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Kufstein
Stadt im Tiroler Unterinntal an der bayerischen Grenze. Spuren prähistorischer Besiedelung des Raumes um K. fanden sich im Kaisertal (30.000 v. Chr.). Die frühmittelalterliche Ansiedlung Caofstein war Teil des Herzogtums Bayern; die erste urkundliche Erwähnung einer Festung K. als Besitz der Bischöfe von Regensburg/D und der Herzöge von Bayern erfolgte 1205. 1393 erhielt K. das Stadtrecht. Aufgrund seiner strategischen Lage am Eingang des Inntales an der Grenze zwischen Tirol und Bayern war die Stadt über Jahrhunderte Objekt von Grenzstreitigkeiten und kriegerischen Auseinandersetzungen. 1505 wurden Stadt und Festung von K. Maximilian I. belagert und 1506 schließlich an Tirol angegliedert. Im Zuge des Bayerneinfalls 1703 wurde die Stadt fast vollständig zerstört. 1805–14 war K. kurzzeitig wieder bayerisch. Durch zahlreiche Eingemeindungen besitzen Teile der Stadt bis heute dörflichen Charakter.

Der Kirchenchor der Stadtpfarrkirche St. Vitus führt seine Gründung auf M. Pernsteiner (II) zurück. Allerdings wird bereits 1770 ein Chorregent Anton Ulrich Obermayr genannt. Im 17. Jh. wurden für den Chor von St. Vitus Werke des Innsbrucker Hofkpm.s A. Rainer angeschafft. Weitere Indizien für die Pflege barocker figuraler Kirchenmusik in K. sind den Ausgaben der Corporis Christi-Bruderschaft zu entnehmen: So erhielten 1688 der Organist und Kantor Johann Mittermayr 80 fl, der Schulmeister und Musikant Caspar Hofer 35 fl und der Tenorist Mathias Sunnerer 115 fl Jahreslohn. 1690 wurden Pauker für ihre Mitwirkung an einer Prozession entlohnt und die Türmer (Thurner) von Reichenhall/D für die musikalische Gestaltung der Rorateämter im Advent. 1692 scheinen in den Rechnungen der Bruderschaft Ausgaben für Geigensaiten auf. M. Pernsteiner, der 1827 zum Chorregenten berufen wurde und dieses Amt bis zu seinem Tod 1851 ausübte, war kompositorisch tätig: Sein Oratorium Auf den Tod Jesu wurde 1830 in der K.er Pfarrkirche aufgeführt, kirchenmusikalische Werke erschienen in Druck (u. a. bei Falter und Aibl in München) oder fanden handschriftliche Verbreitung. J. Obersteiner wurde 1848 zum Chor- und Schulgehilfen bestellt. 1851 folgte er Pernsteiner als Stadtpfarrchorregent. Weil die Erben Pernsteiners dessen Noten für sich beanspruchten und auf dem K.er Chor ansonsten nur ältere Musikalien von Franz Bühler, Rochus Dedler, Wolfgang Joseph Emmerig, Joseph Ohnewald, Melchior Dreyer und J. A. Holzmann vorhanden waren, sorgte Obersteiner mit eigenen Kompositionen und der Beschaffung von Notenmaterial eifrig für eine Erneuerung des Repertoires und eine Hebung des Niveaus. 1872 wurde Obersteiner Mitglied des Cäcilienvereins (Cäcilianismus) der Diözese Brixen und wandte sich nun auch in seinen eigenen Kompositionen gemäßigt der cäcilianischen Richtung zu. Friedrich Seitz aus Augsburg/D, ein Absolvent des Münchner Konservatoriums, der 1899–1913 den Chor der K.er Stadtpfarrkirche leitete, komponierte geistliche und weltliche Werke, von denen das Oratorium Die Passion (1908) über die Grenzen Tirols hinaus bekannt wurde. Der langjährige Chorregent F. Kirchmair brachte große Oratorien zur Aufführung und organisierte Feiern zu Komponistenjubiläen (Beethoven-Feier 1927, Schubert-Feier 1928). In der Nachkriegszeit war Max Greiderer jahrzehntelang als Chorleiter tätig. Heute (2011) steht der Kirchenchor St. Vitus unter der Leitung von Josef Seywald. In St. Vitus stand mit Sicherheit schon in der Barockzeit eine Orgel. Der von 1631–66 amtierende Schulmeister Johann Anton Prantel wird als Organist bezeichnet, seine Nachfolger meist als „Cantor et organista“. K. Mauracher baute 1842 eine Orgel mit 25 klingenden Registern für die Pfarrkirche, die 1878 von J. N. K. Mauracher repariert und 1902 auf Initiative von Chorregent F. Seitz pneumatisiert wurde. Die Mauracher-Orgel wurde durch eine nun wiederum mechanische Schleifladenorgel der Firma Reinisch-Pirchner mit 21 Registern ersetzt, die 1976 eingeweiht wurde. In K. befindet sich die größte Freiorgel (Hornwerk) der Welt und zugleich größte Orgel Tirols, die sog. Heldenorgel im Bürgerturm der Festung mit vier Manualen, 65 Registern und 4948 Pfeifen. Ursprünglich hatte das Instrument der Firma Walcker zwei Manuale und 26 Register. Erweiterungen erfolgten im Zuge von Restaurierungen 1971 und 2009 (letztere durch Orgelbau Eisenbarth, Passau). Der Spieltisch befindet sich unterhalb der Festung in einem eigenen Häuschen, das Instrument erklingt täglich um 12 Uhr für rund 10 Minuten zum Gedenken an die Gefallenen beider Weltkriege.

