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Hausmusik
Im deutschen Sprachraum verbreiteter funktionaler Begriff, der ein Musizieren im häuslichen Bereich bezeichnet; es handelt sich um ein liebhabermäßiges Tun in geselligem, privatem Kreis. Die Aktivitäten des eigenen Musizierens als Selbstzweck und die räumliche Begrenzung auf das Haus stellen wesentliche Definitionskomponenten dar. Dabei ist der Terminus nicht auf bestimmte Gesellschaftsschichten, auch nicht nur auf Laien (Dilettant) begrenzt. H. kann von allen Menschen, die sich musikalisch betätigen wollen, gepflegt werden.

Mit H. ist aber auch ein sozio-kultureller Aspekt verbunden, der Wandlungen durchgemacht hat. Im Mittelpunkt steht der musizierende Mensch und das Laienmusizieren wird gegen das konzertmäßige Aufführen abgegrenzt.

Als Titel von Notensammlungen taucht das Wort H. bereits im 17. Jh. (Hauß Music oder Geistliche Hausgesänglein) auf und verselbstständigte sich dann zu dem Begriff für ein gemeinsames Musizieren im häuslichen Bereich – früher, als Eigenheime noch nicht selbstverständlich waren, auch in Kantoreien, Kapellen, Stadtpfeifereien –, zunächst bei Wohlhabenden, Adeligen oder Geistlichen, ab der Mitte des 19. Jh.s im sich etablierenden bürgerlichen Milieu. Dabei geht es nicht nur um das Musizieren im Haus, auch die Zuhörer („Liebhaber-Conzert“, „Musik im Hause von ...“) spielen eine für diese Kulturform wesentliche Rolle.

H. ist somit als eine Erscheinung von verfeinerter Wohnkultur anzusehen, existiert aber nicht als eine Vorführung von bestimmten musikalischen Werken. Sie ist nicht an eine Form „bürgerlicher“ Kammermusik und nicht an die Größe von Häusern gebunden. „Schubertiaden“ waren wohl ein starker Impuls für Verbreitung und Entwicklung von H. Einerseits stand das Klavier im Mittelpunkt, andererseits entwickelte sich aus familiär zusammengesetzten Streichquartettensembles ein größerer Kammermusikkreis, von dem letztendlich auch Orchesterwerke aufgeführt wurden. Zunächst spielte man für sich selbst, dann für ausgewählte Zuhörer (in sog. musikalischen Salons), in der Folge auch für zahlendes Publikum. Das 19. Jh. gilt zu Recht als ein Höhepunkt der vom damals aufstrebenden Bürgertum getragenen H.-Kultur. Es gehörte zum „guten Ton“, dass man Klavierspielen lernte. Zahlreiche Kompositionen und Arrangements (von Opern, Symphonien oder Salonmusik, in Sammelalben veröffentlicht) für Klavier vierhändig oder für Klavier als Begleitinstrument gesetzt, spiegeln diese Entwicklung wider und sind auch ein Indiz für den musikalischen Geschmack. Allerdings verschwimmen die Grenzen zwischen privater H. und öffentlichem Musikleben zunehmend, Liebhaberveranstaltungen und Kammermusikkonzerte der Experten führen dieses Genre hinaus in die Öffentlichkeit. Das bürgerliche Zuhause wurde fragwürdig, zudem übernahmen in Folge die Massenmedien eine nicht zu unterschätzende Rolle im Musikleben. Mit diesem Wandel setzten auch Klagen über den kulturellen Verlust, den Verfall des einst bedeutenden Amateur-Musikertums ein. Doch wie es scheint, ist nicht nur der Begriff, sondern auch sein Inhalt nach wie vor lebendig, wenn auch mit unterschiedlichen Bedeutungen. Neben der sog. „klassischen“ H., bei der E-Musik v. a. in Streichquartett- oder Klavierkammermusik-Besetzung gespielt wird, werden verschiedene Arten von Laienmusizieren (mit unterschiedlichsten Besetzungen und verschiedenen Musikstilen) gepflegt, ausgelöst durch ein nun sehr aktives Musikschulwesen. Das Internet weist unter dem Suchbegriff „H.“ u. a. H.-Festivals, Plattenlabels dieses Namens, Ensemblenamen (wie H. London: Interpreten klassischer Kammermusik oder H. Fink: Interpreten von Volks- bzw. volkstümlicher Musik), H. als Touristenattraktion aus, ein weites Feld unterschiedlichster Musikausübung. Somit ist allem Unken zum Trotz die H. nicht ausgestorben. Sie hat sich bloß verändert und aus der gesellschaftlichen Enge (bürgerliche Musikkultur) befreit und spiegelt nun als Gegenpol zur Massenkultur eine Facette individuellen Musik(er)lebens, allerdings im weitesten Sinn des Wortes.

