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Kremsmünster
Benediktinerstift im Kremstal/OÖ, 777 von Hzg. Tassilo III. von Baiern als östlicher Vorposten seines Herrschaftsgebietes (Bayern) und wohl als Grablege der Agilolfinger gegründet; vermutlich von Mondsee aus besiedelt, nach dem Sturz Tassilos durch Kaiser Karl d. Gr. bestätigt, 1941–45 unter den Nationalsozialisten aufgehoben, doch blieb die monastische Kontinuität gewahrt; K. beherbergt heute (2003) eine der geschlossensten klösterlichen Musikbibliotheken Österreichs (Archive und Bibliotheken), die außerdem gut bearbeitet ist. Wie weit die Verhältnisse im Laufe der Geschichte eigentümlich waren oder auch auf andere österreichische Stifte projiziert werden dürften, ist schwer zu sagen.

Die wohl hier entstandene Sequenz auf den Stiftspatron Agapitus (Concentu veneremur) bezeugt eine relativ frühe Rezeption der Sequenzendichtung. Die frühesten erhaltenen Hss. (z. B. Graduale und Sequenziar Cod. 309, 11. Jh.) lassen Beziehungen nach Niederaltaich/D und Regensburg/D erkennen. Bereits im 11. Jh. soll die Stiftskirche eine Orgel erhalten haben. Im 12./13. Jh. sind Reimoffizien bekannt und arbeitete die auf hohem Niveau stehende Schreibschule auch für andere Klöster (z. B. Cod. Stuttgart 20 für St. Paul i. L.). Unter Abt Friedrich von Aich (1274–1325) wurde offenbar die Liniennotation eingeführt; in Leuthold von Hagwald († 1309) lebte hier ein später Minnesänger in geistlichem Kleid. Abt Christian v. Ottsdorf (1346–49) war hundert Jahre nach dem großen Erzb. Eberhard II. von Salzburg ein Freund sog. Vaganten.

Visitationsprotokolle im Zuge der Melker Reform weisen auf den gelegentlichen Gebrauch improvisierter Mehrstimmigkeit hin; einheimische Sänger, die „auf brabantisch“ (d. h. franko-flämische Polyphonie) zu singen verstanden, sind spätestens 1515 bezeugt, bald darauf ein eigenes Sängerknabeninstitut. Von dem ab nun bis in das späte 18. Jh. anhaltenden Aufschwung der Figuralmusik zeugen neben Hss. auch Anschaffungen aktueller Musikdrucke (z. B. P. Joanellus' Novus Thesaurus, der Werke von O. di Lasso, J. Galus, H. L. Haßler, B. Amon u. a.). 1632/33 unternahm der Regens chori B. Lechler mit einem Mitbruder eine Italienreise, von der sie reichlich gedruckte und handschriftliche Materialien mitbrachten. Lechler war ursprünglich Lautenist am Hofe des Abtes gewesen. Auch privates Lautenspiel (Lautenmusik) von Mönchen (einer der frühesten dürfte jener P. Giorgio, Monaco Cremifanense sein, der im Fuggerschen Lautenbuch ÖNB 18.790 mit zwei Tänzen vertreten ist) wird bis in das 18. Jh. durch eine umfangreiche Tabulaturensammlung (geschätzter Umfang: 15 % der Gesamtproduktion der Zeit; Lautentabulaturen) belegt. Sehr gut dokumentiert ist die Geschichte des Hornwerks von K., das 1518 errichtet wurde und bis in die Biedermeier-Zeit erhalten war.

1549 wurde hier die „äußere“ Schule, die im Zuge des Humanismus einen großen Aufschwung genommen hatte, in ein öffentliches Gymnasium umgewandelt und bald auf 5 Klassen erweitert. Die Bezeichnungen der Lehrer (eig. Leiter der Ludimoderator, 2. und 3. Lehrer Cantor und Succentor, unterstützt von Astanten oder Choralisten) lassen die musikalischen Aufgaben der Schüler erkennen. 1647 wurde die feierliche Prämienverteilung (Promulgation) wie in den Jesuitenschulen eingeführt, seit dem frühen 18. Jh. waren hier nur mehr Mitglieder des Stiftes als Lehrer tätig. 1738 wurde zudem ein Lyzeum errichtet und 1741 eine Ritterakademie (1744 durch Maria Theresia bestätigt), 1776 auch die Prüfungen öffentlich gemacht. Unter Joseph II. waren Schule und Stift mehrmals von Aufhebung bedroht (Josephinismus), doch wurde 1790 schließlich nur die Ritterakademie aufgelöst, aus den verbleibenden Schulen ging 1848 das noch bestehende (Ober-)Gymnasium hervor.

