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Hall in Tirol
Kleinstadt mit teilweise erhaltenem mittelalterlichem Ortskern im Bezirk Innsbruck-Land; 1303 zur Stadt erhoben, einst wohlsituiert insbesondere durch Salzgewinnung und Handel, eng den Tiroler Landesfürsten verbunden. An der 1281 geweihten Kirche St. Nikolaus gab es bald eine Pfarrschule, 1342 ist der erste Schulmeister namentlich erwähnt. Dieser besorgte in der Folge mit seinen Gehilfen, dem Organisten und den Singschülern die Musik zum Gottesdienst. Hervorragende Aufführungen modernen polyphonen Gesangs um 1500 werden wiederholt von Zeitgenossen gerühmt. Florian Ritter v. Waldauf rief eine Stiftung zur Pflege der Kirchenmusik ins Leben, 1501 beteiligten sich an der Prozession zur Einweihung seiner Waldaufkapelle Musiker mit allen damals nur erdenklichen Instrumenten. Namhafte Kräfte wirkten in H., unter ihnen 1512–19 als Lateinschulmeister der Humanist und Komponist P. Treybenreif. Im 17. Jh. waren die berühmtesten Komponisten Österreichs, Süddeutschlands und Oberitaliens mit ihren Werken hier präsent. Mit J. A. Holzmann trat an der Pfarrkirche ein virtuoser Organist sein Amt an, dessen qualitätsvolle Gebrauchskompositionen zu Hunderten im gesamten süddeutsch-österreichischen Raum Verbreitung fanden. Vom 14. bis in das 17. Jh. befand sich eine Orgel im Presbyterium. F. A. Köck aus Brixen vollendete 1692 seine neue Orgel auf der Empore. Weitere Tiroler Orgelmacher führten im 18. und 19. Jh. mehrmals Reparaturen und Umbauten durch. Neubauten erfolgten 1934 durch die Firma Karl Reinischs Erben und 1999 durch J. Pirchner. 1422–1523 ist am Turm der Kirche ein Hornwerk nachweisbar.

1569 gründete Erzhzg.in Magdalena, eine am Innsbrucker Hof musikalisch hoch gebildete Schwester des Tiroler Landesfürsten Erzhzg. Ferdinand II., in H. das Damenstift. Von Anfang bis zu seiner Auflösung unter Kaiser Joseph II. 1783 gehörte seine Musikkapelle zu den angesehensten Musikinstitutionen Tirols. Ab 1587 war einer der ersten Kapellmeister F. Sales, zuvor Hofkapellsänger in Innsbruck und renommierter Komponist aus den Niederlanden. Unter seinen Nachfolgern finden sich 1632 der Brixener Domkapellmeister Chr. Sätzl und 1696 der Brixener Domorganist J. J. Walther. 1772 weilten hier L. und W. A. Mozart zu Besuch. Seit 1747 festigte der Stiftskomponist V. B. Faitelli aus Bozen den musikalischen Ruf des Damenstifts. Viele Musiker der Stiftskapelle gehörten dem geistlichen Stand an. Für die Singknaben, anfangs von Jesuiten erzogen im St. Katharina-Haus, hatte Erzhzg.in Magdalena 1590 einen Stiftsbrief erlassen. Im 17. Jh. eröffneten die Jesuiten das St. Borgias-Haus als eigenes Konvikt für die Ausbildung junger Sänger und Musiker. Am Gymnasium der Jesuiten fanden im 17. und 18. Jh. Schulspiele statt, zu denen Komponisten aus dem tirolischen und süddeutschen Raum die Musik schrieben. Mitglieder der Stiftskapelle musizierten auch bei den Jesuiten, deren Kloster bis 1774 bestand. Sie spielten kostbare Instrumente: Inventare aus dem Damenstift nennen die berühmtesten Instrumentenmacher ihrer Zeit, u. a. Gasparo da Salò und J. Stainer. Das Musikrepertoire bestand vorrangig in Kirchenmusik herausragender Meister wie O. di Lasso, J. Regnart, Ph. de Monte, J. Stadlmayr, J. K. Kerll oder A. Caldara. „Einer der größten Kontrapunktisten“ des ausgehenden 16. Jh.s und „derart ausgezeichneter Musiker, dass Deutschland niemanden ihm zur Seite stellen konnte“, wurde 1560 in H. geboren: B. Amon, der nach seiner Ausbildung in der Innsbrucker Hofkapelle 1582 als erster Österreicher nach Venedig wanderte und sich dort mit der mehrchörigen Kompositionstechnik vertraut machte.

Die H.er Bergknappen galten als begehrte Sänger (Bergmannslied). 1610 berichtet der H.er Gelehrte Hippolyt Guarinoni in seinem Buch Die Greuel der Verwüstung, dass sie professionell „überaus schön [...] geistliche und weltliche Lieder figurieren“. Spielleute (Spielmann) kamen schon im Mittelalter zu den Märkten und bestritten noch im 17. Jh. Tanzmusik auf öffentlichen Plätzen. Vornehme Bürger widmeten sich im 19. Jh. der Pflege von Kammer- und Orchestermusik (Bürgerliche Musikkultur). Zu Beginn des 19. Jh.s gegründete Blasmusikvereine wie die Salinenmusikkapelle oder die Speckbacher-Stadtmusik sind heute (2002) noch aktiv, auch führen mehrere Laienchöre die Tradition der bürgerlichen Gesangvereine fort. 1921 eröffnete man eine Msch. Die Galerie St. Barbara präsentiert seit 1968 Konzerte, die u. a. Musik der Avantgarde nach Tirol brachten. G. Zechberger installierte 2001 im Lobkowitzgebäude das erste Studio Tirols für elektroakustische Musik.


Literatur
W. Senn, Aus dem Kulturleben einer süddt. Kleinstadt 1938; W. Senn in Veröff. des Museum Ferdinandeum 56 (1976); H. Bermoser, Die Vokalmessen von Christoph Sätzl (ca. 1592–1655), 1977; W. Senn in Stadtgemeinde Hall in Tirol (Hg.), Stadtbuch H. in Tirol 1981; H. Herrmann-Schneider in G. Ammann (Hg.), [Kat.] Silber, Erz und Weisses Gold. Bergbau in Tirol 1990, 1990; G. Lade in Das Orgelforum 5 (2002).

Autor(en)
Hildegard Herrmann-Schneider
Empfohlene Zitierweise
Hildegard Herrmann-Schneider, Art. „Hall in Tirol‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]