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Hilverding Hilverding Joris (Helferting, Hilferding, Hülferding, Helwerding), Familie
Joris (Jorius, Georg): * --? Lippstadt?/D, † --nach 1677nach 1677 (Ort?). Puppenspieler. Ist 1669 und 1677 in Wien nachweisbar, dazwischen 1673 in Salzburg und 1675 in Hallein.

Sein Bruder oder Sohn Johann Peter (d. Ä.): * ca. 1640/1645 (Ort?), † nach 25.8.1710 (Ort?). Schau- und Puppenspieler. Ist anlässlich der Geburt einer Tochter in Wien im Juni 1670 erstmals belegt, 1672 spielte er in Berlin und ein Jahr später in Salzburg, wo er mit 1.1.1674 eine Anstellung als erzbischöflicher Kammerportier (und Hofschauspieler?) erhielt, die er bis mindestens 1687 innehatte; vielleicht war er auch als Bühnenautor tätig. Während dieser Zeit bewirtschaftete er auch einen Bauernhof in der Umgebung Salzburgs und kam wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt. Trotz seiner Salzburger Verpflichtungen unternahm er in den 1680er Jahren längere Reisen (Norddeutschland, Innsbruck, Wien), 1687 scheint er Salzburg verlassen zu haben und nach Wien gegangen zu sein. Hier wird er 1694 als Erzherzoglicher Tafeldecker und Marionettenspieler bezeichnet. 1698 dürfte er in Prag gespielt haben, 1699 eventuell in Danzig (Gdańsk/PL). 1706 war er in Breslau (Wrocław/PL) und 1710 in Köln/D; vor 1706 vielleicht sogar in Portugal.

Seine Kinder

Johann Baptist: get. 19.12.1677 Salzburg, begr. 29.8.1721 Velm bei Himberg/NÖ. Schau- und Puppenspieler. Spielte 1698 mit einer Marionettentruppe in Salzburg, 1699 und 1701 (Heirat) in Wien, 1700 in Stockholm, 1701 in Lübeck/D, Hannover/D und Nürnberg/D, 1702 in Basel/CH nachweisbar. Ab 1704 neuerlich in Wien, gründete er hier 1706 eine Gesellschaft mit J. A. Stranitzky und Maria Naafzer. 1706–09 neuerlich auf Reisen (Brünn [Brno/CZ], Hannover, Wien, Köln), 1710 als „kaiserlicher Hofkomödiant“ in Salzburg. Ab 1.7.1716 hatte H. das Kärntnertortheater in Pacht. G. Prehauser, ab 1720 bei H., folgte ihm als Prinzipal nach und ehelichte seine Witwe Maria Margarethe (ca. 1678–1759).

Maria Anna: get. 11.10.1682 Salzburg, † 26.7.1747 Wien. Sängerin (Sopran). War ab 1.6.1717 kaiserliche Hofsängerin, 1740 pensioniert. Verheiratet mit dem Oboisten Johann Ludwig Schul(t)z (* ca. 1685 [Ort?], † 28.2.1740 Wien), der 1717–40 in kaiserlichen Dienst stand.

Jakob: * ? Penting?, Bayern/D, † ?. Stricker und Schauspieler. Erscheint anlässlich seiner Verehelichung 1708 in der Wiener Vorstadtkirche St. Ulrich (Wien VII) als Stricker, dürfte sich später jedoch als Schauspieler in Amsterdam/NL betätigt haben.

J. B.s Kinder

Johann Peter (d. J., Pantalon de Bisognosi): * ca. 1700 Frankfurt am Main/D, † 1769 St. Petersburg/RUS. Komödiant, Theaterprinzipal. Soll zunächst Jus studiert haben und trat Ende der 1720er Jahre in Wien als Komödiant auf. 1732 ehelichte er in Wien in zweiter Ehe die Schauspielerin Maria Anna Starkklopst (Starkloff). Anschließend ging er nach Berlin, wo er Mitte der 1730er Jahre eine eigene Truppe gründete und ein preußisches Theaterprivileg erhielt. Er hielt sich anschließend im ostpreußischen, baltischen und polnischen Raum auf und schloss 1743 einen Gesellschaftsvertrag mit Johann Christoph Siegmund (1705–47). In weiterer Folge bauten und bespielten die beiden Komödienhäuser in St. Petersburg und Moskau, finanzielle Schwierigkeiten beendeten das ambitionierte Unternehmen jedoch Ende der 1750er Jahre. H. soll anschließend Direktor des Theaters in Riga gewesen sein. Sein Sohn Peter (?–?) war Schauspieler. Ein Friedrich H., 1780 als Bühnenbildner in Moskau nachweisbar, könnte ebenfalls ein Sohn gewesen sein.

