Lobkowitz (Lobkowicz), Familie
Altes böhmisches Adelsgeschlecht, 1479 in den böhmischen Freiherrnstand, 1624 in den Reichsfürstenstand erhoben; in mehrere Linien unterteilt. Als Stammvater des Hauses gilt Nikolaus Chudy von Ujezd, ab 1410 von L. 1646 erwarb die Familie das Herzogtum Sagan (1786 wurde der Herzogtitel auf die Herrschaft Raudnitz/Böhmen [Roudnice/CZ] übertragen). Mitglieder der Familie L. sind seit dem 15. Jh. in unmittelbarer Nähe der Herrscher in militärischem, diplomatischem und Hofdienst zu finden. Unter dem Einfluss des neuen Fürstenbildes der Neuzeit begannen sie im 15. Jh., einerseits Bibliotheken und wertvolle Kunst- und Musiksammlungen (Sammlung) anzulegen, andererseits sich auch selbst künstlerisch zu betätigen. Im Barock erreichte die Musikpflege in der Familie L. ihren Höhepunkt, und zahlreiche Mitglieder Familie werden als Mitwirkende bei Adelsaufführungen des Hofes in Wien genannt. Besonders von Bedeutung sind:
Bohuslav: * 1462 Burg Hassenstein/Böhmen (Hasištejn/CZ), † 11.11.1510 Preßnitz/Böhmen (Přísečnice/CZ). Gelehrter und Sänger. Zählte zu den gelehrtesten Männern seiner Zeit und ist im Humanistenkreis um König Wladislaw II. und Friedrich III. zu finden. Der „böhmische Ullysses“ bzw. „böhmische Plinius der Jüngere“ begann mit dem Aufbau einer umfangreichen Bibliothek (ca. 1000 Bände), deren Bücher zu den wertvollsten Beständen der heutigen L.schen Sammlungen zählen; B. L. soll selbst ein guter Sänger gewesen sein.
Sein Großneffe Philipp: * ?, † 1567 (Ort?). Dichter und Musiker. Ebenfalls aus der Linie L.-Hassenstein, soll nach Georg Fabricius ein begabter Dichter und Musiker gewesen sein. Dessen Neffe 2. Grades Litwin (* ?, † 1580) soll ein guter Sänger gewesen sein und hohe musikalische Kenntnisse besessen haben.
Litwins Urgroßneffe 2. Grades Ferdinand August Leopold: * 7.9.1655 (Ort?), † 3.10.1715 (Ort?). Lautenist, Mäzen. Ältester Sohn des Fürsten Wenzel Franz Euseb (1609–77) aus dessen zweiter Ehe mit Auguste Sophie von Pfalz-Sulzbach. 1689 zum Geheimen Rat ernannt, 1691 Prinzipal-Commissarius auf dem Reichstag zu Regensburg, 1699–1708 Obersthofmeister der Kaiserin Wilhelmine Amalie, der Gemahlin Josephs I. L. war überaus kunstbegeistert, wobei das Sammeln von kostbaren Büchern und die Musik die Schwerpunkte bildeten. In Wien am Hof der Kaiserin Wilhelmine Amalie hatte er Gelegenheit, mit den berühmtesten Instrumentalisten der Zeit zusammenzutreffen. Seine besondere Vorliebe galt der Lautenmusik, die er als einer der versiertesten und berühmtesten Dilettanten seiner Zeit auch selbst pflegte. J.-A. de Saint Luc, der Hoflautenist des Prinzen Eugen von Savoyen, widmete L. einige Werke für für Laute solo bzw. für Lautentrio, die in Sammlungen in Wien (A-Wn Mus.Hs.1078, Mus.Hs.1586) und Prag (MS R II K.K. 54) erhalten sind. Sein Sohn
Philipp Hyacinth: * 25.2.1680 Neustadt an der Waldnaab, Bayern/D, † 21.12.1734 Wien. Lautenist, Komponist, Mäzen. Ebenso wie sein Vater war er ein begeisterter Freund und Förderer der Lautenmusik und komponierte auch selbst. Er erweiterte die Raudnitzer Notenbibliothek um wesentliche Bestände. Der berühmte Lautenist Sylvius Leopold Weiß zählte zu seinen Freunden; während seiner Wiener Jahre (ab 1729) förderte er den Sohn seines Försters, den jungen Ch. W. Gluck. Ph. H.s Name ist auch mit der bedeutendsten musikalischen Gründung im Prag des 18. Jh.s, der Musikkapelle der Loretto-Kirche, verbunden.
