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Moritat
Ableitung umstritten: von „Mordtat“, von lat. „mores“ (in Hinblick auf Bedeutung „Sittenlied“) oder auf dem Weg über Rotwelsch von hebräisch „more“ (Furcht, Schrecken).

I. Ursprünglich Bestandteil der Liedvorträge der ambulanten Bänkelsänger (Bänkelsang) über Schreckensereignisse oder auch rührselige Themen zur Belehrung, Information oder Unterhaltung des Publikums. Die M. erklang auf Jahrmärkten, Kirtagen und ähnlichen Veranstaltungen zur Unterhaltung der anwesenden Personen, aber auch, um dem Vortragenden eine bescheidene Einkunft zu ermöglichen. M.en sind in Form von Schauerballaden gestaltet, geprägt durch drastische Ausdrucksweise, moralischen Anspruch, klischeehafte Schwarz-Weiß-Malerei, trivialen Realismus. Der Täter wurde oft in plumpen und überaus detailnahen Versen als Träger allen Übels hervorgehoben, damit der Sieg der weltlichen und überirdischen Gerechtigkeit um so strahlender in den Vordergrund treten konnte. Die Sensationslust der Zuhörer sollte, gepaart mit tugendorientierter Belehrung, in strophenreichem Maß gestillt werden. Die Vortragenden der Gesänge standen meist auf einem hölzernen Bänkel (daher auch die Bezeichnung Bänkelsänger) und wiesen mit der Hand oder einem Stock auf eine hinter ihnen angebrachte Bildtafel, die in anschaulicher Weise die im Lied besungenen Geschehnisse darstellte. Begleitet wurden sie dabei von DrehleiernDreihleiern, Leierkästen oder ähnlichen Instrumenten.

Die Naivität der Sprache wird ab Ende des 18. Jh.s durch Kunstdichtung zum Stilmittel erhoben, M.en werden zur Parodie auf den Bänkelsängerstil, richten sich an ein Publikum, das sich an Wort- und Reimspielereien und an schauerlichen Übertreibungen delektiert. Themen sind: öffentliche Hinrichtungen, Kriminalfälle (insbesondere Morde), sentimentale Mörderschicksale, Räuberromantik, Unglücks- und Todesfälle, tragische Elementarereignisse (Hochwasser, Brände). In gedruckter Form wurden M.en als Flugblätter ambulant durch die Sänger oder Liederweiber, die diese direkt beim Drucker bestellten, oder direkt durch Druckereien und spezielle Verlage in den größeren Städten vertrieben, v. a. in Wien im 19. Jh. durch die Verlage Franz Barth, Carl Barth, Mathias Mossbeck, Anton Leitner, Carl Fritz u. a.

II. Auf Hinrichtungslieder, die neben dem Tathergang mitunter auch Auszüge aus Verhör und Geständnis des Mörders enthielten, spezialisierten sich besonders die Verleger in jenen Städten, in denen die Prozesse stattfanden. In Oberösterreich waren es z. B. in erster Linie Linz, Steyr, Wels und R. i. I., die als Druckorte für die Verbreitung solcher Lieder sorgten. Hier können derzeit (2012) folgende Beispiele nachgewiesen werden:

1) „Ein Jahr geht nach dem andern“. Beschreibung eines am 4.1.1886 in Wels verübten Mordes. Der Name des Täters bleibt ungenannt.

2) „Ein traurig Schicksal ist geschehen“. Beschreibung des am 4.6.1863 in Sigharting durch Franz Traxinger verübten Mordes.

3) „Es war auf einer Alpe“. Undatierte Beschreibung eines Mordes auf einer Alm bei Kleinreifling.

4) „Folgt mir liebe Schwestern, Brüder“. Beschreibung eines am 20.11.1859 durch Sebastian Ahamer in Vorchdorf verübten Mordes.

5) „Höret ihr die Sterbeglocke hallen“. Beschreibung eines am 23.8.1814 in Eberschwang durch Anna Dopf verübten Mordes.

6) „Ihr Freunde seid ein wenig still“. Beschreibung eines im Jahre 1857 in Au bei Wels von Johann Sch. verübten Mordes.

7) „Kaum zur Freude aufgeblühet“. Beschreibung eines im Dezember 1856 in Radt bei Pettenbach durch einen gewissen O. verübten Mordes.

