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Kapfenberg
Stadt im obersteirischen Mürztal. Erste Spuren menschlicher Besiedlung reichen in die Jungsteinzeit zurück (Funde in der Rettenwandhöhle, 5000–3000 v. Chr.). Bronzezeitliche, illyrisch-keltische und römische Funde legen Zeugnis von einer kontinuierlichen Besiedlung ab. Ab dem 7. Jh. kam es zu einer slawischen, im 9. Jh. zu einer bairischen Einwanderung. Wichtiges Siedlungszentrum war St. Martin, dessen Kirche (die heutige Friedhofskirche) 1096 erstmals urkundlich genannt wird. Um 1144 bauten die Herren von Stubenberg die Burg „Chaffenberch“ (= Ausschauberg, heute Burg Oberkapfenberg) und begannen mit der Siedlungsbildung. 1256 wird K. erstmals als Markt bezeichnet („in foro chaphinberch“), 1924 erfolgte die Erhebung zur Stadt. Pfarrkirche ist seit 1373 St. Oswald (davor St. Martin). K. ist seit dem 19. Jh. stark durch die eisenverarbeitende Industrie geprägt (erste Hammerwerke im 15. Jh., 1894 Ankauf des Stahlwerks durch die Gebrüder Böhler, forcierte Rüstungsindustrie im Ersten und Zweiten Weltkrieg, bis zum Einbruch der Stahlindustrie 1972 ca. 8.000 Beschäftigte bei ca. 26.000 Einwohnern, heute [2003] ca. 3.500 Beschäftigte bei ca. 22.000 Einwohnern).

Seit dem späten 14. Jh. gibt es Nachrichten über K.er Schulmeister, die ihre Ausbildung an der Univ. Wien erhielten. Die wie auch sonst in der Steiermark erfolgreiche Reformation führte zu Spannungen zwischen der Kirche und den von der Marktgemeinde angestellten Schulmeistern. Der musikgeschichtlich bedeutendste unter ihnen war J. F. Fritzius, der 1586 nach K. zog. Die evangelischen Gottesdienste, bei denen er Kantor war, wurden auch von den Bewohnern des Ortes Bruck an der Mur besucht. Trotz seines Bemühens, die katholische Geistlichkeit wie die protestantischen Landstände für sich zu gewinnen, musste Fritzius die Stadt nach der 1597 hier einsetzenden Gegenreformation verlassen. Ein Opfer der Gegenreformation war auch der Marktrichter und Orgelbauer Georg Jäger, der u. a. ein Orgelpositiv für Seckau und ein Hornwerk für Admont gebaut hatte. Er musste 1604 das Land verlassen.

Während zunächst das Schulmeisteramt des Öfteren mit jenem des Marktschreibers verbunden war, kam es im 18. Jh. zu einer Verbindung mit dem Mesnerdienst (an der Pfarrkirche St. Oswald), wodurch die Schule eine Angelegenheit der Pfarre wurde. Um 1775 wird Johann Baptist Mayer aus Aggers/T Schullehrer sowie Organist und Mesner an St. Oswald und der Filialkirche St. Martin. Er gründete 1804 eine „Industrieschule“. Auf ihn folgten in allen drei Funktionen 1827 Matthias Friedel und 1830 der aus Böhmen stammende Wenzel Morawetz. Dieser war zuvor Schulgehilfe in St. Leonhard bei Graz sowie Mitglied im Musikverein für Steiermark gewesen. Über die damals gewünschten musikalischen Qualitäten eines Schulmeisters gibt ein Schreiben Auskunft, in welchem betont wird, dass Morawetz „aller gewöhnlichen Musikinstrumente, und darunter vorzüglich des Orgel- Violin und Clarinettspieles, dann des Gesanges kundig, ausübendes Mitglied des steyermärkischen Musik-Vereins sey, und besitzet die vollkommen gegründete Kenntnis, nicht nur die ordentliche Chormusik leiten, sondern auch auf den dazu erforderlichen Instrumenten den Unterricht ertheilen zu können“ (Rosmann 1999). Er quittierte 1843 den Schuldienst, wurde aber später sogar Bürgermeister von K. 1847 folgte Franz Bloder aus Semriach/St, dessen Chorleitung gerühmt wurde. Unter seinen ca. 170 Schülern befanden sich auch zwölf Protestanten. Da man mit seinem Nachfolger unzufrieden war, verlangte die Schuldistirktsbehörde vom Ordinariat einen „im Lehrfach fleißigen, in der Kirchenmusik bewanderten und gut gesitteten Lehrer für K., [...] denn K. ist sowohl in Betreff der Öffentlichkeit als auch der Schülerzahl eine der wichtigsten Schulen der Obersteiermark, für welche ein ungeprüfter Lehrer nicht taugt“ (Rosmann 1999). Der Schulunterricht wurde im heute noch erhaltenen Mesnerhaus neben der Kirche St. Oswald abgehalten. Mit dem Reichsschulgesetz von 1868 wurde die geistliche Schulaufsicht aufgehoben und das Schulmeisteramt nicht mehr automatisch mit dem Organistendienst verknüpft. 1805 wird Josef Niederberger (* 1758) als Hammergewerke in K. erwähnt, von ihm sind einige Kompositionen in verschiedenen steirischen Orten erhalten geblieben.

