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Klischee
Ausdruck (aus dem Französischen) für eine durch übermäßigen Gebrauch abgegriffene und daher letztlich inhaltsleere Aussage; in der Praxis jedoch auch zur Bestimmung von „Nationalcharakteren“ oder gar einer „Völkerpsychologie“ verwendet, jedenfalls nicht nur als ein (meist pejoratives) Charakteristikum verstanden und/oder Bestandteil von Vorurteilen. Wegen ihrer durchwegs realen Hintergründe sind K.s gerade in Hinblick auf Musik, obwohl von vielen Seiten belächelt, sowohl innerhalb wie auch außerhalb Österreichs (wenn auch meist nicht übereinstimmend) von großer Bedeutung und Wirkung. Dieser Tatsachen sind sich kritische Österreicher durchaus bewusst. Die Diskussion darüber, ob K.s in Österreich eine größere Bedeutung zukäme als anderswo, wird zumindest seit J. Nestroys Zeiten geführt. Eine Grenzziehung, ab wann von einem K. gesprochen werden muss, ist wohl nicht möglich und eher Ansichtssache. Zu den K.-haften Behauptungen (siehe die Zusammenstellung in dem Buch Inszenierungen, dessen Titel selbst von einem K. stammt) gehören neben Flucht vor der Größe, Kulturgroßmacht, Mozartkugel, Multikulturalität, Operette, Opernball, Walzer, Wiener Sängerknaben oder Zentralfriedhof auch die Musik als solche (Musikland Österreich), zahlreiche weitere K.s lassen sich in musikalischen Erscheinungsformen wiederfinden (z. B. Gemütlichkeit oder Nekrophilie in zahlreichen Wienerliedern; fröhliche Apokalypse); einzelne Musikveranstaltungen (z. B. Neujahrskonzert, Salzburger Festspiele) oder selbst Lieder (z. B. Stille Nacht) haben K.-hafte Züge erhalten (auch Lieber Augustin, Hymnen).

Die ernsthafte Forschung hat sich der K.s noch wenig angenommen. So ist z. B. die Rolle der Musik für die Bestimmung des sog. „österreichischen Menschen“ der Zwischenkriegszeit (inzwischen überholt, jedoch durchaus ein historisches K. zu nennen) unbestreitbar, nämlich als ein Hauptargument vaterländischer Propaganda zur Identitätsfindung (Rest-)Österreichs nach dem Ersten Weltkrieg ein politisches Motiv der Zeit. Ebenso verwundert nicht, dass mehrere Versuche, ein „Österreichisches in der Musik“ zu definieren, ebenso zu K.s griffen (österreichischer Stammescharakter, österr. Landschaft, österr. Kulturverhältnisse, Rolle des Gemüts, Anziehungskraft für Auswärtige, österr. Volksmusik). Allerdings können sie gerade deshalb seriösen Ansprüchen kaum genügen. Das Phänomen K. in der (Kunst- und Volks-)Musik selbst ist bisher (2002) noch nicht untersucht, daher auch eine Abgrenzung vom Zitat kaum möglich.


Literatur
S. Breuss et al., Inszenierungen. Stichwörter zu Österreich 1995; R. Flotzinger in F. Kadrnoska (Hg.), Aufbruch und Untergang. Österreichische Kultur zwischen 1918 und 1938, 1981; R. Flotzinger in Ch. Brünner/H. Konrad (Hg.), Die Univ. und 1938, 1989; F. K. Stanzel, Europäer. Ein imagologischer Essay 1997; H. Weigel, Flucht vor der Größe. Sechs Variationen über die Vollendung im Unvollendeten 1967.

Autor(en)
Rudolf Flotzinger
Empfohlene Zitierweise
Rudolf Flotzinger, Art. „Klischee‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]