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Heurigenmusik
Oft als Synonym für den gesamten Komplex der traditionellen Wienermusik (Schrammelmusik, Wienerlied) verwendet, hier im engeren Sinn auf die Musik der Heurigenlokale und Buschenschänken (besonders im Raum Wien) angewendet. Mit dem Aufkommen öffentlicher Verkehrsmittel und der vermehrten Frequenz durch die Städter entwickelte sich im Biedermeier auch die musikalische Unterhaltung beim „Heurigen“ (das sind Lokale, in denen „heuriger“ Wein ausgeschenkt wird). Zunächst unterscheidet sich die zumeist instrumentale H. nicht von der üblichen städtischen Musikszene: Harfenisten, Zitherspieler, Linzer Geiger, erst gegen die Mitte des 19. Jh.s entwickelt sich eine typische Stimmungsmusik, klanglich charakterisiert durch die in Wien neu entwickelten Instrumente Kontragitarre und chromatische Knopfharmonika („Akkordion“, Harmonika) in Verbindung mit Geigen. In den „Volksmusik“-Terzetten und -Quartetten kommt es zunehmend auch zur Kombination mit Klarinetten und Flöten (generell als „picksüaße Hölz’ln“ bezeichnet), gelegentlich auch mit Harfe. Erste stadtweit populäre Ensembles der 1870er Jahre sind das Wiener National Quartett (G. Dänzer, A. Strohmayer) und das Terzett Gebrüder Schrammel und Strohmayer (Nußdorfer Terzett). Höhepunkt der Popularität mit Quartett der Brüder Joh. und Jos. Schrammel (1884) in Besetzung mit 2 Geigen, G-Klarinette und Kontragitarre. Mit den Fiakersängern wird auch der Liedgesang und das Jodeln beim Heurigen üblich. Als besondere Spezialität treten Kunstpfeifer auf. Die an Lizenzbestimmungen gebundenen Volkssänger sehen im „wilden Singen“ der „Natursänger“ beim Heurigen eine Bedrohung und erwirken 1886 ein polizeiliches Verbot. Nach Jahren des „stummen Heurigen“ gelingt es erstmals Joh. Schrammel 1890 mit dem Erwerb einer Singspielhallen-Konzession, den publikumswirksamen Gesang wieder einzuführen, in weiterer Folge auch dem Ensemble „D’ Grinzinger“.

Am Ende des 19. Jh.s ist die Knopfharmonika fester Bestandteil des Instrumentariums, die Zweistimmigkeit der Geigen wechselt gelegentlich mit Klarinetten oder Posthörnern ab. Jedes Ensemble verfügt über Duetten-Sänger (Duettisten), einen Liedersänger, meist auch über einen Jodlerspezialisten und einen Komiker bzw. Stegreifsänger. Neben den Heurigen-Engagements sind auch Auftritte in Stadtlokalen üblich. Haupteinnahmequelle der Musikanten sind Trinkgelder der Heurigengäste, dazu kommt ein relativ geringes Aufgeld der Gastwirte.

Die melodische und rhythmische Grundlage der H. ist der Ländler. Sie unterscheidet sich aber durch wesentliche Merkmale von der ländlichen Tanzmusik: die Tanzmelodie wird zur zum Zuhören bestimmten Vortragsmusik mit starkem Tempowechsel, dynamischer Abstufung, Feinheiten in der Tonbildung (u. a. Pizzicato, Staccato, „Schnofeln“ = sul ponticello), harmonischer Bereicherung, Modulationen, stark chromatischer Melodieführung, Ausschreiben der Stimmen statt Auswendigspielen. Das Repertoire der Periode bis zum Ersten Weltkrieg umfasst Wienerische „Spezialitäten“: die in Kombination von Liedweisen und Ländlertänzen gestaltete Kleinform der „Weana Tanz“, die im Vortrag stark von den Militärmärschen abweichenden „Heurigenmärsche“ sowie Walzer und Liedmelodien. Dazu kommt das vielschichtige Repertoire an Wienerliedern der Sänger mit einem starken Hang zu modischen „Novitäten“: Operettenmelodien, Modeschlager (Schlager) der Varietétheater. In den 1920er Jahren setzt sich die Internationalisierung der Unterhaltungsmusik weiter fort, die lokale, traditionelle Wiener Musik wird stark in den Hintergrund gedrängt und findet beim Heurigen ihr Refugium. In den Jahren der Wirtschaftskrise wird die musikalische Unterhaltung beim Heurigen immer seltener, die Ensembles schrumpfen zum Duo (Harmonika und Kontragitarre, im Volksmund „Packl“ genannt) oder werden durch den Alleinunterhalter ersetzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzt sich dieser Trend fort, die H. beschränkt sich immer mehr auf die Fremdenverkehrszentren und passt sich dem Klischee der Musikstadt Wien an. Kurzfristig wird das Zithermusizieren durch den internationalen Erfolg von A. Karas neu belebt. Eine neue Facette der H. entsteht mit den Heurigenkabaretts, einer Mischung aus Wienerlied, Schlagermusikparodien und derbem Humor (insbesondere charakterisiert durch das Ensemble Die [3] Spitzbuam). Während die Schrammelmusik ab den 1960er Jahren durch neue, von Musikern der symphonischen Orchester gegründete Quartette eine Renaissance auf Konzertbühnen erlebt, dominieren beim Heurigen die Duos. Die Knopfharmonika wird meist vom Klavierakkordeon abgelöst, statt der Kontragitarre mitunter die Konzertgitarre oder der Kontrabass verwendet. Durch das verstärkte Auftreten von Musikern aus den östlichen Nachbarländern werden die Wienerischen Stilmerkmale weiter abgeschwächt. Die allgemeine Wiederbelebung des Wienerliedes und der Wiener Instrumentalmusik der letzten Jahre findet mehr in Konzertprogrammen, bei Festivals und in den Wirtshäusern der westlichen Wiener Randbezirke ihren Niederschlag als in der H.


Literatur
W. Deutsch in [Kat.] Biedermeier 1988; W. Deutsch/E. Weber, Volksmusik in Wien. Weana Tanz (Wiener Tänze) 2010]; M. Egger, Die Schrammeln in ihrer Zeit 1989; H. Mailler, Schrammel-Quartett 1943; E. Merkt, Wiener Liederschatz [o. J.]; O. Neumeier, „Die 3 Spitzbuben“ 2000; W. Offterdinger, Die Situation des Singens und Musizierens im Wiener Heurigenlokal, dargestellt am Beispiel Grinzing 1977; H. Pemmer in Schriften zur Heimatkunde Wiens 1969; F. Schlögl, Wiener Blut, Kleine Culturbilder aus dem Volksleben der alten Kaiserstadt an der Donau 1873; B. F. Sinhuber, Das große Buch vom Wiener Heurigen 1980; E. Weber, Begleithefte zu den CDs des ORF Alt-Wiener Tänze I & II 1995/96; E. Weber, Begleithefte zur historischen CD-Reihe Wiener Volksmusik in frühen Tondokumenten 1994–99; R. Zoder in Das dt. Volkslied 46 (1944); R. Zoder in Lebendige Stadt, Literarischer Almanach 1955.

Autor(en)
Ernst Weber
Empfohlene Zitierweise
Ernst Weber, Art. „Heurigenmusik‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]