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Medien
Der Begriff findet vielfältige Verwendung und dementsprechend schillernd ist sein Bedeutungsspektrum. Mit ihm werden „Maschinen“ (Plattenspieler, Fernsehgerät), Codes (das Medium der Sprache, das Tonsystem als Medium) oder Institutionen der Kultur- und Bewusstseinsindustrie (die Rundfunkanstalt, die Presse) ebenso bezeichnet wie einzelne Kunstgattungen (das Medium Musik) oder -genres (das Medium Popmusik), und schließlich werden sogar soziale Phänome wie Geld, Macht, Liebe oder Kunst mit dem M.begriff assoziiert. Weiters finden sich Unterscheidungen nach Speicher- und Übertragungsmedien oder nach M. der Oralität, der Theatralik und der Audiovisualität (audiovisuelle M.). Grundlage dafür ist stets eine Vermittler-Funktion (ein „Mittleres“; lat. medius = Mittler, dazwischenliegend, vermittelnd).

Sinnvoll wäre daher eine Beschränkung des M.begriffs, wobei die Festlegung auf die Kommunikationskanäle, -mittel und -techniken, also auf die materiellen (physikalischen, chemischen) Grundlagen jeder Kommunikation, zunächst unabhängig von den Inhalten dieser Kommunikation, zielführend erscheint. Von hier aus können in weiterer Folge verschiedene M.gattungen (Bücher, Partituren, Schallplatten etc.) und institutionellen Einrichtungen (Verlage, Schallplattenfirmen, Aufnahmestudios etc.) identifiziert werden.

Weiters ist eine sinnvolle Unterscheidung zu treffen zwischen primären, sekundären und tertiären M., wobei primäre M. dann vorliegen, wenn keine „Geräte“ zur Kommunikation nötig sind, d. h. es handelt sich in diesem Falle um sog. Mensch-M. (Stimme, Gestik etc.). Sekundäre M. sind dann solche, die zur Herstellung einer Botschaft benötigt werden, zu deren Rezeption bzw. Dekodierung dann aber keine M. mehr nötig sind (also alle M. zur graphischen Aufzeichnung, aber auch Musikinstrumente) und tertiäre M. liegen dann vor, wenn sowohl zur Kodierung wie zur Dekodierung Apparaturen benötigt werden (im Wesentlichen also alle elektronischen/digitalen M.). Um allerdings Kommunikation real werden zu lassen, müssen M. adäquat genutzt („beschrieben“) werden, und dazu ist die Kenntnis und kompetente Anwendung eines Codes vonnöten. Codes sind also die Regelsysteme, mittels derer Botschaften (Gesten oder Texte) in oder mittels M. eingeschrieben werden, und im Gegensatz zu M. sind sie sinnlich nicht wahrnehmbar. Der wichtigste Code ist wohl der der verbalen Sprache, aber auch das Tonsystem zur Regelung der „musikalischen Sprache“ oder die Regeln der Notation sind hier ebenso zu nennen wie etwa die technischen Codes (physikalischen Regeln), die elektromagnetischen Tonaufzeichnungen zugrunde liegen.

Geht es um M. und Musik, so werden damit oft kaum mehr als das Radio, die Schallplatte und bestenfalls noch der Notendruck assoziiert. Ein Verständnis von M. wie das eben skizzierte macht allerdings klar, dass es sich bei M. um mehr als um diese Phänomene handeln muss. Zuallererst sind der menschliche Körper (insbesondere die Organe zur Lauterzeugung) sowie die den Schall übertragende Luft als M. der Musik zu nennen, weiters sind alle Instrumente, derer sich der Mensch zur Musikproduktion bedient, zu berücksichtigen. Danach – in historischer Abfolge – wären die Notenschrift (eigentlich ein Code) und dann der Notendruck (ein Medium) als Ergebnisse der graphischen Mediamorphose anzuführen. In diesem Zusammenhang ist auch die Herausbildung des Codes der abendländischen Tonsprache und dessen Festschreibung mittels der bis heute (2004) verbindlich gültigen Notation im Laufe des 18. Jh.s sowie durch die Etablierung des Mediums Klavier als Leitinstrument der bürgerlichen Musikkultur des 19. Jh.s zu erwähnen. Mit den Möglichkeiten zur Tonaufzeichnung, zunächst auf mechanischem, später auch auf elektromagnetischem Weg und den Möglichkeiten zur Tonverstärkung und -übertragung (Radio), die sich im Zuge der elektronischen Mediamorphose herausbilden, sind schließlich die charakteristischen Medien des Musiklebens des 20. Jh.s genannt. Mit der seit den 1980er Jahren sich ausbreitenden Digitalisierung gehen einher die optoelektrische Tonaufzeichnung (Compact-Disc), die digitale Datenübertragung von Musik (z. B. in Form von Dateien im Internet), die mikroelektronische Tonaufzeichnung (Sampling) und schließlich die computergenerierte Klangproduktion. Damit ist die aktuellste mediale Entwicklung angesprochen, deren Folgen für das Musikleben aus heutiger Sicht noch gar nicht abzuschätzen sind.

