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Jazz
Afro-amerikanische Musikform, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges auch fester Bestandteil der österreichischen Musikszene ist. Während seit der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg vom Ragtime und Oldtime-J. beeinflusste Tanzmusik von amerikanischen, französischen, deutschen und österreichischen Musikern vorwiegend in Wiener Tanzlokalen gespielt wurde und 1939–45 der J. und jazzidiomatische Musik offiziell verboten waren, setzte 1945 eine ausgeprägte Rezeption des amerikanischen J. ein, die den Beginn einer eigenständigen österreichischen J.-Szene darstellt. Erste Berührungspunkte mit dem J. gab es 1919/20, als im Wiener Prater das amerikanische, mit schwarzen Musikern besetzte Syncopated Orchestra auftrat. Eine Art J.-Zentrum stellte 1922–34 die Wiener Weihburg-Bar dar, in der im Sommer 1927 der schwarze Trompeter Arthur Briggs, ferner das Septett des Klarinettisten Obduljo Villa und das Quintett des Geigers Eddie South (and his Alabamians) gastierten. Zu den vielen ausländischen J.bands, die in Wiener Bars, Tanz-Cafes und Nachtlokalen neben einheimischen Musikern auftraten, zählen u. a. die deutsche Fred Ross J.band (1923), die Band des Franzosen Paul Garson (1924), die Band des amerikanischen Pianisten Sam Wooding mit dem Trompeter Tommy Ladnier (1925 im Raimundtheater) und im selben Jahr die Black Revue mit Josephine Baker und dem Orchester Claude Hopkins mit dem New Orleans-Sopransaxophonisten Sidney Bechet als Hauptsolisten. Diese Bands übten auf die Wiener Musiker einen starken J.-Einfluss aus, ebenso erhielten österreichische Musiker Impulse bei ihren Auslandsengagements. Angeregt von der Musik, die er als Mitglied der Wiener Philharmoniker auf einer Tournee durch Südamerika hörte, stellte Ch. Gaudriot 1924 seine erste „J.band“ zusammen und spielte mit diesem Orchester auch im Theater an der Wien in den Operetten Der Orlow (1925) und Die Herzogin von Chicago (1927); ab 1928 leitete er die erste J.kapelle der RAVAG. Als erste essentielle österreichische J.band kann die Stella Polaris Band angesehen werden, die durch ein Engagement auf einem schwedischen Luxusdampfer zwischen 1925 und 1927 in England mit dem J. in Berührung kam, sowie die Sonora Band. Vorbilder für die österreichischen Bands der 1920er Jahre waren amerikanische Musiker wie Red Nichols, Miff Mole, Joe Venuti und bei den großen Orchestern Paul Whiteman und (später) Jack Hylton und Cab Calloway, die mit ihren Orchestern in Wien gastierten. In den 1930er Jahren gab es keine wesentlichen Veränderungen bei Musikern und in der J.-Rezeption. Neben Orchestern mit einem jazzidiomatischen Repertoire existierten „jazzigere“ Bands wie 1933/34 die Big Band von B. Sax, die Golden Band (gegründet 1933) u. a. mit dem Pianisten E. Krainz, der u. a. 1936 mit Coleman Hawkins für die holländische Schallplattenfirma Decca aufnahm, die Blue Boys (1929–35), die Gruppe des Schlagzeugers Harry Taffet, Solisten, wie der Hotgeiger Fritz Strisower, der Gitarrist Hans Muther sowie die Trompeter Th. Ferstl und Charlie Tabor. Das Verbot „angelsächsischer-jüdischer Hotmusik“ im September 1939 und „amerikanischer Musik“ im Jahre 1941 unterband bzw. behinderte die gerade aufkommende Swingwelle. Trotzdem gab es J.-Aktivitäten im Untergrund: In der Wohnung des Pianisten und Sängers J. Palme z. B. waren Musiker wie H. Koller und F. Gallosch, Polen, Belgier, jüdische „U-Boote“ und Wiener Barmusiker mitten im Krieg vereint und spielten J. Darüber hinaus konnte das zu Propagandazwecken unterhaltene Tanzorchester am Europa-Sender Wien des Reichsrundfunks unter seinen Leitern L. Jaritz, L. Babinsky und P. v. Béky relativ ungehindert Swing spielen; ein weiteres J.-Zentrum der Kriegsjahre war die Steffel-Diele. Gibt es aus den 1930er Jahren kaum Plattenbelege, so sind aus der Kriegszeit einige (z. T. beschädigte) Tonfolien erhalten geblieben; u. a. nahm J. Palme 1942 mit H. Koller etc. eine an Fats Waller orientierte Swing-Musik auf.

