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Instrumente, elektroakustische
Musikinstrumente mit Tonerzeugung aufgrund elektrischer Vorgänge. Die Entwicklung elektroakustischer bzw. elektronischer Musikinstrumente seit Ende des 19. Jh.s, insbesondere der Einsatz digitaler Technologien zur Klangerzeugung seit Mitte der 1950er Jahre, führte zu einer Erweiterung klanglicher (Klang) und gestalterischer Möglichkeiten, zur Veränderung von Produktion, Rezeption und gesellschaftlicher Bedeutung von Musik, und nicht zuletzt zur Veränderung des Begriffs „Musikinstrument“ in Fach- und Alltagssprache.

Die musikwissenschaftliche Definition eines Musikinstruments als „Objekt [...], das hergestellt ist, um bei wesensgemäßer Behandlung Klang hervorzubringen“ (MGG) trifft schon auf die ersten elektroakustischen Musikinstrumente nicht mehr ohne weiteres zu: Das von Thaddeus Cahill 1895–1900 in den USA entwickelte Telharmonium (Dynamophone) erzeugte elektrische Signale und bediente sich zur eigentlichen Klangerzeugung des Telefons. Die für die Entwicklung e.r I. wesentliche Vermischung von Klangerzeugung und Alltagstechnologie sei an einigen Eckdaten veranschaulicht: 1876 Telefon (Graham Bell), 1877 Phonograph (Thomas Alva Edison; Phonographie/Phonogrammarchive); 1884 Schallplatte, 1888 Grammophon (Emil Berliner), ab ca. 1900 Serienproduktion von Schellack-Platten, um 1890 Wechselstrom (Nikolai Tesla); 1900/1901 erste drahtlose Übertragungen von Sprache/Signalen (Reginald Aubrey Fessenden, Guglielmo Marconi), 1905 erste Musicbox (Multiphone/John C. Dunston; auf Basis von Walzen) sowie Elektronenröhre, industrielle Röhrenproduktion ab 1913, 1925 erster elektrischer Plattenspieler mit Röhrenverstärker und Lautsprecher (Brunswick Panatrope); ab 1934 Tonbänder (BASF) und Tonbandgeräte (AEG); 1948 erste LP-Veröffentlichung (CBS), 1952 erster „Schallplattenjockey“ im deutschsprachigen Rundfunk (NWDR/Chris Howland); seit 1954 Stereo-Aufnahmetechnologie (EMI), 1957 erste Stereo-LP (Decca); 1955 Transistoren in Großrechnern; 1963 MusiCassette (Philips); 1981 Personal Computer (PC), 1984 Apple Macintosh, 1985 Atari ST; 1983 Compact Disc (CD) und Musical Instrument Digital Interface (MIDI-Norm); ab 1987 Entwicklung des Audiokompressionsformats MP3 (MPEG/Fraunhofer IIS), um 2000 Musterprozesse um populäre Musikanwendungen im Internet (mp3.com, Napster, Kazaa u. a.).

Im Zuge breitenwirksamer Technologieentwicklungen wurden zunehmend auch Geräte zur Schallerzeugung verwendet, die nicht ausschließlich als Musikinstrument konzipiert waren; beispielsweise Plattenspieler im Rahmen der DJ-Kultur oder mit entsprechenden Computerprogrammen (Software) ausgestattete Computer (Hardware). Angesichts der Multifunktionalität von Hard- und Software verschmolzen teilweise die Unterschiede innerhalb urheberrechtlicher (Werk, Bearbeitung, Interpretation) sowie instrumenten- und studiotechnischer Kategorien (Komposition, Schallerzeugung, -aufzeichnung und -übertragung, Bilderzeugung etc.); vgl. z. B. die mit interaktiven Realtime-Instrumenten aufkommenden Arten der Performance, die Verdrängung des Begriffs „Komponist“ durch den Begriff „Produzent“ im Bereich der DJ-Kultur oder einen Begriff wie „Strukturgeneratoren“ (K. Essl; Computermusik). Sowohl im Zuge elektroakustischer Klangerzeugung als auch mit dem Rekurs auf primitive Schallquellen (Objekte, schadhafte Instrumente, Alltagsgegenstände etc.) wird Musizieren teilweise als Gegenmodell zur „wesensgemäßen Behandlung“ eines spezialisierten Instruments begriffen (z. B. Umrüstbarkeit des Taschen-Videospielsystems Nintendo Gameboy zum Musikinstrument).

