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Hymnus
Aus dem Griechischen latinisierter Begriff für Lobgesang (dt., frz. Hymne, engl. Hymn). Herkunftswort ist Hymen (= Membran, Gewebe; Jungfernhäutchen), die ursprüngliche Bedeutung entweder textlich-musikalisches Gewebemuster, zum Gesang bestimmte poetische Form, Gedicht; oder dem griech. Hochzeitsgott Hymenaios gewidmete Ode, Hochzeitslied. Der Terminus H. hat in verschiedenen Fachsprachen bzw. je nach kontextuellem Zusammenhang sehr unterschiedliche Bedeutungen.

In der klassischen Antike und Philologie bezeichnet H. ein in der Regel in (metrischen) Strophen verfasstes Lied, das einem Gott oder einer Muse geweiht ist, im übertragenen Sinn schließlich jedes Festgedicht. Sofern solche H.en differenzierten Metren und Strophenformen folgen, werden auch diese hymnische Formen genannt. H. ist somit inhaltlich (durch Bezug zum Kult bzw. Fest) und formal (zum Singen bestimmte Poesie) zu definieren.

Die alt- und neutestamentlichen Bibelwissenschaften bezeichnen mit H. alle zum kultischen Gesang bestimmten bzw. dafür geeigneten Texte der Hl. Schrift (biblische Cantica). Das Alte Testament enthält auch außerhalb des Buches der Psalmen psalmähnliche Gesänge (z. B. Exodus 15; Deuteronomium 33; 1 Samuel 2; Jesaja 44ff.; Jeremia; Ezechiel 36f; Daniel 3 u. a. m.) und das Neue Testament eine Reihe von Christus-Hymnen in den Apostelbriefen und in der Johannes-Apokalypse, die im Stundengebet (Offizium) der Kirchen verwendet werden. Als H. im strengen Sinn werden aber nur jene Psalmen und Cantica bezeichnet, die zu Lobpreis, Anbetung und Dank bestimmt sind, nicht aber Lehr-, Buß- und Klagegesänge. Hieronymus († 419/20) bezeichnet nur die sog. Hallel-Psalmen als H. Die Terminologie ist nicht einheitlich.

Im christlich-liturgischen Zusammenhang ist H. im weiteren Sinn jeder Gesang zum Lob Gottes; so stellt die Liturgiekonstitution des II. Vatikanums (im Anschluss an Äußerungen von Urban VIII. und Pius XII.) fest: „Den H., der durch alle Ewigkeit im Himmel erklingt, hat unser Hoherpriester Jesus Christus in die Verbannung dieser Erde gebracht.“ (art. 83). Im strengen Sinn ist H. eine spezielle nicht-biblische Poesie in Strophenform: Die griechisch-byzantinische Tradition (Byzantinische Musik ) bevorzugt zunächst H.en in Prosa, anfänglich Auszüge aus Homilien zu Herren- und Märtyrerfesten sowie Anstöße der Hl. Schrift, später spezielle H.-Dichtung, deren wichtigste Formen Troparion, Kathisma, Sticheron, Heirmos, Kontakion (Letzteres gilt manchen Hymnologen nicht als H.) sind. Der Schatz an griech. H.en ist sehr groß; fast alle bedeutenden Theologen traten auch als Hymnographen in Erscheinung. Die orthodoxen Kirchen slawischer und anderer Sprachen folgen der byzantinischen Tradition, entwickelten aber eine eigene Terminologie und schaffen bis heute neue H.en.

Die lateinischen Kirchen gebrauchen anfänglich Übersetzungen griechischer H.en und Doxologien (Gloria in excelsis Deo, Gloria patri, Sanctus, Te Deum), bald aber gewinnen metrische Gedichte die Vorherrschaft: H. des Stundengebetes, Sequenzen der Messe, dazu analoge Formen in außerliturgischer Verwendung. Zu jeder einzelnen Gebetsstunde gehört ein H. Diese metrische Form lat. Hymnodie hat vermutlich in der syrischen Tradition ihren Ursprung (Ephraim, † 373, gilt als Begründer der christlichen Hymnographie). Nach Versuchen des Hilarius von Portiers († 367) gilt Ambrosius von Mailand († 397) als Begründer der lateinischen H.-Dichtung, dem mindestens 14 H.en mit Sicherheit zuzuschreiben sind. Das ganze Mittelalter gilt als Blütezeit lateinischen H.-Dichtung. Die umfassendsten Editionen lateinischen H.en sind Analecta Hymnica Medii Aevii mit mehr als 10.000 Texten und Repertorium Hymnologicum Novum. Am Schaffen neuer H.en haben Klöster in Österreich nicht unbedeutenden Anteil. Für das muttersprachliche Singen im Gottesdienst der Reformationskirchen bilden die mittelalterlichen lateinischen H.en neben den biblischen Psalmen und Cantica einen wichtigen Ausgangspunkt; das Kirchenlied ist der H. der Reformationskirchen. Während z. B. im Englischen zwischen psalm (nur biblische Texte!) und hymn (freie Dichtung) streng unterschieden wird, werden im Schwedischen alle Kirchenlieder Salme genannt.

Gemäß neuzeitlichem außerreligiösem Sprachgebrauch gelten Gedichte, „die erhabene Gedanken in feierlicher Weise ausdrücken“ (z. B. Johann Wolfgang v. Goethe, Friedrich Hölderlin, Friedrich Gottlieb Klopstock, Rainer Maria Rilke) als H.en, die aber in der Regel nicht zum Singen bestimmt sind. Eine spezielle Gruppe bilden die National-H.en (Hymnen, Bundeshymne), für die, wenn sie nicht gesungen werden, die Melodie allein repräsentativ ist. Nation und Staat haben darin quasi-religiöse Bedeutung angenommen (Identität).


Literatur
M. Lattke, H. 1991; P. G. Walsh/Ch. Hannick in Theolog. Realenzyklopädie 15 (1986); MGG 6 (1957) u. 4 (1996); E. Wellesz, A History of Byzantine Music and Hymnography 21961; E. Beck in H.-J. Becker/R. Kaczinski (Hg.), Liturgie und Dichtung 1983; W. Bulst, Hymni latini antiquissimi 1956; Cl. Blume, Der Cursus Sancti Benedicti Nursini und die liturg. H.en des 6.–9. Jh.s 1908; Cl. Blume, Ein Jahrtausend lateinischer H.endichtung 1909 [Reprint 1971]; J. Julian, A Dictionary of Hymnology 21915 [Reprint 1957]; H. Leclercq, Art. Hymnographie dans l’église latine in Dictionnaire d’archéologie chrétienne et de liturgie 6/2 (1925); J. Szövérffy, Annalen der lateinischen H.endichtung, 2 Bde. 1964/65; W. Dürig in J. Plöger (Hg.), [Fs.] Th. Schnitzler 21980; Ä. Löhr, Abend und Morgen ein Tag. Die H.en der Herren- und Wochentage im Stundengebet 1955; F. Dörr, In H.en und Liedern Gott loben 1983; A. Franz/W. Hörandner, Art. H.endichter in Lex. f. Theologie u. Kirche 5 (31996).

Autor(en)
Philipp Harnoncourt
Empfohlene Zitierweise
Philipp Harnoncourt, Art. „Hymnus‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]