Die ursprünglich spätgotische Kirche St. Oswald wurde 1752–54 barockisiert. Sie erhielt eine doppelten Chor, einen größeren unten (für Chor, Orchester, Blaskapellen) und einen kleineren oben (Orgel). 1776 wurde eine Orgel mit 14 Registern aufgestellt. Diese wurde 1912 durch eine neue mit 24 Registern der Firma M. Mauracher ersetzt, die 1929 einer Generalsanierung unterzogen wurde. Zwei der vier Glocken (darunter eine von Anton Pigneth, Graz 1702) wurden 1915 eingeschmolzen und 1916 bzw. 1921 durch Stahlgussglocken ersetzt (ein Geschenk der Firma Gebrüder Böhler, die auch eine Stahlglockengießerei unterhielt, diese aber 1926 wieder aufließ, da die Qualität der Bronzeglocken nicht erreicht werden konnte). St. Martin erhielt 1867 eine alte Orgel mit acht Registern von St. Oswald, die aber während des Ersten Weltkrieges abgetragen wurde. In St. Martin gab es zwei Glocken (1650 von Georg Findenkle bzw. 1752 von Martin Feltl, beide in Graz, gegossen). Ein Inventar von 1909 gibt Aufschluss über Repertoire und das vorhandene Instrumentarium in St. Oswald.

Eine herausragende Rolle im Kulturleben der Stadt spielt die 1947 gegründete MSch. (Musikschulwesen), die einen der größten Lehrkörper aller steirischen MSch.en besitzt. Sie wurde von E. Marckhl aufgebaut, der sie auch bis 1953 leitete. Von seinen für K. komponierten Werken seien die K.er Laienmusik (1948) und die K.er Symphonie (1948–54) genannt. K. Stekl unterrichtete 1948–67 an der MSch. und war auch Chormeister des Männergesangvereins und des Frauenchors Stahlklang. Den Klavierauszug seines „Hymnariums“ Der Verduner Altar widmete er der MSch. 1953–70 leitete der Dirigent M. Heider die MSch. Er gründete 1955 das bis 1971 bestehende und aus Lehrern der MSch. sowie musizierenden Laien gebildete collegium musicum instrumentale K. zur Pflege zeitgenössischer Musik. 1970–95 folgte G. Theil als Direktor. Ein wichtiger Schwerpunkt seiner Tätigkeit war die Leitung des Orchesters, dessen Konzerte (drei pro Jahr) er mit Kammerkonzerten zu einem Abonnementzyklus verband. Daneben ist er auch als Pianist und Komponist im Bereich Boogie, Swing und lateinamerikanischer Musik tätig. Seit 1995 ist Roland Hollik MSch.leiter. Er setzte einen Schwerpunkt im Bereich Jazz (1999 Gründung des Mürztaler Jugend Jazz Orchesters [Müjjazzo], dessen Mitglieder aus fünf obersteirischen MSch.en. bestehen; weiters Leiter der Jugend Big Band K.).

Zur Förderung der MSch. wurde 1948 die Gesellschaft der Musikfreunde in K. gegründet. Sie stellt das Orchester, das zum großen Teil aus Lehrern und Schülern der MSch. besteht. Erster Dirigent war K. Stekl (1948–51), auf ihn folgten M. Heider 1953, G. Theil 1971 und R. Hollik 1995. Die Orchesterkonzerte finden im großen Saal des Hotels Böhlerstern statt. Der berühmteste aus der MSch. hervorgegangene Musiker ist der aus K. gebürtige Geiger E. Kovacic.

Eine bedeutende Kulturveranstaltung sind die K.er Kulturtage. Sie wurden u. a. 1959–64 von U. Baumgartner geleitet. Als Konzertveranstalter tritt auch das 1989 eröffnete K.er Kulturzentrum auf. Es bietet Kabarett-, Theater- und Jazzprogramme im Café Qualtinger. Großveranstaltungen (open air-Konzerte im Bereich Pop und Rock) finden im Alpenstadion statt.

Wichtig für das Kulturleben sind auch die Blasmusikvereine: Stadtkapelle K. (Kapellmeister Siegfried Gass), Werkskapelle Böhler K. (Helmut Breiteneder), Blasorchester Bruck–K. (besteht aus Brucker und K.er MusikerInnen; früher Werkskapelle Felten & Guilleaume; Johann Trafella). Von den Chören seien die Chorvereinigung Stahlklang K. mit ihrem Repertoire aus Volks-, Kunst- und Arbeiterliedern und der Singkreis K. (1903 als MGV gegründet, heute gemischter Chor) genannt.

Spielte die Kultur und hier v. a. die Musik im Selbstverständnis der Stadt jahrzehntelang eine herausragende Rolle, so definiert sie sich heute v. a. als Schul- und Sportstadt.


Literatur
R. Puschnig, K. 1974; S. Rosmann, Beiträge zum K.er Musikleben vom 16. bis zum 19. Jh., Dipl.arb. Graz 1999; J. Kapfer, Städtische MSch. in K., Dipl.arb. Graz 1984; M. Heider, Musikerziehung und Musikpflege in der Gemeinde 1966; K. Stekl in Mitt. des Steir. Tonkünstlerbundes 43 (1970); StMl 1962–66; [Kat.] Musik i. d. St. 1980; R. Flotzinger in MAM 38 (1975); H. Tomaschek in Mitt. des Steir. Tonkünstlerbundes 93/2 (1993); G. Krisper, Die Pfarrkirche von K. – St. Oswald 1994; J. Trafella, Die Geschichte der Werkskapelle Felten & Guilleaume, Dipl.arb. Graz 1984; www.kapfenberg.at (02/2003); Archivalien des Grazer Diözesanarchivs und des steir. Landesarchivs.

Autor(en)
Barbara Boisits
Empfohlene Zitierweise
Barbara Boisits, Art. „Kapfenberg‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]