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Kirchensonate
Eine spätere Übersetzung des zeitgenössischen Terminus „Sonata da chiesa“; bezeichnet jene Gattung der Sonate des Barock und der Klassik, die im Unterschied zur Sonata da camera als Nachfolgerin der Canzone primär für den Gebrauch in der katholischen Liturgie gedacht war. Gemeint sind Sonaten für Ensemble von der Solo- bis zu großer Besetzung meist mit Generalbass. In der 1. Hälfte des 17. Jh.s ist die Überlieferung aus Österreich nur handschriftlich; Italiener sind in dieser Frühzeit führend. Von G. Valentini sind Triosonaten erhalten und eine in der als Konstante in Wien über Jahrzehnte hinweg gelegentlich auftauchenden Besetzung Violine, Zink, Posaune, Dulzian (Fagott) und B. c.; auch von J. J. Fux zugeschrieben.M. A. Ferro ließ 1649 in Venedig als sein Op. 1 zwölf zwei- bis vierstimmige Sonaten für Streicher (Alternativbesetzungen mit Zinken, Fagott und Posaune) drucken, einsätzig mit Wechsel zwischen homophonen Adagio- und schnellen polyphonen Abschnitten. A. Bertalli hat mehrchörige Sonate solenni mit Trompeten sowie drei- bis sechsstimmige Sonaten geschrieben. Posthum wurden in Deutschland zwei Sammlungen unter seinem Namen gedruckt: 1671 Thesaurus musicus mit Triosonaten (teilweise von anderen Autoren, verloren) und 1672 Prothimia suavissima, wahrscheinlich z. T. von Samuel Capricornus verfasst. Diese Sonaten sind in allen Hauptsätzen imitierend angelegt und häufig mit dem Stilmittel des Basso ostinato gearbeitet.

K.n aus der Zeit Kaiser Leopolds I. sind v. a. in Kremsier erhalten. Bis auf H. I. F. Biber waren die Komponisten durchwegs in Wien tätig: Bertali, Schmelzer, P. A. Ziani, P. A. Kerzinger, J. B. Dolar, A. Poglietti, F. Vismarri, J. C. Kerll und F. T. Richter. In den stark besetzten Sonaten wurden dabei bevorzugt Bläser eingesetzt, v. a. Trompeten, Zinken, Posaunen und Fagott. Sie bestehen aus mehreren Sätzen, darunter meist einem in mehrchöriger Technik, einem konzertierenden und einem tanzmäßigen Satz im Tripeltakt. Gegen Ende des Jh.s sind sie meist dreisätzig, wobei die Trompeten nur im Eröffnungssatz und im fugierten Finale mitwirken. Im Gegensatz zu den Solosonaten wird der Basso ostinato in Ensemblesonaten relativ selten eingesetzt.

Die kleiner besetzten Stücke, meist für Streicher und B. c., bestehen ebenfalls aus wenigen Sätzen, die sich durch Takt- oder Tempokontraste voneinander abheben: ein rascher, meist fugierter Satz im binären Takt und eine Tripla; dazu kamen langsame toccaten- oder intradenartige Sätze. Schmelzer begann damit, seine gedruckten Sammlungen (1659, 1662) schon im Titel als sowohl für die Kirche als auch für die Kammer brauchbar zu kennzeichnen, was auch von H. I. F. Biber in Salzburg übernommen wurde (1676, 1681). P. A. Ziani ließ 1667 20 drei- bis sechsstimmige Streichersonaten drucken, die ungewöhnlich umfangreich und polyphon gearbeitet sind. Die Wiener Ensemblesonaten setzten schon seit Valentini und Bertali längere virtuose Solopassagen ein, in denen die fähigen Kapellmitglieder ihr Können zeigen konnten. Sonatinae für Violine und B. c. ließen die Erben von I. Albertini in Wien drucken.

Auch von den Innsbrucker Hofmusikern W. Young, G. A. Pandolfi Mealli und G. B. Viviani und von dem Lambacher Mönch R. Weichlein wurden Violinsolo- und Ensemblesonaten veröffentlicht.

Im frühen 18. Jh. wird die Triosonate nach dem Vorbild Arcangelo Corellis zum Standardtyp. J. J. Fux und A. Caldara versorgten den Wiener Hof damit, teils aber auf das „Kirchensatzpaar“ Adagio-Fuge reduzierend. In der nächsten Generation haben F. I. Tuma und G. Ch. Wagenseil Triosonaten oder auch schon Streichtrios für die Kirche geschrieben, dann F. L. Gaßmann und J. G. Albrechtsberger K.n in verschiedenen Besetzungen, doch meist in dieser Zweisätzigkeit. Als jüngster bedeutender Komponist von – allerdings vor denen Albrechtsbergers entstandenen – Sonaten für den Gottesdienst muss W. A. Mozart mit seinen 17 1772–80 in Salzburg geschriebenen für zwei Violinen, Violoncello, Kontrabass und Orgel, teils auch mit Bläsern, genannt werden. Die Orgel ist bei den späteren dieser zwischen Epistel und Evangelium gespielten kurzen Allegros nicht mehr B. c., sondern ausgeschrieben.


Literatur
M. G. Vaillancourt, Instrumental Ensemble Music at the Court of Leopold I (1658-1705), Diss. Univ. of Illinois 1991; MGÖ 2 (1995); MGG 8 (1998) [Sonate]; NGroveD 23 (2001) [Sonata].

Autor(en)
Herbert Seifert
Empfohlene Zitierweise
Herbert Seifert, Art. „Kirchensonate‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]