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Kelten
Stämme und Stammesverbände Alteuropas, die sich durch eine großteils einheitliche Kultur von Stämmen anderer Kulturkreise, so den Italikern, Venetern, Illyrern, Etruskern, Thrakern, Griechen, Iberern, Basken, Germanen, Skythen, Pikten u. a. unterscheiden. Archäologisch entspricht diese Kultur weitgehend der nach der Fundstelle am Neuenburger See/CH benannten „La-Tène-Kultur“. Immaterielle Kulturmerkmale wie Religion, Sprache und Musik lassen sich aufgrund der wenigen Zeugnisse weitaus schwerer für eine Definition heranziehen, wobei die Sprachforschung in den letzten Jahren große Fortschritte in der Rekonstruktion des Gallischen gemacht hat. Ein entwicklungsgeschichtlicher Zusammenhang mit der älteren Hallstatt-Kultur wird heute von den meisten Archäologen und Keltologen angenommen, wobei besonders der Westhallstattkreis, zu dem auch ein großer Teil des heutigen Österreich zählt, protokeltisch getragen war.

Die K.expansion in der La-Tène-Zeit ( 5. Jh. v. Chr. bis Chr. Geburt) brachte eine Keltisierung Mittel-, West- und Osteuropas sowie Kleinasiens mit sich. Bekanntester keltischer Stamm auf österreichischem Boden waren die boii im Nordosten des heutigen Staatsgebietes. Das im 2. Jh. v. Chr. entstandene Königreich Noricum, ein Staatsgebilde eines unter dem Begriff Noriker zusammengefassten Stammesverbandes aus keltischen und im Süden vermutlich keltisierten illyrischen Stämmen, wurde erst 45 n. Chr. römische Provinz (Austria Romana). Musikalische Zeugnisse der K. beschränken sich weitgehend auf wenige Abbildungen und einen geringen archäologischen Befund, wobei das Musikleben der Hallstattkultur am besten überliefert und dokumentiert ist. Im für das K.tum relevanten Westhallstattkreis sind uns die vorwiegend auf Bronzesitulen abgebildeten Instrumente Leier (in verschiedenen Formen), Syrinx (Panflöte) und seltener Hörner bekannt, wobei die jüngeren Situlen, wie diejenige aus Welzelach/T mit der Abbildung von fünf Syrinxspielern (4 und 5 Röhren), schon in die La-Tène-Zeit hinüberreichen. Daneben gibt es einige Knochenflötenfunde (vorwiegend Kernspaltprinzip). Unter den Idiophonen sind uns aus hallstattzeitlichen Gräbern Schmuckplättchen, Klappern und Klingelmechanismen in den Radlünsen der Gräberwagen überliefert.