Die K.er Liedertafel (Männergesang) ist eine der ältesten Chorvereinigungen ihrer Art in Tirol und wurde 1859 gegründet. Der erste Chormeister war Stadtpfarrchorregent J. Obersteiner. Schon in den ersten Jahren ihres Bestehens nahm die Liedertafel an deutschen und Tiroler Sängerfesten teil. In den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jh.s trat der Chor gemeinsam mit einer Orchesterformation auf, die sich aus der vorrangig bäuerlichen Bevölkerung von Zell bei K. rekrutierte und Zeller Streichmusik-Gesellschaft nannte. Kurz vor 1900 leitete Dagobert Natter vorübergehend die K.er Liedertafel, ab 1899 Stadtpfarrchorregent F. Seitz, der auch als Violinvirtuose auftrat. 1919 vereinigte sich die Liedertafel mit dem Musikverein und erhielt den Namen K.er Liedertafel-Musikverein (bis 1927). Der gegenwärtig von Josef Eisenmann geleitete Chor heißt inzwischen K.er Singkreis.

Ein Musikverein wurde 1911 von F. Seitz gegründet. Da nicht alle Mitglieder 1919 die Vereinigung mit der Liedertafel unterstützten, formierte sich in diesem Jahr der Orchester-Verein K. Beide Orchester bestanden nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Eine Bürgermusik wurde 1852 auf Initiative des Dekans Florian Prötzner gegründet. Aus den autobiographischen Notizen J. Obersteiners geht hervor, dass er an der Gründung dieser Kapelle nicht unmittelbar beteiligt war, aber ab 1860 zwölf Jahre lang das Kapellmeisteramt versah und für die Bürgermusik zahlreiche Stücke komponierte. Sylvester Greiderer († 1924), der 1902 das Kapellmeisteramt übernahm, gründete 1903 den Unterinntaler Musikbund, den ersten überregionalen Musikbund Österreichs. Er ist der Komponist des heute noch viel gespielten K.er Bürgermarsches. Nach ihm übte sein Sohn M. Greiderer jahrzehntelang das Kapellmeisteramt in K. aus. Die nunmehrige Stadtmusikkapelle steht mit einer Unterbrechung 1991–2006 seit 1973 unter der Leitung von Hermann Wurnig.

Seit 1951 finden die Konzerte der Stadt K. mit internationalen Orchestern und Ensembles statt, seit 2007 mit großem Erfolg der Operettensommer K. auf der Festung; an dieser Spielstätte finden auch regelmäßig Operngastspiele statt. Eine erste MSch. in K. begründete bereits 1846 Chorregent Pernsteiner; eine Neugründung erfolgte 1903 durch Musikdirektor Seitz, der zunächst alleine für den Unterricht sorgte. Heute ist die Stadt Sitz der Landesmusikschule K. und Umgebung.

Im 18. Jh. war die Instrumentenmacherfamilie Lengerer aus K. hier tätig: Joseph (I) Lengerer (1731–88) war Tischler und wandte sich dem Orgelbau zu wie auch sein Sohn Joseph (II, 1759–1830); dessen Bruder Nikolaus Sebastian (1764–1809) baute Klaviere und ging 1799 nach Wien. Peter Eder betrieb im letzten Viertel des 19. Jh.s eine Musikalienhandlung und baute auch Blechblasinstrumente (Tenorhorn im Tiroler Landesmuseum, Ventilmechanik vermutlich böhmisch). Zudem verlegte er Werke von P. P. Singer, vielleicht über Vermittlung von J. Obersteiner, der Singer in seiner Salzburger Zeit um 1845 kennengelernt hatte.

1947 komponierte der Postbedienstete und Südtirol-Emigrant K. Ganzer das heute weltberühmte und als Volkslied verbreitete Kufsteinlied, in dem die Stadt als „Perle Tirols“ besungen wird.


Literatur
F. B. Kirchmair in 60 Jahre Tiroler Grenzbote 1931; A. Dörrer in Gutenberg-Jb. 1939; F. Biasi, K.er Buch, 2 Bd.e 1957/58; E. Hofbauer in Tiroler Heimatbll. 56/4 (1981); G. Lade in Das Orgelforum 5 (2002); http://de.wikipedia.org/wiki/K.lied (12/2009); http://orgeln.musikland-tirol.at (12/2009).

Autor(en)
Franz Gratl
Empfohlene Zitierweise
Franz Gratl, Art. „Kufstein‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 16/02/2010]