Auch bei der Entwicklung spezialisierter elektroakustischer Musikinstrumente machte sich zunehmende Breitenwirksamkeit bemerkbar. Die Frühzeit des elektroakustischen Instrumentenbaus war durch Einzelstücke und Kleinserien charakterisiert (u. a. 1920 Theremin/Lev Termen; 1928 Ondes Martenot/Maurice Martenot; 1929 Superpiano/Emerick Spielmann, in Wien präsentiert; 1930 Trautonium/Friedrich Trautwein; 1936 Hellertion/Heliophon; Peter Lertes und Bruno Helberger, die auch an der Entwicklung des Trautoniums beteiligt waren, stellten nach der Zerstörung des ersten, in Berlin gebauten Hellertions 1947 in Wien ein zweites Modell her). 1931 kam in den USA die erste seriengefertigte E-Guitar auf den Markt („Frying pan“/Adolph Rickenbacher), im selben Jahr ein Electronic Piano (Benjamin Miessner), 1934 die Hammondorgel, 1970 das Fender Rhodes E-Piano Mark I, 1971 das Hohner Clavinet D6. Einige erreichten die Popularität von Hausmusikinstrumenten (z. B. 1950 Hohner Electronium, 1969 HitOrgan Bontempi, 1969 Wersi Heimorgel, 1978 Casio CT-201, 1981 Casio Keyboard VL-1).

Zur Klangerzeugung dienen sehr unterschiedliche elektromechanische/mechanisch-elektrische, elektromagnetische, optoelektrische, elektrische (Verstärkung) oder elektronische Verfahren. Eine kategorische Trennung von Instrumenten, bei denen Elektrizität bzw. Elektronik unmittelbar (Klangerzeugung) oder mittelbar (Verstärkung, elektromechanischer Antrieb etc.) zum Einsatz kommt, lässt sich aufgrund verschiedener Mischformen sowie in Anbetracht der Gebrauchs- und Rezeptionsgeschichte e.r I. kaum festmachen (z. B. kompositorische Behandlung der E-Gitarre als Quasi-Analogsynthesizer, als MIDI-Controller u. a., beispielsweise durch B. Stangl, M. Siewert, Robert Lepenik, O. Neuwirth u. v. a.).

Mit den modernen Synthesizern seit den 1960er Jahren und schließlich mit Digitalisierung und MIDI-Norm ab den 1980er Jahren war eine zunehmende Angleichung der spezialisierten e.n I. und des multifunktionalen Computers vorgezeichnet. Zunehmend fanden sich die Funktionen von Synthesizer (Klangerzeugung), Sampler (Aufnahme, Bearbeitung und Wiedergabe meist kürzerer Klänge), Sequencer und Harddisk-Recorder (Aufnahme, Bearbeitung und Wiedergabe längerer Klangfolgen) mit weiteren Funktionen (z. B. live-elektronische Klangbearbeitung, Effektgeräte, Drum-Computer) in einem einzelnen Gerät. Im Zentrum stand dabei häufig der Synthesizer (u. a. 1964 Moog, 1970 Minimoog, 1974 Yamaha Solo Synthesizer SY-1, 1974 Hammond 102100, 1975 Oberheim, 1976 Roland System 700, 1978 Prophet 5 und Korg MS Serie, 1980 Buchla Touché, 1983 Yamaha DX-7, 1984 Kurzweil 250, 1987 Roland D-50, 1988 Korg M1, 1991 Kurzweil K 2000, 1997 Nord Modular, 2002 Virus C). Einer der ersten Moog-Synthesizer (Studioeinrichtung von 1966 aus dem Nachlass des Komponisten M. Brand) befindet sich im Hanak-Museum Langenzersdorf/NÖ. Präsentationen e.r I. boten mehrfach die Ars Electronica Linz sowie die Ausstellung sounds&files (Künstlerhaus Wien 2000).

Die Hauptverfahren der bei den Synthesizern zur Anwendung kommenden Klangerzeugung sind die Additive Klangsynthese (Fourier-Synthese, entwickelt aus der mathematischen Klanganalyse nach Jean Baptiste Fourier, 1811), die FM-Synthese (Frequenzmodulation), die Wellenform-Synthese, die Granularsynthese und das Physical Modeling (Subtraktive Klangsynthese). Dabei ist es zunächst unerheblich, ob die Klangsynthese analog (wie mit den frühen Synthesizern) oder digital (wie mit dem Computer) geschieht. Ergebnis einer Klangsynthese sind jeweils elektrische Signale, die von Lautsprechern in Klänge oder Geräusche umgewandelt werden; bei digitalen Signalen ist zuvor eine Umwandlung in analoge Signale erforderlich. Die ersten Versuche, Klänge mit Computern zu berechnen, datieren auf die Mitte der 1950er Jahre (RCA, Bell Telephone Laboratories). Der verbreitetste Standard für den Datenaustausch zwischen Computer und sonstigen Geräten wie dem Synthesizer und der typischerweise zur Steuerung verwendeten (Klavier-)Tastatur (Masterkeyboard) ist MIDI. Abgesehen von Tastaturen ermöglicht MIDI auch die haptische Steuerung von Synthesizern etc. über MIDI-Controller, die Schlaginstrumenten (Drum pads, Multimallet), Blasinstrumenten (AKAI EWI 3000), Streichinstrumenten, frühen e.n I. (Theremin) etc. nachempfunden sind.

