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Horn
Bezirkshauptstadt im niederösterreichischen Waldviertel. H., eine bis zu den 1848er Reformen grunduntertänige Stadt, stand bis zur Festlegung der heute noch gültigen administrativen Strukturen Mitte des 19. Jh.s im Schatten bedeutenderer landesfürstlicher Städte wie z. B. Eggenburgs. Der Aufschwung in neuerer Zeit ergab sich aus dem Erlangen der regionalen Zentralortsfunktion sowie des z. T. daraus resultierenden breitgefächerten Bildungsangebots. Doch ist dies eine relativ rezentes, wenn auch keineswegs voraussetzungsloses Phänomen.

Aus dem Dunkel eher karger geschichtlicher Überlieferung trat H., besonders zu der Zeit, da H. zum Versammlungsort der protestantischen Landstände (Reformation) Niederösterreichs avancierte („H.er Bund“) und gelegentlich überregionale geschichtliche Bedeutung erlangte. Nicht zufällig waren dies auch diejenigen Jahrzehnte, in denen erste Indizien für das Vorhandensein musikalischen Lebens greifbar werden. An erster Stelle sind hier die Thurner zu nennen. Sie hatten nicht nur ihre Wach- bzw. Signalisierfunktionen wahrzunehmen, sondern erfüllten auch musikpädagogische Aufgaben: Im Rahmen schulischer Ausbildung der städtischen Jugend wurden sie für den Instrumentalunterricht herangezogen.

Wie andere Kleinstädte Österreichs, besaß auch H. eine seit dem Spätmittelalter nachweisbare Stadtschule. Diese spielte besonders im konfessionellen Zusammenhang eine Rolle, zumal in den damals überwiegend evangelisch geprägten Patrimonialstädten eine enge Verbindung von Kirche, Schule und Musik bestand. Wir wissen um die Bedeutung der Musik im Rahmen der Gottesdienstfeiern (Gemeindegesang) sowie der schulischen Musikerziehung (mnemotechnische Sekundärfunktion vertonter religiöser Liedtexte). Hier bemühte man sich folgerichtig um qualifizierte Berufsmusiker, deren einer, P. Peuerl, 1601–09 in H. wirkte. Diese relativ kurzzeitig prosperierende Periode evangelischen Gemeindelebens und überdurchschnittlichen Bildungsangebots – H. beherbergte wenige Jahre lang auch eine der evangelischen Landschafts- (= ständischen) Schulen – wurde von einer Epoche kulturell-wirtschaftlichen Niedergangs abgelöst. An deren Ende – nun im Rahmen von katholischer Reform bzw. Gegenreformation – spielten politische, kirchliche und Musikgeschichte H.s wieder eng zusammen: Neben dem Ergreifen obrigkeitlicher Maßnahmen z. T. autoritär-oktroyierenden Charakters, in deren Zuge es zu Eingriffen wirtschaftlich-patriarchalischer Art kam, aber auch zu einem im katholisch-restaurativen Geist erneuerten Angebot auf dem geistlichen Sektor, wurde – wiederum von der damaligen, nunmehr altgläubigen Herrschaft – 1657 ein Piaristenkolleg mit Gymnasium installiert. Dieses sollte das musikalische Leben H.s in den nächsten 100 Jahren wesentlich prägen. Nicht nur, dass mit der von Stift Altenburg betreuten Stadtpfarre eine enge Zusammenarbeit speziell bei der Gestaltung liturgisch herausragender Anlässe bestand, nicht nur, dass mit der Altöttinger Kapelle in der Tuchmacher-Vorstadt eine eigene Wallfahrt zu betreuen war; es wurden im Gymnasium auch zahlreiche Theateraufführungen abgehalten. Diese, von Lehrkörper und Schülern gestaltet, dienten der Memorierung von Lateinkenntnissen ebenso wie der „Öffentlichkeitsarbeit” des im Bezugsfeld von Herrschaft und Stadt stehenden Schulinstituts. Die H.er Piaristen standen damit nicht allein, sondern in einer breiten Tradition von Ordens(schul)theatern, wie sie damals auch von Benediktinern und Jesuiten gepflegt wurden. Notenmaterial dürfte freilich samt und sonders verlorengegangen sein: Auch hier muss uns Sekundärüberlieferung genügen.