Wie es heute um das Phänomen der „klassischen“ H. in Wien, der vielgerühmten Kultur des Amateur-Musizierens, einer Praxis, die seit dem Biedermeier existiert und von vielen als zum Aussterben verurteilt angesehen wird, bestellt ist, versuchte eine Studie im Jahr 1990 herauszuarbeiten. Wer macht wann, wie und warum H. – ein Fragebogen, betreffend Altersstruktur, musikalische Ausbildung, musikalische Präferenzen, Besetzungen, Motivationen, allgemeine kulturelle Interessen, Auswirkungen von Rundfunk und Medien, wurde versandt und konnte ausgewertet werden. Entgegen den generellen Befürchtungen ist die Szene durchaus lebendig, relativ groß und breit gefächert. Der Vielschichtigkeit der Wiener Bevölkerung entsprechend gibt es sowohl hinsichtlich der Intention wie der Gestaltung unterschiedliche Formen häuslicher Musikausübung.

Insgesamt sind generationsbedingte Unterschiede festzustellen, es überwiegen Männer, doch im Regelfall spielen gemischte Gruppen, von den Berufen sind solche mit musikalischem Nahverhältnis (Berufsmusiker, Musiklehrer, Musikwissenschaftler, Musikstudenten) stark vertreten, prinzipiell wird die „klassische“ Wiener H. von einer gehobenen Bildungsschicht gepflegt. Von den nun in Wien Wohnhaften ist nur ein Drittel auch hier aufgewachsen. Musikalische Aktivitäten sind vielfach schon über Generationen weitergegeben worden, es handelt sich also um eine Tradition, bedingt durch die Akteure und das Umfeld der Stadt. Die meisten haben bereits im Kindesalter ein Instrument erlernt, mehrheitlich bei Privatlehrern. Von mehr als der Hälfte der Befragten wurde angegeben, regelmäßig zu üben, nur in Ausnahmefällen wird nicht geübt. Viele singen in Chören oder sind in Orchestern tätig. Das Klavier, gefolgt von der Violine, ist das am häufigsten erlernte Instrument; neben Holzblasinstrumenten sind Gitarre, Blockflöte, Hackbrett und auch Akkordeon vertreten. Oft werden mehrere Instrumente beherrscht. Die Frage nach dem Lieblingskomponisten ergab W. A. Mozart, im Repertoire der H.er stehen Werke der Wiener Klassik an der Spitze, gefolgt von Romantik, Barock und zu einem geringen Teil von Musik des 20. Jh.s. (Neue Musik). Das kulturelle Interesse der H.er ist groß und durchaus weitgefächert (Oper, Theater, Kleinkunst, Ausstellungen etc.), selbstverständlich sind die meisten an musikalischen Veranstaltungen, und dabei v. a. an Kammermusikabenden interessiert. Die H.er sind in Gruppen organisiert, d. h. sie spielen in festen Zusammensetzungen, sehr oft sind Musiker an mehreren H.-Kreisen beteiligt, nur wenige spielen einmal da und einmal dort. Die meisten betreiben seit ihrer Jugend bzw. Studentenzeit (auch mit Unterbrechungen) H., treffen sich überwiegend einmal pro Woche (manche auch wesentlich öfter, andere auch viel seltener). Der Stellenwert der H. ist für jeden ein anderer, Pensionisten haben für ihr Hobby naturgemäß mehr Zeit, doch auch wenn nur selten gespielt wird, zählt man sich zu den H.ern. Da der Großteil der Musiker berufstätig ist, wird am Abend musiziert. Nur ein geringer Teil ist an Zuhörerschaft nicht interessiert, der Großteil hat nichts gegen ein Publikum einzuwenden, einige wünschen sich sogar eines. Üblicherweise geht man nach dem Musizieren nicht gleich auseinander, sondern pflegt Geselligkeit, bespricht den Ablauf des Abends und einigt sich, was und wo das nächste Mal gespielt wird. Meist wechseln die Musizierplätze unter den Mitgliedern. Die Frage nach den Besetzungen wurde nicht eindeutig beantwortet, da viele in verschiedenen Gruppierungen spielen. Am häufigsten wurde die traditionsreiche Streichquartettbesetzung genannt, wobei sich herausstellte, dass v. a. die Älteren in dieser Besetzung spielen. Es folgt die Klavierkammermusik (Trio bis Quintett), dann kleinere Besetzungen und andere Instrumente, die von weniger Personen gespielt werden, daher auch seltener vorkommen. Die Motivation für häusliches Musizieren scheint sich gegenüber früher verändert zu haben, da nur wenige, ältere Personen darin eine gewisse repräsentative Ausstrahlung (z. B. im Zur-Schau-Stellen von Status, Wohlstand, Bildung und Kunstsinn) sehen. Dagegen dürfte die individual-psychologische Funktion Bedeutung gewonnen haben, wenn „zur Freude, sich musikalisch auszudrücken“ oder als „Ausgleich zum Arbeitsalltag“ musiziert wird. Rundfunk und Medien wurden weder positiver noch negativer Einfluss zugestanden, eher wurden Anregungen für musikalische Aktivitäten empfangen als Beeinträchtigung.