Maria Monica (Veronica) Anastasia (verh. Hornik): * 31.10.1708 Wien, † nach 1740 [Ort?]. Sängerin. War 1720–40 „Hofscholarin in der Singkunst“, ihre Einstellung wurde von J. J. Fux befürwortet.

Franz Anton Christoph (H. van/von Weven): get. 17.11.1710 Wien, † 29.5.1768 Wien. Tänzer. War vermutlich Schüler von A. Phillibois d. Ä. und eventuell von Anton Coblet, dessen Tochter Maria Anna (ca. 1710–62 Wien) er 1729 ehelichte. Studierte weiters in Paris bei Nicolas Blondy, war seit 1734 kaiserlicher Hoftänzer in Wien, seit 1737 Hofballettmeister. 1758–64 war er Ballettmeister am St. Petersburger Hoftheater, kehrte danach nach Wien zurück und pachtete vorübergehend (1766/67) das Kärntnertortheater. H. ist einer der Mitbegründer des dramatischen Handlungsballetts, für das man später in Zusammenhang mit seinem Schüler G. Angiolini und dessen Gegenspieler J. G. Noverre, die beide in der 2. Hälfte des 18. Jh.s in Wien tätig waren, den Begriff ballet en action fand (ab dem 19. Jh. bürgerte sich dafür der Begiff ballet d’action ein). H.s Werke leiten von einer typenhaften Burleske zu literarisch und historisch fundierten Sujets über. Die etablierten Tänzerfächer beibehaltend, fand H. zu einem asymmetrischen und dynamischen choreographischen Stil. H.s Œuvre umfasst etwa 200 Werke, von denen meist nicht mehr als die Titel erhalten sind. Zu Beginn seiner choreographischen Karriere kreierte er eine Reihe von „caractère“- bzw. „demi-caractère“-Balletten, die in Wien als „serieuse“ oder „heiter“ bezeichnet wurden und entweder im Theater nächst der Burg (Burgtheater) oder im Kärntnertortheater herauskamen.

H.s bekanntestes Ballett ist das auch in einem Stich von Bernardo Bellotto festgehaltene Le Turc généreux (Wien 1758, M: J. Starzer). Das Werk, das den bekannten Stoff einer schiffbrüchigen Europäerin aufgreift, die in die Hände von Muslime gerät, gilt als der geglückte Versuch, die Handlung tänzerisch agierend zu vermitteln. Den aktuellen Trend des bewegten Ausdrucks aufgreifend, bediente sich H. dabei sowohl ganzkörperlicher Expressivität wie Asymmetrie in der räumlichen Konzeption, dazu bezog er bewusst die Gruppe mit ein.

Neben Komponisten wie F. J. Deller arbeitete H. auch mit Ch. W. Gluck zusammen, etwa für die Opern La Semiramide riconosciuta (1748) und Il Parnasso confuso (1765). Einen großen Teil von H.s Schaffen nehmen die Choreographien der Ballette in Opern ein, deren Musik, einer Usance der Zeit folgend, von eigenen Komponisten, z. B. I. Holzbauer oder J. Starzer, stammten. H. war wiederholt für private Aufführungen des Kaiserhauses tätig, das bekannteste Beispiel ist Le Triomphe de l’amour (1765, M: F. Gaßmann), ein auch in einem Gemälde festgehaltenes Ballett, dessen Solopartien von Erzhzg.in Marie Antoinette und ihren Brüdern Ferdinand und Maximilian getanzt wurde.


