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Leichamschneider Leichamschneider true (Leichnamschneider), Familie
Blechblasinstrumentenmacher

Johann Michael: get. 26.8.1676 Osterberg/Schwaben, † 3.12.1751 Wien. Bezüglich der Abstammung der Brüder L. gibt Layer Auskunft. Allerdings ist nicht bekannt, wann und wo sie ihre Ausbildung erhalten haben. J. M. L. legte am 21.1.1701 in Wien den Bürgereid ab und heiratete im Oktober dieses Jahres in der Pfarre St. Stephan die Bäckerstochter Maria Thalheimer (Hajdecki, Reg. 7164). In den folgenden Jahren sind sowohl Einzel- als auch Gemeinschaftsaufträge für die Brüder nachweisbar. Es ist unklar, ob sie getrennte Werkstätten betrieben oder auf dauerhafter Basis zusammengearbeitet haben. 1703 lieferte J. M. L. ein Jägerhorn, Krummbögen und Mundstücke im Wert von 43 fl nach Kremsmünster (Kellner). Haupt belegt für die folgenden Jahre mehrere Ankäufe für den Kaiserhof. So wurden ihm 1708 für ein Instrument, das als „coranthorn“ bezeichnet ist, 90 fl angewiesen (HZB 229 fol. 63 v). Ein Großauftrag des Hofes erging an die Brüder im Jahr 1717. Zunächst wurden zur Anschaffung von Silber für die Herstellung von 24 Trompeten der hohe Betrag von 1.500 fl ausgezahlt (KZAB 4 fol. 260 r-v). Im folgenden Jahr ist vermerkt: „Similiter zu bezahlung der beyden burg. trompettenmachern gebrüdern Michael undt Johann Leichnambschneider für die kay. hoff und feldtrompetter gelifferten 23 stuckh neüen silbernen trompetten sambt denen mundstücken [...] fl. 1.605.“ (KZAB 5 fol. 212 r-v). Leider ist über den Verbleib dieser Instrumente nichts bekannt. Es ist anzumerken, dass die beiden Instrumentenbauer Aufträge des Hofes erhalten haben, nicht aber zu diesem Zeitpunkt Hofinstrumentenmacher waren. J. M. ist zwar im Totenprotokoll 1751 als solcher bezeichnet, in den Hof-Schematismen findet sich allerdings keine diesbezügliche Eintragung.

1741 ließ Kaiserin Maria Theresia für die Hofkapelle von L. einen Satz von ursprünglich fünf, später sechs silbernen Trompeten, anschaffen. Eines der Instrumente ist undatiert und wurde später von Franz L. angefertigt. Die aufwändig verzierten und teilweise vergoldeten Instrumente befinden sich heute in der Sammlung alter Musikinstrumente und zeigen das überragende handwerkliche Niveau der Werkstätte.

J. M. L. muss es zu beträchtlichem Wohlstand gebracht haben, da er im Laufe seines Lebens zwei Häuser besessen hat. Das erste befand sich in der Naglergasse, das zweite in der Bognergasse. Letzteres warf einen jährlichen Zinsertrag von über 1.100 fl ab. Der Ehe von M. L. entsprangen mehrere Kinder, wobei Maunder den Tod von fünf Kindern nachweist, die nicht das Erwachsenenalter erreichten. Zwei weitere Kinder starben 1713 und 1716 im Säuglingsalter. Am 25.9.1750 starb L.s Frau im Alter von 72 Jahren an „Schlagfluß“. Er selbst verschied am 3.12.1751 in seinem Haus in der Bognergasse am „Innerlichen Brand“. Im Totenprotokoll ist ein Alter von 81 Jahren angegeben, was sich nicht mit dem bei Layer angegebenen Taufdatum deckt, aber im Bereich der zeitüblichen Ungenauigkeiten liegt. In der Verlassenschaftsabhandlung scheinen zwei Töchter und zwei Söhne als Erben auf, darunter der Trompetenmacher Franz L. Das Vermögen bestand hauptsächlich aus dem Haus in der Bognergasse, das mit 14.000 fl bewertet wurde. Sein Bruder

Johann: * 26.6.1679 Osterberg/Schwaben, † 16.12.1742 Wien. Über ihn liegen nur wenige biografische Nachrichten vor. 1715 und 1716 ist er im Unbehausten Buch als steuerpflichtig ausgewiesen. Im Folgejahr findet sich der Zusatz „beh: in der Stadt“, was darauf hinweist, dass er in diesem Jahr ein Haus erworben hat und sich dadurch auch eine Änderung der Steuerpflicht ergab. 1729 und 1730 scheint er im Unbehausten Buch neuerlich auf, allerdings zusammen mit dem Trompetenmacher Johann Michael Pecht (ca. 1696–25.10.1730), über den sonst nichts bekannt ist. Anscheinend betrieben die beiden Instrumentenmacher für kurze Zeit eine gemeinsame Werkstätte.