Unmittelbar nach den letzten Kampfhandlungen formierten sich in Wien neben den Tanzbands auch die ersten J.bands. Das von H. Winter Ende 1945 gegründete Wiener Tanzorchester nahm ab 1948 schon Bebop-Titel wie One Bass Hit oder Salt Peanuts auf. In den Soldatenclubs der westlichen Besatzungsmächte spielten in Salzburg österreichische Musiker wie die Gruppe des Klarinettisten, Tenorsaxophonisten und späteren Pianisten R. Kovac (bei H. Koller) bereits Modernen J. (Bebop), während die H. Neubrandt Rhythm Group Swing im Stile des Nat King Cole Trios spielte. Die Aufnahmen der Rhythmischen Sieben (gegründet 1946 in Salzburg) mit dem Trompeter R. Priessnitz, dem Schlagzeuger M. Geppert u. a. zählen zu den besten europäischen Swing-Aufnahmen. Die Gruppe Hot Club Vienna, eine All Star Band u. a. mit Th. Ferstl (tp), Erwin Böss (ts), H. Mytteis (viol) und V. Plasil (dr) wurde unter H. Kollers (cl, ts) Leitung und dessen Kompromisslosigkeit der Unterhaltungsmusik gegenüber zur führenden J.gruppe der österreichischen Nachkriegszeit. Nach der Auflösung des Ensembles ging Koller nach Deutschland und entwickelte sich dort zu einem der bedeutendsten J.-Musiker Europas; seine um 1954/55 in Wien entstandenen Plattenaufnahmen zählen zu den bedeutendsten des europäischen Cool-J. Der Einfluss Kollers, der mit führenden J.-Musikern wie Dizzy Gillespie, Lee Konitz, Benny Goodman und Stan Kenton zusammenarbeitete, erstreckte sich auf die gesamte damalige J.-Szene Österreichs: Musiker wie Fatty George, H. Salomon, K. Drewo, J. Zawinul und F. Pauer bezogen von ihm wesentliche Impulse am Beginn ihrer Laufbahn. 1948 kam der ungarische Gitarrist A. Zoller nach Wien und gründete mit der Akkordeonistin und Vibraphonistin V. Auer (beide wirkten später in den USA) eine Combo, die sich an George Shearings Blockakkordspielweise orientierte. Das 1949 gegründete Orchester J. Fehring, in dem ab 1955 die Musiker der Austrian Allstars mit H. Salomon (as), K. Drewo (ts), J. Zawinul (p) Robert Hansen (b) und V. Plasil (dr) als Solisten tätig waren, spielte neben seinen Produktionen im Bereich der Unterhaltungs- und Filmmusik Stücke im Stile von Les Brown, Stan Kenton und Count Basie. 1952 erschien in Wien erstmals das bis heute bedeutendste deutschsprachige J.-Magazin J. Podium, das seit 1955 in Stuttgart herausgegeben wird. 1951 konstituierte sich der Hot Club Austria, dessen Nachfolge 1953 der Hot Club de Vienne antrat und in dem sich die J.-Combos des Horst Winter Tanzorchesters, F. Gulda, U. Förster und die im Stile von Woody Hermans Second Herds spielende Tuxedo Band einfanden. In Salzburg existierte 1954/55 eine J.-Section der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft. Am 15.11.1953 fand in Graz das erste öffentliche J.konzert statt, bei dem die besten J.musiker der Serenaders, u. a. F. Körner (tp), E. Kleinschuster (tb, p) und H. Hönig (cl, ts) mitwirkten. In Wien entstanden um 1950 nach dem Vorbild Pariser Existenzialistenclubs Künstlerlokale, die auch von der jungen J.generation frequentiert wurden. Fatty George (cl, sax), der inzwischen in Deutschland wirkte, spielte in den Jahren 1951/52 mit seinem Sextett Dixieland und Bebop, bevor er seine bedeutenden Aufnahmen im Stile des Cool-J. von Lennie Tristano einspielte. Seine Rückkehr aus Deutschland war ein wesentlicher Impuls für die österreichische J.szene seit den 1950er Jahren. Mit der Gründung von Fatty’s Saloon und seiner Bands mit Musikern wie O. Klein (tp, g), W. Meerwald (tb), B. Grah (p, vib), H. Grah (b), B. Blumenhoven (dr), K. Drewo (ts), J. Zawinul (p, b-tp), R. Wilfer (p), F. Pauer (p), R. Politzer (tp), mit denen er Chicago-J., Cool-J. und Mainstream überzeugend realisierte, bewirkte er Wesentliches für die Verbreitung des J. in Österreich. Ab 1967 berücksichtigte der ORF den J. verstärkt in seiner Programmgestaltung, zu den Präsentatoren von J.sendungen zählen u. a. W. R. Langer, Harald Rauter und der J.historiker Klaus Schulz; die Bedeutung der J.clubs jedoch ging zurück und reduzierte sich z. T. auf den traditionellen J.: In Wien sind u. a. das J.land und die Barrelhouse J.band, in Graz der Royal Garden J. Club sowie die Murwater Ramblers bis heute (2002) aktiv. Der Pianist F. Gulda bereicherte die moderne Wiener J.szene durch seine frühen internationalen Kontakte maßgeblich; u. a. brachte er in seinem 1964–66 bestehenden Euro-Jazz Orchestra internationale Solisten wie Freddie Hubbard, A. Farmer, J. J. Johnson, Julian „Cannonball“ Adderley, Herb Geller, Sahib Shihab, J. Zawinul, Jimmy Woode, Ron Carter und Mel Lewis nach Österreich und initiierte 1966 einen weltweiten Nachwuchswettbewerb für Modernen J. Zum erfolgreichsten J.-Musiker Österreichs avancierte J. Zawinul. Der in Wien geborene Trompeter und Komponist M. Mantler lebt seit 1962 in den USA, wo er u. a. als Leiter des J. Composers Orchestra’s zu einer der innovativsten Persönlichkeiten der New Yorker J.-Avantgarde zu zählen ist. Der gebürtige Grazer O. Klein, einer der führenden Revival-Trompeter Europas, wirkte u. a. in der Dutch Swing College Band; K. Drewo war in den 1960er Jahren Saxophonist im Orchester Kurt Edelhagen, in der Kenny Clarke/Francy Boland Big Band und (in den 1980er Jahren) in Peter Herbolzheimer’s Rhythm Combination & Brass; der Gitarrist H. Pepl hatte internationale Projekte u. a. mit Michel Portal (sax, cl), Jack DeJohnette (dr, p) und dem Komponisten und Vibraphonisten W. Pirchner. Zu den bedeutendsten österreichischen Musikern und Formationen seit den 1960er Jahren zählen darüber hinaus: Das Josel Trio, die New Austrian Big Band (unter F. Körner, tp), H. Hönig (ts), H. Neuwirth (p), D. Glawischnig (p), E. Bachträgl (dr), E. Oberleitner (b) aus Graz; die Wiener Big Band-Leiter K. Krautgartner (cl) und R. Österreicher (harm). Im weiteren Umfeld der ORF-Big Band, die bis 1981 bestand, formierte deren Leiter E. Kleinschuster 1966 sein Sextett u. a. mit R. Politzer bzw. A. Farmer (tp, flh), H. Salomon (sax), F. Pauer (p), R. Hansen (b) und E. Bachträgl (dr), das sich stilistisch zwischen Hard Bop und Free J. bewegte. In der Grazer Free J. Szene wirkten seit Mitte der 1960er Jahre die Neighbours (Glawischnig-Trio), der schwedische Posaunist Eje Thelin, A. Roidinger (b), R. Malfatti (tb), J. Preininger (dr) und als Gäste Albert Mangelsdorff (tb) und Don Cherry (tp); die Wiener Free J.-Avantgarde ist u. a. geprägt von den Musikern der Gruppen Masters of Unorthodox J. und Reform Art Unit. Eine zentrale Position in der österreichischen J.szene nehmen die Solisten des 1977 von dem Schweizer Komponisten und Pianisten M. Rüegg gegründeten und geleiteten Vienna Art Orchestra (VAO) ein. Seine Mitglieder sind Musiker, die darüber hinaus ihre eigenen Projekte leiten und ebenso wie W. Muthspiel (g) oder G. Preinfalk (sax) in ihrer musikalischen Entwicklung, auf der Mainstream- und Hard-Bop-Tradition aufbauend, offen sind für unterschiedliche avantgardistische Konzeptionen. Weitere Big-Band-Projekte sind das Upper Austrian Jazz Orchestra, die Lungau Big Band in Salzburg und die Jazz Bigband Graz.

