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Multikulturalität
Aus dem Lateinischen: Wirksamkeit mehrer Kulturen nebeneinander. Das nicht selten pejorativ benutzte Wort „Multikulti“, das sich in den vergangenen Jahrzehnten eingebürgert hat, kommt von M. oder Mulitkulturalismus. Es geht also jedenfalls um „viele Kulturen“. Das wäre an sich noch relativ wertfrei, denn dass auf der Welt viele Kulturen existieren, wird wohl niemand leugnen. V. a. geht es aber um die vielen Kulturen im eigenen Land und in diesem Zusammenhang wird das Wort nicht mehr wertfrei gebraucht. Es wird für politische Zwecke instrumentalisiert und zwar von allen Seiten unterschiedlich. Auch im wissenschaftlichen Diskurs finden wir sehr unterschiedliche Konnotationen, Interpretationen und Bewertungen.

Rudolf Burger (1996) bringt das Problem auf den Punkt: „Als hermeneutisches und pädagogisches Unternehmen zum besseren kognitiven Verständnis und zur wechselseitigen praktischen Anerkennung der sich nach welchen Kriterien auch immer definierenden kulturellen (ethnischen oder religiösen) Gemeinschaften ist Multikulturalismus in höchstem Maße notwendig und wünschenswert; ein solches Programm entpathetisiert die kulturellen Identitäten und lässt sie tendenziell aufgehen in einer gemeinsamen zivilisatorischen Basis. Multikulturalismus als Politik der Differenz jedoch, welche die Unterschiede begrüßt, forciert und festschreibt, ist in ebenso hohem Maße bedenklich und gefährlich, insbesondere dann, wenn es sich um Differenzen innerhalb einer staatlich verfaßten Gesellschaftsform handelt; eine solche Politik unterminiert mit der zivilisatorischen Basis die Voraussetzung des gesellschaftlichen Zusammenlebens selber, die in der Aufrechterhaltung von Mindeststandards der Homogenität von ‚Weltbildern‘ liegt“ (Burger 1996, zit. nach 1999, 40).

Auch der Politikwissenschaftler Oberndörfer sieht das ähnlich: „Multikulturalismus ist im internationalen Sprachgebrauch eine Doktrin kultureller Gleichheit und des Schutzes kultureller Kollektive vor Vermischung“ (Oberndöfer 1998, 8). Das bedingt eine gegenseitige Abschottung. Problematisch ist v. a., wer die „Kollektive“ inhaltlich definiert, und ob sie als solche geschützt werden sollen. In wissenschaftlichen Debatten hört man oft den Vorwurf, Minderheiten würden von der Mehrheit „kulturalisiert“, als eine neue Form der Diskrimierung.

Diesem Ansatz stehen Thesen gegenüberstellen, die primär auf der Realität einer heterogenen Gesellschaft (kulturell und sozial) aufbauen, wie sie sich z. B. bei Leggewie (1993) und Schöning-Kalender (1993) finden. Für den Politikwissenschaftler Klaus Leggewie ist M. einfach ein Faktum, auf Deutschland bezogen, mit dem er die Realität einer Einwanderungsgesellschaft benennt: „Mulitkulturalismus ist nichts, woran man glauben könnte oder gar müsste, auch nichts, was man zum Verschwinden bringt, indem man die Augen verschließt. Die multikulturelle Gesellschaft ist einfach da. Nun kommt es darauf an, wie wir sie haben wollen: als Schlachtfeld oder als halbwegs erträgliche Lebensform“ (Leggewie 1993, I). Er versteht M. als eine Form, miteinander umgehen zu müssen und teilt dabei nicht das Unbehagen mit der kulturellen Differenz, das in der obigen Argumentationslinie angeklungen ist.

Die empirische Kulturwissenschaftlerin (Soziologin) Claudia Schöning-Kalender (1993) versucht, der Realität der multikulturellen Gesellschaft mit anderen Strategien und Erklärungsmustern beizukommen. Sie unterscheidet verschiedene Ebenen in der Wahrnehmung von M. Da wäre zunächst der „Konsum-Multikulturalismus“. „Oft genug wird in politischen Reden auf die Bereicherung unserer Alltagskultur durch griechische Kneipen, türkische Döner und italienische Pizza hingewiesen: kulinarische Vielfalt, sei es auf den Märkten oder in der Auswahl an Spezialitätenrestaurants, Vielfalt in der Freizeitkultur, Ethnolook, Ethnopop und Ethnotanz“ (Schöning-Kalender 1993, 58f). Dies ist nach Schöning-Kalender weniger eine M., die an die tatsächliche Einwanderungsrealität geknüpft ist, sondern viel stärker an die Internationalisierung des Warenverkehrs.

Dieser „kulinarischen M.“ stellt sie auf einer zweiten Ebene das „Postulat der M. als einer notwendigen Folge von Einwanderung“ gegenüber, was einen anderen, nicht nur „kulinarischen“ Umgang mit Differenzen erfordert. Disee Wahrnehmung der heutigen österreichischen Gesellschaft als einer multikulturellen hat sich noch nicht durchgesetzt, z. T. besteht eine erzwungene Absonderung, Ghettoisierung durch die gesetzliche und wirtschaftliche Ebene. Andererseits schaffen sich Migrantengemeinschaften selbst segregierte „sozial relevante Räume“. Dieses Konzept des sozial relevanten Raumes stammt von Friedrich Heckmann (1981), korrespondiert mit der „Territorialität des Menschen“ von Ina Maria Greverus (1972) und es ist vielfach empirisch belegbar.

Musikalisch gesehen ist aufgrund letzterer Definition in Österreich sowohl die Musik des sozial relevanten Raumes als auch die des Konsummultikulturalismus festzustellen (Migrantenmusik, Kroaten, burgenländische, Juden/jüdische Musik/jüdischer Gesang, Roma, Tschechen und Slowaken).


Literatur
S. Breuss et al., Inszenierungen. Stichwörter zu Österreich 1995; R. Burger in W. Müller-Funk (Hg.), Neue Heimaten – neue Fremden 1992; I.-M. Greverus, Der territoriale Mensch. Ein literatur-anthropologischer Versuch zum Heimatphänomen 1972; K. Leggewie, Multi kulti. Spielregeln für die Vielvölkerrepublik 31993; D. Oberndöfer in Stimme von und für Minderheiten 29/4 (1998); C. Schöning-Kalender in Nahe Fremde – fremde Nähe. Frauen forschen zu Ethnos, Kultur, Geschlecht, hg. v. WIDEE (Wissenschafterinnen in der Europäischen Ethnologie) 1993.

Autor(en)
Ursula Hemetek
Empfohlene Zitierweise
Ursula Hemetek, Art. „Multikulturalität‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]