Mit steigender Prozessorleistung und Speicherkapazität von Computern nahm die Substitution von spezialisierter Hardware durch Software zu. War die Multimedia-PC-Norm MPC-2 (Microsoft 1993) noch von 160 MB Festplattenspeicherplatz, 4 MB Arbeitsspeicher und 486SX-Prozessor (20–33 MHz) ausgegangen, so waren 10 Jahre später die 100-fache Prozessortaktfrequenz, der 128-fache Arbeitsspeicher und der 750-fache Festplattenspeicher üblich. Die um 2000 zunehmende Bezeichnung des Computers als Musikinstrument (insbesondere im Fall von Notebooks; Apple Macintosh G3, G4 Powerbook u. a., bis hinein in Bezeichnungen wie „Laptop-Orchester“) ist zwar taktil anschaulicher, jedoch weniger zutreffend, als es die Bezeichnung der jeweils zur Klangerzeugung verwendeten Software als „Musikinstrument“ wäre: Software-Sequencer (z. B. 1985 Digidesign: Protools, 1989 Steinberg: Cubase, 1992 Emagic: Logic Audio) ermöglichen mittels Zusatzprogrammen (Plug-ins) die Klangerzeugung wie mit einem Synthesizer. Hardware-Sampler (u. a. 1980 E-mu Emulator, 1984 AKAI) wurden um 2000 teilweise durch virtuelle Software-Sampler abgelöst (z. B. Speedsoft: VSampler, Emagic: EXS, Creamware: Volkszämpler), Programme kombinieren die Funktionen von Sampler, Synthesizer, Sequencer, Effektgeräten (Native Instruments: Reaktor) oder sind für die Bearbeitung von Klängen in Realtime ausgelegt (Echtzeit, d. h. ohne Zeitverzögerung; z. B. 1987 IRCAM: MAX, 1998 STEIM: LiSa Live Sampling). Der Klang historischer Musikinstrumente, der bereits mit frühen Synthesizern nachgeahmt worden war, wurde in umfangreichen Klangbibliotheken (Sampling Libraries) für den Einsatz mit Computer und Tastatur detailreich aufbereitet (z. B. 2003 Vienna Symphonic Libary). Dasselbe gilt auch für historische e. I. (z. B. 1992 E-mu: Vintage Keys, 1997 Propellerhead: Rebirth).

Eine besondere Rolle für die Entwicklung elektroakustischer Musikinstrumente spielten die Gründungen von Studios elektronischer Musik im Bereich der Kunstmusik, häufig durch Rundfunkanstalten und Ausbildungseinrichtungen: 1943 Gründung des Studio d’Essai Paris als erste „Forschungsstelle für radiophonische Musik“ (Pierre Schaeffer); in den folgenden 16 Jahren wurden u. a. in New York, Köln, Tokyo, Mailand, Eindhoven/NL, München, Warschau, Brüssel, Toronto, San Francisco und Genf/CH entsprechende Einrichtungen gegründet; 1958 Groupe de Recherche Musicale GRM Paris, 1967 STEIM Amsterdam (Studio for Electro-Instrumental Music), 1971 Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung Freiburg/Breisgau des SWF/SWR (Südwestfunk bzw. Südwestrundfunk), 1974/1977 IRCAM Paris (Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique).

In Österreich schufen in den 1960er Jahren die MAkad.n in Salzburg, Wien und Graz entsprechende Einrichtungen, in Graz (IEM, 1965) explizit mit dem Ziel der „Entwicklung von Geräten und Methoden zur Erzeugung, Verarbeitung und Aufzeichnung von Klängen für die Realisierung Elektronischer Musik“. In Wien wurden als Einzelstücke u. a. das Akaphon (Hellmut Gottwald, Wien 1961–64) und das AKA 2000 (P. Mechtler, 1978) entwickelt. Das Akaphon und andere elektroakustische Musikinstrumente befinden sich heute (2003) in der Musikinstrumentensammlung des Technischen Museums Wien.

