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Klosterneuburg
Chorherrenstift und Stadt in Niederösterreich, am rechten Donauufer und flussaufwärts an Wien grenzend gelegen. Bodenfunde lassen schon auf eine Besiedelung durch die Kelten sowie auf ein römisches Kastell (Austria Romana) schließen. Seinen großen Aufschwung erlebte K., als der Babenberger Markgraf Leopold III. im 12. Jh. seine Residenz hieher verlegte und eine Klosterburganlage errichten ließ (mythologisch untermauert durch die sog. Schleierlegende). Bis 1298 bildete K. mit der am linken Donauufer gelegenen heutigen Bezirksstadt Korneuburg ein Gemeinwesen, doch erhielt K. 1298 durch Hzg. Albrecht I. ein eigenes Stadtrecht. Neben dem Chorherrenstift, das bis heute die Stadt dominiert, existierte 1133–1568 ein Chorfrauenstift St. Magdalena und 1261–1432 ein Chorfrauenstift St. Jakob, 1451–1784 ein Franziskanerkloster und 1828–72 ein Mechitaristenkloster. K., bis heute (2012) stark durch den Weinbau geprägt, war auch Sitz zahlreicher Lesehöfe österreichischer und bayerischer Klöster.

Das Chorherrenstift wurde 1114 als Kollegiatkapitel gegründet, auf einer Synode 1133 wurde die Augustinus-Regel eingeführt (Augustiner-Chorherren); nach Leopolds Verzicht auf seine Eigenkirche sind nicht mehr die weltlichen Kanoniker, sondern die Chorherren für Seelsorge und Gottesdienst verantwortlich. Damit hängt auch die Schenkung einer dreibändigen Bibel (CCl 1, sog. „Leopolds-Bibel“) und eines Missale – alle aus St. Nikola vor Passau/D – durch den Markgrafen im Jahr 1136 zusammen.

Unter den rund 1200 mittelalterlichen Codices, die in der Stiftsbibliothek verwahrt werden, befinden sich kostbare musikalische Quellen. Dazu zählen die Antiphonare CCl 1010 und 1012/1013 (s. Tbsp.) aus dem 12. Jh., die bereits diastematische Notation aufweisen (Metzer bzw. lothringischer Neumentypus auf vier Linien mit Schlüsselbuchstaben). Diese als „K.er Notation“ zu bezeichnen, ist insofern problematisch, als der Terminus ein eigenes Skriptorium impliziert, das zu dieser frühen Zeit nicht nachgewiesen werden kann (zudem könnte der Brand 1330 die frühen Quellen vernichtet haben). Der Ausdruck dient jedoch einerseits der Verständigung, andererseits der Abgrenzung gegenüber den verschiedenen Formen adiastematischer und gotisierender Neumen sowie insbesondere der sog. böhmischen Notation (mit charakteristischem Pes), die im späteren Mittelalter nebeneinander auftreten. Umstritten ist die Provenienz des sog. „Graduale von K.“ (A-Gu 807, um 1170), des Kronzeugen des sog. germanischen Choraldialekts. Die Klärung der Frage hat weitreichende Konsequenzen, da das Graduale möglicherweise vom selben Schreiber, sicher aber aus derselben Werkstatt wie CCl 1012 und 1013 angefertigt wurde. Ein eindrucksvolles Beispiel für die Etablierung der böhmischen Notation stellt das vierbändige „Riesenantiphonar“ (CCl 65-68, aus K., 1420/24 und ca. 1450, teilweise gotische Neumen) dar. Das Missale CCl 73 (Ende 13. Jh. bzw. 1430, s. Abb.) dürfte ebenfalls in K. entstanden sein. Als weitere Buchtypen sind mehrere Sequentiare (CCl 71, 73, 605, 614, 615 aus dem 13.–15. Jh.), Hymnare (CCl 996, 997, 999, 1001, 1004, großteils 14. Jh.) und Prozessionalien (CCl 995, 998, 1005, 1006) zu nennen.

Eine Besonderheit ist das K.er Osterspiel (CCl 574, ca. 1200) in Versen (Zehnsilber), an dessen Ende auch das älteste deutschsprachige Osterlied Christ ist erstanden aufgezeichnet ist, hier allerdings noch ohne Notation. (Der auf 1325 datierte Liber ordinarius CCl 1213 überliefert es in der vollständigen Textgestalt mit adiastematischen Neumen.) Die älteste Visitatio sepulchri findet sich in den erwähnten Antiphonaren des 12. Jh.s. Im Zuge der Heiligsprechung (1485) und Translation Leopolds III. wurde das Offizium Austria letare komponiert, das sich im Pergamentcodex CCl 59 (ca. 1490) befindet.

