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Klavierauszug
Einrichtung eines im Original nicht für das Klavier geschriebenen Musikstückes (meist orchesterbegleitetes Vokal- bzw. Instrumentalwerk) zur Wiedergabe auf dem Tasteninstrument. Hierbei sollte der Hauptinhalt und das Wesentliche der Vorlage wiedergegeben werden, wobei allerdings an die Grenzen der Spielbarkeit gedacht werden muss. Besonders in der Frühzeit des K.s verschwammen häufig die Grenzen zwischen K. und Arrangement. Der K. versteht sich in den meisten Fällen als Gebrauchsmusik, trotzdem wurden vereinzelt auch künstlerisch äußerst wertvolle Werke geschaffen (z. B. F. Liszt). Für verschiedene Besetzungen geschrieben, reicht die Palette des K.s von solchen für Klavier zu zwei Händen bis zu solchen für zwei Klaviere zu je vier Händen (= acht Hände). Als Sonderformen sind jene K.e zu erwähnen, bei denen ein zweites (oder auch mehrere) Instrument (z. B. Violine) zur Ausführung hinzugezogen wird.

Als Vorläufer des K.s, der erstmals von J. A. Hiller 1791 als solcher bezeichnet wurde, sind die Orgel- und Lautentabulaturen des 16. bis 18. Jh.s anzusehen. Erste Berliner handschriftliche K.e stammen aus der Mitte des 18. Jh.s, in Wien findet man ab 1755 verschiedene K.e von Ch. W. Glucks Opern (z. B. Les amours champêtres, 1755; Cythère assiegée, 1759; etc.). Diese enthalten bereits Personen- und Instrumentierangaben sowie ein eigenes Notensystem für jede Singstimme. In technischer Hinsicht dagegen zeigen sie eine sehr einfache Anlage und gehen nur selten über die Zweistimmigkeit hinaus (Bass und Melodie). Von einer vollständigen Übertragung kann noch keine Rede sein – so fehlen Ouvertüre, Rezitative bzw. Dialoge und häufig auch die Chorsätze. Erste gedruckte K.e (z. B. Alcide al bivio von J. A. Hasse, 1763) zeigen meist ein ähnliches Bild, im Kleinstich finden sich allerdings immer öfter verschiedene Orchesterstimmen zur Auszierung des Klavierparts, die die Wurzeln der späteren und auch heutigen K.e darstellen. Die stete Weiterentwicklung der K.s-Praxis erreichte einen ersten Höhepunkt in C. Ditters v. Dittersdorfs eigenem K. von Der Doktor und der Apotheker (Wien 1787) und in den K.en von W. A. Mozarts Opern (z. B. Die Entführung aus dem Serail von Abbé Starck, Augsburg 1785; ebenso von Christian Gottlob Neefe, Bonn 1799; Le Nozze di Figaro von Ch. G. Neefe, Bonn 1796; Die Zauberflöte von Fridrich Eunike, Bonn 1793). Neben Opern wurden auch große Chorwerke und Symphonien (z. B. J. Haydns Symphonien in England) aber auch Kirchenmusik (z. B. Werke M. Haydns, teilweise von ihm selbst) für Klavier bearbeitet. Wesentlich für die weitere Entwicklung des K.s waren die Arbeiten von Abbé G. J. Vogler und C. M. v. Weber. V. a. Letzterer schuf mit seinen K.en (z. B. Abu Hassan, Bonn 1811; Der Freischütz, Berlin 1821) Prototypen des modernen K.s (Ausnützung der gesamten Klaviatur, Instrumentierangaben, Vollgriffigkeit etc.). Als Blütezeit des K.s hat das 19. Jh. zu gelten, bearbeitet wurden nun auch vermehrt reine Instrumentalwerke (z. B. Mozarts Konzert für zwei Klaviere KV 365 von F. A. Hoffmeister, Leipzig 1804). Mozart war auch in der Folgezeit ein Komponist, dessen Werke mit Vorliebe bearbeitet wurden; J. N. Hummel veröffentlichte Mozarts Klavierkonzerte als K., C. Czerny dessen Requiem – allerdings ohne Text! Vereinzelt erstellen große Komponisten K.e ihrer Werke selbst (z. B. L. Spohr und Gasparo Spontini), jedoch bildete sich bald ein Spezialistentum heraus (z. B. August Eberhard Müller [Mozart], Constantin Sander [Gluck] u. a.). Neue Meilensteine in der Klavierbearbeitung und auf dem Gebiet des K.s setzte allerdings F. Liszt, v. a. mit seiner Bearbeitung der Symphonien L. v. Beethovens. Liszts Auszüge verstehen sich als „Klavierpartitur“, d. h. jede Orchesterstimme wird von ihm – ohne viel Rücksichtnahme auf Spielbarkeit – übertragen. Ende des 19. Jh.s stellen v. a. Rich. Wagners Opern die K.-Bearbeiter vor neue große Aufgaben und Schwierigkeiten (H. v. Bülow, K. Tausig, Otto Singer, Karl Klindworth). Eine Renaissance erfuhren aber auch die Werke Bachs, ihre Verbreitung erfolgte häufig durch K.e, die auch von namhaften Komponisten erstellt wurden (z. B. F. Busoni, Max Reger). Mit der zunehmenden Komplexität der Musik stiegen auch die Probleme betreffend brauchbarer K.e. Das Erstellen von K.en gehörte zwar noch zu den wichtigsten Übungen der A. Schönberg-Schule, jedoch wurde es immer schwieriger, befriedigende Lösungen zu finden. Schönberg erstellte u. a. einen K. von A. v. Zemlinskys Oper Sarema (1897) und einen vierhändigen von G. Rossinis Il Barbiere di Siviglia (1904). Alban Berg bearbeitete u. a. Schönbergs Kammersymphonie (1914/15) und die Gurre-Lieder (1910/12) sowie F. Schrekers Oper Der ferne Klang (1910/11). Im weiteren Verlauf des 20. Jh.s schien es mehr und mehr unmöglich, brauchbare K.e von experimentellen, elektronischen und aleatorischen Werken herzustellen.


Literatur
M. Hansemann, Der Klavier-Auszug von den Anfängen bis Weber 1943; H. Loos, Zur Klavierübertragung von Werken für und mit Orch. des 19. und 20. Jh.s. 1983; MGG 7 (1958) u. 5 (1996); R. J. Schwob, K. und Klavierskizze bei Alban Berg 2000; E. Friedlaender, Wagner, Liszt und die Kunst der Klavierbearbeitung 1922; P. Eder in Mozart Studien 2 (1993); K. G. Fellerer in N. Schiørring et al. (Hg.), [Fs.] J. P. Larsen 1972; Th. Hauschka in MozartJb 1 (1991); M. Flothuis, Mozarts Bearbeitungen eigener und fremder Werke 1969.

Autor(en)
Christian Fastl
Empfohlene Zitierweise
Christian Fastl, Art. „Klavierauszug‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]