Verwendet wurden e. I. in der Kunstmusik u. a. 1913 durch Luigi Russolo (Werke für elektronische Geräuscherzeuger/Intonarumori), um 1935 Einsatz von Mikrophon, Verstärker und Lautsprecher in Kompositionen (John Cage), ca. 1964 live-elektronische Klangumformung (Karlheinz Stockhausen: Mixtur). Einsatz in der Filmmusik (1927 Produktion eines Geräusch-Schallplattensets und eines „motorisch angetriebenen Geräuschapparats“ für den Gebrauch in Film und Theater durch den Wiener Komponisten Edmund Meisel, 1963 Oskar Sala/Trautonium in Alfred Hitchcocks Die Vögel) und in der Popularmusik (1967 Beach Boys/Theremin: LP Smiley Smile; 1972 erster Synthie-Pop-Hit [Hot Butter: Popcorn]; um 1974 Beginn des Hip Hop (u. a. mit Auftritten von Grandmaster Flash, New York); um 1978 Beginn von Ambient (u. a. mit Brian Eno: LP Music for Airports; Hans-Joachim Roedelius); um 1985 Beginn von Techno (u. a. Juan Atkins). Häufig steht im Zusammenhang mit e.n I.n auch eine Vermischung musikalischer Genres (z. B. 1964 Yper Sound als Pop-Hit des Musique-concrète-Komponisten Pierre Henri; 1968 Walter [Wendy] Carlos: LP Switched on Bach).

In Österreich begann der kompositorische Einsatz e.r I. in den 1950/60er Jahren (F. Cerha, H. Eder, D. Kaufmann, A. Peschek, K. Schiske, G. Wimberger, W. Zobl, G. Neuwirth u. a.), wobei insbesondere der große Anteil der Wahlösterreicher und Remigranten bemerkenswert ist (M. Brand, A. Dobrowolski, R. Haubenstock-Ramati, J. M. Horvath, P. Kolman, G. Ligeti, A. Logothetis, I. Radauer, B. Schaeffer, T. Ungvary u. a.). Ab den 1980er Jahren Erweiterung auf Performance, Live-Elektronik, Klangkunst etc. (P. Ablinger, K. Essl, K. Klement, B. Lang, B. Musil, G. Proy, E. Schimana, A. Sodomka, A. Weixler, G. E. Winkler u. v. a.), intensiver Einsatz im Bereich der improvisierten Musik (W. Dafeldecker, Dieb 13, Boris Hauf, Helge Hinteregger, R. Huber, Christof Kurzmann, W. Mitterer, Armin Pokorn, Andy Schreiber, Giselher Smekal, M. Zabelka), z. T. unter Verwendung selbst hergestellter e.r I. (Marcus Diess, Klammer & Gründler, W. Raditschnig) sowie in der „Wiener Elektronik-Szene“ mit Wurzeln in Independent-Rock, Noise, Techno, Drum & Bass und Ambient (Ramon Bauer, DJ Electric Indigo, DJ Pure, DJ Tina 303, R. Dorfmeister, Ch. Fennesz, Werner Geier, Alois Huber, Rodney Hunter, P. Kruder, Franz Pomassl, P. Pulsinger, P. Rehberg, Erdem Tunakan u. v. a.).


Literatur
Neuentwicklungen s. u. a. die Monatszss.en Keys, Keyboard, Keyboards; [Kat.] Ars Electronica 1979ff (www.kultur.aec.at/20Jahre/); B. Enders, Lex. Musikelektronik 1997; H. Grundmann in Positionen 2/34 (1999); MaÖ 1997; St. Heidenreich in Positionen 2/30 (1997); M. Huber/A. Gebesmair in R. Harauer (Hg.), Die Szenen der Neuen Elektronischen Musik in Wien 2001; J. Marx in ÖMZ 2 (1947), 314; P. Mechtler in ÖMZ 34 (1979); Computer Music Association (CMA) (Hg.), [Kgr.-Ber.] International Computer Music Conference (ICMC) 1977ff; A. Ruschkowski, Elektronische Klänge und musikalische Entdeckungen 1998; Ch. Schachinger in Falter 37 (1997), 16f; Ch. Scheib in NZfM 160/4 (1999); N. Sidney in Österr. Rundfunkzs. Radio Wien 23.10.1948, H. 43; H. Staff in Positionen 11/29 (1996); M. Supper, Elektroakustische Musik und Computermusik 1997; M. Vail, Vintage Synthesizers 2000.

Autor*innen
Bernhard Günther
Letzte inhaltliche Änderung
25.4.2003
Empfohlene Zitierweise
Bernhard Günther, Art. „Instrumente, elektroakustische‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits (letzte inhaltliche Änderung: 25.4.2003, abgerufen am ), https://dx.doi.org/10.1553/0x0001d29d
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