Die Prosperität von Schule und Theater (Geistliches Drama) ging Ende des 18. Jh.s infolge Ermüdungserscheinungen zu Ende, welche im Rahmen allgemeinerer mentaler Veränderungen, deren markanteste der Josephinismus war, zu sehen sind. H. blieb für längere Zeit, gleich anderen Provinzstädten, ein Musikschauplatz untergeordneten Ranges. Erwähnenswert ist lediglich der namhafte Geigenbauer Leopold Widhalm (1722–76).

1856, während des „Booms“ der Entstehung bürgerlicher Vereine (bürgerliche Musikkultur), konstituierte sich der H.er Gesangverein (später Gesang- und Musikverein H.), der älteste seiner Art im niederösterreichischen Waldviertel, der zunächst nur einen Männer-, bald einen gemischten Chor umfasste und seit 1892 ein eigenes Orchester – wie sein vokales Gegenstück aus Laien bestehend – unterhielt und seither im H.er Kulturleben einen unabdingbaren Faktor darstellt.

Dilettantische Musikpflege im Rahmen dieses Vereins sowie – nichtcäcilianische – Kirchenmusik (Cäcilianismus) bestimmten das Musikleben H.s an der Wende vom 19. zum 20. Jh. Nicht nur die Vereinsgeschichte seit der Gründung ist ganz gut dokumentiert; auch etliche Namen lassen sich mit erhaltenen Kirchenkompositionen verbinden. Nur die Anfänge des Kirchenchors als solchem liegen – wohl ob seiner Selbstverständlichkeit – im Dunkeln. Sein Leiter dürfte zumeist der Organist gewesen sein, welchem, wie anderswo auch, zumindest als Initiator einschlägiger Musikaufführungen besondere Bedeutung zukam. Die speziell in den 1920er Jahren auch in H. aktiven Marianischen Kongregationen bildeten ein zusätzliches Personalreservoir für die musikalische Gestaltung bestimmter Anlässe.

Der Dualismus von Gesangvereins- bzw. katholischer Kirchenmusik sollte auch für H.s Musikgeschichte des 20. Jh.s bestimmend bleiben. Neben begeisterten Amateuren prägten mehr und mehr fachlich voll ausgebildete Berufsmusiker das Geschehen, Persönlichkeiten, die neben der Befähigung zum Reproduzieren bzw. Arrangieren vielfach auch diejenige zum Komponieren mitbrachten. Hermann Rainer (1904–60), J. L. Giugno, Friedrich Eichberger (1908–61), Ambros Josef Pfiffig (1910–98) und Leopold Friedl (1939–98) waren Persönlichkeiten, die mit Gesangverein bzw. Kirchenchor H.s, Geraser bzw. Altenburger Sängerknaben, z. T. auch als Musikpädagogen, wirkten und das H.er Musikleben gerade zwischen den 1950er und 1980er Jahren spürbar befruchteten.

Neben Aufführungen „großer“ Literatur (bis hin zu Beethoven-Symphonien oder Haydns Schöpfung), für welche fallweise auch auswärtige Kräfte herangezogen wurden, entriss man in den 1980er Jahren systematisch auch Kompositionen Obengenannter dem Vergessen (Vereinsorchester unter Wolfgang Andraschek [* 1925]), gestaltete das Mozart-Jubiläum 1991 besonders eindrucksvoll und rief einen eigenen Kinderchor ins Leben.

Seit 1955 besitzt H. eine MSch., seit 1957 eine Stadtmusikkapelle, und seit 1979 bildet das Internationale Kammermusikfestival Austria (Allegro vivo) eine liebgewonnene „Konkurrenz“; auch die Konzertdarbietungen der Jeunesses musicales sind hier zu erwähnen.

Eine Vielzahl von Ensembles, von Schülerchor bis Big Band, konstituiert die H.er Musiklandschaft der Gegenwart. Diese ist durch ein fruchtbares Nebeneinander von Produktion und Rezeption, Unterricht und Praxis, Anregung und Schöpfung gekennzeichnet und kann auf über 400 Jahre Tradition, 1992 in einer großangelegten Ausstellung des Höbarthmuseums dokumentiert, zurückblicken.


Literatur
W. Andraschek et al. (Hg.), [Kat.] Bilderbuch der Musik. 400 Jahre H.er Musikleben, 1992; R. Flotzinger in Veröff. des Kulturamtes der Stadt Steyr 34 (1978); O. Biba in Jb. für österr. Kulturgesch. 5 (1975); E. Angelmayer, Die Gesch. der Pfarre H. von 1880 bis 1929, Diss. Wien 1997.

Autor(en)
Ralph Andraschek-Holzer
Empfohlene Zitierweise
Ralph Andraschek-Holzer, Art. „Horn‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]