Für eine Beschäftigung mit Musiktheorie finden sich nur zwei Spuren: eine Guidonische Hand (in CCl 248, 13. Jh.) und ein Eintrag im alten Hss.-Katalog des Magister Martin (1430, CCl 1251), der sich auf den Tonar (mit Prolog) des Bern von Reichenau bezieht. Fragmente bieten zahlreiche (notierte) Liturgica, aber auch mensurale Mehrstimmigkeit (in CCl 499). Vier- bis sechsstimmige Stücke (v. a. liturgisches Repertoire) enthalten die Chorbücher CCl 69, 70 (16. Jh.) und 64 (1643).

Kantoren sind seit dem 14. Jh. in den Consuetudines registriert. Vor dem Bau der Festorgel (1636–42), die als berühmteste Österreichs gilt (J. Freundt), dürfte schon im 14. Jh. eine Orgel existiert haben. 1379 sind in den Rechnungsbüchern erstmals organa erwähnt, 1414 wird explizit zwischen einer großen und einer kleinen Orgel unterschieden, größere Arbeiten am Instrument waren 1425 und 1428 notwendig. Ein Klavichord ist 1438 bezeugt. Die frühesten namentlich bekannten Organisten sind Wolfardus (1394), Herr Otto (1414) und Meister Jodocus (nach 1450).

Für das Chorfrauenstift St. Maria Magdalena angelegt wurden das Sequentiar CCl 588 (Anfang 14. Jh.), das Hymnale CCl 1000 (datiert 1336) und vielleicht auch das etwas später anzusetzende Hymnale CCl 1003 (mit deutschsprachigen Rubriken).

Feierte man 1485 noch prunkvoll die Heiligsprechung Leopolds III., folgte mit Einsetzen der Reformation ein jäher Niedergang des Stiftes, der das Kloster in seiner Existenz bedrohte (die Zerstörung der Stadt durch die Türken 1529 und 1683 verschonte zwar auch das Stift nicht, vernichtete jedoch v. a. die Musikalienbestände und Instrumente der übrigen Kirchen und das Musikleben der Stadt). Eines der wenigen Zeugnisse aus dieser Zeit stellt der Liber Choralis CCl 70 (Wien oder K. 1550, 1551 angekauft) dar, dessen Repertoire eine große Nähe zur kaiserlichen Hofmusikkapelle belegt (Arnold v. Bruck, H. Finck, H. Isaac, St. Mahu, Th. Stoltzer). Erst mit Beginn der Gegenreformation ab ca. 1578 wurde in enger Verbindung mit den Habsburgern tatkräftig am geistigen und kulturellen Wiederaufbau des Stiftes gearbeitet, der in der Idee der Schaffung eines „österreichischen Escorial“ unter Karl VI. gipfelte (Bau unvollendet). Auch die Verehrung des Hl. Leopold wurde neu akzentuiert und schlug sich in der Komposition zahlreicher Leopold-Messen bzw. anderer auf diesen Heiligen bezogenen geistlichen Stücke nieder (u. a. durch G. Sances, A. Bertalli, J. J. Fux, A. Caldara, Leop. Hofmann, F. Tuma, M. Haydn und J. Eybler) – eine Tradition, die bis heute gepflegt wird.

Über das Musikleben des Stiftes gibt es bislang keine umfassende Darstellung, jedoch zahlreiche Einzelstudien; überliefertes Repertoire und Mss. (z. B. ein Codex aus der Werkstatt des Wiener Hofkopisten Georg Moser) belegen seit dem 17. Jh. eine starke Nähe zum Kaiserhof, die unter Karl VI. kulminierte. Mit Bernhard Paumann († 1728) wurde nicht nur ein Schüler von J. J. Fux Organist in K., 1660–1764 gastierte die HMK jährlich anlässlich des Leopoldi-Festes in K. (Einschränkung der volksfestartigen Leopoldi-Wallfahrten unter Joseph II.), auch in der Liste der aufgeführten Komponisten spiegelt sich das Repertoire der HMK wieder (Leopold Schmidt [vor 1770–nach 1818], 1785–1818 Organist in K., verfasste 1790 ein Inventar der Kirchenmusik des Stiftes). Der bedeutendste Komponist aus K. ist J. G. Albrechtsberger, der seinen ersten Unterricht durch den Stiftsdechant Leopold Pittner erhalten hatte und zahlreiche Werke für das Stift komponierte.

