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Impressionismus
Von lat. impressio (= Eindruck) hergeleitete Bezeichnung für einen besonderen Stil in der Malerei des späten 19. und frühen 20. Jh.s; bald auch auf andere Künste projiziert und gelegentlich sogar für eine entsprechende Epoche verwendet. Als entscheidend gilt dabei weniger der dargestellte Gegenstand, als der Eindruck, den sein gegenwärtiger (= einmaliger) Zustand im Betrachter auslöst. Die Übertragung des Begriffs auf die Musik setzte bereits in den 1880er Jahren ein. Allerdings stellt sich die Frage, ob nicht gewisse entsprechende Erscheinungen der Literatur derselben Zeit von Charles Baudelaire und Stéphane Mallarmé über Edgar Allan Poe bis Georg Trakl als Bezugspunkt geeigneter gewesen wären, da sich diese ihrerseits an der Absoluten Musik orientiert hatten und das auf sie angewendete Schlagwort „Symbolismus“ gerade die Vielzahl gleichzeitig denkbarer Auffassungs-Ebenen benennt, schließlich hat Claude Debussy selbst diesen Bezug hergestellt. Auch andere Alternativen sind gelegentlich ventiliert worden. Dass trotzdem der Ausdruck I. mehr als nur bevorzugt wird, hat neben der frühen Anwendung wohl auch mit der gesteigerten Rolle zu tun, die gewisse Analogien zwischen Musik und Malerei, Synästhesien und gegenseitige Begriffsübernahmen (z. B. Farbton [Farbe-Ton-Beziehung], Klangfarbe) zu dieser Zeit spielten, nicht zuletzt aber zweifellos auch die Tatsache, dass die als paradigmatisch geltenden Vertreter (Claude Monet, * 1840, bzw. Debussy, * 1862) deutlich nach einander in den Blick traten und so der Eindruck einer gewissen Vorbildwirkung entstehen konnte, v. a. aber dass beide Franzosen waren. Obwohl man den I. auch als letzte Entwicklungsphase der Romantik verstehen könnte, die zu ihrer Überwindung führte, gilt er seit langem durchwegs als Frühphase der Moderne. In der Malerei werden v. a. die besondere Rolle des Farbreizes (hervorgerufen durch mosaikartig nebeneinander aufgebrachte Grundfarben; sog. Pointillismus), die Aufgabe traditioneller Bildkomposition und die Betonung der Freilichtmalerei als kennzeichnend für I. angesehen. Für die genannten Momente sind unschwer auch in der Musik Analogien zu finden, so (und um bei den analogen Beispielen zu bleiben): bis dahin ungewohnte und scheinbar beziehungslos nebeneinander gestellte Akkorde, Abkehr von tradierten Form-Schemata, verstärkter Einsatz sog. musikalischer Malerei und Vorliebe für Naturschilderungen. Alle diese sind der österreichischen Musik zwar nicht fremd, laufen aber wenigstens um 1900 gewissen Grundtendenzen nahezu entgegen, da wohl nirgends die sog. Autonomie-Ästhetik so deutlich durchgeschlagen hatte wie hier: die Harmonielehre wurde zwar als Lehre von den harmonischen Fortschreitungen ebenso rasch wie radikal verändert, blieb aber als Vorstellung von notwendigen Regelwerken für die Fortschreitung der Klänge erhalten (J. M. Hauers „Tropen“, Klangreihenlehre; Zwölftontechniken); Formen wie die Symphonie wurden zwar nach L. v. Beethoven stark problematisiert (A. Bruckner, G. Mahler; Kammersymphonie), doch wurde die Forderung nach Gestaltung gemäß Prinzipien der Musik selbst, die Absage an außer-musikalische Anlehnungen wie in der sog. Symphonischen Dichtung sogar noch verstärkt. Andere Momente könnten eher als vergleichbar, wenn nicht von I. ausgelöst, angesehen werden: die „Emanzipation der Dissonanz“ (d. h. Angleichung der Rolle von Dissonanz und Konsonanz und Loslösung der Klangfolgen vom Prinzip Spannung–Entspannung) durch A. Schönberg wie Hauer, Verwendung ungewöhnlicher (neuer) Tonleitern und bislang „verbotener“ paralleler Klänge bei F. Schreker u. v. a., weitere Exotismen nicht nur in der Operette etc. Wieder andere Schlagworte schließlich sind bloß äquivok und führen dadurch zu Missverständnissen: z. B. die ziemlich inkompatiblen Verständnisweisen von Arabeske durch E. Hanslick und Debussy.

Jedenfalls ist es nicht verwunderlich, dass I. (abgesehen von Fällen, da das Wort von zeitgenössischen in- und ausländischen Kritikern in abwertendem Sinne gebraucht, z. B. auch – heute kaum mehr nachvollziehbar – auf Schönberg gemünzt wurde) in der österreichischen Musikgeschichte nur selten mit einiger Berechtigung angewendet wird, z. B. in Hinblick auf J. Marx (* 1882, insbesondere frühe Lieder, also in ähnlichem zeitlichem Abstand und suggeriertem Abhängigkeitsverhältnis wie Debussy–Monet). Wohl aber wird das Adjektiv „impressionistisch“ verwendet, u. zw. meist in durchwegs trivialem und reichlich diffusem Sinn zur Benennung entsprechender Einzelaspekte. Nicht unerwähnt bleiben soll schließlich die naheliegende und daher kaum zu überschätzende Rolle impressionistischer Kompositionsprinzipien in der Filmmusik, die sich österreichische Komponisten an deren Quellen anzueignen hatten.


Literatur
MGG 4 (1996); M. v. Troschke in HmT 1991; R. Flotzinger in Studien zur Moderne 1 (1996).

Autor(en)
Rudolf Flotzinger
Empfohlene Zitierweise
Rudolf Flotzinger, Art. „Impressionismus‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]