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Kunstpfeifer
Die Anwendung der Lippentechnik des Pfeifens zu musikalischen Zwecken wurde in der Wiener Volks- und Unterhaltungsmusik in den 1880er Jahren zu einer modischen Kunst entwickelt. Die Brüder Joh. und Jos. Schrammel erweiterten ihr Volksmusik-Instrumentalensemble um Sänger, Jodler und K., die zunächst Einlagen für das Publikum der Heurigenlokale gegen Trinkgeld gaben und dann gegen fixe Gage verpflichtet wurden (Fiakersänger, Natursänger).

Erster K. des Schrammel-Ensembles war J. Tranquillini (gen. Baron Jean). 1890 folgte dem Baron Jean ein ehemaliger Kellner, Ludwig Lang, als K. im Schrammel-Ensemble nach. Er trat mit den Schrammeln u. a. 1892 bei der Wiener Internationalen Ausstellung für Musik und Theaterwesen auf und erntete mit seinem Liedvortrag die größte Bewunderung des deutschen Reichskanzlers Bismarck.

Neben Baron Jean und L. Lang, der noch um 1900 als Mitglied des Dornbacher Quartetts begegnet, spezialisierten sich etliche weitere Interpreten größtenteils aus Liebhaberei auf das Kunstpfeifen und traten bei den vielen Veranstaltungen der Volkskünstler, wie z. B. bei Künstlerjubiläen, Benefizkonzerten, Volkssänger-Soireen, Spezialitäten-Abenden, sowie in Heurigenlokalen und in Varieté-Etablissements auf. So wurde der Leiter eines Grinzinger Weinlokals, J. Brandmayer, von seinen Gästen, unter denen Kronprinz Rudolf der prominenteste war, nicht nur für seine Gesangs- und Jodlervorträge, sondern auch für seine Pfeifkunst bewundert. Weiters sind vom Ende des 19. Jh.s als Wiener K. namentlich der Blumenbinder Hugel, der Artist Valtl, ein Volkssänger mit dem Spitznamen Aschanti, ein gewisser Doll-Schani und der Schlossermeister Georg Tramer (gen. Tramer-Schorschl) bekannt. Dieser K. aus Liebhaberei entwickelte sich zum anerkannten Starvirtuosen, der für Einlagen in Wiener Palais, auf internationalen Varietébühnen, auf Theater- und Operettenbühnen verpflichtet wurde und von dem behauptet wird, dass selbst Musikexperten seine Vorträge nicht von den Klängen der Piccoloflöte unterscheiden konnten. Er ist der erste K., der auf frühen Schallplatten im Originalklang erhalten ist. Ein weiterer, v. a. in den internationalen Varietés beschäftigter Vortragskünstler war Fred Kornau.

Das Repertoire der Wiener K. umfasste das gesamte populäre Melodienmaterial, Gassenhauer, Volkslieder, Operettenschlager (Schlager) und Wienerlieder genau so wie Militär- und Heurigenmärsche (Marsch). Die Spezialität der K. war aber der Vortrag der beliebten Strauß-Walzer; insbesondere bot der Frühlingsstimmen-Walzer mit seinen Koloraturen und Trillern Gelegenheit zur Demonstration der Virtuosität. Besonderer Anlass für die Bewunderung des Publikums und der Fachwelt war das zweistimmige Pfeifen, eine Fertigkeit, die man v. a. Georg Tramer zuschrieb.

Eine beliebte Technik der K. bezog sich auf das Nachahmen von Vogelstimmen. Dafür war in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg Leopold Gottwald (1873–1930), genannt ’s Lercherl, von Beruf Eichamtskanzleidirektor, berühmt. Seine Schallplattenaufnahmen mit eigener Zitherbegleitung sind das ausführlichste Tondokument einer in der Zwischenkriegszeit langsam aussterbenden lokalen Kleinkunstform. Letzter populärer Vertreter des Wiener Kunstpfeifens war in den 1930er Jahren Leopold Koranyi, Eigentümer eines Verkehrsbüros und Wiener Gemeinderat, der seine Kunst unter Anleitung des Fiakers Demel angeblich so weit entwickelte, dass er schließlich dreistimmig pfeifen konnte. Eine Wiederbelebung der Tradition des Kunstpfeifens fand durch Bühnenauftritte von Jeanette Baroness Lips von Lipstrill (* 6.11.1924 Wallern, Böhmen [Volary/CZ] als Rudolf Schmid, † 8.3.2005 Wien) und Hans Hofmann (* 17.9.1946 Graz) statt.

Abgesehen von diesen virtuosen Formen des Kunstpfeifens entwickelte sich in der Wiener Heurigenmusik die Usance, die Jodlerrefrains und -nachspiele der Marschlieder nicht immer vokal, sondern auch gepfiffen auszuführen. Dies ist zwar z. T. darauf zurückzuführen, dass nicht jeder Liedersänger die Technik des Wiener Dudlers (Jodler) beherrschte, ist aber nicht als Ersatzlösung zu bewerten, sondern beinhaltet eine eigenständige regional-stilistische Qualität.


Literatur
M. Egger, Die Schrammeln in ihrer Zeit 1989; Pfeifen – eine Wiener Kunst in Neues Wiener Journal 14.2.1937; Der Tramer Schorschl in Tagblatt 26.12.1923; Joseph Brandmayer in Illustrirtes Wiener Extrablatt 5.3.1897; www.kunstpfeifer.at (2/2018); https://de.wikipedia.org (2/2018); pers. Mitt. H. Hofmann (2/2018).

Autor(en)
Ernst Weber
Empfohlene Zitierweise
Ernst Weber, Art. „Kunstpfeifer‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 26/02/2018]