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Kärntnerlied
Sammelbegriff für verschiedene mundartgebundene Liedkleinformen Kärntens und somit nur schwer exakt zu umreißen. Er umfasst zunächst einen Teil des überlieferten Kärntner Volksliedschatzes, die Liebeslieder, die sowohl in ihrer melodischen Gestaltung wie auch in ihrer „genuin-volkhaften Mehrstimmigkeit“ (Eibner) eine alpenländische Besonderheit (alpenländisches Lied) darstellen. Dieser südalpine „Volkslieddialekt“ (Anderluh) dient z. T. auch der slowenischen Volksgruppe als Ausdrucksmittel bzw. greift über die Grenze in die slowenische Oberkrain (Krain). Er steht in Zusammenhang mit dem Tanzbrauchtum (Steirisch/Stajris, Ländlerformen mit Lied-Improvisationen [Improvisation]). Als K.er werden auch zahlreiche Neuschöpfungen (Neue K.er) nach neuer Mundartlyrik empfunden, die seit Kriegsende entstanden und z. T. bereits „volksläufig“ geworden sind. Im weiter gefassten Begriff K. mischen sich demnach überliefertes Volkslied, volkstümliches Lied und Neuschöpfung, wobei die landesübliche Interpretation als Typikum mitempfunden wird.

Das K. im engeren Sinn (der Volksmusikforschung) ist „die im Liebeslied Kärntens ausgeprägte spezifische Musikform [...], die zum Synonym einer Landschaft wurde“ (Deutsch). Die „Kärntner Eigenart“ (Anderluh) beweist sich zum einen in der besonderen melodischen Ausformung der Haupt- oder Ansängerstimme, zum anderen im Hang zur improvisierten Vier- bis Fünfstimmigkeit. Nach Th. Koschat ist die „Vorsänger“- Stimme („der intellectuelle und actuelle Führer“) die wichtigste, sie liegt in der Mitte des Liedsatzes. Der „Überschlag“ über die Hauptstimme ist die zweitwichtigste, der Bass als Fundament harmonischer „Grundstellungen“ die drittwichtigste Stimme; zwei „Quintstimmen“, eine hohe und eine tiefere, füllen den Klang, quasi als „Continuo“ zum „Außenstimmensatz“ (Eibner).

Die Hauptstimme wird durch Diminutionen (Neben- und Durchgangsnoten, geschnalzte Vorschlagnoten) ausgeschmückt und bereichert, die als „landschaftlich–melodisches Charakteristikum“ (Deutsch) erkannt werden. Die Melodie erhält einen „weichen Wesenszug“ und wirkt stärker auf das Gemüt als musikalisch direktere Aussagen. Die Entstehung solcher beweglicher Liedmelodien verweist auf Tanzboden und Tanzbrauch (Waizer, Francisci). Durch das „Lied- oder Tanzaufgeb’m“, das Gstanzl- und Vierzeilersingen ergab sich ehemals eine wesentlich engere Affiniton von Lied, Tanz und Musik als heute. „Ursprüngliche Ländlerweisen“ (Kollitsch) für Klarinette oder Geige wandeln sich in Liedweisen.

Die Eigenart des K.es erhält auch in der Form eine „wesentliche Stütze“. Die Gliederung der Melodie in 4+ |:4:| Takte entspricht metrisch zwei Langzeilen oder einem Vierzeiler (Schnaderhüpfelvers), wobei die Wiederholung des zweiten Viertakters einem „ursächlichen musikalischen Bedürfnis des Sängers in Kärnten entspricht“ (Deutsch). Die Dichte dieser Form ist in Kärnten auffallend. Wie überall im Alpenland ist auch in der Kärntner Volkspoesie mit Wanderstrophen zu rechnen, sodass vom Textsinn her nur lose Zusammenhänge entstehen (können).

Auf die Frage nach dem Alter der musikalischen Struktur des K.es gibt es keine schlüssige Antwort. Entsprechende Aufzeichnungen fehlen und die frühesten Sammlungen geben keine Sätze wieder, sondern 1–2 Stimmen mit Klavierbegleitung für gebildete „Cirkel“. Die „erste und einzige Sammlung“ (Hanslick) hat Baron E. v. Herbert in 2 Bänden herausgegeben (1849, 1851). Die Bildungsschicht aus Landadel und Bürgertum hat sich im frühen 19. Jh. besonders um Erscheinungen der Volkskunst bemüht, in der Musik um die „Reproduktion“, Sammlung und Drucklegung. E. Hanslick hat in seinen Klagenfurter Jahren (1850–52) K.er in den „hübschesten Zirkeln“ gehört, Koschat nennt „musikalisch gebildete Stände“ wie Rainer, Kanduth, Moro, Herbert, Gaggl, Knappitsch, die zur „Veredlung“ des K.es beigetragen hätten. So hat das volkhafte K. auch Eingang in die Musikübung gefunden, in den Quartett- und Männerchorgesang. Namentlich das Wölwich-Quartett hat ab 1861 eine bedeutende Vorbildfunktion im Lande entwickelt, während das Mischitz-Quintett und die Koschat-Quintette kärntisches Singen im Ausland bekannt machten. Ensembles wie diese, aber auch andere, haben das „Nationallieder-Singen“ zum „allgemeinen Bedürfniß“ gemacht (Koschat). Dieses Singbedürfnis regte weitere Sammlungen an, an Namen wie Franz Decker, H. Neckheim, K. Liebleitner, Roman Maier, Anton Kollitsch, Hans Wiegele, A. Anderluh geknüpft sind, wobei Anderluh sein Lebenswerk der Gesamtausgabe Kärntens Volksliedschatz (in 14 Bänden) gewidmet und als Pädagoge das gemischte Singen des K.es nachhaltig gefördert hat.