Die H.-Szene ist in Wien heute recht groß und breit gefächert. Neben der „klassischen“ H., dem Musizieren im eigenen Heim zur persönlichen Erbauung, sind noch verschiedene andere Formen, hervorgerufen durch gesellschafts- und kulturpolitische Strömungen („neue“ Gesellschaft, „neue“ Instrumente wie Gitarre, Bläser, Schlagzeug, Rolle der MSch.), zu beobachten. Verschiedene Faktoren, wie z. B. eine wahre Flut an Musikfestivals, besonders Kammermusikfestivals, oder die Fülle unterschiedlicher kultureller Veranstaltungen in ganz Österreich tragen möglicherweise zu einem veränderten Bewusstsein bei. Im unterschiedlichen Umgang mit dem Musizieren, ob im Verborgenen oder einem Publikum präsentierend, fühlt sich ein großer Personenkreis der H. zugehörig. Es besteht kein Grund zur Befürchtung, dass diese Tradition, zeitbedingte Veränderungen eingeschlossen, im Aussterben sei.

Es wird also auch gerne vor Publikum gespielt; Auftritte in privatem, halböffentlichem und öffentlichem Rahmen erscheinen folglich auch als Motivation für das Musizieren. Eine Tendenz zum semiprofessionellen Betrieb ist in der beobachteten H.-Szene nicht zu übersehen. Somit ergibt sich auch eine Verbindung zum Hauskonzert, im Sinne der legendären Schubertiaden als halböffentliche Vorführungen vor geladenem Publikum. Ein Hauskonzert zu veranstalten, hat für die Gastgeber unterschiedliche Beweggründe: es kann sich um das gesellschaftliche Ereignis an sich handeln, zur Förderung junger Talente (sowohl Interpreten als auch Komponisten) dienen, ein besonderes Fest zieren; Konzerte können einmalig, hie und da, aber auch regelmäßig (in Form eines „Konzertzyklus“) veranstaltet werden. Heute gewinnt diese Tradition z. T. eine auch nach außen wirkende Dimension (offizielle Auszeichnung, Bericht auf der Kulturseite oder Gegenstand einer Rundfunksendung), ohne die intime Sphäre eines familiären Festes preisgeben zu müssen. Die Veranstalter wissen über den Wert und die Bedeutung ihrer Tätigkeit im Rahmen der kulturellen Szene in Wien Bescheid.


Literatur
Beiträge v. G. Busch-Salmen, G. Lechleitner/H. Kowar u. W. Suppan in ÖMZ 47/7–8 (1993); W. Dürr/A. Feil, Franz Schubert. Reclams Musikführer 1991; Th.-M. Langner in Rundfunk und H. Gegensatz oder Ergänzung? Musikalische Zeitfragen 3 (1958); G. Lechleitner/A. Schmidhofer, Wiener H. heute 1990 (Mitt. des Phonogrammarchivs 91); W. Litschauer/W. Deutsch, Schubert und das Tanzvergnügen 1997; W. Salmen,Haus- und Kammermusik. Privates Musizieren im gesellschaftlichen Wandel zwischen 1600 und 1900, 1969; E. Spranger, Rede über die H. 1955.

Autor(en)
Gerda Lechleitner
Empfohlene Zitierweise
Gerda Lechleitner, Art. „Hausmusik‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]