J. L. war zwei Mal verheiratet; die erste Gattin hieß Maria Anna (ca. 1688–4.11.1728). Maunder listet eine Reihe von Kindern auf, die im jugendlichen Alter verstarben. 1732 heiratete der Trompetenmacher ein zweites Mal, der Heiratskontrakt mit Eva Catharina Theresia Hollerbrucker wurde am 17.5.1732 erstellt; als Zeuge zeichnete der Blasinstrumentenmacher Adam Färber (Ferber; ca. 1700–6.2.1749). L. starb am 16.12.1742 in seinem Haus beim Stubentor an „Innerl. Brand“ im Alter von 64 Jahren. Lt. Verlassenschaftsabhandlung hinterließ er eine Witwe sowie drei Kinder, darunter eine minderjährige Tochter, für die der Bruder als Vormund eingesetzt wurde. Das Gesamtvermögen belief sich auf 24.060 fl und bestand in der Hauptsache aus dem Haus in der Wollzeile. Dieses war allerdings belastet, so dass nur der Betrag von 1.230 fl als Erbmasse zur Auszahlung gelangte. L.s Witwe verstarb in ihrem Haus am 8.2.1759 im Alter von 70 Jahren an „Hectica Fieber“.

Die Brüder J. M. und J. zählen zu den bedeutendsten Herstellern von Blechblasinstrumenten im Wien des frühen 18. Jh.s. Im Mittelpunkt des Interesses stehen heute meist die gravierten und aufwändig verzierten Prunkinstrumente. Doch wie die in Wiener Sammlungen vertretenen Beispiele belegen (Parforcehorn in den Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde; Posaunen in der Sammlung alter Musikinstrumente), fertigten sie auch Standardinstrumente. Angeblich waren sie die ersten, die um 1700 die Windungen des einwindigen Parforcehorns enger nahmen und dadurch ein doppelt gewundenes Horn von erheblich geringerem Durchmesser schufen. Einen Überblick über die erhaltenen Instrumente geben Waterhouse und Fitzpatrick.

Johann Michaels Sohn Franz: * ca. 1716 (Ort?), † 6.11.1767 Wien. Lernte vermutlich bei seinem Vater und hat später mit ihm gearbeitet. Über ihn ist nur bekannt, dass er 1767 im Alter von 51 Jahren als bürgerlicher Waldhornmacher ledig im „Nicolauer Hauß im Blutgässl an blutbrechen“ verstorben ist. Die bescheidene Erbschaft traten die drei Geschwister an. In der Verlassenschaftsabhandlung wird der Wert des Werkzeugs mit 8 fl angegeben und es findet sich der folgende interessante Zusatz: „Belangend den Werkzeug, hat selben sich theils für die bestrittene Leich=Unkösten, theils auch wegen eines zwischen Ihnen Beyden getroffenen Vergleich widerholten [oben erwähnten] Starzer als ein Eigenthum beybehalten.“ L. und C. Starzer waren also eine Geschäftsverbindung eingegangen und Letzterer übernahm die Werkstätte.


Literatur
NGroveD 14 (2001); H. Haupt in Mitt. des Österr. Staatsarchivs 1983 u. 1985; K. Janetzky/B. Brüchle, Das Horn 1977, 41; Kellner 1956; A. Layer in Das Obere Schwaben vom Illertal zum Mindental, Folge 4, Oktober 1957; R. Maunder in The Galpin Society Journal 51 (Juli 1998), 177f.; H. Starzer in StMw 46 (1998), 87; W. Waterhouse, The New Langwill Index 1993. – Archivalien (WstLA): Unbehaustes Buch; Behaustes Buch in der Stadt, 1749–1775, fol. 128 u. 349; Totenprotokoll 1713 fol. 11, 1716 fol. 27, 1742 fol. 483v; 1750 fol. 236, 1751 fol. 566, 1759 fol. 3, 6.11.1767; Verlassenschaftsabhandlung Fasz. 200/156, 388/17 u. 324/4.

Autor(en)
Rudolf Hopfner
Empfohlene Zitierweise
Rudolf Hopfner, Art. „Leichamschneider (Leichnamschneider), Familie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]