Die La-Tène-Zeit ist in musikalischer Hinsicht schlechter dokumentiert. Ein Kontinuum der Leier in der La-Tène-Kultur ist uns bisher durch eine in Paule/Bretagne gefundene Statuette eines Leierspielers (s. Abb. 1) belegt, der aufgrund seines Torques (Halsreif) zur keltischen Oberschicht zu zählen ist. Das siebensaitige Instrument entspricht dem Phorminx-Typ mit eingezogenen Jocharmen. Außerdem existieren stilisierte Darstellungen auf Münzen aus Deutschland und der Bretagne. Aus der schriftlichen Überlieferung wissen wir durch Appianos, Athenaios, Ammianus Marcellinus und Diodoros von der Existenz der Lob- und Schmählieder singenden Barden, wobei die letzteren beiden eine Begleitung durch die Leier andeuten. Die große Bedeutung der Leier in der musikalischen Hochkultur der K. zeigt sich im langen Weiterleben dieses Instrumentes auf den britischen Inseln bis weit in die Neuzeit. Dort wurde es infolge des Aufkommens der Harfe nicht verdrängt, sondern zu einem Streichinstrument umgewandelt. Im Hochmittelalter galt es unter der Bezeichnung Chrotta, Rotte u. ä., was auf ein altkeltisches krotta zurückzuführen ist, als typisch britisch. Die in Europa weit verbreitete Syrinx lässt sich im La-Tène-Gebiet durch Funde aus Alesia (heute F), Bayern (heute im Museum Regensburg) und Uitgeest/NL belegen, alle aus einem Stück Hartholz herausgearbeitet und mit bis zu acht Röhren, wobei hier römische Provenienz vermutet wird, sowie einem erhaltenen fünfröhrigen Instrument aus Klein-Kühnau bei Dessau/D. Auf insularen Bildsteinen ist die Syrinx noch bis ins Hochmittelalter nachweisbar. Neben La-Tène-zeitlichen Knochenpfeifchen, wie z. B. ein bei Gänserndorf/NÖ ausgegrabenes Exemplar mit Spaltvorrichtung, wurden Knochenflöten für anspruchsvolleres Melodiespiel in Malham/Westyorkshire und in Landesbergen/D gefunden. Eine große Verbreitung bei den K. hatten offenbar Hörner. Neben früh-La-Tène-zeitlichen Abbildungen von halbkreisförmigen Hörnern aus dem Situlenbereich, die in kriegerischem Zusammenhang stehen, ist eine Abbildung eines Hornspielers auf einem Steinrelief von Bormio am Stilser Joch/T hervorzuheben. Der Hornbläser wendet sich dabei einer als keltische Kriegsgottheit interpretierten Figur zu und zeigt die kultische Verwendung des Instrumentes. Kultischen Zwecken dienten auch zwei in Irland bei der Seeopferstätte Emain Macha und in Ardbrin gefundene halbrund gebogene Bronzehörner, die Versuchen zufolge sich gut grundtönig mit Zirkularatmung in der Art des australischen Didgeridoos (Didjeridus) spielen lassen. Ein dem römischen cornu ähnliches kreisförmig gebogenes Kriegshorn finden wir bei der berühmten Plastik des „sterbenden Galaters“. Ähnliche Gestalt haben in Numantia/E geborgene einwindige Keramikhörner keltiberischer Provenienz. Das keltische Kriegshorn par excellence war die ab dem 3. Jh. v. Chr. nachweisbare geradegestreckte, bronzene Carnyx mit abgewinkeltem Schallstück in Form eines Eber- oder Wolfskopfes, häufig mit beweglichem Unterkiefer, und wie ein in Deskford/Schottland gefundenes Kopfstück zeigt, mit einer hölzernen Schnarrzunge zur Klangverstärkung. Bisher wurde kein vollständig erhaltenes Exemplar mit Mundstück gefunden. Ihre wahrscheinliche Genese aus quergeblasenen Holzhörnern, wie sie in Europa nur noch im westfälisch-niedersächsisch-holländischen Grenzgebiet zu kultischen Zwecken geblasen werden („Middewinterhorn“), lässt auf ein einfaches, durch schräges Abschneiden des Rohres gebildetes Mundstück schließen. Abbildungen der Carnyx finden wir auf gallischen und britischen Münzen (s. Abb. 2) sowie bei drei Bläsern auf dem Kessel von Gundestrup/DK, eine vermutlich thrakische Arbeit aus dem 2. Jh. v. Chr., die als wichtigste Darstellung keltischer religiöser Motive und keltischen Kriegswesens gilt. Diodorus erwähnt sie als Trompeten mit seltsamer Gestalt und rauem Klang, gleich dem des Kriegsgetümmels. Römische Darstellungen zeigen sie als Symbol des besiegten Galliens.


Literatur
H. Birkhan, K. 1997; A. Eibner in E. Hickmann et al. (Hg.), [Kgr.-Ber.] Studien zur Musikarchäologie 2 Michaelstein 1998, 2000; A. Eibner in M. v. Albrecht/W. Schubert (Hg.), Musik in Antike und Neuzeit 1987; A. Eibner in A. Bélis et al. (Hg.), La pluridisciplinarité en archéologie musicale 1994; MGG 6 (1997) [Musikarchäologie]; Beiträge von F. Hunter und A. May in E. Hickmann et al. (Hg.), [Kgr.-Ber.] Studien zur Musikarchäologie 2 Michaelstein 1998, 2000; J. Megaw in V. Kruta et al. (Hg.), The Celts 1991; A. S. Leclerc/T. Clodoré (Hg.), [Kat.] Préhistoire de la musique: Sons et instruments de musique des âges du bronze et du fer en France, Nemours 2002; O. Seewald in Oberösterr. Heimatbll. 14 (1960); A. Tamboer, Ausgegrabene Klänge. Archäologische Musikinstrumente aus allen Epochen 2000.

Autor(en)
Albin Paulus
Empfohlene Zitierweise
Albin Paulus, Art. „Kelten‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]