W: Lautensuite in B-Dur (A-Wn, Mus. Hs. 1078, veröffentlicht von A. Koczirz in Wr. Lautenmusik im 18. Jh. = Das Erbe Dt. Musik 1942, hier allerdings unter dem falschen Vornamen „August Hyacinth“).


Die enge Verbindung zwischen Chr. W. Gluck und Mitgliedern der Familie L. bezeugen auch die Widmungen der Opern La Sofonisba (1744), Ippolito (1745) und des Pasticcio (1743) an den Bruder von Ph. H. L., Johann Georg Christian (* 10.8.1686 [Ort?], † 9.10.1753 Pressburg [Bratislava]), der als Statthalter in Mailand sich für Gluck einsetzte.
Ph. H.s Sohn Ferdinand Philipp Joseph: * 27.4.1724 Prag, † 11.1.1784 Wien. Musiker und Mäzen. Ab 1743 regierender Prinz in Wien konnte er sich ganz seinen umfassenden Studien (mit Schwerpunkt auf Musik) widmen. Ausgebildet durch Chr. W. Gluck bzw. Franz Benda in Berlin, galt er als einer der geschicktesten Dilettanten auf der Violine. 1745 nahm er Gluck auf eine Reise nach Italien und England mit. F. L.s Kompositionen sind nicht überliefert.
Dessen Sohn Joseph Franz Maximilian Ferdinand [irrig oft Franz Joseph]: * 7.12.1772 Raudnitz, † 15.12.1816 Wittingau/Böhmen (Třebón/CZ). Mäzen, ab 11.1.1784 Fürst. Er zählte zu den wichtigsten Förderern L. v. Beethovens und spielte eine bedeutende Rolle bei der Entstehung einer durch Bürgertum (bürgerliche Musikkultur) und Adel getragenen Musikkultur in Wien zu Beginn des 19. Jh.s. Sein „Mäzenatentum neuen Stils“ zeigte sich in der direkten Förderung aufstrebender Komponisten, in der Öffnung der Musik für bürgerliche Kreise bzw. in seinem Engagement für eine institutionelle Absicherung des öffentlichen Musiklebens. Nachdem sich J. F. L. in den Befreiungskriegen hohen militärischen Ruhm erworben hatte, widmete er sich in der folgenden Zeit fast ausschließlich seinen musikalischen Neigungen. Er selbst spielte Violine und Violoncello und besaß eine gute Bassstimme. Der Fürst besaß ab 1794 (spätestens seit 1797) eine Musikkapelle, die die Hauskonzerte in Wien bzw. den Landsitzen in Eisenberg (Jezeří/CZ) und Raudnitz bestritten und auch Beethoven bei nichtöffentlichen Voraufführungen seiner Werke und zum Experimentieren zur Verfügung stand. Zudem beschäftigte er Kopisten, um Werke für seine private Musikbibliothek abzuschreiben. Beethoven wurde seit 1796 finanziell durch den Fürsten gefördert. 1806 gründete L. gemeinsam mit N. Esterházy, Hieronymus Lodron, J. Schwarzenberg, F. Palffy, St. v. Zichy-Vásonykeő und Fr. Esterházy die Hoftheater-Unternehmensgesellschaft, die mit 1.1.1807 die Pacht der beiden Wiener Hoftheater, Burgtheater und Kärntnertortheater, übernahm, jedoch bald scheiterte. J. F. L. war 1812 Gründungsmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde (des östereichischen Kaiserstaates) und war auch an der Gründung der Jednota ku zvelebení hudebního uměni v Čechách (Gesellschaft zur Förderung der Musikkultur in Böhmen) in Prag beteiligt, der die Errichtung des Prager Konservatoriums (1811) zu danken ist.