Das Benediktinertheater hatte in K. in S. Rettenpacher seinen bedeutsamsten Vertreter überhaupt (die Musik zu seinen Dramen stammte teils von Mitbrüdern, teils vielleicht von ihm selbst); es sollte erst 1768 verboten und 1771 von der italienischen Oper abgelöst werden. F. Sparry vermittelte noch zu deren Lebzeiten die Musik von L. Leo, G. B. Pergolesi, Nicola Piccini, N. Jommelli, aber auch von Karl Heinrich Graun, G. Chr. Wagenseil und zuletzt Chr. W. Gluck nach K. Der wohl bedeutendste Hauskomponist war G. Pasterwiz, ein Schüler J. E. Eberlins und Lehrer F. X. Süßmayrs. Unter dem Einfluss der Aufklärung schrieb er bereits deutsche Intermedien für seine Opern, in ähnlicher Weise setzte sich Th. v. Dückern für die deutsche Sprache in der Kirche ein. 1789/90, als die Aufhebung des Stifts erwogen wurde, fungierte Abbé M. Stadler als Administrator.

Wirtschaftlich erholte sich das Stift von diesen Rückschlägen erst in der 2. Hälfte des 19. Jh.s wieder. Unter den Schwierigkeiten litt auch die Musikpflege, doch begann das umso stärkere musikhistorische Engagement (B. Plank, G. Benedict, P. Bonifaz Schwarzenbrunner 1790–1830, G. Huemer). Ein Großteil der reichen Instrumentensammlung aus dem 15.–17. Jh. musste 1836 an das neugegründete Museum Francisco-Carolinum in Linz abgegeben werden. Der bedeutsamste Hauskomponist des 19. Jh.s war G. Kronecker. 1819 und 1825 besuchte Fr. Schubert mehrmals das Stift, mit dem er durch einige seiner hier ausgebildeten Freunde längst vertraut war, ebenso A. Bruckner, der in seinem Schüler O. Loidol hier einen lebenslangen Freund besaß. In den Auseinandersetzungen um den Cäcilianismus verhielt man sich in K., der starken Tradition gemäß, selbstbewusst und allen Seiten gegenüber gleich distanziert. So kamen selbst unter dem in Regensburg ausgebildeten Musikdirektor P. Benno Feyrer (1908–46) seine organisatorischen Züge (Stimmbildung, Liturgiegerechtigkeit etc.) stärker zum Tragen als das musikalisch oft schwache cäcilianische Repertoire. Feyrers Schüler und Nachfolger A. Kellner (1946–81) ist nicht nur als Musik- und Haushistoriker bedeutend, sondern auch als Komponist hervorgetreten. Dessen Nachfolger als Regens chori, P. Alfons Mandorfer (* 1933), hält an der Tradition, wenigstens an Hochfesten (zu denen in K. seit Jh.en auch der Todestag des Gründers Tassilo am 11. Dezember als „Stiftertag“ mit feierlicher Vesper und Requiem gehört) die lateinische Kirchenmusik mit Chor und Orchester zu pflegen, mit vorbildlichen Aufführungen fest. Das reiche Musikleben in der Gemeinde K. ist in einer repräsentativen Studie des Jahres 1978 dokumentiert. Seit 1988 findet hier auch ein Treffen der Drehleierspieler statt (seit 2003 Festival Musica Popularis K.).


Tondokumente
TD: Stift Kremsmünster. 400 Jahre Musikschaffen MCM098KL010.
Literatur
Kellner 1956; G. Huemer, Die Pflege der Musik im Stifte K. 1877; K. Holter in Mitt. des oberösterr. LA.s 12 (1977); K. Holter, Buchkunst – Handschriften – Bibliotheken 1996; A. Kellner in Mitt. des oberösterr. LA.s 11 (1974); R. Flotzinger, Die Lautentabulaturen des Stiftes K., Diss. Wien 1964 (Teildruck TMA 2 [1965]); W Neumüller in Fs. zum 400jährigen Bestande des öffentlichen Obergymnasiums der Benediktiner zu K. 1949; R. Flotzinger in SK 25 (1977/78); R. Flotzinger in Musica sacra mediaevalis = Studien und Mitt. zur Gesch. des Benediktinerordens und seiner Zweige, Erg.bd. 40 (1998); M. Eybl in MusAu 18 (1999); O. Wessely in OÖK 6 (1952); 1200 Jahre K. Stiftsführer 1977; Kellner, Profeßbuch; G. Lade in Das Orgelforum 5 (2002); W. Deutsch, Zusammenfassender Bericht über die kulturelle Situation in K./OÖ, mit besonderer Berücksichtigung der Musik, erstellt im IVMF 1978.

Autor(en)
Rudolf Flotzinger
Empfohlene Zitierweise
Rudolf Flotzinger, Art. „Kremsmünster‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]