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Minoriten
Als M. Minderbrüder bezeichnet man die Mitglieder des um 1224 durch den hl. Franz von Assisi gestifteten Ordens der Franziskaner (Ordo Fratrum Minorum). Nach der Teilung des Ordens in die drei Zweige (1517 bzw. 1534) wurde der Name im allgemeinen Sprachgebrauch auf die „Konventualen“ oder „schwarzen“ Franziskaner (OFMConv) beschränkt im Unterschied zu den observanten oder „braunen“ Franziskanern (OFM) und den ebenfalls braun, aber mit spitzer Kapuze gekleideten, früher bärtigen Kapuzinern. Die drei Ordenszweige unterschieden sich nicht nur durch die Kleidung, sondern v. a. durch die Lebensform wie auch die spirituelle Ausrichtung, die in der pastoralen, wissenschaftlichen und künstlerischen Tätigkeit zum Ausdruck kam.

In den österreichischen Erbländern entstanden zahlreiche M.klöster, von denen die im 13. Jh. gegründeten Konvente zu Wien (1244) und Graz (um 1230) bis heute (2004) bestehen, während von den übrigen jene in Laa an der Thaya/NÖ (1237) und Enns (1277) bereits in den Wirren der Glaubensspaltung untergingen, die Klöster in Judenburg (1239) und Wiener Neustadt (1240) im 15. bzw. 16. Jh. an die Franziskaner bzw. Kapuziner übergingen. Dem josephinischen Klostersturm fielen die Konvente in Linz (1236), Wels (1280), Stein an der Donau/NÖ (1224), Hainburg (1240), Bruck an der Mur (1290), Wolfsberg (1242), Villach (1246) und Viktorsberg/V (1383) zum Opfer. Zwei im Zuge der kirchlichen Reformbewegung während des 30-jährigen Krieges als Studienhäuser der Wiener Ordenshochschule (1621) gegründeten Konvente, Asparn an der Zaya/NÖ (1624) und Neunkirchen/NÖ (1631), blieben bis in die Gegenwart erhalten. Die Archive, Bibliotheken und Musikalienbestände der vier noch existierenden österereichischen Klöster wurden in den 1970er Jahren im Wiener M.kloster zentralisiert.

Der hl. Franziskus verpflichtete seine Ordensbrüder zum Beten der kanonischen Horen gemäß dem römischen Offizium, wie auch die Franziskaner entscheidend zur Einführung des päpstlichen Missale (Messe) in der ganzen Kirche beigetragen haben. Zu den schöpferischen Beiträgen im Bereich von Liturgie und liturgischer Musik zählen die späten Sequenzen in hymnenförmiger Struktur wie das Stabat Mater und Dies irae. Zu den Verdiensten der Franziskaner zählt auch die Einführung der Quadratnotation (Notation) für den Gesang in den Kloster- und Pfarrkirchen.

Nach der Trennung ging jede der drei franziskanischen Ordensgemeinschaften musikalisch ihre eigenen Wege. Die Kapuziner widmeten sich dem geistlichen Lied, die observanten Franziskaner entwickelten aus der Orgelbegleitung zum gregorianischen Choral einen monodischen Stil, der in Ludovico Viadana seinen ersten bedeutenden Vertreter fand und bis ins 19. Jh. gemäß der franziskanischen Schlichtheit für die Liturgie vorgeschrieben war. Die konventualen M. hingegen wandten sich der mehrstimmigen Musik zu. Im Gefolge der Reformen des Trienter Konzils entfaltete sich in ihren zentralen Klöstern (Assisi/S. Francesco, Padua/S. Antonio, Bologna/S. Francesco, Venedig/S. Maria Gloriosa dei Frari, Milano/S. Francesco) eine Hochblüte polyphoner Kunst, deren Ausstrahlung weite Gebiete Europas erfasste. Die Flexibilität der durch keine „stabilitas loci“ behinderten M. trug wesentlich hierzu bei, andererseits bildeten die genannten Klöster Anziehungspunkte durch bedeutende dort wirkende Komponisten wie Costanzo Porta, Ludovico Balbi, Girolamo Diruta, Giuseppe Paolucci, A. Vallotti und schließlich den berühmten G. B. Martini. Ihr Einfluss spiegelt sich auch im Schaffen der M.komponisten nördlich der Alpen wider.