Im Zuge der Etablierung des J. kam es in Österreich pionierartig zur Errichtung von jazzpädagogischen Instituten: 1965 wurde an der damaligen Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz unter der Leitung von F. Körner das erste J.-Institut gegründet, das 1971 in eine Abteilung für J. (-Praxis) und in ein Institut für Jazzforschung geteilt wurde. Dieses ist neben dem Institute for J. Studies an der Rutgers University in New Jersey, das von dem gebürtigen Wiener Dan Morgenstern geleitet wird, international richtungsweisend. Die Studierenden des Institutes für J. stammen aus ganz Europa; die Prof.en sind renommierte J.musiker aus der österreichischen und internationalen J.szene: E. Holnthaner (tp), Ed Neumeister (tb), K. Miklin (sax), H. Neuwirth (p), G. Jeszenszky (g), W. Darling (b), M. Josel (dr), H. Czadek (Theorie, Arrangement, Komposition), die amerikanischen Gesangsgastprof.Innen sind alternierend Jay Clayton, Andy Bey, Mark Murphy, Thomas Lellis und Sheila Jordan. Ferner unterrich(te)ten hier S. Gut (tp, Big Band), E. Kleinschuster (tb), Eje Thelin (tb), K. Drewo (sax), H. Hönig (ts), A. Jansa (sax), H. v. Kalnein (sax, fl), P. Kunsek (cl), F. Pauer (p), Dejan Pecenko (p), Erwin Schmidt (p), Günther Brück (p), G. Schuller (keyb), K. Ratzer (g), H. Pepl (g), E. Oberleitner (b), A. Deutsch (dr), E. Bachträgl (dr), W. Tozzi (dr), O. Irsic (dr), U. Rennert (Improvisation), Sigi Feigl (Big Band), D. Glawischnig (Theorie, arr.), Stefan Heckel (arr.), Alfons M. Dauer, Manfred Straka bzw. F. Kerschbaumer. 1968 gründete E. Kleinschuster die J.-Abteilung am Konservatorium der Stadt Wien mit den Lehrern R. Politzer (tp), H. Salomon (sax), F. Pauer (p), R. Hansen (b) und E. Bachträgl bzw. Walter Grassmann (dr). 1983 wurde von A. Roidinger die Abteilung für J. und Popularmusik am Bruckner-Konservatorium des Landes Oberösterreich gegründet, wo u. a. Peter Tuscher (tp), Ch. Muthspiel (tb), F. Bramböck (sax), H. Sokal (sax), D. Pecenko (p), J. Dudli (dr), Agnes Heginger (voc), Andr. Schreiber (vln) und Ch. Cech (Komp., Leiter) als Lehrer tätig sind. Am Landeskonservatorium in Klagenfurt gründete E. Bachträgl 1984 eine J.-Abteilung, an der L. Harper (tp), E. Kleinschuster bzw. A. Mittermayer (tb), H. v. Hermann (sax, fl), Hannes Kawrza (as), H. Neuwirth (p), G. Jeszenszky (g) und Ulli Langthaler (b) unterrichten. An der Univ. für Musik und darstellende Kunst in Wien existiert seit 2002 ein Institut für Popularmusik, nachdem bereits davor ein Hauptfach-Studium auf J.-Instrumenten möglich war, mit den Lehrern M. Fuss, K. Dickbauer und W. Puschnig (sax), Peter Legat (g), F. Ozmec (dr), Andr. Schreiber (vln), Harald Huber (Popularmusik) u. a.; in Vorarlberg wirkt der Bassist G. Wohlgenannt im Bereich des dortigen Musikschulwerkes. Die genannten Musikerpersönlichkeiten sind darüber hinaus künstlerisch tätig und essentiell an der Erhaltung und Weiterentwicklung des J. in Österreich beteiligt.


Literatur
Kraner/Schulz 1972; Materialien am Institut f. J.forschung der MUniv. Graz.

Autor(en)
Franz Kerschbaumer
Empfohlene Zitierweise
Franz Kerschbaumer, Art. „Jazz‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]