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Museum
Ort „musischer“ Beschäftigung (von lat. musa, eine von neun griech. Göttinnen der Künste; deshalb eig. Musaeum); in jüngerer Zeit zunehmend Ort der Lesbarkeit und Präsentation, schließlich von Popularisierung musischer Künste (= Fertigkeiten). Ursprünglich hatte die humanistische Wortschöpfung M. einen Ort gelehrter Beschäftigung, also auch Studierstube und Schule enthalten. Neuerdings kann das Substantiv, mehr noch das Adjektiv museal auch kritisch (Ort der „bloßen“ Sammlung) und sogar abwertend (Ort der Verdrängung; allenfalls mit dem stillschweigenden Zusatz: „wie früher“) gemeint sein. Da sowohl in kirchlichen als auch städtischen Schulen seit dem Mittelalter ein besonderer Schwerpunkt auf der Gesangsausbildung für den Kirchengesang (Musikausbildung) lag, wurde gelegentlich auch ein speziell musikalischer Zusammenhang hergestellt (z. B. M. als Bezeichnung für ein Sängerknabeninstitut in Lambach ab 1509, in Kremsmünster seit 1644, in Göttweig seit Anfang des 19. Jh.s belegt). Dabei mag auch der Anklang an das Wort musica sowie das Verständnis von Musik als spezielle „Musenkunst“ eine Rolle gespielt haben.

Abgeleitet von der Bedeutung „Sammlung“, konnte das Wort M. fallweise auch in der Bezeichnung bürgerlicher Vereinigungen (wie z. B. eines 1811 in Salzburg gegründeten Lese- und Geselligkeitsvereins) oder im Titel von Publikationsorganen aufscheinen (allerdings deutlich seltener als das analoge Wort „Archiv“; z. B. Deutsches Museum, Wien 1812/13). Da Sammlungen immer auch Orte ihres Studiums waren, ja v. a. in Hinblick darauf angelegt wurden, d. h. nicht nur als Bedeutungsverengung des Wortes M., ist einerseits verständlich, dass sich im 17. Jh. eine Inhaltsverschiebung auf die zuletzt ausschließlich geläufige als „Kunstsammlung“ durchsetzte und diese Bedeutung im Zuge der Modernisierung im 19. Jh. zu „öffentliche Sammlung“ verbreitert wurde. Andererseits liegt nahe, dass mit der Verschiebung von der Tätigkeit des Sammelns und Studierens zur bloßen Präsentation der Gegenstände (im Falle von Musik notgedrungen nur der für diese vorauszusetzenden physischen, z. B. in Ausstellungen) und/oder bestenfalls die der Untersuchungsergebnisse in allen heute (2004) verfügbaren Publikationsformen der Medien zunehmend Momente der Kommerzialisierung und des Marketing verknüpft sind (Musikkonsum, Musikindustrie). Wichtigste Voraussetzung für diese Entwicklungen war zweifellos die Historisierung auch der Musik (Musikgeschichte, Historismus).

Einen Ort der Aufbewahrung kann man in gewisser Weise bereits in der Notierung sehen (Notation, zumal wenn sie erst nachträglich und nicht als Vorlage hergestellt wurde), v. a. in besonders dafür eigens geschaffenen Publikationen (z. B. Denkmäler der Tonkunst, Gesamtausgaben). Solche weisen (mit dem Alter der betreffenden Musik zunehmend) meist nicht mehr die Originalgestalt auf, sondern sind von einer (oft erst mühsam oder überhaupt nur teilweise zu entziffernden) älteren in die heutige Notenschrift übertragen (transkribiert, übersetzt) und/oder erst in Partituranordnung (für die einzelnen Stimmen) gebracht, d. h. allein dadurch einigermaßen verändert. Letzteres auszugleichen, ist eine wichtige Aufgabe der musikalischen Interpretation. Obwohl die Gefahr gegeben ist, dass solche Notierungen zu bloßen Denkmalen und Orten des Gedächtnisses verkommen, sollte man jedoch nicht alle musikalischen Editionen (insbesondere Neuausgaben) einfach als Formen der Musealisierung oder Mumifizierung verunglimpfen, sondern durchaus positiv verstehen: als sichere Aufbewahrungsstätten, in denen die Inhalte für alle, die Noten lesen können, verfügbar gehalten werden. Im übrigen ist auch die Beschäftigung mit ihnen nicht nur in verschiedener Weise, sondern auch zu verschiedenen Zwecken möglich; v. a. ist die wissenschaftlich-theoretische (die v. a. in einem Lesen besteht) und die aufführungspraktische (die vom Lesen zum aktiven Musizieren führt) zu unterscheiden. Für den letztgenannten, zunehmend auf ein bloß hörendes Publikum gerichteten Zusammenhang sind seit dem 19. Jh. sogar spezielle Formen von Konzerten (z. B. historische, Gesprächs- und schließlich auch M.s-Konzerte) entwickelt worden.

Ein erheblicher Teil der österreichischen Bundes-Museen geht auf 1918 von der Republik übernommene kaiserliche Sammlungen (sog. Kunst- u. Wunderkammern; z. B. Ambras, Salzburger Bischofshof) zurück. Neuere Bemühungen der sog. „öffentlichen Hand“ (= Kommunen: Bund, Länder, Gemeinden) sowie privater Vereine, Museen und Sammlungen aufzubauen und zu erhalten, nicht zuletzt aber die Bemühungen um eine spezielle M.s-Pädagogik seit dem ausgehenden 20. Jh., haben zu einer starken Ausweitung der in ihnen aufbewahrten und einer interessierten Öffentlichkeit vorgestellten Bereiche und Objekte (von Heimat- bis zu durchaus kuriosen Spezial-Museen) geführt. Diese Bewegung ist zwar fallweise auch der Musik zugute gekommen (Musik- [Archive und Bibliotheken] und Instrumentensammlungen, Ausstellungen; Musikhandschriften [besonders Autographe] als attraktive Sammel- und Spekulationsobjekte u. ä.), doch genießen – in einem gewissen Widerspruch zum Klischee „Musikland Österreich“ – ihre Material-Grundlagen weder denselben juridischen Denkmalschutz noch vergleichbares Publikumsinteresse wie andere Kunstdenkmäler (Bauten, Anlagen, Gemälde etc.). Als ein Versuch eines „interaktiven“, d. h. jüngsten Trends gehorchenden M.s ist das „Haus der Musik“ in Wien konzipiert.


Tondokumente
TD: Klangführer durch die Slg. alter Musikinstrumente; Musikinstrumente des Ferdinandeums Innsbruck; Veröff. der Österr. Phonothek.
Literatur
F. Kluge/E. Seebold, Etymologisches Wörterbuch der dt. Sprache 231999; H. P. Jeudy, Die Welt als M. 1987; G. Fliedl (Hg.), M. als soziales Gedächtnis? Kritische Beiträge zu M.swissenschaft und M.spädagogik 1988; E. Sturm, Konservierte Welt. M. und Musealisierung 1991.

Autor(en)
Rudolf Flotzinger
Empfohlene Zitierweise
Rudolf Flotzinger, Art. „Museum‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]