Widmungen durch Beethoven: Sechs Streichquartette op. 18; Symphonie Nr. 3 (Eroica) op. 55; Konzert f. Kl., V. u. Vc. in C-Dur op. 56; Symphonie Nr. 5 (c-moll) op. 67 (Doppelwidmung gem. m. A. Rasumowsky); Symphonie Nr. 6 (Sinfonia pastorale, F-Dur) op. 68 (ebenfalls auch A. Rasumowsky gewidmet); Streichquartett Es-Dur op. 74; Liederzyklus An die ferne Geliebte op. 98. – J. F. L. ist auch Widmungsträger des Sammelwerkes In questa tomba oscura (Wien 1808, Ausg. W. Litschauer (Hg.) in DTÖ 140/141 [1986]).


Dessen Sohn Ferdinand Joseph Johann: * 13.4.1797 Oberhollabrunn/NÖ, † 13.4.1868 Wien. Mäzen. Beethoven komponierte für seinen Geburtstag die mit 12.4.1823 datierte L.-Kantate WoO 106. F. J. J. L. unterhielt bis ca. 1860 eine Hofkapelle. Der Fürst gründete 1831 eine private Musikschule in Eisenberg und war Präsident des Vereins zur Beförderung echter Kirchenmusik (Kirchenmusikvereine).
Dessen Sohn Moritz: * 2.6.1831 Inzersdorf/NÖ [Wien X], † 4.2.1903 Raudnitz. Pianist. War ein guter Pianist und kümmerte sich um die wertvolle Musikbibliothek.
Dessen Enkel Ferdinand Joseph: * 27.12.1885 Bilin/Böhmen (Bílina/CZ), † 16.1.1953 Prag. Jurist und Pianist. Nach dem Jus-Studium schlug er die Pianistenlaufbahn ein (Ausbildung u. a. bei J. Kaan-Albest in Prag). Außer in Solistenkonzerten musizierte er häufig mit dem Böhmischen Streichquartett. Er war Anhänger der Methode von J. Dalcroze und gründete 1912 entsprechende Gesellschaften in Prag und Wien. Auch widmete er sich der Neuorganisation der L.schen Musiksammlung.
M.‘ Cousin Ferdinand Georg August: * 26.6.1850 Unterberkowitz/Böhmen (Dolní Beřkovice/CZ), † 22.4.1926 Mailand. Politiker und Agronom. Er war 1885–1909 Vorsitzender der von Joseph Franz L. gegründeten Gesellschaft zur Förderung der Musikkultur in Böhmen und des Kuratoriums des Prager Konservatoriums, dessen Verstaatlichung (1919) er vorbereitete.
J. G.s Sohn Joseph Maria Karl: * 8.1.1725 Prag, † 5.3.1802 Wien. Feldmarschall und Diplomat. Seit seiner Jugend im Militärdienst, wechselte 1764 in die Diplomatenlaufbahn und wurde österreichischer Botschafter in St. Petersburg/RUS, wo er in seiner Residenz eine vielbeachtete Adelskapelle unterhielt. Selbst musikalisch umfassend gebildet, trat J. M. L. als Instrumentalist hervor und besaß gute Kenntnisse in Kompositionslehre (jedoch keine Werke überliefert; die von Wurzbach erwähnte Symphonie aus dem Nachlass C. Ph. Em. Bachs ist Ferdinand Philipp L. zuzuordnen). In Wien setzte J. M. L. die Musikpflege in seinem Palais fort und gehörte 1784 zu den Subskribenten von W. A. Mozarts Trattnerhofkonzerten.