Österreich wird in kulturindustrieller Hinsicht (Musikindustrie) oft und gerne als Kolonie bezeichnet. Dies trifft in Bezug auf die Musik bis zu einem gewissen Grad für den Bereich der elektronischen Medien tatsächlich zu. Der Markt wurde und wird weitgehend von den hier ansässigen Filialen der transnationalen Tonträgerfirmen dominiert, die sich weitgehend darauf beschränken, ihr internationales Repertoire zu vertreiben. Dementsprechend überwiegt in den nationalen Tonträgerverkaufsstatistiken auch das internationale Repertoire, innerhalb Europas gehört Österreich zu den Ländern mit den geringsten Anteilen „heimischen“ Repertoires (ca. 10 %).

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, das vielleicht wichtigste Medium zur Verbreitung von Musik, war (und ist) mit einem Kulturauftrag versehen, der die Förderung heimischer Musik nahe legt, und einige musikalische Entwicklungen (etwa der sog. Austro-Pop) bzw. Traditionen (das „Kunst“- bzw. Musikland Österreich) fanden bzw. finden im öffentlich-rechtlichen Radio tatsächlich bevorzugte Behandlung. Mit der Zulassung privater Radiostationen seit Mitte der 1990er Jahre ist diesbezüglich eine neue Wettbewerbssituation eingetreten, die insgesamt zu einer Zunahme des internationalen Repertoires führte, wobei eine endgültige Marktbereinigung allerdings noch aussteht.

Was präelektronische Medien betrifft, sieht die Situation in Österreich in Bezug auf Eigenständigkeit besser aus. Wien gilt immer noch als Zentrum europäischer Kunstmusik, dementsprechend gut ausgestattet ist es mit Klangkörpern, Aufführungsorten, also mit Örtlichkeiten, an denen „Mensch-M.“ optimal zur Geltung kommen können. Dieser Befund lässt sich durchaus auch auf Gesamtösterreich ausdehnen, bedenkt man die zahlreichen Festspiele (Festivals, Musikfeste) sowie nicht zuletzt die Pflege lokaler Musiktraditionen.

Schließlich sind in Bezug auf die aktuellste M.- und Musikentwicklung, nämlich die neue elektronische Musik, österreichische Aktivitäten von überregionaler Bedeutung zu erwähnen. Einerseits hat sich in den 1990er Jahren eine lebendige und eigenständige „Electronica“-Szene aus dem Popularmusikbereich herausgebildet, die durch kompetente Nutzung avanciertester Kommunikationstechnologien internationale Ausstrahlung und Reputation erlangen konnte. Für den Bereich der „Kunstmusik“ muss die Entwicklung der „Vienna Symphonic Library“ erwähnt werden, bei der es sich um ein Softwarepaket handelt, das aus gesampelten Orchestersounds besteht. Mit diesem digitalen „Instrument“ kann jedwedes Stück, das für traditionelle Klangkörper komponiert ist, in von einer „lebendigen“ Einspielung nicht unterscheidbaren Weise, klanglich realisiert werden.


Literatur
A. Smudits, Mediamorphosen des Kulturschaffens 2003; H. Schanze (Hg.), Hb. der Mediengesch. 2001; A. Gebesmair in Th. Phleps (Hg.), Populäre Musik im kulturwissenschaftlichen Diskurs II, 2001.

Autor(en)
Alfred Smudits
Empfohlene Zitierweise
Alfred Smudits, Art. „Medien‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]