Werke
Ballette: Britannicus (um 1740, nach Jean Racine), Idomeneus (nach Prosper Jolyot de Crébillon), Alzire (nach Voltaire); frühe Ballettversion des Don Quijote-Stoffes (1753); heitere Kreationen der Zeit waren Les Aventures à Leopoldstadt, Les Paysans de Carinthie (beide 1752); für das Theater nächst der Burg entstanden Orphée et Eurydice (1752), Le Ballet bleu (1753), Le Ballet couleur en rose (1753, die beiden letzten waren Wiederaufnahmen aus den 1740er Jahren), Pygmalion (1756, ein Ballett, das er in St. Petersburg erneut herausbrachte), Le Turc généreux (1758) und Les Amants protégés par l’amour (1765).


Anton: * 1.10.1714 Wien, † 13.1.1779 Wieden (Wien IV). Komödienschreiber. Lebte in Wien.

F. A. Ch.s Sohn Josef: * 27.7.1730 Wien, † vor 22.1.1797 (Ort?). Komödiant und Prinzipal. Wird 1769 als Komödiant in Wien genannt und reiste anschließend als Prinzipal durch Siebenbürgen (1771 und 1778 Hermannstadt [Sibiu/RO], 1780/81 Temesvár [Timişoara/RO]), Ungarn (1776 Pressburg und Ödenburg, 1780/81 Ofen, Pest [Budapest], Kaschau [Košice/SK]) und Galizien (1785 Lemberg).

Die Familie H. dürfte noch weiter verzweigt gewesen sein: Ein Mathias H. spielte mit seiner Theaterbude 1699 in Wien. Unklar ist auch das Verwandtschaftsverhältnis von dem als (Komödien-)Schreiber bezeichneten Anton H. (* ca. 1667 Salzburg, † 23.3.1745 Wien; Sohn von Johann Peter d. Ä.?). Ein Hoftänzer namens Heinrich Karl H. ist 1744 in Wien nachweisbar.


Literatur
(Chron.:) Köchel 1869 [Schulz]; ADB 12 (1880); Kosch 1 (1953); R. Topka, Der Hofstaat Kaiser Karl VI., Diss. Wien 1954; G. Gugitz in Jb. d. Ver. f. Gesch. d. Stadt Wien 11 (1954); F. J. Fischer in Mitt. d. Ges. f. Sbg. Lk. 97 (1957) u. 98 (1958); MGG 6 (1957) u. 8 (2002); J. H. v. der Meer, Johann Joseph Fux als Opernkomponist 1961; F. Derra de Moroda in H. Koegler (Hg.), Ballett 1967. Chronik und Bilanz des Ballettjahres 1967, 49–51; F. Derra de Moroda in ÖMZ 23 (1968) u. 31 (1976); Michtner 1970; Zechmeister 1971; NDB 9 (1972); E. Pies, Prinzipale 1973; H. Boberski, Das Theater der Benediktiner an der alten Univ. Salzburg (1617–1778), 1978; Hadamowsky 1988; B. A. Brown, Gluck and the French Theatre in Vienna 1991; A. Sommer-Mathis, Die Tänzer am Wr. Hofe im Spiegel der Obersthofmeisteramtsakten und Hofparteienprotokolle bis 1740, 1992; Raab 1994; E. Großeger, Gluck und d’Afflisio 1995; S. Dahms in österreich tanzt 2001; NGroveD 11 (2001); B. Rudin in B. Marschall (Hg.), Theater am Hof u. für das Volk. Beiträge zur vergleichenden Theater- u. Kulturgesch. Fs. f. O. G. Schindler zum 60. Geburtstag 2002; A. Fülbier, Handpuppen- u. Marionettentheater in Schleswig-Holstein 1920–1960, 2002; Beiträge von Ch. Hartler u. R. Müller-Nica in H. Fassel et al. (Hg.), Dt. Theater im Ausland vom 17. zum 20. Jh. 2007; www.marionetten.at (7/2009); Tauf-, Trauungs- und Sterbebuch 1701–36 der Pfarre Moosbrunn/NÖ, fol. 219v; WStLA (G. Gugitz, Auszüge aus den Totenbeschaubüchern 1648–1699 [Archivbehelf]; ders., Auszüge über Persönlichkeiten des Wr. Kulturlebens [Archivbehelf]); eigene Recherchen.

Autor(en)
Christian Fastl
Gunhild Oberzaucher-Schüller
Empfohlene Zitierweise
Christian Fastl/Gunhild Oberzaucher-Schüller, Art. „Hilverding (Helferting, Hilferding, Hülferding, Helwerding), Familie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 25/07/2016]