Nachdem durch die katholische Reformbewegung unter Ferdinand II. die österreichischen Klöster wieder aufblühten, entwickelte sich der Wiener M.konvent zu einem musikalischen Zentrum. Der erste namhafte Komponist, V. Scapitta stammte aus Italien. Zwei in Venedig gedruckte Sammlungen geistlicher Musik entstanden während seiner Innsbrucker Zeit. Möglicherweise ist auch das um 1630 niedergeschriebene umfangreiche Orgelbuch (Ms. 714) aus seinem Nachlass in das Wiener M.kloster gekommen. Ob der dem gleichen Orden angehörende A. Cesti während seiner Tätigkeit als kaiserlicher Vizekapellmeister im Wiener Konvent wohnte, konnte bisher nicht eruiert werden.

Das Nekrologium nennt einen Laienbruder Fr. Wolfgang Schwabpauer (1659–1749) als Organist, Schreiber und Apotheker, der im Türkenjahr nach München übersiedelte und dort – vermutlich als Schüler von J. C. Kerll – eine umfangreiche Sammlung von Orgelstücken sowie eine Generalbasslehre niederschrieb. Abschriften von Kompositionen Girolamo Frescobaldis und J. J. Frobergers sind auch durch P. Vincentius Höggmayr (1684–1740) überliefert. Zwei Manuskripte mit Choralbegleitsätzen zum Offizium von P. Marianus Welscher (* 1677) aus dem Brünner Kloster, der zeitweilig als Organist in Wien tätig war, sind dort erhalten geblieben. Erster namentlich bekannter Regens chori an der M.kirche Zum Hl. Kreuz war der aus Böhmen stammende P. V. Sstanteysky. Sein Nachfolger wurde der aus Schlesien gebürtige P. A. Giessel. Mit dem kaiserlichen Hoforganisten Go. Muffat befreundet, gehörte er wie dieser wahrscheinlich zum Schülerkreis von J. J. Fux. Vier Messen und mehrere kleinere Kirchenkompositionen von Giessel sind im Autograph erhalten, darüber hinaus ein umfangreicher Nachlass mit Drucken und Abschriften von musiktheoretischen Werken und Kompositionen für Tasteninstrumente des 16.–18. Jh.s, ein Gegenstück zur Sammlung des Padre Martini in Bologna.

Auch der Grazer Konvent, wo 1742 der berühmte Prager P. B. Czernohorsky auf der Durchreise verstarb, hatte zu jener Zeit einen bedeutenden Musiker in P. Ä. Schenk, von dem ein umfangreiches Œuvre überliefert ist.

Die josephinischen Gesetze brachten eine tiefe Zäsur im Wirken der Wiener M. 1784 wurde der Konvent in die Alservorstadt in das aufgehobene Trinitarierkloster transferiert, um dort die Seelsorge am Allgemeinen Krankenhaus zu übernehmen. 1806 vertraute man ihnen zugleich die Pfarre mit der zugehörigen Dreifaltigkeitskirche an. Glücklicherweise hatten die Patres die gesamte Einrichtung von Kirche und Kloster mitnehmen dürfen, dazu auch Archiv, Bibliothek und Musikalien. Bald blühte die Kirchenmusik wieder auf, nunmehr getragen von dem in der Alservorstadt ansässigen Bildungsbürgertum, das 1828 einen Kirchenmusikverein gründete, der bis ins 20. Jh. existierte. Fr. Schubert hatte im gleichen Jahr kurz vor seinem Tod für die Glockenweihe der Kirche seinen Gesang „Glaube, Liebe und Hoffnung“ komponiert, wahrscheinlich auf Veranlassung des Chorregenten M. Leitermayer, seinem einstigen Mitschüler bei Karl Holzer. Auch Schuberts späte Messen wurden hier uraufgeführt. Das kirchenmusikalische Repertoire der Alserkirche konnte sich während des 19. Jh.s durchaus mit dem der kaiserlichen Hofkapelle messen.


Literatur
Lex. für Theologie und Kirche 7 (1998); MGG 3 (1995); G.-E. Friess, Gesch. der österr. M.provinz 1882; F. W. Riedel in Im Dienst der Gemeinde. 750 Jahre Franziskaner-M. in Würzburg 1221–1971, 1972; F. W. Riedel in [Kat.] 800 Jahre Franz von Assisi 1982; F. W. Riedel, Das Musikarchiv im M.konvent zu Wien. Katalog des älteren Bestandes vor 1784, 1963; F. W. Riedel in SK 16 (1969).

Autor(en)
Friedrich W. Riedel
Empfohlene Zitierweise
Friedrich W. Riedel, Art. „Minoriten‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]