8) „Liebe Leute, lasst mich singen“. Beschreibung eines am 1.3.1855 durch Johann Aschböck in Hochholz verübten Mordes.

9) „Lieber Mann, ich will dich bitten“. Beschreibung eines um 1811 in Hagenau verübten Mordes. Der Name des Täters bleibt ungenannt.

10) „Mit welch einem Bösewichte“. Beschreibung eines 1826 in der Nähe von Mauerkirchen durch Matthias Z. verübten Mordes.

11) „Merket auf mir in der Still“. Beschreibung eines um 1846 in Baum bei Seewalchen durch Johann Ebelsberger verübten Mordes.

12) „Mörgts a wenig af, ja meinö liam Kamarad’n“. Nicht näher bestimmbare Beschreibung eines 1863 in Schildorn verübten Mordes.

13) „Niemand ist, der es kann wissen“. Beschreibung eines am 14.9.1817 in Aigen bei Wels verübten Mordes. Der Täter bleibt ungenannt.

14) „Schauerlich ertönt die Kunde“. Beschreibung eines am 21.3.1868 in Braunau durch Josef Knapp verübten Mordes.

15) „Was in Steinbach sich begeben“. Beschreibung eines durch Vitus D. in Steinbach a. d. Steyr vermutlich 1857 verübten Mordes.

16) „Wer in seinen jungen Jahren“. Alternative Beschreibung des im Jahre 1857 in Au bei Wels von Johann Sch. verübten Mordes (Vgl. Nr. 6).

17) „Wie verblend’t lebt man auf Erden“. Alternative Beschreibung des um 1846 in Baum bei Seewalchen durch Johann Ebelsberger verübten Mordes (Vgl. Nr. 11).

18) „Zu Steinbach im friedlichen Orte“. Beschreibung eines am 3.3.1819 in Steinbach a. d. Steyr durch einem gewissen Ribeth verübten Mordes.

Die Verfasser der Texte blieben durchwegs unbekannt. Für Oberösterreich ist lediglich ein Autor mit Bestimmtheit nachzuweisen: Josef Wirringer oder Wieringer, „Hausbesitzer“ in St. Martin im Innkreis. Er lässt sich zwei Mal als Dichter von M.n verifizieren (Nr. 6 und 14). Über seine Biographie ist nichts bekannt. Auch bei der sogenannten „Grilleneder-M.“ (Nr. 2) können nur Vermutungen über den Autor angestellt werden. In Frage kommen ein nicht näher bekannter „blinder Bua“, der noch um 1900 in der Region als Bänkelsänger unterwegs war, oder auch der sogenannte „Bernrader“, welcher im Innviertel als wandernder Maler von Haus zu Haus zog.


Literatur
R. W. Brednich in JbÖVw 21 (1972); G. Gugitz, Lieder der Straße 1954; E. Janda/F. Nötzoldt, Die M. vom Bänkelsang oder Das Lied der Straße 1959; S. Kovacs, Der historische Bänkelsang in Wien, Diss. Wien 1987; Th. F. Meysels (Hg.), Schauderhafte M.en 1962; K. Petermayr, „Schauerlich ertönt die Kunde ...“ M.en aus Oberösterr. Quellen 2002; L. Petzoldt, Bänkellieder und M.en aus drei Jh.en 1982; L. Petzoldt, Bänkelsang 1974; L. Petzoldt (Hg.), Die freudlose Muse. Texte, Lieder und Bilder zum historischen Bänkelsang 1978; L. Petzoldt in G. Haid et al. (Hg.), Volksmusik – Wandel und Deutung 2000; F. Rebiczek, Der Wr. Volks- und Bänkelgesang in den Jahren von 1800–1848 [o. J.], 46ff; W. Bortenschlager in Adalbert-Stifter-Institut. Vierteljahresschrift 28 (1979); F. Holzinger in Beiträge zur Heimatkunde des Bezirkes Schärding 3 (1912); R. Ruttmann in Die Heimat. Heimatkundliche Beilage der Rieder Volkszeitung 256 (1981); A. Salzmann in Jb. des Welser Musealvereines 9 (1962/63); L. Schmidt in Jb. für Volksliedforschung 9 (1964); eigene Recherchen.

Autor(en)
Ernst Weber
Klaus Petermayr
Empfohlene Zitierweise
Ernst Weber/Klaus Petermayr, Art. „Moritat‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 14/01/2013]