Die Festorgel, die Freundt 1646 durch ein Positiv (ebenfalls für das Stift) und eine Orgel für die St. Afra-Kapelle (1648/49) ergänzte, wurde ab 1716 mehrmals überholt und auch technisch erneuert (Änderungen in Traktur und Windversorgung); v. a. die Reparaturen durch Johann Georg Fischer 1820/21 und 1832 griffen auch in die Disposition der Orgel ein. Um den Originalzustand wiederherzustellen, wurde die gesamte Mechanik 1945 in das KHM transportiert, jedoch bei einem Bombenangriff vernichtet; mit der bis 1950 dauernden Spielbarmachung durch die Firma Kauffmann wurden weitere wertvolle Originalteile vernichtet, die erst in einer Restaurierung nach historischem Vorbild 1983–90 in mühevoller Arbeit rekonstruiert werden mussten. Derzeit ist Helmut Lerperger (* 1955) als Nachfolger seines Vaters Kurt L. Regens chori und Stiftsorganist in K.

Als Ausgangspunkt einer kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegung erhielt K. zu Beginn des 20. Jh.s eine über Österreich hinausgehende Bedeutung (Liturgische Bewegung, Betsingmesse). Daher war es nur logisch, die 1909 begründete Kirchenmusikabteilung der Wiener MAkad. nach K. zu verlegen, wo sie bis 1924 verblieb und unter der Leitung von V. Goller den Grundstein zur Ausbildung professioneller katholischer Kirchenmusiker schuf.

Die Stadt K., die seit dem Mittelalter aufgrund des Weinbaus über großen Reichtum verfügte, scheint über ein reges Musikleben verfügt zu haben; immer wieder werden Pfeiffer und Spielleute erwähnt, die von den Kirchen bzw. dem Stift zu Musikdiensten herangezogen wurden. Auch die Stadtpfarrkirche St. Martin, deren Wurzeln bis in das 9. Jh. zurückreichen und die die Mutterpfarre des gesamten Gebietes bis nach Döbling (Wien XIX) war, soll einigen Musikalienbestand besessen haben, doch fiel vieles Kriegen und Bränden zum Opfer bzw. ist noch nicht aufgearbeitet. Im 19. Jh. begann sich ein bürgerliches Musikleben in K. zu etablieren (Gründung von Liedertafeln und Gesangvereinen); 1957 wurde durch Ludwig Frey die Stadtkapelle K. begründet, die seit 1986 über eine eigene Jugendkapelle verfügt und einen wichtigen Faktor im lokalen Musikleben darstellt. Seit 1994 findet das sehr erfolgreiche Sommerfestival operklosterneuburg im Kaiserhof des Stiftes statt, dem in den Jahren davor Musicalaufführungen vorangegangen waren.


Literatur
A. Haidinger, Kat. der Hss. des Augustiner Chorherrenstiftes K. 1983ff.; J. Froger (Hg.), Le manuscrit 807 de la Bibliothèque de l’université de Graz 1974; D. S. Lacoste, Four K. Antiphoners. Augustiner-Chorherren Stiftsbibliothek, 1013, 1012, 1017, and 1018, 1998; R. Flotzinger in Stud. mus. 31 (1989); F. K. Praßl u. S. Engels in MusAu 14/15 (1996); F. K. Praßl, Psallat Ecclesia Mater. Studien zu Repertoire u. Verwendung von Sequenzen in der Liturgie österr. Augustinerchorherren vom 12. bis zum 16. Jh., Diss. Graz 1987; W. Lipphardt in Jb. des Stiftes K. N. F. 7 (1971); M. Huglo, Les manuscrits du processionnal. Volume I: Autriche à Espagne 1999 (RISM B XIV); D. Jež, Zur Musikgesch. des Stifts K. im Mittelalter Dipl.arb. Wien 1989; A. Weißenbäck in Musica Divina 1 (1913); F. Zagiba, Die ältesten musikalischen Denkmäler zu Ehren des Hl. Leopold 1954; H. Ristory in Jb. des Stiftes K. N. F. 14 (1991) u. in Codices Manuscripti 10 (1992); F. Röhrig in Jb. des Stiftes K. N. F. 6 (1966); Hb. hist. Stätten/Österreich, Donauländer und Burgenland 1985; B. Paul in [Kat.] K. zur Zeit Mozarts 1991; Fr. Jakob, Die Festorgel in der Stiftskirche K. 1990; 40 Jahre Stadtkapelle K. 1957–1997, 1997; Die Pfarrkirche K.-St. Martin einst und heute, hg. v. d. Pfarre K.-St. Martin 1999; M. Duscher, Die Entwicklung des Vereinswesens in K. von 1867 bis zur Gegenwart, Dipl.arb. Wien 1989; D. Hotz, Festspiele in Niederösterreich 1945–2009, 2010; MGG 5 (1996); NGroveD 13 (2001); ÖL 1995.

Autor(en)
Alexander Rausch
Elisabeth Th. Hilscher
Empfohlene Zitierweise
Alexander Rausch/Elisabeth Th. Hilscher, Art. „Klosterneuburg‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]