als Tanz nachspielen mussten. Auch unabhängig vom Tanz wird das G.-Singen durch instrumentale Zwischenspiele oder durch jodlerartige Refrains unterbrochen. G.n wurden zur Zeit ihrer Hochblüte oft improvisiert und auf spezielle Situationen und Menschen bezogen, sie waren häufig mit Spott und Ironie verbunden und dienten als Vehikel sozialer Auseinandersetzung. Es gibt viele erotische Texte, von humorvollen Zweideutigkeiten bis zur derben Zote, und zahlreiche Sprachspielereien. Mehrfach sind Anregungen aus der Kunstpoesie in G.-Texte eingegangen, vom „Tageliedmotiv“ der Minnesänger bis zur Mundartlyrik des 19. Jh.s, z. B. von Peter Rosegger, Johann Gabriel Seidl u. a. Häufig wurden in der Singpraxis inhaltlich assoziativ miteinander verbundene G.n zu Ketten zusammengefügt, so dass sie heute mehrstrophige Lieder mit mehr oder weniger fixer Strophenfolge darstellen („G.-Lieder“). In den Landschaften mit noch lebendiger Ländlertradition in Oberösterreich und im Salzkammergut ist das G.-Singen nach wie vor mit dem Tanz verbunden und wird in reicher Mehrstimmigkeit, oft in Continuopraxis, ausgeführt.
Literatur
K. Beitl in Hb. des Volksliedes 1 (1973, Schnaderhüpfel); W. Deutsch/A. Gschwandtler, Steyrische Tänze 1994; V. Derschmidt/W. Deutsch, Der Landler 1998; H. Fritz in JbÖVw 36/37 (1988); H. Grasberger, Die Naturgesch. des Schnaderhüpfls 1896; O. Holzapfel, Vierzeiler-Lex. 1–5 (1991–94); O. Holzapfel, Lex. folkloristischer Begriffe und Theorien 1996; C. Rotter, Der Schnaderhüpfel-Rhythmus 1912; H. Seiberl/J. Palme (Hg.), G.n aus dem Salzkammergut 1992; N. Wallner in JbÖVw 17 (1968); R. Flotzinger in ÖMZ 29/10 (1974).

Autor(en)
Gerlinde Haid †
Empfohlene Zitierweise
Gerlinde Haid †, Art. „Gstanzl‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 08/01/2002]