Im Biedermeier war auch der literarische Einfluss auf Volksliedtexte nicht gering. V. a. aus den Flinserln J. G. Seidls sind zahlreiche Vierzeiler „unerkannt in Liedsammlungen“ (Glawischnig) untergetaucht, aus denen sie „mundgerecht“ in die Singpraxis zurückkehrten. In diese Zeit fallen auch die ersten Neuschöpfungen, die heute als Volkslieder gewertet werden (Gustav Mitterdorfer, Peter Suppan) sowie von „Liedern im Volkston“ (Th. Koschat, Max Kratz u. a.). Diese Tradition setzen nach dem Zweiten Weltkrieg die textlichen und musikalischen Schöpfer neuer K.er fort, wobei die neue Lyrik „weithin von gebildeten Mundartdichtern“ (Glawischnig) geschrieben und von musikalisch gebildeten Liedschöpfern vertont wird. Die neuen Lieder – im Selbstverständnis der Autoren „keine zweitrangigen Nachahmungen“, sondern „echt empfundene kleine Schöpfungen“, sind „rasch ins Volk gekommen und in ihm aufgegangen“ (Mittergradnegger). Als Dichter-Musiker-Paarungen, die im Land auch als Kreise verstanden werden (St. Veiter Kreis, Radentheiner Kreis u. a.), seien für viele genannt: G. Mittergradnegger/G. Glawischnig, S. Ortner/Otto Bünker, H. Drewes/Joseph Hopfgartner. Viele neue Lieder haben aber die „Stadien der Volksliedwerdung (Zeitfaktor, Umformung, Anlaß usw.) noch nicht durchlaufen“ (Antesberger). In der Liedpflege ist auch ein „Markt“ für Neuschöpfungen entstanden, die sich an Ortsbindung, Fest und Feier bzw. geistlichem Neubrauchtum (Brauch) orientieren („Adventsingen“ u. a.).

Pflegestätten überlieferter und neuer K.er sind heute vielfach in Dachverbänden (Sängerbund, Bildungswerk, Arbeitersängerbund, Landsmannschaft) organisierte Chöre und Kleingruppen, wobei heute (2002) zeitgemäße Verbreitungsmechanismen zur Verfügung stehen (Schulungswochen, Chorakademie, Musikverlage, CD-Produktionen, Video-Produktionen, Darstellungen in Radio und Fernsehen.

Angefügt sei, dass Kärnten auch Anteil an allen anderen Volksliedgattungen (Geistliches Lied, Brauchtumslied, erzählendes Lied u. v. a.) hat sowie an nicht organisiertem Volksgesang im Sinne der „Feldforschung“, die v. a. in jüngster Zeit reiche Sammelergebnisse eingebracht hat. Das spezifische Klangbild des K.es im engeren Sinne aber vermittelt allein das Liebeslied, das „aus der Musikalität des Kärntners entspringt und als Symbol seiner Landschaft vernehmbar ist“ (Deutsch).


Literatur
A. Anderluh, Kärntens Volksliedschatz 1960ff.; A. Anderluh in Archiv für Vaterländische Gesch. und Topographie 70 (1987); Beiträge v. A. Anderluh, F. Czigan u. F. Eibner in W. Deutsch/F. Koschier (Hg.), Volkslied – Volksmusik – Volkstanz. Kärnten und seine Nachbarn. Beiträge zur Volksmusikforschung in Kärnten 1972; G. Antesberger in H. Rumpler (Hg.), Kärnten. Von der deutschen Grenzmark zum österr. Bundesland 1998; G. Antesberger in G. Haid (Hg.), Kärnten und seine Nachbarn. Brauchlied 2000; W. Deutsch in ÖMZ 25 (1970); W. Deutsch in A. Anderluh, Kärntens Volksliedschatz, Registerbd. 1976; F. Francisci, Cultur Studien über Volksleben, Sitten und Bräuche in Kärnten 1902; Beiträge v. G. Glawischnig u. G. Mittergradnegger in F. Koschier (Hg.), Karntnarisch gsungan – karntnarisch gspielt. Beiträge zur Volksmusikforschung und -pflege 1972; E. Hanslick in Carinthia 1 (1851); A. Kollitsch, Gesch. des K.es 1935–36; Th. Koschat in Die österr.-ungarische Monarchie in Wort und Bild, Bd. Kärnten und Krain 1891; R. Waizer, Cultur und Lebensbilder aus Kärnten 1881; H. Wulz in W. Deutsch (Hg.), Tradition und Innovation. Vorträge des 14. Seminars für Volksmusikforschung 1985; H. Wulz in MusAu 10 (1991).

Autor(en)
Günther Antesberger
Empfohlene Zitierweise
Günther Antesberger, Art. „Kärntnerlied‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]