Dessen Neffe Anton Isidor: * 16.12.1773 Madrid, † 12.6.1819 Prag. Mäzen und Gutsherr. Aus der jüngeren Linie des fürstlichen Hauses, quittierte er 1810 den Militärdienst. A. I. L. war ein großer Musikfreund (so dass ihm irrtümlich Verdienste um Beethoven zugeschrieben werden) und Humanist. Er trat oft als Veranstalter von Akademien zugunsten der „Hausarmen“ von Prag auf, die von dem von ihm geförderten J. N. Wittassek dirigiert wurden. Der Fürst beschäftigte den Klaviervirtuosen Franz Beutel de Lattenberg (1791–1860) als Konzertmeister.
Dessen Sohn August Longin: * 15.3.1797 Prag, † 17.3.1842 Wien. Staatsmann und Mäzen. Trat nach Beendigung seines Jusstudiums in den Staatsdienst ein, arbeitete bis 1832 in leitender Position in Galizien und wurde 1833 als Hofkanzler nach Wien berufen. Seit 1819 auch Majoratsherr der Familie, förderte er großzügig junge Musiktalente. Selbst ein guter Kenner der Musik, besaß A. L. eine gut ausgestattete Adelskapelle und zählt neben M. v. Dietrichstein zu den großen Förderern der Musik in Wien in der Zeit des Biedermeier.
Der Theologe und Musiktheoretiker J. Caramuel y L. stammte mütterlicherseits von der Familie L. ab.
Die umfangreichen Sammlungen der Familie L. (Bibliothek, Musik- und Musikinstrumentensammlung) waren ursprünglich in Schloss Raudnitz untergebracht, wurden während des Zweiten Weltkriegs z. T. der UB Prag (CZ-Pu) zugewiesen und durch die Kommunisten verstaatlicht. 1990 erhielt die Familie große Teile wieder zurück. Das Meiste befindet sich z. Z. im Nationalmuseum in Prag (CZ-Pnm); ein Teil auf Schloss Nelahozeves (CZ-Nlobkowicz); die Roudnic Lobkowicz Stiftung in Prag ist derzeit (2004) mit der Katalogisierung und Neuorganisation beschäftigt. Die L.-Bibliothek enthält neben allgemeinen Werken (über 100.000 Bände, 1.200 Inkunabeln, 600 Handschriften, 500 Karten, 3.000 Stiche) über 5.000 Musikalien (darunter Kanzionalen des 15. und 16. Jh.s, zahlreiche Ausgaben des 18- und 19. Jh.s und wertvolle Lautenhandschriften aus dem 17. Jh.).
Lit: MGG 8 (1960) u. 11 (2004); NGroveD 15 (2001); NDB 14 (1985); ÖBL 5 (1972); Czeike 4 (1995); Wurzbach 15 (1866); P. Nettl in Beiträge zur böhmischen und mährischen Musikgesch. 1927; Kinsky-Halm 1955; R. Mužiková in Miscellanea musicologica 12 (1960); J. Tichota in Miscellanea musicologica 25/26 (1973/74); V. Schwarz in ÖMZ 32/5/6 (1977); V. Schwarz in HaydnJb 10 (1978); B. Plevka in Beethoven-Jb 10 (1978–81), 1983; E. Maier, Die Lautentabulaturhss. der ÖNB (17. und 18. Jh.) 1974; T. Volek/J. Macek in Musical Times 77 (1986); S. Brandenburg/M. Gutiérrez-Denhoff (Hg.), Beethoven und Böhmen 1988; B. Cooper, Das Beethoven-Kompendium 1992; W. Brauneis in ÖMZ 53/12 (1998); St. Kasík et al., Lobkowiczové dějiny a genealogie rodu (Die Gesch. des Hauses L. und eine Genealogie des Geschlechtes) 2002; Wr. Ztg. 20.10.1753; www.angelfire.com (6/2014).


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[ Zuletzt aktualisiert: 2014/09/03 12:35:47 ]

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Quelle: Österreichisches Musiklexikon, IKM, Abt. Musikwissenschaft
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